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„Warum rede ich überhaupt noch mit euch?
Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten.“

Joh 8,25-26

Jesus von Nazareth konnte ganz schön genervt sein, ruppig, manchmal arrogant, jähzornig und einmal sogar gewalttätig (Tempelreinigung). So manche Bibelstelle lässt sich dazu ausmachen. Wie lässt sich das mit seiner Lehre von Liebe, Friedfertigkeit, Güte und Barmherzigkeit vereinbaren? In der Bergpredigt lehrt er, dass Verfehlungen nicht erst in den Taten liegen, sondern bereits mit Gedanken und Worten beginnen. Warum scheint er sich zumindest gelegentlich nicht selbst daran zu halten?

Was würde eine einfache Antwort bedeuten?

Ich erhielt den Hinweis, dass gelegentlich anderenortes kritische Kommentare zu religiösen/spirituellen Themen unter dem Namen Stefan Kraus gepostet werden.

Wenn Zweifel bestehen, ob Kommentare von mir sind (und nicht von der anderen Person gleichen Namens), kann man mich über das Kontaktformular im Impressum kontaktieren. Einige Leser/innen haben auch meine private E-Mail-Adresse und können mir selbstverständlich direkt schreiben.

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Foto: Stefan Kraus 2013

The eternal source of love
Was implanted
In every part of existence
The desire for another

Though night and day
Outwardly appears enemies
Yet both serve one purpose
Each seeking the other

Yusuf Islam – Whispers From A Spiritual Garden

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„Der Mensch lebt die Transzendenz in der Immanenz,
das Essentielle im Phänomenalen.“
[1]

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In diesem Blog gibt es eine Kategorie, welche mit „Das apersonale DU“ überschrieben ist. Diese drei Worte bilden eine scheinbar in sich widersprüchliche Aussage, an welcher ich, bei allem Verständnis für die gelegentlich mir gegenüber geäußerte Kritik daran, stets festhielt und noch immer festhalte.

In einem ersten diese Kategorie berührenden Artikel schrieb ich vor drei Jahren:
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„Dem so (…) Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem. Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem “unpersönlichen Absoluten” auch dem persönlichen (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.“

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Nun las ich in einem Buch des Benediktinerpaters und Zen-Meisters Willigis Jäger etwas dazu, was auf seine Art eine analoge Aussage beschreibt:
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„Wenn die Erfahrung [der Mystik des Eins-Seins mit Gott, Anm. d. Verf.] ins Tagesbewusstsein tritt, wird Gott „Gegenüber“. Gott als Person, Dreifaltigkeit sind theologische Ausdeutungen des Nachher, genauso auch die Formen der Verehrung. Das Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch entfaltet sich. Es wird zu Klage und Freude, Trauer und Zuversicht, Liebe und Hingabe, weil wir Menschen sind. Und weil der Mensch mit Verstand, Gefühl, Körper und Sinnen begabt ist und dichten und komponieren kann, wird dieses Zwiegespräch zu Lied und Gedicht, wird zu Zeremonie und Liturgie. Und findet man sich dazu mit anderen zusammen, wird aus all dem Gemeinde und Tempel. Auch „Kirche“ versteht sich ja viel mehr als „Zeichen“ auf etwas hin, als sie hier und jetzt sichtbar machen kann. All das ist Konsequenz aus der Einheitserfahrung mit Gott. Es darf sich davon nicht entfernen. Es soll vielmehr die Einheit verkünden und in Symbol und Zeichen darstellen. Wo das nicht mehr geschieht, wo Form und Ritus zur Magie werden, wird Religion zum Hindernis. Auch christliche Mystik kennt selbstverständlich das Göttliche als Gegenüber und zeigt daher immer auch theistische Züge. Wer sich verneigt, eine Kerze anzündet und Weihrauch ansteckt, auch wenn er es nur als Ausdruck des Göttlichen in sich selbst tut, verkündet die Einheit in der Doppelseitigkeit seiner menschlichen Existenz.

[…]

Der Mensch kann in Bezug auf das Göttliche zwei Wahrnehmungsweisen haben, wenn ihm nur klar ist, dass sich dies aus seiner Geschöpflichkeit ergibt, dass diese zwei Wahrnehmungsweisen in Wirklichkeit eins sind und in der Mystik auch als eins erfahren werden.“ [2]

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[1] und [2]: Willigis Jäger, Kontemplation, Gott begegnen – heute, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001, S. 94 f.

Vielleicht erreiche ich Gott nie wirklich, und Gott nie wirklich mich , weil ich nicht bereit bin, mir einzugestehen, dass alle meine Motive, in denen ich Gottes Wirken zu vernehmen meine, meine Motive Gutes zu tun, meine Motive zu beten, meine Motive zu meditieren, meine Motive zu vezeihen, meine Motive zu lieben, ja, dass alle meine heiligen Motive nichts als eine einzige große Lüge sind. Vielleicht muss ich erst erkennen, dass der wahre Antrieb hinter meinen Motiven eben nicht mit meinen Motiven übereinstimmt. Vielleicht muss ich erst zutiefst erschrecken, daran scheitern, ja regelrecht zerbrechen an dem Anblick des von meinen Motiven entkleideten, nackten Antriebes, der letztlich nur ich selbst bin, mein Lebens- und Überlebenswille, und der mir selbst und meinem Dasein zumindest einen kleinen Rest an Wert beimessen und um jeden Preis erhalten will, der aber doch kein Wert ist, sondern nur ein Bild eines Wertes, geformt in den Augen anderer und so meiner selbst. Vielleicht muss ich diesen letzten „Wert“, den ich mir selbst beimessen zu dürfen glaubte, fallen lassen, bis ich wirklich am tiefsten Grunde meiner Seele erschütternd arm bin, arm vor Gott, und arm an Gott, Gott verlassend und gottverlassen.

Vielleicht muss ich erst einmal fallen, diesmal ohne Netz, und bodenlos, damit Gott, so er will, mich auffangen und halten kann.

Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter meinem Dach. Kein „aber“. Tu, was du willst.

O großer Geist,
dessen Stimme ich in den Winden vernehme
und dessen Atem der ganzen Welt Leben spendet,
höre mich.

Ich trete vor dich hin als eines Deiner vielen Kinder.
Ich bin klein und schwach.
Ich bedarf Deiner Kraft und Weisheit.

Lass mich in Schönheit wandeln
und lass meine Augen immer den roten und purpurnen Sonnenuntergang schauen.
Lass meine Hände die Dinge verehren,
die Du gemacht hast,
und meine Ohren Deine Stimme hören.

Schenke mir Weisheit,
damit ich die Dinge, die Du mein Volk gelehrt hast,
und die Lehre, die Du in jedem Blatt und jedem Felsen verborgen hast,
erkennen möge.

Nicht um meinen Brüdern überlegen zu sein, suche ich Kraft,
sondern um meinen größten Feind bekämpfen zu können – mich selbst.

Mache mich immer bereit,
mit reinen Händen und geradem Blick zu Dir zu kommen,
damit mein Geist,
wenn dereinst mein Leben verblasst wie die untergehende Sonne,
ohne Scham zu Dir kommen möge.


Anrufung der Sioux-Indianer


aus: Die schönsten Gebete der Welt, Hrsg. Christoph Einiger und Charles Waldemar, Cormoran, München 1996, S. 157

„Spiritualität bedeutet nicht einfach nur Toleranz; sie bedeutet nicht einmal Akzeptanz. Spiritualität ist das Gefühl universellen Verbundenseins oder Einsseins. In unserem spirituellen Leben sehen wir das Göttliche nicht nur im Gewand unseres eigenen Gottes, sondern auch in der Gestalt des Gottes aller anderen. Unser spirituelles Leben errichtet die solide Grundlage der Einheit in der Vielfalt. Spiritualität bedeutet nicht bloß, dem Gottesglauben anderer gegenüber aufgeschlossen zu sein; sie bedeutet die vorbehaltlose Anerkennung des Glaubens anderer Menschen und dessen Annahme als unser Eigen.“

Sri Chinmoy

Quelle


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Gott

spricht durch dein Herz.

Du bist ein Prophet.

Engel (bzw. engelsähnliche Wesen) kommen in vielen Kulturen und Religionen der ganzen Welt vor, und erfreuen sich seit einiger Zeit – insbesondere in Deutschland – einer Art Renaissance. An vielen Autorückspiegeln hängen kleine Schutzengelchen, und das  „Channeling“ erfreut sich großer Beliebtheit.

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen und Arten, an Engel zu glauben. Für die einen sind es verstorbene Angehörige, die sie begleiten und beschützen, für die anderen sind es Zwischenwesen, usw.

Dabei ergeben sich manche Sonderbarkeiten, wie das „Mathematische Paradoxon“: Einer Umfrage zufolge glaubt in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung an Schutzengel, aber nur etwa ein Drittel, dass es Engel überhaupt gibt (Gehirn & Geist, 4/2005); oder wie das „Evolutionsbiologische Problem“ (siehe hier).

Eine mich besonders ansprechende Weise an Engel zu glauben, ist für mich die der Poesie, und die der Tiefenpsychologie, wie sie z.B. bei Drewermann zu finden ist:

„Einzig im Raum einer solchen „sakramentalen“ Weltsicht vermag ein Vertrauen zu wachsen, in dem ein Engel uns erscheinen kann. Die Frage ist ja nicht, „woher“ der Engel Gabriel literaturhistorisch zur Jungfrau Maria kam, die Frage ist, wie überhaupt ein Engel Worte zu uns sagen kann, die auf den Feldern unseres Lebens Wunder wachsen lassen. Alles, was der Seele eines Menschen Flügel verleiht, alles, was ihn durchströmt mit dem Licht des Himmels, schafft eine Sphäre, in der Engel zu uns reden. Doch eben diese Welt im Innenraum der Seele ist es, von der die Mythen wesentlich sprechen, und man versteht, daß wir so lange nicht an derartige Chiffren glauben können, als uns der Mythos noch als etwas „Heidnisches“, (in Christus womöglich) „Überwundenes“ zu gelten hat. In Wahrheit ist die Erscheinung des Engels eine Möglichkeit, die in jedem Menschen liegt, und stets sind es solche Phasen des Lebens in der Stille von „Nazareth“, sind es die Zeiten, in denen wir uns selber nicht mehr entlaufen und vermeiden können, da der Engel Gottes uns gesandt wird.
Gleichwohl zählt eine solche Erfahrung inmitten der Stille zu den aufwühlendsten Erlebnissen, deren wir fähig sind. In der berühmten ersten Duineser Elegie sagt Rainer Maria Rilke wohl sehr richtig von dem „Schönen“, es sei „nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“ In der Tat ergeht es uns so gerade angesichts der Schönheit unseres „Engels“. Tiefenpsychologisch wird man in der Vision des Engelsbildes gewiß ein Abbild unseres eigenen Wesens erblicken dürfen, eine Verkörperung der Gestalt, in der wir selber uns begegnen auf dem Wege der Reifung und Vollendung, und immer wird der erste Anblick dessen, wozu wir eigentlich berufen sind, wie etwas Vernichtendes in die Dämmerung unseres Lebens treten; denn selten wagen wir, an die Größe und Würde unseres eigentlichen Seins wirklich zu glauben, und es trifft uns stets wie etwas Unfaßliches, wie etwas alle Fassung Sprengendes, wenn der Schleier vor unseren Augen zerreißt und wir in unendlichem Abstand und zugleich in unausweichlicher Nähe zu uns selbst dem Urbild unserer eigentlichen Berufung gegenübertreten. Stets wird das Wort eines „Engels“ daher lauten müssen wie bei der Anrede in Nazareth: „Fürchte Dich nicht, Miriam“ (Lk 2, 30).“

Eugen Drewermann: Dein Name ist wie der Geschmack des Lebens, Herder Spektrum, Freiburg 1986/1992, S. 48f.

Mehr als drei Jahrzehnte dauerte es, bis 1953 die Besteigung des höchsten Berges der Erde, des Mount Everest, durch Tenzing Norgay und Edmund Hillary gelang. In den folgenden zehn Jahren gelang es weiteren 13 Personen, den Gipfel zu erreichen. In weiteren zehn Jahren waren es 23 Bergsteiger, den dann folgenden zehn Jahren 120, und in den nächsten zehn Jahren 456 [1]. Dieser zahlenmäßige Anstieg pro Zeitraum setzte sich fort. Schließlich erfolgte ein Drittel (!) aller erfolgreichen Besteigungen innerhalb von nur drei Jahren! [2]

Gleichzeitig wurden die „Leistungen“ an diesem Berg immer erstaunlicher, ja verrückter (die erste Besteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff, die erste Überschreitung, die erste Speedbegehung, der erste Hattrick, die erste Ski-Abfahrt, usw.).

Natürlich spielen bei diesem Phänomen verbesserte Ausrüstung, verbesserte Ausbildung usw. eine Rolle. Aber den gleichsam exponentiellen Anstieg der Personenzahl, die eine solche Leistung erreichen und manchmal übersteigen, können diese Faktoren allein nicht erklären.

Ein solches Phänomen begegnet uns nicht nur in der Bergsteigerei, sondern in vielen Bereichen. Die einst unerreichte Virtuosität eines Paganini ist bereits für viele Violinstudenten heute Standard, und wird von nicht wenigen Geigern längst übertroffen. Der (nach der Legende) tödlich verlaufene Marathonlauf ist heute Hobby ungezählter Freizeitjogger – gar nicht zu reden von den Läufern, die mittlerweile Distanzen im vierstelligen km-Bereich zurücklegen.

Als Siddhartha Gautama vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden die Erleuchtung fand, war er vielleicht der erste [3]. Für mich besteht kein Zweifel daran, dass damit eine ähnliche quasi-exponentiell verlaufende Entwicklung einsetzte wie bei der Besteigung des Mount Everest. Immer mehr Menschen gelang und gelingt es, in immer kürzeren Zeitabschnitten „Erleuchtung“ [4] zu erlangen [5].

Doch dieser Gedanke behagt vielen Menschen nicht. Es gehört zur menschlichen Psychologie, unumschränkt vorbildtaugliche Personen hoch zu stilisieren, sie auf Sockel zu stellen, welche die Vorbildlichkeit noch erhöhen, gleichzeitig aber auch für uns unerreichbar zu machen. Denn jedes eigene „Versagen“, jedes eigene Unvermögen erscheint dann weniger bedeutend. Wir fühlen uns mit unseren Schwächen oder (Noch-)Nicht-Fähigkeiten einfach weniger unwohl, wenn wir sagen können: „Ja der, der war ja auch der Buddha!“ oder „Ja der, der war ja auch Gottes Sohn!“ oder „Ja die, die war ja auch eine Heilige!“. Das kratzt weniger an unserem Selbstwertgefühl, ohne dabei unser Vorbild zu verraten.

Hinzu kommt das seltsame Phänomen, bei fehlenden konkreten Primärquellen (wie z.B. Schriften unmittelbar aus der Feder solcher Personen) mit zunehmender zeitlicher Distanz riesige Gedankengebäude, Lehren und Theologien um diese Menschen zu errichten. Die Uneinheitlichkeit dieser Gebäude ist da wenig störend, wenn man nur genügend Ähnlichkeiten zwischen ihnen findet. Man sehe sich nur einmal um in den Lehren, Theologien und Konfessionen des Christentums und Buddhismus. (Für den Misstrauenshinweis des Siddhartha und die religiöse Rebellion des Nazareners ist da übrigens nicht mehr viel Platz.)

Und noch etwas kommt dazu: Menschen folgen Lehren nicht, weil sie sie für sich betrachtet als richtig ansehen. Es ist immer notwendig, dass der Verfasser dieser Lehren kompromisslos auch selbst danach gelebt hat. Eine Lehre kann noch so überzeugend sein – sie überzeugt dennoch niemanden, wenn der Lehrende sich selbst nicht danach richtet (was bei rein rationaler Betrachtung doch eigentlich etwas seltsam anmutet, oder?). Das trägt natürlich dazu bei, dass man Biografien möglicherweise auch mal ein klein wenig ergänzt oder anpasst (von „Fälschung“ sollte man dabei allerdings nicht sprechen).

Aus Menschen macht man Sagengestalten, übermenschliche Wesen, die man dennoch für real existent erklärt. Ob Siddhartha Gautama oder Jesus von Nazareth [6]: Ihnen wollen wir unbedingt folgen, und sind nur wenig enttäuscht, wenn uns das nicht gelingt. Weil uns das nicht gelingen kann. Dafür haben wir zuvor gesorgt.

Nun, um das Ganze nicht zu lang werden zu lassen: Ja, ich glaube daran, dass Jesus Gottes Sohn war. Aber das kannst Du auch sein! Ja, ich zweifle nicht, dass Siddhartha Gautama erleuchtet wurde. Aber das kannst Du auch sein! Für mich besteht kein Zweifel, dass Jesus nicht nur einmal der Kragen platzte [7]. Und seine Todesängste am Ölberg sind sogar in den Evangelien überliefert. Das ist die gleiche Wut, das ist die gleiche Todesangst, wie andere Menschen sie haben, wie auch Du sie kennst. Nur dass niemand um deine Wut und um deine Todesangst komplizierte Theologien strickt. Und Buddha wird seine nächtlichen Zahnschmerzen genauso verflucht haben wie Du.

Befreien wir den Menschen Jesus doch von dem Mythos vollkommener Fehlerlosigkeit und hochtouriger Liebe rund um die Uhr. Befreien wird doch den Menschen Siddhartha von dem Mythos vollkommener Gelassenheit und unaufhörlicher Dopaminausschüttung. Begreifen wir doch endlich, dass Christus zwar von Jesus ausging, Buddha von Siddharta, aber der lebendige Christus nicht von der Identität mit dem historischen Jesus abhängt, und nicht der Buddha vom historischen Siddhartha.

Mir ist klar, dass das ein gefährliches Terrain ist. Und ich möchte betonen, dass ich hier nicht einer Wischiwaschi-Mentalität das Wort rede. Christus ist kompromisslos, und Buddha ist es auch. Aber: Du hast Christus nicht erst in dir verwirklicht, wenn du vollkommen fehlerlos und unablässig emotional liebend bist. Vergiss es. Das wird nie etwas. Du hast die Buddhaschaft nicht erst erreicht, wenn du nachts nicht mehr von deinen Zahnschmerzen aufwachst, weil dein Geist sich so unendlich weit über die Leidensfähigkeit deines Körper erhoben hat. Der lebendige Christus, der Buddha – das ist etwas anderes. Jedenfalls befreien sie dich nicht vom Mensch-Sein. Und das war bei Jesus und Siddartha auch nicht anders.

Die Erleuchtung ist kein göttliches Geschenk. Und die Gotteskindschaft ist kein geschichtlich einmaliger Zeugungsakt. Das sind im Menschen verankerte Eigenschaften. Eigenschaften, die aktiviert werden können.

„Es gibt Gehirnbereiche, die mystische Erfahrungen beinhalten oder zumindest aktivieren, und das belegt, dass – kurzgefasst: Der areligiöse Mensch irrt immer, wenn er glaubt, Religion sei eine Frage des Glaubens, sondern: Jeder Mensch hat diese mystischen Erfahrungsmöglichkeiten in sich, und wer sie leugnet und glaubt, es gäbe überhaupt nichts oder Religion sei sinnlos, der ignoriert einen wesentlichen Teil seiner Anlagen.“

Michael Schröter-Kunhardt, Neurologe

Die Befreiung von den vielen riesigen theoretischen Gebäuden in den Religionen, um den Kern lebendig(er) werden zu lassen, gilt nicht nur für die Religionen, sondern auch für die Mystik. Der notwendige Prozess um die Entmystifizierung der Mystik hat in einigen Bereichen bereits begonnen [8].

Wir dürfen uns zutrauen, Christus in uns leben zu lassen. Wir dürfen uns zutrauen, erleuchtet zu werden. Dazu bräuchten wir nur aufzuhören, das, was wir anstreben, in konstanter Distanz vor uns hochzuhalten. So kann es uns ja nicht näher kommen. Lassen wir doch einfach mal das viele distanzgebende Brimborium weg, und das Wesentliche in uns hinein. Auch, wenn das anstrengend sein kann.

Wir können es schaffen, den spirituellen Mount Everest zu besteigen. Das sind nicht nur zwei, denen das vor langer Zeit mal gelang. Es werden immer mehr seit dem.

Doch niemand kommt auf diesen Berg, wenn er immer nur ehrfürchtig vor ihm kniet. Das war gut, und hatte seine Zeit. Aber nun gilt es, sich auf den Weg zu machen, die Distanz zu verringern, bis auf Null.

Wer dort oben für immer bleibt, ist tot. Aber immer mehr schaffen es, dorthin und lebendig wieder zurück zu gelangen. Auch Mount-Evererst-Besteiger stolpern später mal über eine Bordsteinkante. Na und? Das ist Leben. Sie waren oben, und tragen den Gipfel immer noch bei sich. In sich.

Warum solltest nicht auch Du ein Punkt auf dieser Kurve sein, die eine Exponentialfunktion der Bewusstseinsentwicklung beschreibt?

[1] Entnommen der Auflistung der Everest-Besteigungen im Buch „Everest“, Hrsg. Peter Gillman, Bruckmann Verlag 1998.
[2] www.8000ers.com
[3] Die seinerzeit bereits lange entwickelte Meditationstradition dürfte es wahrscheinlicher machen, dass er nicht der erste war. Möglicherweise lag die Bedeutung des Siddhartha Gautama mehr in den Schlüssen, die dieser aus diesem Erlebnis zog, seiner Fähigkeit, diese zu kommunizieren, in den kulturellen Umständen der Region und Zeit, usw. Für die Aussage in diesem Artikel spielt das aber keine Rolle.
[4] Den Begriff der „Erleuchtung“ mag ich nicht besonders, da allzu oft eine große Portion Exklusivismus daran geknüpft wird.
[5] Und das hat nichts mit esoterischen kosmischen Schwellen zu tun.
[6] Jesus und Siddhartha, Christus und Buddha sind in diesem Artikel nur stellvertretend genannt.
[7] Die sog. „Tempelreinigung“, Matthäus 21,12ff; Markus 11,15ff; Lukas 19,45ff; Johannes 2,13–16.
[8] Man denke an die sog. „Neurotheologie“ und die Integralen Theorien.
[P.S.:] Nun war ich doch noch nicht wieder brav.

Gottes großes Hobby: Modellbau

Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die „Modellhaftigkeit“ unserer Kognition bis hin zu Metzingers „Ego-Tunnel“: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch „objektive Wirklichkeit“ nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein „korrigiertes“ Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser „Ich“, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….

Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen „wir wissen“, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein „echtes“ Wissen über die „objektive Wirklichkeit“ außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.

Was damit anfangen?

Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntnis muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche „Wahrheitssuche“ damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?

Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?

Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.

Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches („Objektives“) über eine „objektive Wirklichkeit“ aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?

Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.

Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.

Was kann Gott dann noch sein?

Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die „objektive Wirklichkeit“, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, „Objektives“) sagen, weil wir über die „objektive Wirklichkeit“ nichts Letztliches („Objektives“) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.

Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.

Die Qualia-Rede von Gott

An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort „Gott“ benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort „Rot“ benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von „Rot“ als etwas „objektiv Objektivem“ reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas „objektiv Objektivem“ sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der „Offenbarungen“, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.

Sinn und Wahrheit

Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder „nur“ Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.

Ein Beispiel:

Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das „biologische Sehen“, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein „optisches“ (beschränktes) Modell von „Wirklichkeit“. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.

(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine „Umwandlung“ von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)

Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder „nur“ Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).

Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff „Rot“ verzichtbar wäre, oder man „rot“ künftig auch „blau“ nennen könnte. Die „Qualia Gott“ ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).

Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine „Qualia Gottes“ kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer  (erdachten) „objektiven Wirklichkeit Gott“ außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese „objektive Wirklichkeit“. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‚zwei Gott‘ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott  kann ich eigentlich von „Wahrheiten“ sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.

So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.


Anmerkungen:

1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.

2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.

3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)

4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.

5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)

6. Das Reich Gottes ist in euch.

7. siehe 6.

Im „spirituellen Sektor“ gibt es so viele Antworten und Erklärungen über die „Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit“, von großen Meistern und solchen, die es sein wollen. Antworten und Erklärungen, die – wenn man ein spirituelles Erleben hat – im je eigenen Kontext nahe zu liegen und attraktiv scheinen. Nun frage ich mich, ob aber nicht gerade derjenige, der Wahrnehmungen „abseits des durchschnittlichen Alltagsbewusstseins“ macht, gewarnt sein sollte, das Naheliegende anzunehmen.

Welche Weltsicht, welchen Blick auf das „um uns herum“ Existente, welches Empfinden haben wir eigentlich aus unserer individuellen Spiritualität gewonnen? Wie versprachlichen wir das, wie bringen wir dies in Einklang mit unserem Denken, und vor allem mit unserem Handeln?

Bekanntermaßen ist eine Orientierung in der Welt und im Leben allein an Empfindungen schlichtweg nicht möglich. Unseren Verstand benötigen wir unumgehbar ebenso. Wenn unsere Spiritualität nach Verwirklichung im Leben drängt, und wir nicht wie Blinde uns nur tastend Schritt für Schritt fortbewegen wollen, dann müssten wir doch eigentlich auch ein einigermaßen schlüssiges rationales Konzept für unsere Haltung, unser Denken und Handeln aufweisen können, welches mit unserer spirituellen Haltung und unserem spirituellen Erleben und Denken Hand in Hand geht. Kurz: Wie bringt man Herz und Verstand insoweit in Einklang?

Dabei kann es nicht nur darum gehen, wie wir im Hinblick auf die vorgenannte Fragestellung mit unserem Nächsten, unserem Partner, Nachbarn oder Kollegen umgehen, sondern auch, wie wir zu unserer Umwelt, zu unseren Mitgeschöpfen, eigentlich zu allem, was uns umgibt, stehen, sei dies nun in konkreter Nähe oder in abstrakter Ferne, resp. ob dies für uns überhaupt eine Rolle spielt. Es geht um eine Philosophie unserer Moral, also um Ethik, vor dem Hintergrund oder auf der Basis unserer Spiritualität, als Pendant, als Durchdringung, als „Rückseite derselben Münze“, oder wie auch immer.

Nochmal: Die Frage ist legitim, ob und wie das, was uns nah oder fern umgibt, für uns überhaupt eine Rolle spielen soll. Denn es entspricht meiner Beobachtung, dass für so manchen Menschen seine Spiritualität in erster Linie ihm selbst gilt, nicht der Transzendenz seiner selbst. Das respektiere ich. Es lässt sich nicht moralinsauer der Zeigefinger erheben, sondern nur darstellen, was einen selbst bewegt. Wenn ich also oben und an späterer Stelle sage „müssten“, dann bedeutet das nicht eine Forderung, kein „wir müssen“, sondern spiegelt allein mein (möglicherweise zu beschränktes) Denken, das in diesem oder jenem Punkt keinen anderen Schluss für mich zuließe, ohne in einen rationalen Bruch zu gelangen. M.a.W.: Ich schreibe hier von mir, von meiner Sicht. Und das stelle ich bewusst voran. Diese Zeilen sind eigentlich nur die Wiedergabe eines Selbstgespräches, das ich seit Jahren führe. Vielleicht kann die ein oder andere Leserin oder der ein oder andere Leser davon etwas für sich mitnehmen, so sie oder er es denn möchte.

Manches wird vielleicht mancher Leserin oder manchem Leser von der Begrifflichkeit her nicht sehr vertraut sein. Um den Lesefluss zu wahren, erkläre ich daher die angeführten Positionen. Das macht den Artikel etwas länger, was ich zu entschuldigen bitte. Ich selbst würde einen derart langen Artikel nicht lesen, was vermutlich Vielen so geht. Das macht mir Mut macht, ihn überhaupt zu veröffentlichen.

Leben auf Kosten anderer

Leben geht immer auf Kosten Anderer und Anderem. Es beginnt mit der Nahrung und endet nicht nur beim Abtöten von Bakterien bei einer Erkrankung. Das Leben auf Kosten Anderer widerspricht meiner eigenen Spiritualität ganz klar. Wie also kann ich damit umgehen? An welchen Kriterien kann ich mein Handeln ausrichten? Ist es die Notwendigkeit? Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, kein leidensfähiges Lebewesen für mich leiden oder töten zu lassen (oder gar selbst zu töten), wenn es nicht wirklich notwendig ist. Aber mein spirituelles Erleben geht darüber hinaus. Aus dem Erleben der Einheit heraus tritt immer wieder die Heiligkeit allen Seins mir gegenüber. Was mache ich dann mit meinen Skrupeln, den Rasen zu mähen, die Hecke zu schneiden oder bei einer Klettertour womöglich ein klein wenig des Berges zu beschädigen? Das zu lösen ist vermutlich unmöglich. Aber es geht für mich darum, auf dem richtigen Weg unterwegs zu sein. Diesen Weg abzustecken komme ich nicht umhin, auch meinen Verstand, so kümmerlich dieser oft auch sein mag, zu gebrauchen.

Versprachlichung

Sprachgebrauch spiegelt immer auch den Stand ethischen Bewusstseins und entsprechend daraus resultierender Handlungsfolgen wider. Wie wir reden, so sind wir. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir reden, so denken wir auch über uns selbst nach.

So verweist der Begriff Umwelt auf die Wahrnehmung der Welt als um den Menschen herum. Die entsprechende ethische Positionierung (Umweltethik) wird folglich anders ausfallen als in der Wahrnehmung der Welt als einem Miteinander des Menschen mit allem, was ihn umgibt. Der Umwelt-Begriff wird in aller Regel in der anthropozentrischen Perspektive gebraucht. Umweltschutz wird betrieben, um Menschen das Überleben oder bestimmte Werte zu sichern, jetzt und für künftige Generationen.

Mitwelt ist ein vom Naturphilosophen Prof. Dr.  Meyer-Abisch eingeführter Begriff, um den Blickwinkel von der stark anthropogen bezogenen und auf den Menschen als im Mittelpunkt stehenden Subjekt hin zu einem auf die Eigenwelt der Natur einbeziehenden Sichtweise aufzuwerten. Hierbei besteht jedoch in gewissem Rahmen – trotz der vom Anthropozentrismus sich fortbewegenden Denkweise –  nach wie vor die trennende Wahrnehmung des Menschen als sich der „Eigenwelt der Natur“  gegenüberstehend – mit entsprechenden Schlussfolgerungen in der dieser Perspektive entspringenden ethischen Überlegungen (Mitweltethik).

Der Mensch lässt sich aber auch als nicht getrennt von Umwelt, Mitwelt oder Natur denken, sondern als Teil von ihr, der mit ihr zusammen in aller Vielfalt ein Ganzes bildet. Im Kontext des einen Ganzen lässt sich der Mensch und sein Handeln auf eine Ethik hin betrachten, die durch holistische Positionen gekennzeichnet ist (Holistische Ethik).

Was also sagt mir meine Spiritualität über das, was „um mich herum“ ist? Ist es wirklich „um mich herum“, oder ist es eher „mit mir“, oder erfahre ich mich als „eins mit der Welt“?

Exkurs: Werthaltungen

Im Wesentlichen gibt es vier ethische Werthaltungen, die zu entsprechenden ethischen Grundpositionen führen:

  1. Instrumenteller Wert
    Etwas wird um etwas anderen willen geachtet.
  2. Inhärenter Wert
    Etwas wird um seiner Gegenwart willen geschätzt.
  3. Intrinsischer Wert
    Etwas ist wertvoll, weil es in sich selbst für gut befunden wird.
  4. Eigenwert
    Etwas wird um seiner selbst willen geachtet.

Es kann dabei durchaus zu Überschneidungen dieser Werthaltungen kommen.

Jeweils zu erkennen, welche Werthaltung in meiner eigenen ethischen Position in den Vordergrund tritt, ist wesentlich für die Bewusstmachung der Gründe meines Denkens und Handelns.

Der Anthropozentrismus

Der Anthropozentrismus ist nicht nur weit verbreitet, sondern stellt im Großen und Ganzen das übliche Weltbild der heutigen Menschheit dar. Dementsprechend sind die meisten ethischen Haltungen mehr oder minder anthropozentrisch basiert.

Mit einfachen Worten gesagt, stellt der Anthropozentrismus den Menschen in den Mittelpunkt der Welt und in das Zentrum ethischer Überlegungen.  Moralische Verpflichtungen bestehen entsprechend prinzipiell nur, zumindest weit vorrangig,  gegenüber Menschen. Das bedeutet jedoch nicht, dass für Anthropozentriker alles Andere bedeutungslos wäre. Natur-, Umwelt- und Tierschutz gelten als Handlungsnormen zur Zweckerfüllung zugunsten des Menschen mit drei Argumenten:

  1. Basic-Needs-Argument: Der Mensch ist auf die Umwelt angewiesen. Um die menschlichen Lebensgrundlagen zu sichern, muss er die Umwelt schützen. Um z.B. gesündere Nahrung zu erhalten, strebt er biologischen Landbau oder artgerechte Tierhaltung an. Damit weist er Natur, Tieren usw. einen instrumentellen Wert zu.
  2.  Ästhetisches Argument: Der Mensch schätzt die Natur um ihrer Gegenwart und Ästhetik wegen. Sie ist einzigartig und als Quelle angenehmer Empfindungen für den Menschen unverzichtbar, eine Art Kulisse für ein gutes Leben. Damit wird ihr ein inhärenter Wert zugewiesen.
  3. Pädagogisches Argument: Ein respektvoller Umgang mit der Natur (oder den Tieren) erzieht den Menschen zu einem besseren Umgang mit anderen Menschen (wiederum also ein instrumenteller Wert).

Dabei wird der Anthropozentrismus allerdings in aller Regel gesetzt, nicht hergeleitet oder begründet, gerade so, als wäre er axiomatischer Natur. M.a.W.: Der Anthropozentrismus entbehrt einer epistemologischen resp. argumentativen Grundlage.

Soweit er überhaupt begründet wird, vertritt – neben ideologischer resp. religiöser Begründung – zumeist die besondere Befähigung des Menschen das Hauptargument für den Anthropozentrismus. Schließlich seien Fähigkeiten wie Denken, Geist, Religiosität, Kunst usw. nur dem Menschen zu eigen, nicht aber den Tieren. Abgesehen davon, dass sich in den Wissenschaften längst die Erkenntnis abzeichnet, dass es sich hierbei lediglich um graduelle, nicht aber prinzipielle Unterschiede handelt (wenn auch sehr deutliche), übersieht diese Argumentation, dass Ethik nicht Gruppierungen gilt, sondern stets Individuen, resp. Individuen in Gruppierungen. Daraus folgt, dass es anthropozentrisch-ethischen Positionierungen mit dem  Anknüpfungspunkt gruppenunterscheidungsrelevanter Befähigungen an argumentativer Stringenz fehlt.

Ein konkretes Beispiel hierfür ist der dauerkomatöse Patient, welcher nicht mehr zum Denken befähigt ist. Ihm gegenüber gestellt wird zum Beispiel ein hoch entwickelter Primat wie ein Schimpanse, der in einem Ausmaß zum Kombinieren und Vorausplanen befähigt ist, dass man dieser Befähigung nicht mehr ohne weiteres die Begrifflichkeit des Denkens absprechen kann. Wäre nun die Denkbefähigung entscheidendes Kriterium für ethische Wertbeimessung, so dürfte man im Zweifelsfalle eher den komatösen Patienten töten als einen Schimpansen – was aber gerade ein Anthropozentriker keinesfalls unterschreiben würde.

Die eigentliche Basis des Anthropozentrismus ist vermutlich eine Mischung aus evolutiv entstandener allgemeiner genetischer Disposition, die zu bestimmten Verhaltenausprägungen führt und mit der Regulierung von Sozialverbänden sowie deren Orientierung und Agieren in der Welt zusammenhängt,  im Verbund mit kulturellen Prägungen.

Der Anthropozentrismus betrachtet den Menschen faktisch oder explizit als „Krone der Schöpfung“. Das entspricht meiner Spiritualität in keinster Weise. Und ich erkenne auch keinen vernünftigen Grund für ihn. Dennoch wurden wir geprägt, so zu denken, der Mensch stehe stets im Mittelpunkt, oder hätte stets Vorrang vor allem anderen. Das gilt auch für mich und gerät sicherlich hier und da unreflektiert in mein Handeln. Es zu hinterfragen und zu ändern liegt bei mir.

Pathozentrismus

Die ethische Grundposition des Pathozentrismus spricht moralisch allen empfindungsfähigen Wesen einen Eigenwert zu, basiert also (wenn auch nur begrenzt) auf der genannten Werthaltung des Eigenwertes. Nach herrschender Meinung steht die pathozentrische Haltung im Gegensatz zum Anthropozentrismus, jedoch findet sie sich tatsächlich auch in der „milden Form“ des Anthropozentrismus, welche nicht mehr ausschließlich dem Menschen ethisch relevanten Wert beimisst, diesem jedoch mit deutlichem Vorrang. In dieser Ausprägung begründet er zum Beispiel Vegetarismus oder den rechtlichen Tierschutz.

Die Kritik an pathozentrischer Ethik argumentiert, der Leidbegriff unterliege zu sehr der Subjektivität, so dass sich aus ihr keine objektive Handlungsanleitung ergeben könne. Hinzu tritt oft eine utilitaristische Sichtweise auf den Pathozentrismus, welche gleichsam mengenmäßig großes Leid weniger Individuen gegen die Freude vieler Individuen aufrechnen zu können meint. Hierbei wird der ethischen Haltung  latent (oder auch explizit) teleologisch eine Art Hedonismus oder Eudämonismus zugrunde gelegt (konsequenterweise müssten sich diese allerdings wiederum dem Vorwurf der Subjektivität stellen), und orientiert sich de facto – schon aufgrund der Argumentation hinsichtlich der Empathien – letztlich wieder am Vorrang des Menschen.

Der Pathozentrismus kommt meiner Spiritualität insofern schon näher, als er wesentlich auf Empathie und  Mitgefühl basiert. Die Heiligkeit einer Landschaft aber zum Beispiel bezieht er in sein Konzept nicht ein (was nicht bedeutet, dass einem Pathozentriker eine Landschaft nicht heilig sein könnte; allein er kann dieses Heiligkeitsempfinden nicht in sein ethischen Konzept auch rational unterbringen).

Biozentrismus

Der Biozentrismus geht über die beschränkte Eigenwertzuordnung des Pathozentrismus hinaus und ordnet allem Lebendigen einen ethischen Eigenwert zu. Unterschieden werden zwei Ausprägungen:

  1. Egalitärer („radikaler“) Biozentrismus: Jede Entität hat den gleichen Eigenwert.
  2. Hierarchischer („schwacher“) Biozentrismus: Die Eigenwerte sind abgestuft, in der Regel danach, wie „hoch“ ein Lebewesen entwickelt ist.

Der Biozentrismus ist dabei die erste Ebene, auf der schlüssig kontraktualistisches Denken seinen Platz finden kann (z.B. „Verträge“ mit Tieren), Fragen der Gerechtigkeit, des Ein- oder Ausschlusses und der Diskriminierung gestellt werden können und werden (Speziesismus-Debatte).

Die Kritik am Biozentrismus wird i.d.R. aus utilitaristischer oder anthtropozentrischer Sicht geführt, der ich so oder so nicht folgen kann.

Klar ist für mich, dass mir der Biozentrismus immer noch nicht ausreicht, um auf rationaler Ebene mit meinem spirituellen Empfinden zu korrelieren.

Physiozentrismus, Ökozentrismus und Holismus

Die ethische Grundposition des Physiozentrismus geht über die Beschränkung moralischer Verpflichtung auf Lebewesen hinaus und berücksichtigt als ethisch relevant alles, was existiert, in der terrestrischen und sogar außerterrestrischen Welt. Sie ist also diejenige Position, die am weitestgehenden moralisch Eigenwert zuschreibt.

Im Physiozentrismus werden zwei Varianten unterschieden:

  1. Individualistischer Ökozentrismus: Alle individuellen Einheiten, einschliesslich der Steine, können moralisch richtig oder falsch behandelt werden.
  2. Holismus: Die ethische Relevanz wird bezogen auf Holons, auf Systeme und gleichzeitig deren sie bildenden Untersysteme und einzelnen Teile  (z.B. Natur – Ökosysteme – Arten – Individuen – usw.), also auf Greifbares und Nicht-Greifbares.

Dabei finden sich in holistischen Theorien und Modellen unter prinzipiell wohl gleichem Grundgedanken oft Unterschiede – auch zur verwandten Philosophie der Ganzheit.

In einer holistischen Ethik können die eingangs genannten vier Werthaltungen (instrumenteller Wert, inhärenter Wert, intrinsischer Wert, Eigenwert) nicht mehr je gesondert vertreten oder verworfen werden, sondern sind gemeinschaftlich „wahr“. Durch die Berücksichtigung von Allem was ist, wird darüber hinaus die Wertigkeit als Grundlage moralischen Bezuges relativiert (oder auf eine „höhere“ Ebene gehoben) durch das Sein an sich.

Wenn in holistischer Ethik alles gleichermaßen ethisch relevant ist, bedeutet das allerdings nicht, dass alles gleich sei.  Der holistischen Ethik geht es nicht nur, aber auch um den Schutz des Ganzen zugunsten des Menschen (denn auch er ist schützenswerter Teil des Ganzen), nicht um eine blinde „Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität“ und nicht um eine vermeintliche übergeordnete Zweckerfüllung, die zwangsläufig nur aus beschränkter menschlicher Sicht angenommen werden kann. Gerade die Vielfalt der Holons im Bewusstsein eines Ganzen drängt in der holistischen Ethik danach, auch die Eigenheiten der Teile zu berücksichtigen, was für den Menschen bedeutet, auch sein ethisches Empfinden und Bewusstsein zu entwickeln und zu schulen, sich von irrationaler Willkür zu lösen und das, was den Menschen (u.a.) ausmacht, die Befähigung zu Vernunft, Intellekt, Systemberücksichtigung, Sozialbewusstsein, differenzierter Emotionen und Glück zu nutzen statt zu übergehen.

Oder um es – noch einfacher – mit der Bedeutung des grundgesetzlichen Gleichheitssatzes auszudrücken: Wesentlich Gleiches darf nicht willkürlich ungleich behandelt werden, und wesentlich Ungleiches darf nicht willkürlich gleich behandelt werden. Unterscheidungskriterium und Maßstab kann dabei nicht allein der Mensch sein, sondern im Bewusstsein der Verbundenheit und Einbettung in einem Ganzen müssen rational und emotional geprüft erfüllbare und umsetzbare Kriterien gefunden werden, die nach Allgemeingültigkeit strebend Basis für menschliches Handeln sein können, muss dabei ein Bewusstsein entwickelt werden, das den Widerspruch zwischen humanem Anspruch und faktischer Realität von Krieg, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit usw. aufzulösen in der Lage ist.

Eine Bedienungsanleitung für den Alltag

Hier bin ich nun also an einem Punkt angelangt, an dem die ethische Positionierung (der holistischen Ethik) meinem spirituellen Empfinden wohl am nächsten kommt (wobei mir natürlich klar ist, dass die genannten ethischen Grundpositionen natürlich eine Schematisierung bedeuten). Aus der mystischen Erfahrung des Einen nehme ich etwas mit, das mich von „Bruder Mond“ und „Schwester Sonne“ reden lässt, so wie einst auch Franz von Assisi und mit ihm so viele andere dies schon taten. Mit dem entsprechenden Nachdenken über meine Moral, also im Beziehen einer ethischen Position, habe ich eine Basis für mein Handeln im Alltag. Bei dem, was ich tue, kann ich mir nun auch verstandesmäßig bewusst machen kann, warum ich es tue, kann es ethisch einordnen, kann bewerten, ob es für mich auch schlüssig ist – spirituell wie rational – und kann Lösungen suchen, so weit es geht. Denn wenn mir klar ist, dass mein Handeln unweigerlich auch meinen Verstand in Anspruch nehmen muss, dann kann ich nur so widersprüchliches Handeln vermeiden. Wenn mir die Mücke heilig ist, wie könnte ich sie dann erschlagen? Wenn mir der Baum heilig ist, wie könnte ich ihn dann fällen? Wenn mir die Beziehungen der Lebensformen heilig sind, wie könnte ich sie dann stören? Dann muss mir aber auch bewusst werden, bewusst sein und bewusst bleiben, dass ich immer wieder etwas tue, was dem widerspricht. Es genügt eine Autofahrt, um unzählige Brüder und Schwestern zu töten, von der Mücke über den Schmetterling, und das ökologische Gleichgewicht zu stören, durch Produktion schädlicher Abgase, durch Inanspruchnahme von Landschaft und Natur für die Straße, usw.

Das ist der erste Schritt, meine Spiritualität auch im Leben umfassend zu verwirklichen: Indem ich mir bewusst mache, was ich tue und wo ich hin will. Und das eben nicht nur in Bezug auf meinen Nächsten, sondern radikal gänzlich. Dabei hilft mir die Teilnahme am ethischen Diskurs, sei es nur im eigenen Kopf oder weitergehend, statt nur von Hürde zu Hürde zu stolpern, denn die Ethik schafft abstrahierend den Rahmen, in dem sich meine konkreten Schritte begutachten lassen.

Probleme der Problemlösung

Eingangs schrieb ich bereits, dass Leben immer auf Kosten von Anderen und Anderem geht. Wie also kann ich eine holistische Ethik mit Leben erfüllen?

Auch die ethischen Positionen betrachte ich insoweit holarchisch. Die holistische Ethik umfasst den Biozentrismus, welcher den Pathozentrismus umfasst, welcher in gewisser Weise seinerseits wiederum auch den Anthropozentrismus umfasst. Das Durchlaufen dieser Positionen spiegelt nicht nur meine eigene Entwicklung wider, sondern hierauf kann ich praktisch aufbauen: Nichts tun, was Menschen schadet. Vom respektvollen Umgang bis zum Pazifismus. Der Pathozentrismus führt mich in ein veganes Leben – Schutz allen empfindungsfähigen Lebens, sei es Tier, sei es Mensch. Der Biozentrismus hemmt mich, meinen Gartenweg von pflanzlichem Leben zu befreien, das allgemeinhin „Unkraut“ genannt wird – Schutz allen Lebens: Pflanze, Mensch, Tier. Der Physiozentrismus lässt mich unnötige Autofahrten vermeiden und bremst meinen Konsum. Und so weiter.

Aber bereits hier beginnen Probleme. Mein Nachbar erwartet, dass ich die Hecke nicht zu hoch werden lasse, so dass er keine Sonne mehr auf seiner Terrasse hat. Und natürlich dienen mir Pflanzen zum essen (Fruganer sind hier weiter als ich). Oft lässt sich hier allein logisch-argumentativ dann nicht mehr entscheiden. An einer Situationsethik kommt wohl auch niemand herum, der sich bewusst ethisch positioniert. Dennoch hilft auch hier der Verstand, sich Lösungen zumindest zu nähern, oder tragbar zu machen.

So schlägt zum Beispiel der Ethiker Paul W. Taylor Prioritätsregeln vor, in denen alle Lebewesen zwar einen gleichen Eigenwert haben, aber unterschiedliche inhärente Werte:

  1. Prinzip der Selbstverteidigung,
  2. Prinzip der Verhältnismäßigkeit,
  3. Prinzip des kleinstmöglichen Schadens,
  4. Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit,
  5. Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Eine andere Möglichkeit: Die alte asiatische Religion des Jainismus, die den bekannten Gedanken der Ahimsa (Gewaltlosigkeit) geprägt hat und deren Ethik vielleicht bereits als eine holistische bezeichnet werden kann, verweist hier aus ihrem spirituellen Kontext heraus in verstandesmäßiger Umsetzung auf die „Sinnzähligkeit“, auf den Grad sensorischer Wahrnehmung, bei gleicher Wertigkeit aller Seelen, die im Kreislauf der Wiedergeburt ihre persönliche Entwicklung durchlaufen. So verfügen Pflanzen nur über den Tastsinn. Es folgen Mikroorganismen und kleine Tiere mit zwei, drei oder vier Sinnen, dann Lebewesen mit fünf Sinnen. Die höchste Entwicklungsstufe der Tiere und Menschen verfügt schließlich auch über Rationalität und Intuition.

Es gibt für mich folglich keinen Grund zur Resignation.

„Aber das ist doch kein Leben mehr…“

Das alles klingt für viele Menschen danach, als würde das Leben wahnsinnig kompliziert, voller Hemmungen, Beschränkungen und Entbehrungen. Nein, so ist es für mich nicht. Meine Lebensqualität und mein Glück hängen nicht davon ab, dass ich Thunfisch esse, das neueste Handy besitze, die Wege „unkrautfrei“ halte oder bei Regen nicht nass werde. Meine Spiritualität macht mich ein gutes Stück unabhängig von Besitzdenken, Bequemlichkeitsstreben und Anpassungszwängen, ohne dass ich deshalb ein einsamer Griesgram würde, der nicht genießen kann. Und das geht sicherlich vielen spirituellen Menschen so. Allerdings gestehe ich, dass ich weit mehr lassen könnte, als es der Fall ist. Oft komme ich mir wie ein Heuchler vor, wenn ich überhaupt so etwas sage, wie in diesem Artikel, denn viel zu schwach bin ich… Es bedeutet auch nicht, bei jeder Kleinigkeit mühsam großes Nachdenken zu beginnen. Der Prozess der Bewusstmachung ist wie Klavierspielenlernen – es entwickelt sich so etwas wie eine „Motorik“.

Schlusswort

Nochmals zur Erinnerung: ich schreibe hier nur meine bescheidene Sicht nieder. Dennoch möchte ich mir zum Schluss so etwas wie ein kleines Plädoyer erlauben.

Jedes ethische System ist – das versteht sich aus sich heraus – von Menschen gemacht und kann auch nur vom Menschen her verstanden werden. Doch auf dieser epistemischen Ebene wird noch keine Bewertung vorgenommen, ob und inwieweit der Mensch höher (oder niedriger) als andere Lebewesen einzustufen ist, wird noch nicht bestimmt, was uns Objekt moralischer Verpflichtung sein soll.

Die Epistemologie ist zwangsläufig auf den Menschen bezogen, weil sie danach fragt, wie wir von etwas wissen können, welche Wahrheitsbegriffe und Kriterien uns als verlässlich gelten können, was Wissen und Gewissheit bedeuten. Übergänge in und Schnittmengen mit ontologischen Betrachtungen, die nach den fundamentalen Strukturen der Realität fragen, mögen sich zwar ergeben, doch diese Grundebene bleibt lediglich letztlich unumgängliche Perspektive. Erst auf einer weiteren Ebene, die sich aufwärtskausal aus der Grundebene ergibt, fließen Bewertungen und damit moralisch relevante Kriterien ein, eröffnet sich das Feld der Ethik, die danach fragt, wie wir handeln sollen – und in Rückkoppelung zur Grundebene gleichzeitig sich bestimmt, warum wir so (oder anders) handeln sollen. Das Potential der so gewonnenen ethischen Position zur bewusstseinsgebundenen Weiterentwicklung  und der Erfolg (oder das Scheitern) der Wechselwirkung mit dem Gesamtsystem wirken schließlich (abwärtskausal) quasi falsifizierend resp. verifizierend oder das Denken umstrukturierend zurück auf die Epistemologie. Selbstverständlich gilt das auch für religiösen Glauben und spirituelle Erfahrung, soweit man heute noch gestattet, hier von Epistemologie und Ontologie zu sprechen.

Die ethische Orientierung des Menschen ergibt sich zwangsläufig aus den Strukturbeziehungen der Gesamtstruktur – welche in der Zeit  evolvierte Grundveranlagungen, Kultur und Ökologie selbstverständlich einbezieht – und wirkt im Handeln des Menschen und den sich daraus ergebenden Folgen zurück auf die Gesamtstruktur, deren Teile und Beziehungen. Ethik epiphänomenal zu betrachten, greift daher zu kurz. Die Befähigung zur Ethik ist eine Emergenz, die epistemologisch den Menschen herausfordert und stets erneut seine Kriterien und Bewertungen hierzu in Beziehung setzen muss. Es bedarf letztlich einer eigendistanzierten Betrachtung, um argumentationstheoretisch die Stringenz ethischer Positionen einzuschätzen, welche schließlich bestimmen, was uns die Objekte moralischer Verpflichtung sein sollen.

Ethik stellt also zwar ein menschliches System dar, von ihm gemacht und von ihm her zu verstehen, aber sie darf nicht ausschließlich auf ihn hin verstanden werden.

Mit einfacheren Worten: Wenn wir also allgemeingültig etwas beurteilen wollen, was gut und was schlecht sei, tun wir gut daran, es sozusagen aus „höherer Warte“ und stets mit dem Blick auf das Ganze zu tun. Das umfasst auch die Vergangenheit und die Zukunft, ebenso die Vergangenheit vor dem Menschen und die Zukunft nach dem Menschen. Dass wir überhaupt Lebewesen sind, die sich ethische Gedanken machen können, ist ein phänomenales Wunder, das nicht zufällig ist, sondern Gründe hat, und das ich würdigen möchte. Der Mensch steht nicht über der Welt, sondern ist aus und in ihr in Raum und Zeit geworden. Nur wenn er sich wirklich so begreift, wird er sein Handeln bewusster wahrnehmen und ethisch reflektieren können. Das ist das Potential und die Chance einer Spiritualität, wie nicht nur ich sie erlebe. Spiritualität leben, ganz und gar, wenn auch nicht als Vollkommenheit, sondern als ein Unterwegssein, das ist etwas, was mich auch ganz und gar fordert, mit Herz und Verstand.

Du bist nicht getrennt von dieser Welt. Sie ist nicht einfach um dich herum, nicht nur oder nicht nur gleichberechtigt neben dir, sondern du bist Teil dieser Welt. Ein Teil, der mit allen anderen Teilen erst das Ganze bilde, das noch viel mehr ist als wir wahrnehmen oder erahnen können. Ohne deinen Bruder oder ohne deine Schwester ist es eine andere Welt. Ohne dich ist es eine andere Welt. Ohne diese Landschaft oder ohne jene Tierart ist es nicht mehr diese Welt. Ohne diesen Stein und ohne dieses Schwein ist es nicht mehr diese Welt. Es ist nicht gleichgültig, was mit einem Teil geschieht. Und das hängt nicht davon ab, ob es dir nun etwas einbringt oder nicht. Auch du bestimmst das Ganze mit wie das Ganze auch dich bestimmt. Was du fühlst, was du denkst, was du tust, reicht über dich hinaus. Du bist ein transzendentes Wesen.

Aber wie gesagt, das ist nur meine Sicht der Dinge.

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