Zweifelsohne ist der „Hintergrund“ mystischer Erfahrung in allen Religionen und spirituellen Kontexten nicht verschieden, sondern der oder das Eine. Dennoch unterscheiden sich die mystischen Wege, Motivationen und Ziele der Kulturen – wenn auch manchmal nur subtil.

Was nun die christliche Mystik (oder ein mystisches Christsein) in der heutigen und künftigen Zeit anbelangt, könnte man auf die Idee kommen, dass es gar nicht die außerordentlichen „großen“ mystischen Erfahrungen sind, die den Kern christlicher Mystik ausmachen, sondern eine Lebenshaltung und Lebensführung in und aus einer christlich-mystischen Perspektive. Es bedarf vermutlich gar nicht der „großen“ mystischen Erfahrungen, um die umkehrende, transformierende Blickweise eines Mystikers zu gewinnen. Die auch „unterhalb“ der außerordentlichen mystischen Erfahrungen grundsätzlich jedem mögliche subtile Wahrnehmung der Einheit hinter allem – z.B. in der Erfahrung der Liebe – genügt vermutlich, um als ein mystischer Christ zu erkennen, dass

Christus der auf transpersonaler Ebene mit allen Menschen, allen Wesen und der gesamten Schöpfung in Gott vereinte Mensch

ist. Menschensohn und Gottessohn. Ein Christus, der lebendig ist, wenn er gelebt wird. Hier und jetzt, im kontemplativen Gebet der Stille wie im lärmenden Alltag, in aller Lebensfreude in Fülle und im umfangenen Schmerz, in Stärke und Schwäche, durch Jede und Jeden, der sich auf diese Weise Geist, Verstand und Herz öffnend auf den Weg einer Nachfolge begibt.

Vielleicht ist für die meisten Menschen der Wunsch nach einer außerordentlichen mystischen Erfahrung sogar eher hinderlich, um bereits jetzt dem eigenen Selbst und damit der echten Gemeinschaft mit allen Wesen und der Schöpfung nahe zu kommen. Weil der Wunsch etwas Künftiges und Einmaliges betrifft, eine Haltung des Wartens und Erwartens begründet, obwohl doch die Einheit mit Gott und seiner Schöpfung bereits gegenwärtig und all-gegenwärtig ist, nur wahrgenommen zu werden braucht, mit den Mitteln, die wir bereits haben.

Kann also sein, dass ein Spezifikum christlicher Mystik (oder eines mystischen Christseins) in der heutigen und künftigen Zeit darin liegt oder liegen wird, dass das Feld der Mystik nicht mehr allein den Mystikern überlassen wird. Oder anders: Dass das lebensprägende Bewusstsein der Mystik nicht mehr von außerordentlichen Erfahrungen geprägt wird, sondern von einer Änderung der Blickrichtung (Metanoia).