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Foto: Stefan Kraus 2016

Herr, mein Herz ist nicht stolz, nicht hochmütig blicken meine Augen.
Ich gehe nicht um mit Dingen, die mir zu wunderbar und zu hoch sind.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still;
wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.

Harre auf den Herrn von nun an bis in Ewigkeit!

Psalm 131, Der Frieden in Gott

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Wenn die Frage nach Gott kein Ende findet, ist sie dann vielleicht sich selbst bereits Antwort?

„Jesus: Was heilig ist, das gebt nicht den Hunden, damit sie es nicht in den Dreck ziehen! Werft keine Perlen vor die Schweine, die nichts daraus machen!“
EvTh 93

Menschen, die nichts, oder nicht viel von Gott verstehen, respektive nicht an Gott glauben, neigen manchmal – bewusst oder unbewusst – zu der Ansicht, gläubige, religiöse und/oder spirituelle Menschen müssten doch per se bessere, „heilige“, völlig selbst- und fehlerlose Personen ohne eigene Bedürfnisse, ohne Grenzen und Abgrenzungen, ohne Schwachstellen sein. Selbst wenn ihnen ihr Verstand sagt, dass dies natürlich nicht so ist, entstehen dennoch im Erfahren menschlicher Realitäten, auch mit all ihren aufbrechenden Abgründen, gegenüber Gottsuchern und Gottnahen Vorurteile und Verurteilungen.

Wenn ihnen nicht zutiefst klar ist, dass auch der gläubige Mensch, genauso wie sie selbst, um psychische Integrität, um Ethik und Moral, um soziale Gesundheit und ein „anständiges Leben“ ringen und kämpfen müssen, entsteht schnell ein Graben zwischen ihnen und den „Anderen“, den Gläubigen, den Gottsuchern und Gottnahen. Wie leicht drängt sich der Vorwurf der Heuchelei auf, wenn der „doch angeblich an Gott angebundene Mensch“ vor sich selbst oder vor anderen scheitert, nicht gesund ist, oder auf seinen Grenzen besteht, die ihm einen Raum der Heilung gewähren sollen.[1]

„Du bist bereits ein Kind Gottes und mit allem ausgestattet, was du brauchst, um mit dem Göttlichen mitzuschwingen. Das bedeutet keineswegs,dass du moralisch oder psychisch vollkommen bist. Ganz und gar nicht.“

Richard Rohr: Pure Präsenz – Sehen lernen wie die Mystiker; Claudius Verlag München 2010/2012, S. 122

Insbesondere zwischen Menschen, die sich nahe sind, kann ein solcher Graben ein – manchmal gewaltiges – Problem darstellen. Schließlich ist für den Gläubigen sein Glaube mehr als nur eine Zutat zum Leben, die man auch weglassen könnte. Seine Gottanbindung ist seine existenziell erlebte Rückbindung (Religio), und der „rote Faden“ seines Lebens.

„Sie [Spiritualität, d.V.] bindet an und befähigt zur Verbindlichkeit, im Unterschied zur Beliebigkeit. Spiritualität ist also mehr als Bewusstseinserweiterung. Was aber macht dieses ›Mehr‹ aus? Spiritualität ist Erfahrung und hat mit dem zu tun, was die Sprachen der monotheistischen Religionen als Gott bezeichnen: Gott ist hier nicht der Name für ein überirdisches, fernes Wesen, sondern für das absolut unfassbare Ganze mit der ihm innewohnenden Dynamik. (…) Mystik fasziniert und lässt erschaudern. Sie verweist auf die Grenze des überhaupt Erfahrbaren, auf jenen heiligen Ort, wo Gott nicht mehr nur mittelbar, sondern unmittelbar (…) erfahren wird. Ohne Anschluss an diese innere Erfahrung besteht in der menschlichen Seele eine existenzielle Not.“[2]

Monika Renz: Der Mystiker aus Nazaret; Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau 2013/2014, S. 37 f.

Unterschiedlicher Meinung (oder unterschiedlichen Glaubens) zu sein ist dabei nicht das Problem. Jedenfalls sollte es das nicht sein. Die Schwierigkeit besteht vielmehr in nicht erfüllten Erwartungen – und manchmal auch in Eifersucht (auf Gott oder den Glauben). Und sie wird sich irgendwann Bahn brechen.

„Alles, was du sagst, kann und wird gegen dich verwendet werden.“

Erfahrung der Männer aus Diskussionen mit Frauen

Was also kann getan werden, um diesen Graben zu überbrücken oder ihn gar nicht erst aufbrechen zu lassen? Sollte man besser schweigen, die „Perlen“ seiner Innerlichkeit, das, was einem heilig ist, nicht zeigen und teilen, um nicht am Ende „zerrissen“ zu werden?

„Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.“

Mt 7,6

Es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass Jesu Ratschlag in diesem Zitat selbstverständlich nicht bedeutet, seinen Glauben, seine Religiösität und Spiritualität zu verleugnen, oder sich nicht zu bekennen, wenn es darauf ankommt. Und es ist schwer vorstellbar, dass er, der Geradeaus-Mensch, ein Taktieren, eine vermeintliche Weisheit, im Sinn gehabt hat.

Jesu ganzes Leben und Wirken scheint im Widerspruch zu dieser seiner eigenen Aussage zu stehen. War es vielleicht Fürsorge um seine Anhänger, die er sich selbst nicht zugestand? Oder eine momentane Hilflosigkeit im Zorn angesichts einer aussichtslosen Diskussion? [3] Daran darf man wohl zu Recht zweifeln.

„Geduld, wenn mich falsche Zungen stechen.“

J.S. Bach, Matthäus-Passion

Noch problematischer wird es, wenn man selbst meint, man müsse doch aufgrund seiner Gottanbindung automatisch ein besserer Mensch sein. Denn dann versteht man sich selbst nicht richtig, kann sich schon von daher nicht selbst wirklich verzeihen – und damit auch nicht anderen. Man „sticht sich selbst mit falschen Zungen“, belügt sich selbst, – und damit auch andere.

Mensch sein: Das bedeutet immer auch Geduld zu haben, sich immer wieder auf’s Neue um Geduld zu bemühen; um Geduld mit anderen, und mit sich selbst. Geduld und Gnade gehören in gewisser Weise zusammen. Gnade ist ein geschenkhaftes Zuwenden, um das wir bitten, auf das wir hoffen dürfen. Geduldig. Duldend. Vielleicht auch erduldend.

_________________
[1] Der Unterschied zwischen Heuchelei – die Jesus selbst oft genug beschimpft – und menschlicher Schwäche oder menschlichem Scheitern liegt eben darin, dass die Heuchelei methodisch zur Vorteils- oder Ansehenserlangung erfolgt.

[2] Diese existenzielle Not wird indes oft erst bewusst, wenn die Erfahrung gemacht wurde. Die „Leerstelle“ (Begriff: Renz, a.a.O.) im Menschen arbeitet bis dahin meist verborgen, im Untergrund des Unbewussten.

[3] Im Kapitel 7 des Matthäus-Evangeliums scheint Jesus ja desöfteren ziemlich wütend zu sein.

Ich wünsche dir, wie ein die Stille liebkosender Hirte sein zu können, der wachend über das ihm anvertraute Leben im leisen Rauschen des nächtlichen Windes den Gesang von Engeln und das Flüstern von Boten der Gnade zu vernehmen vermag.

Ich wünsche dir, wie ein seine Schätze verschenkender Weiser aus einem unbekannten Land der Seele sein zu können, der staunend in den leuchtenden Sternen des sich weitenden Alls den Weg zur Geburt des Göttlichen in der Welt zu finden vermag.

Ich wünsche dir, wie eine die Jungfräulichkeit ihres Herzens bewahrt habende Frau sein zu können, wie ein durch liebende Treue die seelentötende Härte gesellschaftlicher Erwartungen brechender Mann, die das wärmende Geschenk der Menschwerdung an eine erkaltende Welt anzunehmen und zu behüten vermögen.

Ich wünsche dir, wie unsere nichtmenschlichen Brüder und Schwestern sein zu können, die in den Momenten ihres Einfach-nur-Daseins, ohne Tun und Haben, ohne Wissen und Denken, umfangen sind von Frieden und Freiheit göttlicher Nähe.

 

Paul Gaugin Geburt Christi (Ausschnitt)

 

Ich wünsche dir, ein Mensch sein zu können, der in der Geistesenge und Gefühlsarmut einer berechnenden, Leistung, Stärke und Selbstbehauptung einfordernden, Visionen vernichtenden „Wirklichkeit“, in welcher Schutz und Geborgenheit Suchende offenen und verletzbaren Herzens nur im Verborgenen und ansonsten keinen Platz finden, an die Wahrheit eines Traumes zu glauben, an die Wahrheit einer Hoffnung, an die Wahrheit einer bedingungslosen Angenommenheit, an die Wahrheit einer lebendigen, friedvollen Weite, an die Wahrheit eines und deines Herzens und seiner Schönheit,

an die Wahrheit,
dass allein in dem, was aus der Liebe erwächst,
Gott sich an die Welt verschenkt,

an die Wahrheit,
dass allein in der Liebe Gott Mensch
und der Mensch menschlich wird.

 

Paul Gaugin Geburt Christi

Paul Gaugin: Geburt Christi

 

Ich bin Mystiker,
und kein Fürwahrhalter.

Mein Glaube ist vor allem ein Vertrauen
in die erfahrbare liebende Mitte des Menschen,
die ich Gott im Menschen nenne,

und die Vision einer zärtlicheren Welt.

 

(Notizbucheintrag)

 

 

Vielleicht erreiche ich Gott nie wirklich, und Gott nie wirklich mich , weil ich nicht bereit bin, mir einzugestehen, dass alle meine Motive, in denen ich Gottes Wirken zu vernehmen meine, meine Motive Gutes zu tun, meine Motive zu beten, meine Motive zu meditieren, meine Motive zu vezeihen, meine Motive zu lieben, ja, dass alle meine heiligen Motive nichts als eine einzige große Lüge sind. Vielleicht muss ich erst erkennen, dass der wahre Antrieb hinter meinen Motiven eben nicht mit meinen Motiven übereinstimmt. Vielleicht muss ich erst zutiefst erschrecken, daran scheitern, ja regelrecht zerbrechen an dem Anblick des von meinen Motiven entkleideten, nackten Antriebes, der letztlich nur ich selbst bin, mein Lebens- und Überlebenswille, und der mir selbst und meinem Dasein zumindest einen kleinen Rest an Wert beimessen und um jeden Preis erhalten will, der aber doch kein Wert ist, sondern nur ein Bild eines Wertes, geformt in den Augen anderer und so meiner selbst. Vielleicht muss ich diesen letzten „Wert“, den ich mir selbst beimessen zu dürfen glaubte, fallen lassen, bis ich wirklich am tiefsten Grunde meiner Seele erschütternd arm bin, arm vor Gott, und arm an Gott, Gott verlassend und gottverlassen.

Vielleicht muss ich erst einmal fallen, diesmal ohne Netz, und bodenlos, damit Gott, so er will, mich auffangen und halten kann.

Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter meinem Dach. Kein „aber“. Tu, was du willst.

© Stefan

 

 

 

Als Kind

kennst du

die Hoffnung

noch nicht.

 

 

Als alter Mensch

kennst du

die Hoffnung

oft nicht mehr.

 

 

Was liegt für dich dazwischen?

 

Gott liebt dich.

Jeden Tag.

Mein lieber Freund,

heute ist Sonntag. Ein Sonntag im November. Den Morgenspaziergang, bei dem du mich früher immer begleitet hast, habe ich über den Friedhof gemacht. Die Feuchtigkeit des Nachtfrostes stieg in der sanften Wärme der noch tief stehenden Morgensonne über den Gräbern als kleine Wölkchen auf. So, als wollten die Seelen aus den unterkühlten Gräbern in den blauen Himmel diffundieren. Das ist ein schweres Wort. Habe ich erstmal nachgucken müssen, wie man das schreibt.

Drei Jahre bist du nun schon tot. Noch immer vermisse ich dich wahnsinnig. Manchmal weine ich sogar etwas. Dein Grab ist nicht auf dem Friedhof. Das hätten die auch nicht zugelassen. Was aber gut ist, weil du mir so näher bist. Du liegst an deinem Lieblingsplatz, mitten zwischen den Blumen in meinem Garten. Oft stehe ich dort an deinem Kreuz mit der weißen Rose davor, und denke:

Wenn es einen Grund gibt, warum es einen Himmel geben muss, dann bist du dieser Grund.

Ich weiß noch, du mochtest nie gerne schwimmen. Aber wenn ich ins Meer hinaus geschwommen bin, dann hast du nicht gezögert, mir hinterher zu schwimmen, bis du mich erreicht hast. Dann musste ich dich immer in meine Arme nehmen und zurücktragen an das sichere Ufer. Nun bist du hinausgeschwommen, alleine, in die dunkle Ungewissheit, und ich stehe noch immer hier, auf der anderen Seite. Manchmal kommt mir das gemein vor von mir, als hätte ich dich im Stich gelassen. Dann stelle ich mir vor, wie du glücklich über grüne Wiesen tollst, da oben, mit deinem zerkauten Stöckchen im Maul, das in Wirklichkeit aber, hier unten, noch immer über deinem Körbchen hängt. Nein, wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht wirklich daran glauben. Und wieder denke ich:

Wenn es einen Grund gibt, warum es einen Himmel geben muss, dann bist du dieser Grund.

Einmal habe ich Gott gefragt: „Du, Gott, sag mal, hast du auch einen Himmel gemacht, so mit grünen Wiesen und so?“ Aber er hat nur geantwortet:

„Werde still, und lass es den Wind sagen.“

Heute ist Sonntag. Ein Sonntag im November. Ein windstiller Sonntag im November.

Eine Taube sitzt auf einem weißen Birkenast und wärmt sich in der herbstlichen Vormittagssonne. Rowdy liegt im Vorgarten, ein paar Häuser weiter. Weißt du noch, wie er dir mal ein Loch ins Ohr gebissen hat? Er ist alt geworden, ganz grau im Gesicht. Sicher wird er bald zu dir kommen. Versprich mit bitte eines: Markier‘ dann nicht dein Revier. Das würde ihn sicher wütend machen. Und Gott auch. Oder hast du schon mal gehört, dass Putzlappen auch in den Himmel kommen? Naja, für dich würde ich sogar mit meinen nagelneuen, schneeweißen Engelsflügeln die Wolken wieder blitzblank polieren, wenn es dann soweit ist, dass auch meine Seele diffundiert. Falls es denn einen Himmel gibt.

Aber wenn es einen Grund gibt, warum es einen Himmel geben muss, dann bist du es.

Bis bald.
Dein Freund.

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