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Vielleicht bedurfte es eines Blicks in einen Seelenspiegel, um zu erahnen, dass die vielen Adaptionen gewachsener Religionen in ein sich weitendes Bewusstsein möglicherweise nur Versuche sind, mit Hilfe bemühter Konstrukte nicht den verbliebenen Rest von Beheimatung zu verlieren…

 

 

Sind nicht die Kernerfahrungen der großen Religionen nur Facetten erster vorsichtiger Erkenntnis der einen Wirklichkeit, die alles umfasst, innen wie außen, Geist wie Materie, Leere wie Form, Leben im Kosmos wie davor und danach? Zeichnet sich nicht längst ab, dass auch die Naturwissenschaften trotz ihrer zunehmenden Diversifizierung „im gleichen Ozean tauchen“?

Die Vielfältigkeit in allen Bereichen des Daseins und Werdens lässt sich nicht leugnen, und sie hat ihre wichtige Bedeutung. Doch sie trennt nicht länger, wenn sie begriffen wird als das, was sie ist: Facetten eines Kristalls.

Letztlich ist auch die zunehmend beobachtbare Regression in der Welt, ob politisch, sozial oder religiös, nichts weiter als ein Anklammern an Resten von scheinbar Sicherheit bietender Beheimatung angesichts der aufdämmernden Erkenntnis, dass hinter der Vielfalt allen Phänomenologischens etwas Einendes sichtbar wird, dass über das Phänomenologische hinausweist. Wir als Menschen sind wohl noch zu klein und zu jung in diesem Kosmos, um mit diesem scheinbaren Paradoxon umgehen zu können. So bewegen wir uns lieber als Fremde in der eigenen Familie und als Ortsunkundige in der eigenen Heimat.

Beginnen wir doch damit, Mut zu sammeln.

 

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Mystizismus statt Mystik.
Mythos statt Wissenschaft.
Magie statt Vernunft.

In den vergangenen zweitausend Jahren Kirchengeschichte hat man kein Christentum entwickelt, sondern ein Jesustum erschaffen. Man hat einen Menschen vergottet, statt Gott im Menschen zu erkennen.

Wir scheinen einen Hang dazu zu haben, das Göttliche von uns abzutrennen. Verstehen wir wirklich nicht, was es bedeutet, „mit dem heiligen Geist getauft“ zu sein (Mk 1,8; Apg 19,2 ff.)? Wo ist denn dieser „heilige Geist“, wenn nicht in uns? Warum suchen wir immer noch das Reich Gottes „da draußen“? „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch [in euch].“ sagte der Mann aus Nazareth (Lk 17,20-21). Warum wohl nannte Jesus von Nazareth die Entdecker des Göttlichen seine Brüder und Schwestern (vgl. Mt 12,50 od. Mk 3,35)? „Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Mk 1,11). Der Sohn und seine Brüder und Schwestern haben den gleichen Vater – „Vater unser“.

Warum tun wir uns so schwer damit, das ernst zu nehmen?

Jahrzehnte war ich nicht anders. Bis mystische Erfahrungen mir nach und nach meinen alten Glauben zerschlugen. Resigniert hatte ich irgendwann aufgehört, mich einen Christ zu nennen. Aber was ist ein Christ? Im „Jesustum“ ist irgendwie alles da und festgefügt; selbst der „Menschensohn“ (der „kosmische Christus“) wird nicht kommen (vgl. Lk 17,22 ff.), sondern ist ein für allemal zur „Rechten Gottes“ hingesetzt und darf sich nicht mehr rühren, als hätte ein Kind seinen Teddybären neben sich platziert. Gegenüber dem „Gott Jesus“ muss der Mensch letztlich immer ein Versager bleiben. Wie soll da jemals das Göttliche im Menschen erwachen können? Ein Christ jedoch sollte jemand sein, der unterwegs ist, ein „Anhänger des neuen Weges“ (Apg 9,2). Ich möchte zu den mir vertrauten Bildern und Begriffen zurückzukehren dürfen.

Heute bin ich davon überzeugt, dass die Erkenntnis der Mystik keiner mystischen Erfahrung (i.e.S.) bedarf. Das Göttliche lässt sich auf vielen Wegen erkennen. Manchmal denke ich, dass (auf ontologischer Ebene) Astro- und Quantenphysiker heute besser daran arbeiten als Dogmatiker, und (auf Herzensebene) die erotische Liebe mehr über göttliche Beziehung aussagt als das Priestertum.

In den vergangenen zweitausend Jahren Kirchengeschichte hat man kein Christentum entwickelt, sondern ein Jesustum erschaffen. Man hat einen Menschen vergottet, statt Gott im Menschen zu erkennen.

Mal ehrlich: Das hatte seine Zeit. Nun sind wir im 21. Jahrhundert angekommen. Wenn wir jetzt mit Mystizismus, Mythos und Magie so fortfahren, machen wir das Göttliche ganz schön klein. So wie der erste Mensch auf diesem „Christusweg“, Jesus von Nazareth, sollten auch wir aus der Enge heraustreten, und beginnen, weit zu denken.

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Zugehörige Beiträge:
Homo incurvatus in se
Prospektive Evaluation
Sein Leben war das eines Menschen
Wärme in der Nähe des Scheiterhaufens
Christliche Mystik – Eine Skizze

„Mir war offensichtlich nicht so klar, dass das Bewusstsein nie konkret-punktuell auf einer Stufe zu finden ist, sondern immer auch gleichzeitig nach vorne (oben) und zurück (unten) greift. Die Stufe der Bewusstseinsentwicklung ist also mehr ein statistischer Ort, und seine Bestimmung (Lokalisation) mehr eine Wahrscheinlichkeitsannahme.“

„Wenn die transistente Verdichtung ihre Schwerpunkteigenschaft verliert und zu einem persistenten Fundament für neue Aufweitungen wird, ist es an der Zeit, nicht länger an vertrauten Begriffen und Konzepten festzuhalten, sondern – so schwer es auch fallen mag – entschlossen den nächsten Schritt zu wagen.“

(Notizen aus meinem Tagebuch)

*

Baumringe

„Das Nichtvorhandensein einer Advaita-Erfahrung (Sanskrit: advaita = Nicht-Dualität) – obwohl sie der Schlüssel für eine philosophische Anschauung der Trinität ist – hat dazu geführt, dass das Christentum sich von einem panischen Schrecken vor dem so genannten Pantheismus erfassen ließ. Wer den Monismus meiden will, gerät in die Gefahr des Dualismus: Gott und die Welt trennen sich radikal, wodurch der transzendente Gott immer überflüssiger wird, da er sich in einen Himmel zurückgezogen hat, der nicht mehr der astronomische ist, sondern ein Konzept. Der Schöpfer ruhte nicht nur am siebenten Tag, sondern zog sich, wie es den Anschein hat, in sein Reich zurück und ließ von der Schöpfung ab, da er ja einen evolutionistischen Superautomatismus angeregt hatte.

Der Mensch ist Gemeinschaftswesen; aber die menschliche Gemeinschaft ist auch kosmisch. Der Mensch ist integrierter und sogar konstituierender Bestandteil des Kosmos. Die Natur ist einer der Orte, wo der normale Mensch mit dem göttlichen Mysterium tiefer in Berührung kommen kann. Unser Kontakt mit der Natur ist nicht vorrangig begrifflich, sondern lebensnah, was die Anteilnahme unseres Intellekts an der Erfahrung der Natur nicht ausschließt.

Die Welt ist der Leib Gottes, nicht in cartesianischer Trennung, sondern in positiver Symbiose, wo die Differenzen nicht beseitigt werden, aber die Trennung überwunden wird.

Die „Schöpfung“ ist nicht vom „Schöpfer“ getrennt. Wenn der Schöpfer für einen Augenblick von der Schöpfung abließe, würde die Schöpfung ins Nichts zurücksinken, wo sie hergekommen ist. Im Rahmen der Kausalität kann der Intellekt sich bis auf Gott zurückführen, aber der Mensch ist nicht reiner Intellekt, und seine Verbindung mit Gott ist unmittelbar und bedarf nicht der Vermittlung des Verstandes – obgleich dieser den rationalen Weg bahnen kann.“

Raimon Panikkar

Quelle: Visionen, „Die Einheit von Gott, Mensch und Welt“

 
Wann gelingt es uns, damit aufzuhören, Gott nach unserem Bilde zu erschaffen, und zuzulassen, dass Gott uns nach seinem Bilde erschafft (Gen 1,27)?

Wann gelingt es uns, Gott nicht länger als ein Ding, als ein Etwas anzusehen, und damit zu beginnen, Gott als das in der „Schöpfung“ prozesshafte, von einer gesonderten Eigenexistenz leere Sein, Gott wesentlich als Beziehung, zu erkennen, deren Wirkkraft und Verdichtung menschliche Begriffe Liebe nennen?
 
 

„Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“
Römer 11,36

 

 

 

„Science and Spirituality:

They are two different
windows to look at reality.

They complement rather
than oppose each other.“

Trịnh Xuân Thuận

 

Buchempfehlung: „Quantum und Lotus“ von Trịnh Xuân Thuận und Matthieu Ricard, Goldmann, München 2001/2008

„Wie finden Sie das? Ist das verrückt? Sind die Mystiker und Weisen Verrückte? Weil sie immer nur Varianten derselben Geschichte erzählen, nicht wahr? Der Geschichte, daß man eines Morgens aufwacht und entdeckt, daß man eins ist mit dem Allganzen, und zwar in einer zeitlosen, ewigen und unendlichen Weise?

Ja, vielleicht sind sie verrückt, diese göttlichen Narren. Vielleicht sind sie raunende Idioten im Angesicht des Abgrunds. Vielleicht brauchen sie einen netten, verständnisvollen Therapeuten. Ja, das würde ihnen bestimmt guttun.

Aber dann, frage ich mich. Vielleicht verläuft die Evolution ja wirklich von der Materie über den Körper, den Geist und die Seele zum GEIST auf jeweils einander transzendierenden und einschließenden Stufen, die jeweils mehr Tiefe, ein größeres Bewußtsein und eine größere Umfassendheit mit sich bringen. Und vielleicht, es könnte doch sein, rührt in den höchsten Regionen der Evolution das Bewußtsein eines Menschen tatsächlich an das Unendliche, in einem vollkommenen Umschließen des ganzen Kósmos, in einem kosmischen Bewußtsein, das das Erwachen des GEISTES zu seiner eigenen wahren Natur ist.

Dies ist zumindest plausibel. Und sagen Sie mir: Ist dieses Lied, das Mystiker und Weise in der ganzen Welt singen, verrückter als das Lied des wissenschaftlichen Materialismus, demzufolge der ganze Weltengang frei nach Shakespeares Hamlet eine Geschichte ist, »die ein Wahnsinniger erzählt, voller Schall und Rauch, die nicht das geringste bedeutet«? Hören Sie doch einmal genau hin: Welches dieser beiden Lieder klingt denn nun wirklich total verrückt?

Ich will Ihnen sagen, was ich glaube. Für mich sind die Weisen die wachsende Spitze des geheimen Impulses der Evolution. Für mich sind sie die Speerspitze des Drangs zur Selbsttranszendenz, die immer über dasjenige hinausgeht, was vorher war. Ich glaube, daß sie nichts anderes als den Drang des Kósmos zu mehr Tiefe und einer Erweiterung des Bewußtseins verkörpern. Ich glaube, daß sie auf einem Lichtsstrahl sitzen, der der Begegnung mit Gott entgegeneilt.

Ich glaube, daß sie auf dieselbe Tiefe in Ihnen, in mir und in uns allen verweisen. Ich glaube, daß sie in Verbindung mit dem Weltall stehen, daß der Kósmos durch ihre Stimme singt, der GEIST aus ihren Augen leuchtet. Ich glaube, daß sie uns das Antlitz des Morgen enthüllen, daß sie uns die Augen für das Innerste unseres eigenen Schicksals öffnen, das sich schon jetzt in der Zeitlosigkeit des gegenwärtigen Augenblicks vollzieht, und in dieser aufregenden Erkenntnis wird die Stimme des Weisen zu deiner Stimme, das Auge des Weisen zu deinem Auge; du redest mit Engelszungen und bist vom Feuer der Erkenntnis entzündet, die niemals anfängt und niemals aufhört. Du erkennst dein eigenes wahres Antlitz im Spiegel des Kósmos selbst: Deine Identität ist wahrhaftig das Weltall, und du bist nicht mehr Teil dieses Stroms, du bist dieser Strom in einem Weltall, das sich nicht um dich, sondern in dir entfaltet. Die Sterne leuchten nicht mehr irgendwo dort draußen, sondern hier im Inneren. Supernovae flammen in deinem Herzen auf, und die Sonne scheint in deinem Gewahrsein. Weil du alles transzendierst, schließt du alles in dir ein. Es gibt hier kein endgültiges Ganzes mehr, nur einen endlosen Prozeß, und du bist die Öffnung, die Lichtung oder die reine Leerheit, in der sich der ganze Prozeß entfaltet – endlos, wunderbar, unaufhörlich, leicht.

Das ganze Spiel ist ausgelöscht, dieser Alptraum der Evolution, und du bist genau da, wo du vor Beginn dieser ganzen Show warst. Im Schock der plötzlichen Erkenntnis des ganz Offensichtlichen siehst du dein eigenes ursprüngliches Antlitz, das Antlitz, das du vor dem Urknall hattest, das Antlitz der äußersten Leerheit, die als die ganze Schöpfung lächelt und als der ganze Kósmos singt – und all dies ist in diesem Urerkennen ausgelöscht, und es bleibt nichts zurück als das Lächeln und die Spiegelung des Mondes auf einem stillen Teich, tief in einer kristallklaren Nacht.“

Ken Wilber, Eine kurze Geschichte des Kosmos, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997/2011, S. 68 f.

***

Bei aller Kritik, die man vielleicht in einzelnen Punkten an Ken Wilbers Denken und Werk vorbringen mag, scheint mir seine Integrale Theorie die plausibelste und brauchbarste philosophische „Theorie von Allem“ der heutigen Zeit zu sein. Jedem, der „an allem“ interessiert ist, an Naturwissenschaft wie an Geisteswissenschaft, an Kunst, Philosophie, Religion und Philosophie, an der Entwicklung und Evolution seiner eigenen Person, seines eigenen Lebens, der Welt und seiner Bewohner, und schließlich an der Suche nach dem Einigenden all dessen, empfehle ich ohne Einschränkung, sein wichtigstes Werk »Eros, Kósmos, Logos« zu lesen, und alternativ – oder am besten zusätzlich – die leicht verständliche Zusammenfassung »Eine kurze Geschichte des Kosmos«.

„Wenn Sie nun vom Selbst sprechen, ist damit das gemeint, was mit dem ,Grund‘ verbunden ist?“

„Überlegen Sie sich mal, was Sie da zum Ausdruck bringen! Welche Art von Antwort erwarten Sie auf diese Frage? Die Antwort, die ich Ihnen geben könnte, wäre ja nur eine, die praktisch in der Sprache ausgedrückt wäre, die gar nicht dazu fähig ist, das zu tun. Das wäre das Gleiche, wie wenn Sie mich zum Beispiel als Farbenblinden fragen, wie sehen Sie das Rot? Da sehen Sie die Unmöglichkeit der Frage. Sie macht in diesem Kontext überhaupt keinen Sinn. Weil nämlich in diesem Fall die Voraussetzung der Farbe gar nicht gegeben ist. Das heißt, ich versuche eine Auskunft in einer Sprache, die dem nicht angemessen ist, was gefragt ist. Wenn die Wirklichkeit etwas ist, das keine spezielle Form hat, sondern die Form selbst ist, wie soll ich dann antworten ,es ist‘? Man muss die Sache einfach umdrehen, muss sie schlicht und einfach umdrehen, und dann wird es ja ganz einfach. Man muss umgekehrt fragen: Wie kann es sein, dass das, was überhaupt keinen Namen hat, sich uns erfahrbar macht, so als ob es verschiedene Namen trüge? Dass es in einer Form auftritt – auch ich als Individuum für eine gewisse Zeit lang -, so dass ich sagen kann: ich lebe.“

„Ich wiederhole noch einmal die Frage, wie Sie sie für sinnvoll halten: Wie kann es sein, dass das, was keinen Namen hat, sich uns in einer Art und Weise zeigt, dass wir doch darüber reden?“

„Genau das ist es.“

„Wie es sein kann? Aber ich kann doch nicht stellvertretend von dem ausgehen, das keinen Namen hat, und fragen, wie es dies oder jenes macht. Ich kann nur sagen: ich habe Erlebnisse, die sich mir so darstellen, dass ich gleichzeitig dabei erlebe, du hast dafür gar keinen Namen, du hast aber dennoch das Erlebnis. So ist das Erlebnis zunächst.“

„Nur so ist es. Aber das heißt, Sie werden nie hinter das kommen, was keinen Namen hat. Sie können nur in gewisser Weise beschreiben, wie es in bestimmten Situationen dazu kommen kann, dass man Formen davon wahrnehmen kann, die sich dann in der in einem bestimmten System gängigen Sprache ausdrücken lassen.“

 
Hans-Peter Dürr, Marianne Oesterreicher: Wir erleben mehr als wir begreifen – Quantenphysik und Lebensfragen, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2007/2013, S. 104f.

Während eines Spaziergangs durch die sonnendurchfluteten Wiesen und Felder seiner Heimat dachte der Komponist nach:

»Ist das nicht erstaunlich? Wenn ich eine neue Sinfonie komponiere, ist das doch eigentlich etwas völlig Immaterielles. Ich „höre“ innerlich eine Musik, ganz ohne dass außerhalb von mir ein Klang wäre, ohne dass sich Luft zu Schallwellen verdichtet. Sicherlich, in meinem Gehirn sind materielle Prozesse mit dem innerlichen Hören verbunden, aber das ist ja nicht das, was die Musik an sich ausmacht; sie selbst ist immateriell. Dann erst folgt eine erste Materialisierung, wenn ich Notenpapier und Schreibstift nehme, die Musik aufschreibe. Ich gebe ihr eine „Form“, die wiederum geistig ist: eine Schrift, die die Leser, die ausführenden Musiker, wieder dechiffrieren müssen, um sie erneut zu materialisieren, auf dem Instrument in Klänge umzusetzen, zusammen mit anderen Musikern, unter Leitung eines Dirigenten, – lauter geistige Prozesse, die meine immaterielle Musik materialisieren, damit sie in den Musikern und im Dirigenten gleich wieder immateriell wird als die eigentlich Musik. Die Mikrofone nehmen sie im Studio auf, Computer digitalisieren sie in Einsen und Nullen – was eigentlich wieder eine Verschlüsselung mit Hilfe geistiger Prozesse ist. Geräte brennen sie auf CDs, sie werden in Läden transportiert, von Menschen gekauft, und in andere Geräte gelegt, die dieses so hübsch silberfarbene Verschlüsselungsmedium wieder in vielen materiellen, physikalischen Prozessen entschlüsseln und durch weitere Geräte in Klänge, also in verdichtete Luft umsetzen. Weitere materielle Vorgänge, die beim Hören geschehen, in den Gehörgängen, Nervenbahnen und Gehirnen der Hörer bringen dann ganz am Ende wieder ein rein Geistiges, Immaterielles hervor: Das, was ganz am Anfang in mir entstand – meine Musik. Ist das nicht eigentlich erstaunlich? All die Schritte dazwischen: Nie sind sie wirklich meine Musik! Immer nur dann, wenn meine Musik im physikalischen Sinne bereits verklungen ist, die Gehirne hörender Menschen ihre Verarbeitungsprozesse vorgenommen haben, ist meine Musik wieder da! Was am Anfang immateriell ist, nutzt Materie, um am Ende wieder immateriell zu sein! Wenn ich bedenke, dass wir Menschen eigentlich auf das „Be-Greifen“ ausgelegt sind, mit unseren Händen, unseren Sinnen, unserem Denken, unseren Vorstellungen: Ein Nicht-greif-bares, also eigentlich ein „Nichts“, wird in vielen Prozessen immer wieder neu greif-bar, ohne dass es in diesen Formen je das wäre, was es eigentlich ist, und zugleich doch irgendwie das ist, was es ist! Und nur am Ende wird es wieder ein „Nichts“, ist am Anfang wie am Ende reine Schönheit, am Anfang und am Ende gleichermaßen erkannt und verstanden und geliebt, als spielten die ganzen physikalischen und räumlichen und zeitlichen Geschehnisse dazwischen überhaupt keine Rolle! Nur, dass es ohne die ganzen physikalischen und räumlichen und zeitlichen Geschehnisse dazwischen nicht wahrgenommen werden könnte. Ein existentes „Nichts“, nicht greifbar, das Schönheit ist, nur im „Nichts“ ist, was es eigentlich ist, und dennoch die ganze Zeit auch als ein „Etwas“, greifbar, da ist. Doch: Das ist wirklich erstaunlich!«

In diesem Moment ging ein Mönch, der von Geburt an taub war, an dem Komponisten vorbei, in sich versunken und selig lächelnd.

Mystische Ein-Blicke in das neue Testament (3)

α

Der Urgrund allen Seins und Lebens will,

dass wir ihn suchen, dass wir ihn ertasten und finden können.

Denn keinem von uns ist er fern.

In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.

Wir sind von seiner Art.

(nach) Apg 17, 27-28

ω

Zweifelsohne ist der „Hintergrund“ mystischer Erfahrung in allen Religionen und spirituellen Kontexten nicht verschieden, sondern der oder das Eine. Dennoch unterscheiden sich die mystischen Wege, Motivationen und Ziele der Kulturen – wenn auch manchmal nur subtil.

Was nun die christliche Mystik (oder ein mystisches Christsein) in der heutigen und künftigen Zeit anbelangt, könnte man auf die Idee kommen, dass es gar nicht die außerordentlichen „großen“ mystischen Erfahrungen sind, die den Kern christlicher Mystik ausmachen, sondern eine Lebenshaltung und Lebensführung in und aus einer christlich-mystischen Perspektive. Es bedarf vermutlich gar nicht der „großen“ mystischen Erfahrungen, um die umkehrende, transformierende Blickweise eines Mystikers zu gewinnen. Die auch „unterhalb“ der außerordentlichen mystischen Erfahrungen grundsätzlich jedem mögliche subtile Wahrnehmung der Einheit hinter allem – z.B. in der Erfahrung der Liebe – genügt vermutlich, um als ein mystischer Christ zu erkennen, dass

Christus der auf transpersonaler Ebene mit allen Menschen, allen Wesen und der gesamten Schöpfung in Gott vereinte Mensch

ist. Menschensohn und Gottessohn. Ein Christus, der lebendig ist, wenn er gelebt wird. Hier und jetzt, im kontemplativen Gebet der Stille wie im lärmenden Alltag, in aller Lebensfreude in Fülle und im umfangenen Schmerz, in Stärke und Schwäche, durch Jede und Jeden, der sich auf diese Weise Geist, Verstand und Herz öffnend auf den Weg einer Nachfolge begibt.

Vielleicht ist für die meisten Menschen der Wunsch nach einer außerordentlichen mystischen Erfahrung sogar eher hinderlich, um bereits jetzt dem eigenen Selbst und damit der echten Gemeinschaft mit allen Wesen und der Schöpfung nahe zu kommen. Weil der Wunsch etwas Künftiges und Einmaliges betrifft, eine Haltung des Wartens und Erwartens begründet, obwohl doch die Einheit mit Gott und seiner Schöpfung bereits gegenwärtig und all-gegenwärtig ist, nur wahrgenommen zu werden braucht, mit den Mitteln, die wir bereits haben.

Kann also sein, dass ein Spezifikum christlicher Mystik (oder eines mystischen Christseins) in der heutigen und künftigen Zeit darin liegt oder liegen wird, dass das Feld der Mystik nicht mehr allein den Mystikern überlassen wird. Oder anders: Dass das lebensprägende Bewusstsein der Mystik nicht mehr von außerordentlichen Erfahrungen geprägt wird, sondern von einer Änderung der Blickrichtung (Metanoia).

Es ist dieser Morgen. Ich setze meine Brille ab, und sehe klar. Sah ich je so klar? Ich bin dieser Morgen.

Ich bin die kühle Luft und ich bin der wärmende Sonnenstrahl.

Ich bin das schön gefärbte Herbstlaub und ich bin ein Straßenschild.

Ich bin der tote Vogel in seinem kalten Grab und ich bin die Kraft die ihn tötete.

Ich bin der lachende Gruß des Bekannten und ich bin der Zorn des Rasers.

Ich bin die Tränen, die ich gestern vergoss, und ich bin die Tränen, die du morgen weinst.

Ich bin der ausgeschlafene Hund auf der anderen Straßenseite und ich bin der Hundehaufen vor meinen Füßen.

Ich bin der Glanz in deinen Augen und ich bin die Stumpfheit des Schlachters.

Ich bin die Verwirrtheit und ich bin die Klarheit.

Ich bin der fanatisch Gläubige und ich bin die göttliche Weisheit.

Ich bin das uferlose Wissen und ich bin die grenzenlose Dummheit.

Ich bin Buddhas Zahnweh und ich bin die Gnade.

Ich bin ein schreiendes Neugeborenes und ich bin der Tumor in der Raucherlunge.

Ich bin der Kreuzigende und ich bin der Gekreuzigte, ich bin Satan und ich bin Christus.

Ich bin ein Zufallsprodukt eines gleichgültigen Universums und ich bin die von Gott gewollte Unersetzlichkeit.

Ich bin die Vergangenheit und ich bin die Zukunft, ich bin ein Sekundenzeiger und ich bin die fünfte Dimension, ich bin alle Zeit und ich bin die Zeitlosigkeit.

Ich bin der Duft meiner Geliebten und ich bin der Gestank der öffentlichen Toilette.

Ich bin nichts, und ich bin alles.

Wenn ich nichts bin, bin ich alles.

Seltsam.

Ich bin die Seltsamkeit und ich bin Stefan.

Liebe ist nicht teilbar.

Ich liebe dich.

 

PS: Es ist schwer für mich, diese Zeilen auszuhalten. Ich weiß: Damit ist der Zeitpunkt (m)einer Umkehr gekommen. Wie klein ich bin, wie groß Gott…

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„Der Mensch lebt die Transzendenz in der Immanenz,
das Essentielle im Phänomenalen.“
[1]

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In diesem Blog gibt es eine Kategorie, welche mit „Das apersonale DU“ überschrieben ist. Diese drei Worte bilden eine scheinbar in sich widersprüchliche Aussage, an welcher ich, bei allem Verständnis für die gelegentlich mir gegenüber geäußerte Kritik daran, stets festhielt und noch immer festhalte.

In einem ersten diese Kategorie berührenden Artikel schrieb ich vor drei Jahren:
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„Dem so (…) Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem. Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem “unpersönlichen Absoluten” auch dem persönlichen (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.“

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Nun las ich in einem Buch des Benediktinerpaters und Zen-Meisters Willigis Jäger etwas dazu, was auf seine Art eine analoge Aussage beschreibt:
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„Wenn die Erfahrung [der Mystik des Eins-Seins mit Gott, Anm. d. Verf.] ins Tagesbewusstsein tritt, wird Gott „Gegenüber“. Gott als Person, Dreifaltigkeit sind theologische Ausdeutungen des Nachher, genauso auch die Formen der Verehrung. Das Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch entfaltet sich. Es wird zu Klage und Freude, Trauer und Zuversicht, Liebe und Hingabe, weil wir Menschen sind. Und weil der Mensch mit Verstand, Gefühl, Körper und Sinnen begabt ist und dichten und komponieren kann, wird dieses Zwiegespräch zu Lied und Gedicht, wird zu Zeremonie und Liturgie. Und findet man sich dazu mit anderen zusammen, wird aus all dem Gemeinde und Tempel. Auch „Kirche“ versteht sich ja viel mehr als „Zeichen“ auf etwas hin, als sie hier und jetzt sichtbar machen kann. All das ist Konsequenz aus der Einheitserfahrung mit Gott. Es darf sich davon nicht entfernen. Es soll vielmehr die Einheit verkünden und in Symbol und Zeichen darstellen. Wo das nicht mehr geschieht, wo Form und Ritus zur Magie werden, wird Religion zum Hindernis. Auch christliche Mystik kennt selbstverständlich das Göttliche als Gegenüber und zeigt daher immer auch theistische Züge. Wer sich verneigt, eine Kerze anzündet und Weihrauch ansteckt, auch wenn er es nur als Ausdruck des Göttlichen in sich selbst tut, verkündet die Einheit in der Doppelseitigkeit seiner menschlichen Existenz.

[…]

Der Mensch kann in Bezug auf das Göttliche zwei Wahrnehmungsweisen haben, wenn ihm nur klar ist, dass sich dies aus seiner Geschöpflichkeit ergibt, dass diese zwei Wahrnehmungsweisen in Wirklichkeit eins sind und in der Mystik auch als eins erfahren werden.“ [2]

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[1] und [2]: Willigis Jäger, Kontemplation, Gott begegnen – heute, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001, S. 94 f.

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