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Eine Skizze

 

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass im 21. Jahrhundert es für alle Religionen an der Zeit sein könnte, vorrational-magisches Bewusstsein in rationales und transrationales Bewusstsein zu überführen.

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass sich auch das Christentum und Christ-Sein von aller Magie befreien ließe. Dass Jesus von Nazareth nur ein Mensch war, seine Gottessohnschaft keine physische Personalisierung Gottes und keine Vergottung der physischen Person Jesu bedeutet.

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass den dunkelhäutigen Mann aus Nazareth mit den kurzen schwarzen Haaren diese Gotteskindschaft nicht separiert. Dass dieser Mann namens Jeschua nach seinem Tod nicht leiblich auferstand und es keine physische Himmelfahrt gab.

Vielleicht könnte man sich daran gewöhnen, dass dieser junge Wanderprediger aus Nazareth eine Lehre (Botschaft) hatte, gelehrt in Worten und Lebensführung. Eine Lehre, die aus religiösen, spirituellen, psychologischen, sozialen und ethischen Elementen besteht. Eine Lehre, die selbstverständlich auch der Kultur ihrer Zeit unterlag, und der Fortentwicklung unterliegen darf (und sollte). Eine Lehre, die uns auch nötigt, selbständig nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht könnte man sich daran gewöhnen, dass dieser Jeschua eben nicht Anbetung seiner Person einforderte, sondern einlud, ihm zu folgen, zu werden wie er: Ein Sohn (oder eine Tochter) Gottes, ein Gesalbter – ein Christ(us), ein Erlöser für sich und andere. Dass er uns eine persönliche und liebende Gottesbeziehung beibringen wollte, die keine Vermittler (Priester) benötigt, und uns nicht (oder nicht nur) auf ein „Jenseits“ ausrichtet, sondern ein Leben im Hier und Jetzt und in Fülle schenken soll.

 

Vielleicht ließe sich denken,
dass Jesus von Nazareth nicht der Kern des Christentums ist,
sondern der Ausgangspunkt.

 

Und dass nach ihm andere wahre Söhne und Töchter Gottes kamen und kommen werden – auch in anderen Religionen und außerhalb der Religionen.

 

Der Kern des Christentums ist nicht Jesus,
sondern Christus.

 

Und (ein) Christus ist (potentiell) jeder Christ. Ein Kind Gottes. Sohn oder Tochter Gottes. Eins mit dem „Vater“.

Jesus Christus. Paulus Christus. Giovanni Battista Bernardone Christus. Theresa Christus. Ali Christus. Otto Christus. Britta Christus.
 

 

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Wann gelingt es uns, damit aufzuhören, Gott nach unserem Bilde zu erschaffen, und zuzulassen, dass Gott uns nach seinem Bilde erschafft (Gen 1,27)?

Wann gelingt es uns, Gott nicht länger als ein Ding, als ein Etwas anzusehen, und damit zu beginnen, Gott als das in der „Schöpfung“ prozesshafte, von einer gesonderten Eigenexistenz leere Sein, Gott wesentlich als Beziehung, zu erkennen, deren Wirkkraft und Verdichtung menschliche Begriffe Liebe nennen?
 
 

„Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“
Römer 11,36

 

 

„Geist in der zweiten Person ist das große Du …, der leuchtende, lebendige, ewig gebende Gott, dem ich mich in Liebe, Andacht, Opfer und Erlösung hingeben muss. Im Angesicht von GEIST in der zweiten Person, im Angesicht Gottes, der reine Liebe ist, kann ich nur eines tun: Um Gott in diesem Augenblick zu finden, muss ich lieben, bis es schmerzt; lieben bis in alle Ewigkeit; lieben, bis es mich nirgendwo mehr gibt; nur dieses leuchtende, lebendige Du, das allem Glanz verleiht, das Quelle alles Guten ist, allen Wissens, aller Gnade, und mir meine eigene Manifestation, die anderen unweigerlich Leid zufügt, zutiefst verzeiht; die dieser liebende Gott der Du-heit dieses Augenblicks jedoch erlösen kann und auch erlöst, verzeiht, heilt und ganz macht; aber nur, wenn ich mich im innersten Kern meines Wesens hingeben kann, durch Liebe, Anbetung, Anteilnahme und Bewusstheit mein kleines Ich aufgeben kann.“

Ken Wilber, Integrale Spiritualität, Kösel Verlag, München 2007, S.219; zitiert nach Richard Rohr, Pure Präsenz, Claudius Verlag, München 2012, S. 184

Als seinerzeit bei mir die Mystik ausbrach, bin ich nicht zum Arzt gegangen, sondern aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Zu Vieles, was diese Kirche proklamierte, schien mir nicht mit den Erfahrungen übereinzustimmen, die mich da heimsuchten.

Heute sehe ich das etwas anders. Seit einer Weile kehre ich zu meinen religiösen Wurzeln, zum Christentum zurück. Nicht, dass ich nun den Katechismus unter mein Kopfkissen geschoben hätte. Eine verdächtige Freiheit hat sich im Laufe der Jahre breitgemacht, in der auf seltsame Weise so vieles zusammenpasst, in der Altbekanntes auf gleichsam seltsame Art neu gelesen und verstanden werden kann.

Ein Widerspruch zu anderen Religionen hat sich nicht, jedenfalls nicht im Wesentlichen, aufgetan. Ich schrieb hier stets im Geiste von Transkonfessionalität, und schließlich zog es mich sogar in die Postkonfessionalität. Doch irgendwann kam ich mir dabei ein wenig vor wie ein Baum, der seine Wurzeln aus der Erde gezogen hat, um mit ihnen das Laufen zu wagen. Das entspricht vielleicht nicht ganz der Natur eines Baumes, sonst sähe man wohl öfters mal Bäume beim Joggen. Mögen andere laufen und fliegen, jene, die keine Bäume sind, sondern Bären und Mäuschen, Schmetterlinge und Spatzen. Momentan jedenfalls lasse ich meine Wurzeln wieder ihren Weg in die Erde suchen, die meine Äste nährt, und das Wasser aufsaugen, das meinen Blättern Lebendigkeit schenkt. Als so ruhender Baum kann ich zusammen mit anderen Bäumen, wie Bodhi-Bäumen und Ölbäumen, in Gottes schöner Landschaft herumstehen. (Übrigens suchen auch Bären und Mäuschen manchmal den Schatten der Bäume oder grobe Stammrinde zum Rückenscheuern, und Schmetterlinge und Spatzen einen sicheren Platz für eine Flugpause.)

Die Unterschiede der Religionen sind wichtig. Aber längst sind sie für mich nicht mehr trennend (bei aller erlaubter Kritik an einzelnen Punkten in jeder Religion). Neben dem Effekt möglicher gegenseitiger Befruchtung bietet die Vielfalt einfach jedem nach seiner Art etwas an. So, wie jede Wolke anders geformt ist (und jeder eine andere Wolke besonders schön findet), und doch nur eine Wolke ist, die an demselben klaren Himmelsblau vorbeizieht. Und das Christentum ist nun mal die mir gemäße kosmische Wattierung – mit seiner Leidenschaftlichkeit in der Liebe und Freude und Annahme auch des (eigenen) Leids, seiner Geborgenheit in Gott und seinem Sich-Aussetzen im Sich-Einsetzen, mit seinem Aufruf zur Friedfertigkeit und mit seinem „heiligen Zorn“.

In die Kirche bin ich nicht wieder eingetreten. Ich respektiere die vorherrschende Art ihrer Theologie(en), ihres Glaubens und ihrer Glaubensverkündigung; auch, wenn sie für mich selbst nur eine Facette desselben Kristalles ist. (Erfreut stelle ich aber immer wieder auch fest, dass meine Sicht natürlich nicht einzigartig ist, sondern freiheitlich-mystische Auslegungen auch innerhalb der Kirche(n) zunehmen. Mögen sich die unterschiedlichen Perspektiven und Glaubensarten gegenseitig respektieren und wertschätzen.)

Bis hierhin handelt es sich eigentlich nur um eine Einleitung, um zu verdeutlichen, von welchem zeitweiligen Standpunkt ich das folgende aussage: Was Christentum für mich ist und bedeutet.

Schon einmal schrieb ich, wie traditionelle (dualistische) Theologie Bibliotheken beispielsweise zu Fragen der Trinität oder der Theodizee füllt, während der (nicht-dualistische) Mystiker nicht mal das Problem dabei so richtig erkennt. Wer auf der Ebene der Rationalität das Mysterium, das “Geheimnis des Glaubens“ zu ergründen sucht, erklärt entweder alles weg oder hin, bis nichts mehr oder viel zu viel bleibt, oder aber er gleitet ab auf eine prärationale Ebene der Magie. Grob gesagt. Überspitzt gesagt. Es gibt auch viel dazwischen. Und nochmals: All dies erkenne ich respektvoll an, soweit es keinen Schaden anrichtet. Es ist nicht weniger wahr, nur anders wahr. Ich selbst habe fast mein ganzes Erwachsenenleben (bin jetzt 48 Jahre alt) leidenschaftlich theologische Bücher gelesen. Doch seit einigen Jahren verstehe ich sie nicht mehr wirklich, was zwei Gründe haben kann: Entweder ich bin verblödet, oder die Perspektive ist mir zu fremd geworden. Die Entweder-Leser werden hier spätestens das Lesen zustimmend beenden, die Oder-Leser langweilen sich an dieser Stelle bereits. Ich vertraue auf die Sowohl-als-auch-Leser, die intuitiv wissen, dass Verblödung auch ein hässliches Wort für eine hilfreiche Sache sein kann (wobei ich auch eine tatsächliche Verblödung meiner Person nicht ausschließe).

Was Christentum für mich bedeutet, kann keine Bibliotheken füllen. Dessen Kern ist und bleibt wortlos, eine unendlich kleine Singularität mit Urknallpotential. Der Versuch einer Verwortung ist kurz und knapp, verständlich vielleicht nur jenen, die die Perspektive der Mystik gewonnen haben, was selbstverständlich keine Zustimmung abverlangt; man mag mir nach Lust und Laune widersprechen.

Also:

So wie vielleicht Siddhartha Gautama – genannt der Buddha – im Osten, war möglicherweise Jesus – genannt der Christus – der erste „Erleuchtete“ im Westen (der „Erstgeborene“). Diese Formulierung wurde übrigens m.W. erstmalig von Richard Rohr verwendet. Jesus: Ein Mann, der erkannte, dass er eins ist mit Gott: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Und so wie Buddha seine Erfahrung in die Form seines kulturellen und religiösen Kontextes goss, tat dies der junge Mann aus Nazareth ebenso. Und selbst wenn sie nicht die ersten waren (Stellen im AT könnten darauf hinweisen), so waren sie doch wohl die ersten, die dieses neue Bewusstsein ganz lebten und auf bedeutsame Weise so lehrten, dass ungezählte nachfolgenden Generationen sich angesprochen fühlten. Die historischen Personen Siddhartha Gautama und Jesus sind höchst bedeutsam, sie sind Ausgangspunkt, Vorbild, Lehrer, und in gewisser Weise „der Weg“, doch im eigentlichen Zentrum des Buddhismus und des Christentums stehen sie (für mich) nicht. So wie im Zentrum des Buddhismus Buddha steht, steht im Zentrum des Christentums Christus. (Mir ist klar, dass das für viele traditionelle Christen eine höchst ketzerische Aussage ist. Man mag dann nochmal die Einleitung lesen oder sich mit den Entweder-Lesern solidarisch erklären.)

Die Erfahrung „Ich und der Vater sind eins“ haben nach Jesus auch viele christliche Mystikerinnen und Mystiker gemacht. Gott ist Mensch geworden. Nicht nur in Jesus (Paulus hat das vielleicht als erster verstanden). Christus ist kein Name und kein Titel, sondern eine Erkenntnis, eine Erfahrung, ein Bewusstsein, ein Raum, ein Kollektiv, eine Lebensform… Und es bedarf dazu keiner idealisierenden personalen Überhöhungen, die zu einer großen Gefahr werden können. Der junge Mann aus Nazareth hat in seinen ersten 30 Lebensjahren vielleicht ebenso Mist gebaut wie Franz von Assisi in seinen jungen Jahren und wir alle. Wir wissen es nicht (die Historie der kanonischen und apokryphen Schriften wird den meisten Leserinnen und Lesern bekannt sein). Na und? Die lebenslange „absolute Freiheit von der Sünde“ ist ein illusionärer Sockel, auf den wir einen Menschen stellen, um selbst in unserer Schwachheit nicht ganz so klein zu erscheinen. Was verlieren wir denn, wenn wir diesem Kind und späteren jungen Erwachsenen Jesus ganz Menschlichkeit zugestehen? Zu sagen, dass mit Christus Gott ganz Mensch geworden ist, aber nur in Jesus ein Mensch ganz Gott geworden sei, scheint mir – jedenfalls aus mystischer Perspektive – Gott doch arg zu verkürzen. So kleinlich wird Gott nicht sein.

Leben und Lehre des Mannes aus Nazareth machen natürlich das spezifisch Christliche aus: Das Bewusstsein der Einheit mit Gott und die Umsetzung dessen im eigenen Leben und in diesem speziellen kulturell-religiösen Umfeld, das auch unser eigenes kulturell-religiöses Umfeld geprägt und geformt hat. Dazu gehört insbesondere die Lehre von der Liebe (was im Osten seine Entsprechung in der Lehre vom Mitgefühl findet), die auch zu Hilfsbereitschaft (Barmherzigkeit) und Friedfertigkeit führt (vgl. insbes. Bergpredigt, Mt 5-7). Aber auch die Lehre von der Vergebung statt Strafe, Hass und Rache (vgl. Joh 8,1-11), einer Leidenschaftlichkeit und einem Aufbegehren, wie z.B. im „heiligen Zorn“ (vgl. Mt 21,12ff.), die Lehre von einer Gerechtigkeit, die oft wenig mit Messen und Wägen zu tun hat (vgl. Mt 20,1ff.), die Lebensspannung zwischen Ruhe und Unruhe (vgl. EvTh 50, 86, 90), der „aufrechte Gang“ (bis zum Tod), und vieles andere. Nicht zuletzt aber auch: Gott dennoch, also auch im Bewusstein des Eins-Seins mit Gott, als ein „Du“ ansprechen zu können.

Das war noch immer recht lang. Als eine Einkürzung ließe sich also sagen:

Christsein bedeutet für mich

• Zu erkennen, dass Gott in allem ist, und doch erst im Menschen geboren wird (Christus, „Vater und Sohn“; das Paradox wird sich vielleicht nicht in jedem Leser auflösen)
• Der Versuch, ein Leben in und aus diesem Bewusstsein zu führen („Heiliger Geist“)
• Der Lehre des Mannes aus Nazareth zu folgen (Liebe, Barmherzigkeit, Aufrichtigkeit, Friedfertigkeit, …), diese Lehre in die heutige Zeit zu übertragen und sie in die Weitung unserer Zeit zu weiten. (Wobei die Lehre auch als Regelwerk taugt, wenn das Bewusstsein wieder mal eingeschlafen ist, was mir öfters passiert).

„Christliche Lehre“ besteht also aus zwei Teilen, die einander ständig rückversichern:

1. Das (liebende) Verhältnis des Menschen zu Gott (Eins und doch Du“)
2. Das (liebende) Verhältnis des Menschen zum Leben (zum eigenen Leben, zu anderen Menschen, zu anderen Wesen, zur Schöpfung)

Die Rückversicherung beider Teile könnte man als ein drittes Verhältnis beschreiben. Muss man aber nicht, um es mit der Trinität, die hier von mir ja schon arg zerschnitten wird, nicht gleich zu übertreiben.

Klar wird aber: Christentum ist eine Beziehungsreligion. Eine – oder die – Religion der Liebe. Eine Liebe von Gott, zu Gott, aus Gott, in Gott. Und damit eine Liebe zum Leben.

Christsein heißt, an die Menschwerdung Gottes zu glauben (Christus) und die Menschwerdung Gottes versuchen zu leben (Leben und Lehre Jesu, in Christus eingehen – was eine Bewegung ist, ein Weg).

Nein, ich lösche das doch nicht, sondern streiche es. Ein gutes Beispiel des Verstrickens in wortreiche Plattheiten; für das, was nicht geht. Ich brauche nichts zu sagen. Mystische Menschen begreifen das Christsein, wie ich es meine, auch ohne viele Worte: Gott ist Mensch geworden, wird es immer wieder, in dir, in mir. Nun müssen nur noch auch wir Mensch werden.

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„Der Mensch lebt die Transzendenz in der Immanenz,
das Essentielle im Phänomenalen.“
[1]

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In diesem Blog gibt es eine Kategorie, welche mit „Das apersonale DU“ überschrieben ist. Diese drei Worte bilden eine scheinbar in sich widersprüchliche Aussage, an welcher ich, bei allem Verständnis für die gelegentlich mir gegenüber geäußerte Kritik daran, stets festhielt und noch immer festhalte.

In einem ersten diese Kategorie berührenden Artikel schrieb ich vor drei Jahren:
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„Dem so (…) Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem. Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem “unpersönlichen Absoluten” auch dem persönlichen (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.“

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Nun las ich in einem Buch des Benediktinerpaters und Zen-Meisters Willigis Jäger etwas dazu, was auf seine Art eine analoge Aussage beschreibt:
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„Wenn die Erfahrung [der Mystik des Eins-Seins mit Gott, Anm. d. Verf.] ins Tagesbewusstsein tritt, wird Gott „Gegenüber“. Gott als Person, Dreifaltigkeit sind theologische Ausdeutungen des Nachher, genauso auch die Formen der Verehrung. Das Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch entfaltet sich. Es wird zu Klage und Freude, Trauer und Zuversicht, Liebe und Hingabe, weil wir Menschen sind. Und weil der Mensch mit Verstand, Gefühl, Körper und Sinnen begabt ist und dichten und komponieren kann, wird dieses Zwiegespräch zu Lied und Gedicht, wird zu Zeremonie und Liturgie. Und findet man sich dazu mit anderen zusammen, wird aus all dem Gemeinde und Tempel. Auch „Kirche“ versteht sich ja viel mehr als „Zeichen“ auf etwas hin, als sie hier und jetzt sichtbar machen kann. All das ist Konsequenz aus der Einheitserfahrung mit Gott. Es darf sich davon nicht entfernen. Es soll vielmehr die Einheit verkünden und in Symbol und Zeichen darstellen. Wo das nicht mehr geschieht, wo Form und Ritus zur Magie werden, wird Religion zum Hindernis. Auch christliche Mystik kennt selbstverständlich das Göttliche als Gegenüber und zeigt daher immer auch theistische Züge. Wer sich verneigt, eine Kerze anzündet und Weihrauch ansteckt, auch wenn er es nur als Ausdruck des Göttlichen in sich selbst tut, verkündet die Einheit in der Doppelseitigkeit seiner menschlichen Existenz.

[…]

Der Mensch kann in Bezug auf das Göttliche zwei Wahrnehmungsweisen haben, wenn ihm nur klar ist, dass sich dies aus seiner Geschöpflichkeit ergibt, dass diese zwei Wahrnehmungsweisen in Wirklichkeit eins sind und in der Mystik auch als eins erfahren werden.“ [2]

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[1] und [2]: Willigis Jäger, Kontemplation, Gott begegnen – heute, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001, S. 94 f.

Als in uralten Tagen das erste Beben der Sprache meine Lippen erreichte, stieg ich den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Herr ich bin Dein Sklave. Dein verborgener Wille ist mein Gesetz, und ich will Dir ewig gehorchen.“
Aber Gott antwortete nicht und zog wie ein mächtiger Sturm vorüber.

Foto: Stefan Kraus 2010

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Schöpfer, ich bin Deine Schöpfung. Aus Lehm hast Du mich geschaffen, und Dir verdanke ich alles, was ich bin.“
Aber Gott antwortete nicht, sondern zog vorüber wie tausend rasende Schwingen.

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Vater, ich bin Dein Sohn. Aus Erbarmen und Liebe hast Du mir das Leben geschenkt,
und durch Liebe und Ehrfurcht werde ich Dein Königreich erben.“
Aber Gott antwortete nicht und zog wie der Nebel vorüber, der die fernen Hügel verhüllt.

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Mein Gott, mein Ziel und meine Erfüllung. Ich bin Dein Gestern, und Du bist mein Morgen. Ich bin Deine Wurzel im Erdreich, und Du bist meine Blüte im Himmel, und gemeinsam wachsen wir dem Antlitz der Sonne entgegen.“
Daraufhin neigte sich Gott zu mir herab und flüsterte süße Worte in mein Ohr, und wie das Meer einen Bach, der zu ihm herabfließt, umfängt, so umfing er auch mich.
Und als ich in die Täler und Ebenen hinabstieg, war Gott auch dort.

aus: Khalil Gibran, Der Narr, Gott; Anaconda Verlag, Köln 2010, S. 109 f

Gottes großes Hobby: Modellbau

Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die „Modellhaftigkeit“ unserer Kognition bis hin zu Metzingers „Ego-Tunnel“: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch „objektive Wirklichkeit“ nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein „korrigiertes“ Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser „Ich“, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….

Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen „wir wissen“, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein „echtes“ Wissen über die „objektive Wirklichkeit“ außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.

Was damit anfangen?

Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntnis muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche „Wahrheitssuche“ damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?

Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?

Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.

Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches („Objektives“) über eine „objektive Wirklichkeit“ aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?

Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.

Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.

Was kann Gott dann noch sein?

Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die „objektive Wirklichkeit“, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, „Objektives“) sagen, weil wir über die „objektive Wirklichkeit“ nichts Letztliches („Objektives“) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.

Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.

Die Qualia-Rede von Gott

An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort „Gott“ benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort „Rot“ benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von „Rot“ als etwas „objektiv Objektivem“ reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas „objektiv Objektivem“ sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der „Offenbarungen“, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.

Sinn und Wahrheit

Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder „nur“ Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.

Ein Beispiel:

Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das „biologische Sehen“, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein „optisches“ (beschränktes) Modell von „Wirklichkeit“. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.

(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine „Umwandlung“ von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)

Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder „nur“ Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).

Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff „Rot“ verzichtbar wäre, oder man „rot“ künftig auch „blau“ nennen könnte. Die „Qualia Gott“ ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).

Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine „Qualia Gottes“ kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer  (erdachten) „objektiven Wirklichkeit Gott“ außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese „objektive Wirklichkeit“. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‚zwei Gott‘ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott  kann ich eigentlich von „Wahrheiten“ sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.

So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.


Anmerkungen:

1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.

2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.

3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)

4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.

5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)

6. Das Reich Gottes ist in euch.

7. siehe 6.

„Eine Unendliche Einheit. Erfahrbar durch die universelle göttliche Weisheit.
Geliebter. Mein geliebter Schöpfer. Du bist mir immer ganz nah. Mein Geliebter.
Wertvoller als das (körperliche) Leben bist Du mir. Mit meinen (inneren) Augen habe ich Dich erkannt. Du, der mir wertvoller bist, als das (körperliche) Leben.
Mit meinen (inneren) Augen habe ich Dich unermesslich liebenden Schöpfer erfahren. Du, der immerfort bei uns bist. Doch die, die Dich nicht erkennen, können nicht von Dir kosten.
Betäubt von der materiellen Welt, geben sie sich dem alltäglichen Tratsch hin. Und erfahren Dich wegen der oberflächlichen Täuschung nicht.
Nanak sagt, ohne die göttliche Weisheit ist kein Erkennen des uns nahe stehenden Geliebten möglich.“

Guru Granth Sahib (Heilige Schrift der Sikh), Fünfter Guru Arjan

Im Original vereint der Begriff „Schöpfer“ Männliches und Weibliches. Im Deutschen ist eine geschlechtsneutrale Übersetzung nicht ohne weiteres möglich.

„Niemand kann mit letzter Gewissheit sagen, das Gott nur „so“ ist und nicht anders. Er ist formlos und andererseits hat er Formen. Für den Bhakta nimmt er Formen an — für den Jnani ist er ohne Form.

Brahman, absolutes Sein-Bewusstsein-Seligkeit, ist wie ein uferloser Ozean. Im Ozean entstehen bei starker Kälte hier und da Eisschollen. Ähnlich nimmt das Unendliche endliche Formen an, sozusagen unter dem kühlenden Einfuss der Hingabe des Gottesverehrers, und erscheint vor ihm als Göttliche Person. Doch wie beim Aufgehen der Sonne die Eisschollen im Ozean schmilzen, so geht mit dem Erwachen von Jnana die verkörperte Gottesform in das unendliche und formlose Brahman auf. Dann hat der Verehrer nicht mehr das Gefühl dass Gott eine Person ist, noch hat er dann Visionen von Gottes Formen.

Doch vergiss nicht: Form und Formlosigkeit gehören ein und derselben Wirklichkeit an.“

Ramakrishna Paramahamsa (1836-1886, hinduistischer Mystiker)

Wusstest du, dass Gott sich immer mehr aus dieser Welt zurückzieht, weil es ihm dort zu laut geworden ist? Er hat nämlich sehr empfindliche Ohren. Schon wenn ich den Rasenmäher aus dem Schuppen hole, sieht er mich vorwurfsvoll an. „Habe ich dir das Gras nicht schön genug erschaffen, dass du es regelmäßig abschneidest?“.  Oder wenn ich mich in das Auto setze, was selten genug vorkommt, dann seufzt er diplomatisch: „Wozu habe ich dir zwei Füße gegeben? Ist dir mal aufgefallen, dass du langsam ein Bäuchlein ansetzt?“ („Recht hast du, Gott. Aber heute muss ich zwei Sack Zement kaufen.“ „Ach so.“). Über Flugzeuge allerdings braucht man mit ihm gar nicht erst zu diskutieren. Naja, in manchen Dingen ist er halt sehr resolut. Das darf er natürlich auch, er ist schließlich Gott.  Musik mag Gott schon, aber wenn rund um die Uhr das Radio dudelt, dann wird es ihm doch zu viel. So ähnlich ist es auch mit dem Reden. Austausch zwischen Menschen findet er gut. Geschwätzigkeit mag er weniger. Er mag es auch nicht, wenn Menschen brüllen. Klar, früher hat er das auch manchmal gemacht, wenn er sehr wütend war. Aber das hat er vor etwa 2000 Jahren dann doch aufgegeben. Damals hat man ihm sehr weh getan. Seit dem flüstert er nur noch, wenn er jemanden ruft.

Wenn Gott in dieser Welt unterwegs ist, dann gerne in kleinen Dorfkirchen, Moscheen, Synagogen und anderen Häusern, die man extra für ihn gebaut hat, wenn kaum jemand darin und es still ist. Er mag auch Zimmer, wo Menschen verstummen, um zu beten oder zu meditieren. Krypten findet er ganz klasse. Aber das alles sind mehr so eine Art Verstecke, Orte der Flucht für ihn. Denn am liebsten ist er dort, wo der Gesang seiner gefiederten Kinder nicht von Motorenlärm übertönt wird, er das Trappeln von Mäusefüßen im Moos des Waldbodens und das Brummen fliegender Käfer, das Atmen der Rehe und das leise Rauschen der Blätter noch hören kann. Aber solche Orte werden immer seltener. Und deswegen trifft man ihn in dieser Welt auch nicht mehr so oft ganz unvermittelt an.  

Sein Freund Rumi hat vor acht Jahrhunderten mal ein wunderschönes Gedicht geschrieben:

In dieser neuen Liebe stirb.

Dein Weg beginnt auf der anderen Seite.

Werde der Himmel.

Reiß‘ ein die Wände deines Gefängnisses.

Entkomme.

Gehe heraus wie jemand,

der unversehens in die Farben geboren wird.

Tue es jetzt.

Dichte Wolken verhüllen dich.

Gleite heraus.

Stirb, und sei still.

Stille ist das sicherste Zeichen,

dass du gestorben bist.

Dein altes Leben war eine rasende Flucht

vor der Stille.

Der stumme Vollmond

kommt nun hervor.

 

Dieses Sterben verschenkt Gott an jene Menschen, die ihm immer wieder den Gefallen der Stille tun. Es ist wunderschön, dieses Gestorbensein. So schön, dass man betet: Gott, lass mich bloß nicht wieder leben. (Da macht Gott allerdings nicht so richtig mit. Er wird seine Gründe dafür haben, die er aber nicht verrät. Schließlich ist er Gott; da muss er auch ein paar Geheimnisse behalten dürfen, selbst wenn manche Menschen damit nicht einverstanden zu sein scheinen.) Dieses Sterben ist eine Gnade. Eine große Gnade, an der wir mitwirken dürfen, wenn wir wollen. In der Arbeit an einer stilleren Welt. Innen wie außen. Und nicht nur in Zimmern und Gotteshäusern. Sondern auch in Gärten und Wäldern, auf den Straßen und in den Städten, in Büros und am Himmel. Wir müssen dafür gar nicht viel tun. Nur manches einfach lassen. Und plötzlich hören wir ein Flüstern…

Danke, Gott.

Nur der Kopf kennt Freiheit,
das Herz kennt sie nicht.

Nur der Kopf nennt Freiheit,
was des Herzens Schwäche ist.

Wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben, dann durchdringt diese Liebe jede Faser ihrer Körper und ihrer Seelen, beherrscht ihre Gedanken und ihre Gefühle, senkt unbändiges Verlangen und eine tiefe Sehnsucht nach dem Anderen in ihr Herz. Sie haben keine Wahl, keine Freiheit, dieses Verliebtsein und diese Liebe in ihren Herzen an- oder abzuschalten.

Nur gelegentlich scheint die Liebe nicht stark genug, das Herz zu schwach, um sich gegen den manchmal überhand gewinnenden Willen des Egos durchzusetzen. Der Verstand wähnt sich frei, beginnt Ansprüche zu stellen und Ungehaltenheit zuzulassen. Doch nach diesen flüchtigen Momenten, in denen das Ego sich aufbläht und die Liebe zudeckt, kehrt leise der Klang deines Herzschlags zurück, wie ein Trommler, der beharrlich den Rhythmus deines wahren Seins schlägt, wie laut du dich dagegen auch manchmal wehren magst. Dann erkennst du den Schaden, und bereust. Du hast dir selbst eine Wunde zugefügt, indem du dich auflehntest, die Liebe und den Geliebten verleugnetest, Schaden in Kauf nahmst um eines flüchtigen Vorteils willen zugunsten deines Egos. Doch jede Wunde am Anderen ist auch deine Wunde. Denn in der Liebe beginnen sich die Grenzen zwischen Ich und Du und Wir aufzulösen. Nein, eine wirkliche Wahl, eine Freiheit hast du nicht, dich für oder gegen diese Liebe zu entscheiden. Immer, wenn du dich gegen sie entscheidest, wird es auch dir am Ende schlecht gehen.

So ist es auch mit der Liebe Gottes, die in manchen Momenten eines Menschen Herz weit aufreißen kann und sich dauerhaft manifestiert in der Liebe jenes Menschen zu Gott, in seinem unbändigen Verlangen und der tiefen Sehnsucht nach dem Geliebten. Auch, wenn das Herz immer wieder schwach sein wird, das Ego sich aufbläht und die Liebe zudeckt.

Ein von Gott berührtes Herz
wird niemals mehr ein freies sein.

Das ist Dienerschaft Gottes. Nicht aus Zwang, nicht aus religiösem Gesetz oder Gebot, nicht aus freiem Willen. Sondern aus Liebe.

 

 

Du bist der Grund meiner Seele,

Du bist am Grunde meiner Seele,

vielleicht bist Du im Grunde meine Seele.

Dem so, wie im vorangegangenen Artikel beschrieben, Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem.  Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem „unpersönlichen Absoluten“ auch dem persönlichen  (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.

Ein wunderbares Zeichen dafür ist das Visvavajra (tibetisch Dorje, im Bild als Doppeldorje), eines der bedeutungsvollen Zeichen im Osten, in Indien und in Tibet, das für diesen Blog gewählt wurde. Es symbolisiert das Absolute der Existenz, das überall („in allen 4 Himmelsrichtungen“) vorhanden und zu finden ist, auch Shunya, die „Leere“, die höchstmögliche Erkenntnis der menschlichen Wesen, und die Erleuchtung – die höchstmögliche menschliche Entfaltung. Es steht weiterhin für die Vereinigung von Weisheit und Mitgefühl sowie die Verbundenheit des Göttlichen mit dem Irdischen.

Das Visvavajra hat zwar eine besondere Bedeutung für Hindus, Buddhisten, Tibeter u.a., überschreitet jedoch in seiner Bedeutung und seinem Symbolgehalt die Grenzen einzelner Religionen, und wird dementsprechend als Symbol metareligiös verwendet. Unter spirituellen Suchern im Westen ist es auch bekannt als Symbol der Unzerstörbarkeit des spirituellen Wegs – der Suche nach Bewusstheit.

In seiner Kreuzform vereint es zudem das Zeichen des Christentums, in dem das liebende DU des persönlichen Gottes erst möglich wurde, mit der allgemeinen Symbolik der Kreuzesform als Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen (senkrechter Balken) und gleichzeitig der gesamten Schöpfung (horizontaler Balken) sowie mit der Symbolik fernöstlicher Religionen.

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