Jeder Flut folgt Ebbe.
Voller Sehnsucht stehe ich am Ufer und warte.
Wie lange noch?
So kurz scheint jede Zeit der Flut,
so lang die Zeit der Ebbe.
Kein Steg reicht dann bis an das Wasser heran.
Mir ist, als würde ich vertrocknen
ohne den Geliebten.
Ich weiß, er ist nicht fort,
nur unerreichbar,
in dieser Zeit,
die nichts verändern kann.

Jeder Ebbe folgt Flut.
Auf dem Steg gehe ich dem Ozean entgegen.
Wenn das Wasser hoch genug ist,
springe ich hinein,
lasse mich von den Wellen tragen,
tauche ein.

Aus diesem Ozean entstamme ich.
Immer wird es mich zu ihm hinziehen.
Eines Tages werde ich Ufer und Steg verlassen,
auf trocknendem Boden dem ziehenden Wasser folgen,
und in seiner Rückkehr
mich ihm noch ein letztes Mal überlassen,
ganz
mich lassen.

Vor einiger Zeit, während eines Spaziergangs mit meinem Hund, ging vor mir ein Mann her. Auf der Rückseite seiner Jacke befand sich ein nicht gerade kleines Emblem des Satanismus. „Sieh an“, dachte ich, „da bekennt sich jemand öffentlich zu seiner Religion.“
.

Die Überschrift dieses Artikels ist übrigens der Titel eines Gospels von Rev. Timothy Wright. Bei Interesse nachzuhören auch bei YouTube hier.

Die Erfahrung Gottes
kann ein grausames Messer sein,
das dir die Augen der Seele aufschneidet,
auf dass sie sehend werde.

In der Schau des EINEN
liegt die Schau aller Trennung.

Diesen Schmerz
wirst du vielleicht nie wieder los.

“Nur Ruhe will ich …”, seufzt Kundry im ersten Akt des “Parsifal” von Richard Wagner. Das darin erkennbare Sehnen nach Erlösung ist das zentrale Motiv dieses Musikdramas, und es wird im Geschehen wie in den Charakteren immer wieder mit dem Guten verknüpft. Mitleid ist dabei der Weg zur Erkenntnis (“Durch Mitleid wissend, der reine Tor”). Auch in Kundrys Sehnsucht wird die Erlösung, der innere Friede, mit dem Guten (als das nach außen Wirkende) verbunden:

“Nie tu’ ich gutes; nur Ruhe will ich,
nur Ruhe, ach! Der Müden.”

Gutes – Güte. Das neulich hier zitierte Metta-Sutta spiegelt eine Entsprechung: Frieden des Geistes durch (unbegrenzte) Güte. Es wäre ein Missverständnis, diese vorrangige Streben nach dem Frieden des Geistes als einen Egoismus zu betrachten. Nein, das Sutra von der liebenden Güte ist Ausdruck der Einsicht, dass der eigene Friede, das eigene Glück abhängt vom Frieden und vom Glück aller, und gleichzeitig unverzichtbare Grundlage ist für den Frieden und das Glück aller;
Ausdruck des Erkennens, dass Wir und Ich eine Einheit bilden. Weder die alleinige Bezogenheit auf sich selbst, noch eine ausschließliche Aufopferung seiner selbst, noch nur das Wechselspiel von “mal ich, mal ihr” schafft Frieden und Glück über einige kurze Momente Einzelner hinaus. Eigentlich ist es dann ganz einfach, und Mahatma Gandhi drückte das in dem bekannten Zitat so aus:

„Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“

Es kann keinen Frieden in der Welt geben, wenn er nicht im Einzelnen liegt. Es gibt kein Glück der Gemeinschaft, wenn nicht die Einzelnen glücklich sind. Es beginnt keine Veränderung der Gesellschaften, Strukturen und Systeme, wenn sie nicht in dir und mir beginnt.

Doch die Umsetzung ist dann nicht mehr ganz so einfach. Sie muss mit der menschlichen Schwäche, mit der eigenen Schwäche rechnen. Das hat auch der Verfasser des Metta-Sutta erkannt: Er spricht nicht von Verwirklichung, sondern von Bemühung und Gesinnung.

Dass ich mit dem Metta-Sutta in eine Blogpause ging, war kein Zufall. Es war für mich der Einstieg in Alltagsexerzitien. Die Exerzitien unterbrach ich aus verschiedenen Gründen (denn es ist besser, sie zu unterbrechen, als nur halbherzig mit ihnen fortzufahren). Nun werde ich sie wieder aufnehmen und damit erneut in eine kleine Blogpause eintreten.

Es mag vielleicht eine recht eigenwillige Sichtweise sein, wenn ich in der Bergpredigt des Jesus Christus eine Parallele zum Sutra von der liebenden Güte erblicke. Ich möchte hier die Bergpredigt für die nächste Zeit hinterlassen, in Auszügen der m.E. gut gelungenen Fassung der Basisbibel, welche die Seligpreisungen zu Glückseligpreisungen macht.

Die Bergpredigt

Als Jesus die Volksmenge sah, stieg er auf den Berg. Er setzte sich
und seine Jünger kamen zu ihm.

Jesus begann zu reden und lehrte sie:

Die Bergpredigt: Wer glückselig ist (Die Seligpreisungen)

“Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind. Denn ihnen gehört das Himmelreich.

Glückselig sind die, die an der Not der Welt leiden. Denn sie werden getröstet werden.

Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind. Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.

Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Denn sie werden satt werden.

Glückselig sind die, die barmherzig sind. Denn sie werden barmherzig behandelt werden.

Glückselig sind die, die ein reines Herz haben. Denn sie werden Gott sehen.

Glückselig sind die, die Frieden stiften. Denn sie werden Kinder Gottes heißen.

Glückselig sind die, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will. Denn ihnen gehört das Himmelreich.

Glückselig seid ihr, wenn sie euch beschimpfen, verfolgen und verleumden – weil ihr zu mir gehört.

Freut euch und jubelt! Denn euer Lohn im Himmel ist groß! Genauso wie euch haben sie früher die Propheten verfolgt.”

Die Bergpredigt: Den Willen Gottes im Gesetz ganz ernst nehmen

“Denkt ja nicht, ich bin gekommen, um die geltenden Lebensregeln außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, um sie außer Kraft zu setzen, sondern sie zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Solange Himmel und Erde bestehen, wird im Gesetz kein einziger Buchstabe und kein Satzzeichen gestrichen werden – das ganze Gesetz muss erfüllt werden. Keines dieser Gesetze wird außer Kraft gesetzt – selbst wenn es das Unwichtigste ist. Wer das tut und es anderen Menschen so lehrt, der wird der Unwichtigste im Himmelreich sein. Wer sie aber befolgt und das anderen so lehrt, der wird der Wichtigste im Himmelreich sein.

Denn ich sage euch:

Wenn ihr den Willen Gottes nicht besser erfüllt als die Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr niemals in das Himmelreich kommen.”

Die Bergpredigt: Das Gebot, nur maßvoll zu vergelten

“Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ‘Auge um Auge und Zahn um Zahn!’

Ich sage euch aber:

Wehrt euch nicht gegen Menschen, die euch etwas Böses antun!

Sondern:

Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch deine andere Backe hin!

Und wenn dich jemand verklagen will, um deine Kleider als Pfand zu bekommen, dann gib ihm auch noch den Mantel dazu!

Und wenn dich jemand dazu zwingt, seine Sachen eine Meile zu tragen, dann geh zwei Meilen mit ihm!

Wenn dich jemand um etwas bittet, dann gib es ihm! Und wenn jemand etwas von dir leihen will, sag nicht ‘Nein’.”

Die Bergpredigt: Das Gebot, den Mitmenschen zu lieben

“Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ‘Liebe deinen Nächsten und hasse deinen Feind!’

Ich sage euch aber:

Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! So werdet ihr zu Kindern eures Vaters im Himmel!

Denn er lässt seine Sonne aufgehen über bösen und über guten Menschen. Und er lässt es regnen auf gerechte und auf ungerechte Menschen.

Denn wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen Lohn erwartet ihr da von Gott? Verhalten sich die Zolleinnehmer nicht genauso?

Und wenn ihr nur eure Geschwister grüßt: Was tut ihr da Besonderes? Verhalten sich die Heiden nicht genauso?

Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!”

***

Mögen alle Wesen glücklich sein und Frieden finden.

***

 

Ganz überraschend hatte der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume mich um ein Web-Interview für seinen Wissenschaftsblog Natur des Glaubens  angefragt.

Die gestrige Veröffentlichung des Interviews möchte ich zum Anlass nehmen, meinerseits meinen Leserinnen und Lesern auch eine Beschäftigung mit der Naturgeschichte des Glaubens und andere wissenschaftliche Beschäftigung um Religion und Spiritualität ans Herz zu legen. Wir sind Teil der Natur und ihrer Geschichte. Ein wenig um sie zu wissen lohnt sich!

Auch von dieser Stelle nochmals meinen Dank an Michael Blume.

Sie sprechen hundert Worte über die Stille, schreiben tausend Sätze über das Geschwätz der Gedanken. Sie erkennen hundertfach, dass es nichts zu erkennen gibt, und diskutieren tausendfach, dass es nichts zu diskutieren gibt. Sie sind erleuchtet über den Unsinn der Erleuchtung, und werten das Werten ab. Sie suchen Zuhörer und Leser, um ihnen die Suche auszutreiben.

Wir sind Menschen. Wir alle.

.
Auch der Autor dieser Notiz, welcher sich damit nicht erheben will, weil er sich hiermit überheben würde. Er mag übrigens Zen. Und auch das Sprechen darüber. Das ist ja selbst im Zen ein Trum.

 

Das Sutta von der liebenden Güte

 

 Wem klar geworden, dass der Frieden des Geistes

das Ziel seines Lebens ist,

der bemühe sich um folgende Gesinnung:

Er sei stark 

aufrecht und gewissenhaft

 freundlich 

sanft und ohne Stolz.

Genügsam sei er

leicht befriedigt

nicht viel geschäftig und bedürfnislos.

Die Sinne still

klar der Verstand

nicht dreist

nicht gierig sei sein Verhalten.

Auch nicht im Kleinsten soll er sich vergehen

wofür ihn Verständige tadeln könnten.

Mögen alle Wesen glücklich sein und Frieden finden.

Was es auch an lebenden Wesen gibt:

ob stark oder schwach

ob groß oder klein

ob sichtbar oder unsichtbar

fern oder nah

ob geboren oder einer Geburt zustrebend -

mögen sie alle glücklich sein.

Niemand betrüge oder verachte einen anderen.

Aus Ärger oder Übelwollen wünsche man keinem

irgendwelches Unglück.

Wie eine Mutter mit ihrem Leben

ihr einzig Kind beschützt und behütet

so möge man für alle Wesen und die ganze Welt

ein unbegrenzt gütiges Gemüt erwecken:

ohne Hass

ohne Feindschaft

ohne Beschränkung

nach oben

nach unten und nach allen Seiten.

Im Gehen oder Stehen

im Sitzen oder Liegen

entfalte man eifrig diese Gesinnung:

Dies nennt man Weilen im Heiligen.

Wer sich nicht an Ansichten verliert

Tugend und Einsicht gewinnt

dem Sinnengenuss nicht verhaftet ist –

für den gibt es keine Geburt mehr.

 

Übers. von Vimalo

Quelle: Buddhistische Gesellschaft Berlin e.V.

.
Damit begebe ich mich nun in eine Blog-Pause. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine friedvolle Zeit.


.
.
.
Gott

spricht durch dein Herz.

Du bist ein Prophet.

Den Blog “Seelengrund” gibt es nun schon eine Weile, doch bislang wurde hier noch nicht meine eigene Geschichte erzählt. Das sei nun mit diesem Post nachgeholt…

Vorweg

Noch immer empfinden es wohl viele Leute als eine Anmaßung, wenn jemand, der nicht bekannt und berühmt ist wie Meister Eckhart oder Rumi, Willigis Jäger oder Ken Wilber, von sich behauptet, er sei ein Mystiker. Der Nimbus des Geheimnisvollen drängt offenbar dazu, die Mystik als etwas einem kleinen, exklusiven Zirkel Vorbehaltenem anzusehen. Vielleicht kommt auch dazu, dass die mystische Erfahrung gedanklich oftmals mit einer großen Gnade Gottes verbunden wird, einer Art “Auserwähltsein” von Gott; und wer muss nicht als anmaßend, womöglich arrogant gelten, sich selbst als von Gott auserwählt zu bezeichnen?

Mein klares

Nein!

zu solchen Sichtweisen war hier bereits mehrfach Thema. Es gibt Mystiker wie es Shiiten und Katholiken, Sunniten und Protestanten, Buddhisten, Esoteriker und Fußballspieler gibt. Dass ich dies so sehe, hängt mit meiner eigenen Geschichte zusammen.

 Meine Geschichte

Mein Name ist Stefan, ich bin 46 Jahre alt, und ich bin Mystiker. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Und davon handelt die folgende Geschichte der vergangenen 27 Jahre meines Lebens.

Es war im Jahr 1985, als ich fast schon in der Nacht zu meinem Vater ging, und ihm von einer seltsamen Erfahrung an diesem Abend erzählte. Mein Vater hatte damals neben seinem eigentlichen Beruf katholische Theologie studiert und stand kurz vor seiner Weihe zum Diakon. Natürlich meinte ich es nicht wortwörtlich, als ich zu ihm sagte: “Ich habe Gott gesehen.” Obwohl er vom Geist des zweiten Vatikanischen Konzils geprägt war, fiel seine Reaktion so heftig ablehnend aus, und offenbar war zudem meine eigene katholische Prägung so tief, dass ich dieses Erlebnis in Folge dieser Nacht vollständig verdrängte [1]. Niemand konnte Gott “sehen”. Das konnte nicht sein, und das durfte nicht sein [2].

Meinem Vater verdenke ich das nicht. Von “Mystik” hatte ich damals nicht die geringste Ahnung, und so konnte ich weder diese seltsame Erfahrung einordnen, noch das Gespräch mit meinem Vater zumindest auf den Weg einer gewissen Einordnung lenken, was ihm selbst vermutlich viel zu weit weg schien, um es von sich aus zu versuchen. Erst zwei Jahrzehnte später, als ich das Verhältnis zu meinem 1986 viel zu früh verstorbenen Vater, der seine Diakon-Weihe nicht mehr erleben durfte, aufarbeitete, kam diese Erinnerung an diese Nacht und an die seltsame Erfahrung zurück.

Also praktizierte ich weiter meinen “konventionellen” religiösen Glauben an einen Gott “da oben” über den Menschen “hier unten”.

Dennoch geschah im Sommer 1987 wiederum etwas Seltsames. Während einer Bergtour in den Alpen kam ich auf einem engen Steig um einen Felsvorprung herum und war schlagartig eins mit der Landschaft, mit allem, was ich sah. Es war kein Sich-Eins-Fühlen mit der Landschaft, sondern ich war (!) die Landschaft [3]. Diese Erfahrung des Eins-Seins war eine andere als die “Gottes-Erfahrung” zwei Jahre zuvor, und ich brachte sie nicht in Verbindung mit Religion oder Spiritualität, von der ich genauso wenig Ahnung hatte wie – noch immer – von der Mystik. Auch wenn ich niemandem davon erzählte (wie hätte das auch jemand verstehen können?), und es selbst in keiner Weise einordnen konnte, so vergaß ich das Erlebnis nicht mehr.

Einschub

Auch das fand sich bereits einige Male in diesem Blog: Mystische Erfahrungen können Menschen ungefragt “überfallen”. Erinnert sei hier zum Beispiel an die Geschichte des Freundes von Phil Bosmans. Vielleicht hatte bei meiner Bergtour das stundenlange gleichmäßige Steigen und Atmen – ohne dass ich das wusste oder beabsichtigte: quasi meditativ – unterstützend gewirkt und die Erfahrung schließlich ausgelöst. Aber nochmals sei angemerkt, dass ich das nicht anstrebte, damals nicht wusste, was Mystik überhaupt ist; und von “Eins-Seins-Erfahrungen” hatte ich noch nie etwas gehört.

Es war etwa dieser Zeitpunkt, als sich – ohne dass es mir bewusst war – mein Leben zu verändern begann, mein Umweltbewusstsein und meine Sensibilität für Tiere immer mehr zunahm. Das kann natürlich auch Zufall sein. Vielleicht aber war es auch der Impuls dieser Erfahrung, wie  ebenfalls in Seelengrund schon einmal thematisiert wurde, der (unbewusst) zu wirken begann.

Und weiter in meiner Geschichte…

In den dann folgenden Jahren hatte ich keine seltsamen Erfahrungen mehr. Jedenfalls erinnere ich mich an keine.

Um die Jahrtausendwende brach etwas in mein Leben ein, was, ja, erst mein bisheriges Leben und schließlich mich selbst zerbrach. Während mein religiöser Glaube zuvor zwar etwas ganz wichtiges in meinem Leben war, so wurde er nun zentral. Doch es waren einige Jahre, in denen ich “am Boden kroch”…

In dieser Phase, es war am 16. April 2003 etwa 18 Uhr 30, geschah etwas, was ich später lange Zeit meinen “mystischen Bigbang” und meinen “eigentlichen Geburtstag” nannte. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was das war. Ich weiß aber noch, wie ich bis spät in die Nacht feierte, sang und tanzte. Und es war klar, dass ich mit Gott tanzte [4].

In der folgenden Zeit war ich über Monate wie aufgerissen und übermäßig voll von Empathie und Liebe. Es gab keine Filter und keine Schutzschilde mehr. Es war mir nicht einmal mehr möglich, im Fernsehen die Nachrichten anzusehen. Jede Kleinigkeit von irgendwelchem Leid zerriss mich zutiefst, ich brach in Tränen aus und musste fortlaufen. All diese Schmerzen der Menschen und Tiere waren meine Schmerzen. Trotz meiner ausgeprägten Spinnenphobie streichelte ich einer großen Spinne zärtlich über den Rücken… (was die Spinne nicht so klasse fand). Und all mein Besitz wurde mir zuwider, ich wollte ihn loswerden. Doch damals war ich noch verheiratet, und meine Frau verstand das ohnehin alles nicht…

Nicht lange Zeit nach dem “Bigbang” stieß ich in einer Buchhandlung zufällig auf das Buch “Eros, Kósmos, Logos” von Ken Wilber, und nahm es mit. Zum ersten Mal erfuhr ich nun etwas über Mystik, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen…

So begann meine bewusste Beschäftigung mit der Mystik, die nicht ich mir ausgesucht hatte, sondern die sozusagen mich vor sich her und in sich hineien geschubst hatte. Ich las weitere Bücher, begann mit Kontemplation und Meditation. Es dauerte nicht lange, und ich hatte weitere Erfahrungen des Eins-Seins. Allerdings fast nie in der Meditation, sondern unerwartet während irgendwelcher Tätigkeiten oder Spaziergänge. Mit der Meditation experimentierte ich: Sitzmeditationen, dynamische Meditationen, Gehmeditationen (als Hundebesitzer davon wohl am meisten). Und es stellten sich weitere, andere, manchmal überwältigende mystische Erfahrungen ein (wie z.B. eine innerliche “Lichtüberflutung”, oder dem einstündigen (!) Zuschauen offenen Auges der “Ewigkeit”, der absoluten Zeitlosigkeit, wie “in ihr” die Zeit wie eine bloße Erscheinung ablief). Aber das sind wohl eher Spielereien. Ich habe den ganz starken Verdacht, dass es wesentlich die Eins-Seins-Erfahrungen sind, die nach und nach das Bewusstsein verändern, bis in die Bereiche des Alltags, so dass ich schließlich von der “Kleinen Mystik” sprach, keine Mücke mehr erschlagen konnte und Veganer wurde usw. (wobei, dass sei erneut betont, ich kein sonderlich guter Mensch bin; es gibt lediglich andere Wahrnehmungen von Verbundenheit, die manches zerstörerische Handeln einfach schwer machen). Doch das nur am Rande…

Die Beschäftigung mit der Mystik wurde rasch zerstörerisch. Die Erfahrungen, die ich machte, ordneten sich durch die verstandesmäßigen Informationen, die ich mir zu diesem Thema zugänglich machte, schnell in einen gewissen Kontext ein. Mein katholischer Glaube war, so wie ich ihn kannte, für mich unhaltbar geworden. Schließlich trat ich (zwei Jahre später, wenn ich mich recht erinnere) aus der Kirche aus. Austausch fand ich mangels Möglichkeiten vor Ort in Internet-Foren, wo sich Menschen trafen, die selbst mystische Erfahrungen gemacht hatten oder sich mit Spiritualität beschäftigten. Längst hatte ich damit begonnen, nicht nur meinen bisherigen Glauben, sondern schließlich auch die Kontexte mystischer Erfahrungen vollständig zu dekonstruieren. Nicht nur im Austausch mit anderen Menschen zur Mystik wurde immer deutlicher, dass eben auch die Kontexte und Deutungen der Mystik Formen des Glaubens sind (was auch immer wieder Thema dieses Blogs war), aber ohne ein “nur” davor.

So setzte sich die Entwicklung, mein Weg der Mystik, fort, und er wird vermutlich nie enden. Ich vertrete heute so einiges, was “eingefleischte” Mystik-Fans und -Kenner wohl nicht teilen, als ketzerisch oder Unfug beurteilen (wie eben die Mystik als Glaubensform, oder die “Kleine Mystik”). Mag sein, dass sie Recht haben. Das aber habe ich gelernt: Dass Mystik immer auch ein Stück weit Revolution bedeutet, und dass der Mystiker seiner eigenen Entwicklung unbedingt vertrauen sollte (solange sie nicht zum Schaden gereicht, und offen bleibt für sich ergebende Richtungsänderungen). Auch hier halte ich das “Leer-Werden” für notwendig, um (unerwartet) das zu erhalten, was hineinpasst, statt nur das Nachzubeten, was in Andere, “Anerkannte” hineinpasste. Dass es selben Urgrunds ist, darauf vertraue ich ohnehin.

Später wurde ich ein drittes Mal zerbrochen [5]. Spiritualität schützt davor nicht. Aber ich denke, dass ich ohne sie nicht überlebt hätte. Spiritualität flickt dich wieder zusammen. Und vielleicht hilft diese Ermunterung ja mal irgendjemandem: Wenn du deine, wirklich deine “Religion” gefunden hast [6], dann halte daran fest.

Zum Schluss

Zum Schluss möchte ich noch etwas erzählen, was höchst peinlich ist. Damals, nach dem “Bigbang”, wollte ich eine metareligiöse Gemeinschaft gründen, und ich schrieb sogar ein Buch [7]. Ich wusste nun, dass Gott kein konfessionelles Eigentum ist, hatte etwas erlebt, was die religiösen Trennungen der Menschen übersteigt – das war natürlich etwas ganz Neues auf der Welt -, und ich fühlte mich berufen. Dass es solche Gemeinschaften längst gab, und unzählige ähnlich berufene Apfelsinenkistenprediger in irgendwelchen Parks und Straßen der Welt derlei in die Menge rufen, wusste ich ja damals nicht. Ich hatte keine Ahnung… Zum Glück konnte ich bald erkennen, dass das eben keine außergewöhnliche Berufung war, was keine Enttäuschung brachte, sondern eine große Freude. Damit schließe ich den Kreis zum Anfang dieses Artikels, denn das ist eine der Grundaussagen dieses Textes (und auch dieses Blogs):

Das “Geschenk” der Mystik an einen Menschen ist kein Auserwähltsein von Gott vor eine Menge Anderer, sondern ein biologischer Zufall. Ja, das mag überspitzt sein. Ich bin kein Neurowissenschaftler, aber ich vermute (wie manche Neurowissenschaftler), dass die Befähigung zur Mystik im Gehirn grundlegend vorhanden ist. Nur so ist es für mich plausibel, dass einige Menschen von der Mystik ungefragt “überfallen” werden, andere sich die Mystik (z.B. durch Kontemplation oder Meditation) “erarbeiten” können. Vielleicht legt ein Meditierender durch lange Übung dieses “Strickmuster” im Gehirn frei, oder erstellt es erst (auch das wäre ja eine Befähigung), und bei einem anderen ist es “von Natur aus” bereits offenliegend oder fertig vorhanden. So wie alle Menschen von Natur aus Läufer sind, manche aber für einen Marathon lange trainieren müssen, anderen das “in den Schoß fällt”, und wieder andere lieber ihr Leben auf dem Sofa und im Auto verbringen, also gar nicht laufen wollen, wenn es nicht unbedingt sein muss.

Meine Tante, die noch die Bombennächte im Krieg und die große Flucht erlebt hat, sagte mir einmal, dass sie keine mystische Erfahrung machen möchte, wegen des “Kontrollverlustes”. Ja, Mystik muss nicht etwas für jedermann sein. Wer aber von ihr “überfallen” wird, oder sie bewusst aufsucht, der sollte sich nicht von den zugegebenermaßen wundervollen und faszinierenden Worten eines Meister Eckhart oder Rumi darüber hinwegtäuschen lassen, dass sie jedem offensteht. Rumi war halt ein großer Liebender und ein großer Poet, und Eckhart war ein großer und verständiger Denker. Es kann nicht jeder ein großer Poet oder Denker sein oder werden. Aber Mystik ist nicht exklusiv, sie ist auch ohne Gedichte und ohne große Gedanken eine Wahrheit des Inneren, potentiell eines jeden Inneren, die von jedem gefunden, bewahrt und gelebt werden kann. Es geht dabei nicht um die ultimative Erkenntnis, sondern um dich, und damit um Alle und Alles.

Und in diesem Sinne kann ich mit dem Begriff der Gnade etwas anfangen: Es ist die Gnade, dass so etwas überhaupt möglich ist, ein Geschenk, das dauerhaft Freude bereitet, das trägt, immer wieder heilt, und die Geschöpfe mit der Schöpfung, Leben mit Leben verbindet.

Gott bevorzugt nicht einige Wenige. So ist er halt.

Ich bin Mystiker. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Aber nun bleibe ich dabei. Das macht mich nicht automatisch zu einem guten Menschen, und nicht zu einem weisen Menschen. Ich bin nur ein kleines, dummes Menschlein, das manchmal von Gott gekitzelt wird.

Ich habe diesen Text in einem Rutsch herunter geschrieben, und werde ihn nicht mehr edititeren. Es ist so ein Post, bei dem ich mich sehr unwohl fühle, und es ist vielleicht ein Fehler, jetzt den Button “Publizieren” anzuklicken. Aber ich tue es.

[1] Im Laufe meines Lebens habe ich noch einige Male erleben müssen, wie effektiv die Psyche über lange Zeit etwas vor dem Bewusstsein verstecken kann, was in höchstem Maße verstörend wirkt, wenn es dann doch bemerkt wird. Wir sind in der Tat weniger Herr in unserem eigenen Hause, als wir meinen.

[2] Vielleicht, liebe Giannina – falls du das hier liest -, kommt daher mein Problem mit (und meine eher ablehnende Haltung gegenüber) der “Gottesfurcht”. Möglicherweise neue Leser hier können im Artikel Buddhas Zahnweh mehr dazu erfahren.

[3] Etwa so, wie auch Jill Bolte Taylor ihr Erleben schildert. Jemand, der solche Erfahrungen nicht selbst kennt, wird sich dieses Erleben unmöglich vorstellen können.

[4] Heute vermute ich, dass es das sein könnte, was die Derwische das “Schauen der Schönheit Gottes” nennen.

[5] Über das erste Mal berichte ich in dieser Geschichte nicht.

[6] Was auch durchaus innerhalb vorhandener Religionen möglich sein kann.

[7] In meiner Verblendung konnte ich mich nicht entblöden, es verschiedenen Verlagen anzubieten. Dennoch fand es ein Verlag gut. Zu meinem Glück passte es nicht in das Verlagsprogramm und blieb daher unveröffentlicht.

 .
 .

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

 .
Aus dem Gedicht “Welkes Blatt”
von Hermann Hesse

Archiv

Bitte Email-Adresse eingeben, um dem Blog zu folgen

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.