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Es ist eine der Fragen, auf die meine Beiträge der vergangenen acht Monate hinauslaufen…

Ist Christ-Sein überhaupt eine Religion? Klar, das Christentum ist eine Religion (die mehr von Paulus als von Jesus von Nazareth ausging). Eine Religion mit so überraschend vielen unterschiedlichen Konfessionen und divergierenden Theologien, dass man fast schon von vielen Religionen sprechen könnte. Und aus dieser Perspektive ergeben sich natürlich Definitionen des Christ-Seins mehr oder weniger übereinstimmender Provenienz.

Doch wenn man außerhalb dieses historisch (und damit theologisch) gewachsenen Kontextes fragt, zurückblickend auf die Wurzeln, die in und hinter den Schriften und Zeugnissen aufleuchten, und vielleicht sich umschauend und vorausblickend, wenn…

Was bedeutet dann Christ-Sein? Welche Antworten kann die Kenntnisnahme anderer Religionen geben? Welche Antworten kann ein Blick in den Kosmos geben? Welche Antworten können mystische Erfahrungen geben? Welche Antworten können die Datensammlungen und Erkenntnisse der Nahtodforschung geben? Welche Antworten können Spiritualität einbeziehende Philosophien geben? Welche Antworten kannst du geben?

„Warum rede ich überhaupt noch mit euch?
Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten.“

Joh 8,25-26

Jesus von Nazareth konnte ganz schön genervt sein, ruppig, manchmal arrogant, jähzornig und einmal sogar gewalttätig (Tempelreinigung). So manche Bibelstelle lässt sich dazu ausmachen. Wie lässt sich das mit seiner Lehre von Liebe, Friedfertigkeit, Güte und Barmherzigkeit vereinbaren? In der Bergpredigt lehrt er, dass Verfehlungen nicht erst in den Taten liegen, sondern bereits mit Gedanken und Worten beginnen. Warum scheint er sich zumindest gelegentlich nicht selbst daran zu halten?

Was würde eine einfache Antwort bedeuten?

„Man wird also sagen müssen: das spezifisch Christliche bei den Christen besteht darin, zur Existenzform Jesu zu finden. Nicht zu Gott und nicht eigentlich zu Jesus, sondern zu seiner Existenzform. Das ist der Sinn von Nachfolge. Es handelt sich, pointiert ausgedrückt, nicht um das Bekenntnis zu ihm, sondern um das Sein und Bleiben in ihm. Beide brauchten sich nicht auszuschließen. Aber es geht nicht um Personenkult und nicht um die Fetischierung von Namen, sondern um die Wahrheit, die konkret ist. In diesem Falle geht es darum, an der Existenzform Jesu abzulesen, welches die letzte, das Menschenleben bestimmende Wirklichkeit sei und wie man sich zu ihr verhalte.“

Max Seckler, in: Wer ist das eigentlich – Gott?, Stuttgart 1969

Mystizismus statt Mystik.
Mythos statt Wissenschaft.
Magie statt Vernunft.

In den vergangenen zweitausend Jahren Kirchengeschichte hat man kein Christentum entwickelt, sondern ein Jesustum erschaffen. Man hat einen Menschen vergottet, statt Gott im Menschen zu erkennen.

Wir scheinen einen Hang dazu zu haben, das Göttliche von uns abzutrennen. Verstehen wir wirklich nicht, was es bedeutet, „mit dem heiligen Geist getauft“ zu sein (Mk 1,8; Apg 19,2 ff.)? Wo ist denn dieser „heilige Geist“, wenn nicht in uns? Warum suchen wir immer noch das Reich Gottes „da draußen“? „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch [in euch].“ sagte der Mann aus Nazareth (Lk 17,20-21). Warum wohl nannte Jesus von Nazareth die Entdecker des Göttlichen seine Brüder und Schwestern (vgl. Mt 12,50 od. Mk 3,35)? „Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Mk 1,11). Der Sohn und seine Brüder und Schwestern haben den gleichen Vater – „Vater unser“.

Warum tun wir uns so schwer damit, das ernst zu nehmen?

Jahrzehnte war ich nicht anders. Bis mystische Erfahrungen mir nach und nach meinen alten Glauben zerschlugen. Resigniert hatte ich irgendwann aufgehört, mich einen Christ zu nennen. Aber was ist ein Christ? Im „Jesustum“ ist irgendwie alles da und festgefügt; selbst der „Menschensohn“ (der „kosmische Christus“) wird nicht kommen (vgl. Lk 17,22 ff.), sondern ist ein für allemal zur „Rechten Gottes“ hingesetzt und darf sich nicht mehr rühren, als hätte ein Kind seinen Teddybären neben sich platziert. Gegenüber dem „Gott Jesus“ muss der Mensch letztlich immer ein Versager bleiben. Wie soll da jemals das Göttliche im Menschen erwachen können? Ein Christ jedoch sollte jemand sein, der unterwegs ist, ein „Anhänger des neuen Weges“ (Apg 9,2). Ich möchte zu den mir vertrauten Bildern und Begriffen zurückzukehren dürfen.

Heute bin ich davon überzeugt, dass die Erkenntnis der Mystik keiner mystischen Erfahrung (i.e.S.) bedarf. Das Göttliche lässt sich auf vielen Wegen erkennen. Manchmal denke ich, dass (auf ontologischer Ebene) Astro- und Quantenphysiker heute besser daran arbeiten als Dogmatiker, und (auf Herzensebene) die erotische Liebe mehr über göttliche Beziehung aussagt als das Priestertum.

In den vergangenen zweitausend Jahren Kirchengeschichte hat man kein Christentum entwickelt, sondern ein Jesustum erschaffen. Man hat einen Menschen vergottet, statt Gott im Menschen zu erkennen.

Mal ehrlich: Das hatte seine Zeit. Nun sind wir im 21. Jahrhundert angekommen. Wenn wir jetzt mit Mystizismus, Mythos und Magie so fortfahren, machen wir das Göttliche ganz schön klein. So wie der erste Mensch auf diesem „Christusweg“, Jesus von Nazareth, sollten auch wir aus der Enge heraustreten, und beginnen, weit zu denken.

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Zugehörige Beiträge:
Homo incurvatus in se
Prospektive Evaluation
Sein Leben war das eines Menschen
Wärme in der Nähe des Scheiterhaufens
Christliche Mystik – Eine Skizze

Die äußeren Strukturen menschlichen Daseins in allen Bereichen – sozial, politisch, ökonomisch, usw. – und die daraus erwachsenden Probleme sind im Laufe der Kulturgeschichte entstandene Folgen der inneren Strukturen des Menschen. Sie spiegeln im großen Maßstab das wider, was im Menschen grundveranlagt ist. Nicht der gute Mensch ist in eine schlechte Welt geworfen, auch wenn das im Einzelfall so sein mag, sondern das Sosein des Menschen hat die Welt letztlich so geformt, wie sie nun ist. Eine veränderte Welt wird es auf Dauer nur geben, wenn der Mensch sich selbst verändert.

Der Nazarener hat seine Jünger beten gelehrt: „Dein Reich komme, (…), wie im Himmel, so auf Erden.“ Und er hat gleichzeitig gelehrt, dass genau dieses Reich Gottes bereits da ist, nicht jenseitig und fern, sondern um uns herum, und vor allem in uns. Wenn es aber in uns ist, dann ist auch der Himmel in uns. Diese Gebetszeile im „Vater Unser“ meint nicht das getrennte Vorhandensein einer himmlischen (jenseitigen) und einer irdischen Welt, in der das Reich Gottes künftig kommen soll. Sondern sie kann nur bedeuten: Das Göttliche soll sich genauso in diesem irdischen Leben und in der Welt verwirklichen, wie es im Inneren des Menschen bereits als himmlisch erlebbar ist!

Das ist ein verdammt hoher Anspruch. Der alte, auf sich selbst verkrümmte Mensch soll sterben, und als der neue, göttlich aus- und aufgerichtete Mensch auferstehen. Das meint Christsein.
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Zugehöriger Beitrag: Prospektive Evaluation

„Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten.“

1 Tim 2,11-12

Sieht man sich an, wie Jesus von Nazareth den Frauen begegnet ist, und dann das, was nur zwei oder drei Jahrzehnte nach seinem Tod die Hüter seiner Lehre sagen, kann man schon erschrecken.

Wenn Gott vor zweitausend Jahren nicht seinen Sohn, sondern seine Tochter auf die Erde geschickt hätte – um es mal so naiv-kirchentheologisch zu formulieren – , dann wäre das Christentum wohl komplett ausgefallen.

Eine Gesetzesreligion war das letzte, was Jesus von Nazareth begründen wollte. Eine Gesetzesreligion war das erste, was man in seinem Namen erschuf.

Natürlich machen heute einige Konfessionen in solchen Dingen etwas anders. Aber die „innere Struktur“ des Menschen ist im Grunde unverändert so wie vor zweitausend Jahren. Der „neue Mensch“ ist noch nicht wirklich geboren, ja nicht einmal klar erkennbar. Der „alte Mensch“ hält uns die Augen zu.

Das glaube ich:

Das Christentum ist nicht an seinem Ende angelangt. Es hat noch nicht mal richtig begonnen.

Daran glaube ich:

Es ist möglich.

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Zugehöriger Beitrag: Homo incurvatus in se

Foto: Stefan Kraus 2016

Herr, mein Herz ist nicht stolz, nicht hochmütig blicken meine Augen.
Ich gehe nicht um mit Dingen, die mir zu wunderbar und zu hoch sind.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still;
wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.

Harre auf den Herrn von nun an bis in Ewigkeit!

Psalm 131, Der Frieden in Gott

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Es ist wieder Ostern, und das Osterlamm, das Lamm Gottes [lat. Agnus Dei], rückt für eine Weile in den Bewusstseinsfokus unserer christlich geprägten Gesellschaft.

„An den Nordseedeichen sind große und kleine Schafe wieder unermüdlich grasend unterwegs. Herzerweichend besonders im Frühjahr, wenn die niedlichen Osterlämmchen ihren Müttern nicht von den Hufen weichen.“   (Nordfriesische Lammtage 2015)

Ostern. Eine besondere Zeit für Christen, Gourmets und Tierschützer.

 

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„Hast du ein verlangendes Herz,
oder ein narkotisiertes?“

Papst Franziskus

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Sie halten das, was Sie in diesem Video sehen, für einen verwerflichen Einzelfall? Schauen Sie doch mal hier, oder hier.

Gestern hatte ich Einsicht in eine Schlachthausgenehmigung. Für ein nicht mal sonderlich großes Schlachthaus. Provinziell eher. Bis zu 3000 Rinder und 2000 Schafe. Pro Woche. Was denken Sie, wie „human“ so etwas abgehen kann? Waren Sie mal in einem Schlachthaus? Und da ist es auch – mit Verlaub – scheißegal, ob es sich um „Bio“-Fleisch handelt oder nicht. Bio heißt Leben (griech.), nicht Tod.

Aber es geht ja nicht mal „nur“ um das Schlachten. Man muss bei dem heutigen medialen Informationsangebot schon ein ziemlich „narkotisiertes Herz“ – oder einen wahrhaft extremen Tunnelblick – haben, wenn man das Geschehen in der „Nutztierhaltung“ nicht bemerkt, oder den betroffenen Wesen das Mitgefühl verweigert.

Sobald Sie dem „lieben Gott“ die Türe zu Ihrem Herzen mal ganz öffnen, und nicht bloß durch einen kleinen Spalt etwas von seinem Licht zu sich hereinlassen, wird er sich Ihres Innenraumes bemächtigen und Sie entmachten. Seine Liebe wird Ihre Wohlfühlperspektiven gnadenlos zerfetzen. So leicht werden Sie keine Ruhe mehr finden. Gottes Liebe ist kein Kuschelkissen, auf dem man sich ausruhen kann. Und ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie erst dann so richtig etwas von Ostern verstehen werden, von Passion, Sterben und Auferstehung des immer-noch-mensch-werdenden, liebenden Gottes.

„Herzerweichend besonders im Frühjahr, wenn die niedlichen Osterlämmchen ihren Müttern nicht von den Hufen weichen.“ „Für Gourmets ein Hochgenuss“, geht es auf derselben Internetseite weiter (s.o.). Herzerweichend. So vom Herzen des Menschen zu sprechen, ist ein Symptom der morbid-pathologischen Wohlfühlperspektive unserer christlich-abendländischen Kultur. Herzerweichend. Auch dafür stehen Gründonnerstag und Karfreitag: Wir töten und essen, was wir lieben. Die Kreuzigung spiegelt unser Bewusstsein wider. Doch wir verklären das, statt es zu verstehen. Ostern: Das ist die Auferstehung eines neuen Bewusstseins. Eines Bewusstseins des Lebens. Kann uns das gelingen?

Mit der Kreuzigung endet Gottes Diplomatie.

 

„Jesus: Was heilig ist, das gebt nicht den Hunden, damit sie es nicht in den Dreck ziehen! Werft keine Perlen vor die Schweine, die nichts daraus machen!“
EvTh 93

Menschen, die nichts, oder nicht viel von Gott verstehen, respektive nicht an Gott glauben, neigen manchmal – bewusst oder unbewusst – zu der Ansicht, gläubige, religiöse und/oder spirituelle Menschen müssten doch per se bessere, „heilige“, völlig selbst- und fehlerlose Personen ohne eigene Bedürfnisse, ohne Grenzen und Abgrenzungen, ohne Schwachstellen sein. Selbst wenn ihnen ihr Verstand sagt, dass dies natürlich nicht so ist, entstehen dennoch im Erfahren menschlicher Realitäten, auch mit all ihren aufbrechenden Abgründen, gegenüber Gottsuchern und Gottnahen Vorurteile und Verurteilungen.

Wenn ihnen nicht zutiefst klar ist, dass auch der gläubige Mensch, genauso wie sie selbst, um psychische Integrität, um Ethik und Moral, um soziale Gesundheit und ein „anständiges Leben“ ringen und kämpfen müssen, entsteht schnell ein Graben zwischen ihnen und den „Anderen“, den Gläubigen, den Gottsuchern und Gottnahen. Wie leicht drängt sich der Vorwurf der Heuchelei auf, wenn der „doch angeblich an Gott angebundene Mensch“ vor sich selbst oder vor anderen scheitert, nicht gesund ist, oder auf seinen Grenzen besteht, die ihm einen Raum der Heilung gewähren sollen.[1]

„Du bist bereits ein Kind Gottes und mit allem ausgestattet, was du brauchst, um mit dem Göttlichen mitzuschwingen. Das bedeutet keineswegs,dass du moralisch oder psychisch vollkommen bist. Ganz und gar nicht.“

Richard Rohr: Pure Präsenz – Sehen lernen wie die Mystiker; Claudius Verlag München 2010/2012, S. 122

Insbesondere zwischen Menschen, die sich nahe sind, kann ein solcher Graben ein – manchmal gewaltiges – Problem darstellen. Schließlich ist für den Gläubigen sein Glaube mehr als nur eine Zutat zum Leben, die man auch weglassen könnte. Seine Gottanbindung ist seine existenziell erlebte Rückbindung (Religio), und der „rote Faden“ seines Lebens.

„Sie [Spiritualität, d.V.] bindet an und befähigt zur Verbindlichkeit, im Unterschied zur Beliebigkeit. Spiritualität ist also mehr als Bewusstseinserweiterung. Was aber macht dieses ›Mehr‹ aus? Spiritualität ist Erfahrung und hat mit dem zu tun, was die Sprachen der monotheistischen Religionen als Gott bezeichnen: Gott ist hier nicht der Name für ein überirdisches, fernes Wesen, sondern für das absolut unfassbare Ganze mit der ihm innewohnenden Dynamik. (…) Mystik fasziniert und lässt erschaudern. Sie verweist auf die Grenze des überhaupt Erfahrbaren, auf jenen heiligen Ort, wo Gott nicht mehr nur mittelbar, sondern unmittelbar (…) erfahren wird. Ohne Anschluss an diese innere Erfahrung besteht in der menschlichen Seele eine existenzielle Not.“[2]

Monika Renz: Der Mystiker aus Nazaret; Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau 2013/2014, S. 37 f.

Unterschiedlicher Meinung (oder unterschiedlichen Glaubens) zu sein ist dabei nicht das Problem. Jedenfalls sollte es das nicht sein. Die Schwierigkeit besteht vielmehr in nicht erfüllten Erwartungen – und manchmal auch in Eifersucht (auf Gott oder den Glauben). Und sie wird sich irgendwann Bahn brechen.

„Alles, was du sagst, kann und wird gegen dich verwendet werden.“

Erfahrung der Männer aus Diskussionen mit Frauen

Was also kann getan werden, um diesen Graben zu überbrücken oder ihn gar nicht erst aufbrechen zu lassen? Sollte man besser schweigen, die „Perlen“ seiner Innerlichkeit, das, was einem heilig ist, nicht zeigen und teilen, um nicht am Ende „zerrissen“ zu werden?

„Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.“

Mt 7,6

Es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass Jesu Ratschlag in diesem Zitat selbstverständlich nicht bedeutet, seinen Glauben, seine Religiösität und Spiritualität zu verleugnen, oder sich nicht zu bekennen, wenn es darauf ankommt. Und es ist schwer vorstellbar, dass er, der Geradeaus-Mensch, ein Taktieren, eine vermeintliche Weisheit, im Sinn gehabt hat.

Jesu ganzes Leben und Wirken scheint im Widerspruch zu dieser seiner eigenen Aussage zu stehen. War es vielleicht Fürsorge um seine Anhänger, die er sich selbst nicht zugestand? Oder eine momentane Hilflosigkeit im Zorn angesichts einer aussichtslosen Diskussion? [3] Daran darf man wohl zu Recht zweifeln.

„Geduld, wenn mich falsche Zungen stechen.“

J.S. Bach, Matthäus-Passion

Noch problematischer wird es, wenn man selbst meint, man müsse doch aufgrund seiner Gottanbindung automatisch ein besserer Mensch sein. Denn dann versteht man sich selbst nicht richtig, kann sich schon von daher nicht selbst wirklich verzeihen – und damit auch nicht anderen. Man „sticht sich selbst mit falschen Zungen“, belügt sich selbst, – und damit auch andere.

Mensch sein: Das bedeutet immer auch Geduld zu haben, sich immer wieder auf’s Neue um Geduld zu bemühen; um Geduld mit anderen, und mit sich selbst. Geduld und Gnade gehören in gewisser Weise zusammen. Gnade ist ein geschenkhaftes Zuwenden, um das wir bitten, auf das wir hoffen dürfen. Geduldig. Duldend. Vielleicht auch erduldend.

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[1] Der Unterschied zwischen Heuchelei – die Jesus selbst oft genug beschimpft – und menschlicher Schwäche oder menschlichem Scheitern liegt eben darin, dass die Heuchelei methodisch zur Vorteils- oder Ansehenserlangung erfolgt.

[2] Diese existenzielle Not wird indes oft erst bewusst, wenn die Erfahrung gemacht wurde. Die „Leerstelle“ (Begriff: Renz, a.a.O.) im Menschen arbeitet bis dahin meist verborgen, im Untergrund des Unbewussten.

[3] Im Kapitel 7 des Matthäus-Evangeliums scheint Jesus ja desöfteren ziemlich wütend zu sein.

 

 

Beim Beten sollt ihr nicht plappern wie die Menschen, die Gott nicht kennen.
Sie denken, dass sie erhört werden, wenn sie viele Worte machen.
Macht es nicht wie sie!
Denn euer Vater weiß ja, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn bittet.

Mt 6,7-8

 


 

Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einem gedachten Gott;
denn, wenn der Gedanke vergeht, vergeht auch der Gott.
Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben,
der weit erhaben ist über die Gedanken der Menschen und aller Kreaturen.

Meister Eckhart (1260 – 1328)

 

 

 

 

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Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein (…).
Sein Leben war das eines Menschen.

Philipper 2,6-7

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn.

Gen 1,27

Das „Bild Gottes“ lebt in der Person des Mannes aus Nazareth, den die Christen Jesus Christus nennen. In seinem Geheimnis (Mysterium) der Nähe und Verbundenheit mit Gott („Vater“), das zur gelebten Poesie der Liebe, zur Hinwendung an die Schwächsten, Kleinsten und Ärmsten wird, zu Erbarmen, Gnade und Heil(ig)ung, erkennt der mystisch begabte Mensch auf seine Weise, was Jesus von Nazareth meint, wenn er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6). Dazu braucht es keine komplexe Theologie, die dem Mann aus Nazareth das Attribut unerreichbarer Einzigartigkeit zu verleihen sucht und ihn damit letztlich seiner Menschlichkeit beraubt; einer Menschlichkeit, die stets und immer auch Irrtum, Verfehlung und Schwäche einschließt. Jesus von Nazareth ist Beispiel, nicht Ausnahme.

Wann immer das Licht der Liebe in einer Seele entflammt, wird Gott im Menschen geboren – ist Weihnachten. Wann immer sich Herzen verschwistern, oder sich dem Leid eines Menschen, eines Tieres oder der Schöpfung zuwenden, lebt und lehrt der erlösende Christus, Gott im Menschen. Wann immer wir die Hand gegeneinander oder gegen die Schöpfung erheben, foltern und töten wir die Liebe Gottes in uns, kreuzigen wir unser Christusleben. Wann immer wir verzeihen und uns wieder annehmen in Liebe, wird Christus in uns auferstehen – ist Ostern.

Man könnte in diesen Worten ein bloßes Sprachbild, eine Reduktion des Christentums, und eine schlichte Umbenennung ethischer Grundforderungen sehen. Um die dahinter stehende sprachlose Tiefe des All-Einen zu erblicken, bedarf es mehr als Herz und Verstand. Es bedarf dessen, was man religiös Geist nennt. Spiritualität. Und dieser Geist ist nicht exklusiv, sondern inklusiv. Er schließt niemanden aus, der sich ihm öffnet, und alle ein, die sich ihm nicht öffnen. Das ist Trinität und Kreuzzeichen: Im Namen des All-umfassend-Einen (Vater), des sich in diesem Einen erkennenden Menschen (Sohn), und des (heiligen) Geistes, der den Menschen über sich selbst hinausweist.

Sein Leben war das eines Menschen. Geschaffen zum Bilde Gottes. Nicht umgekehrt. Gott zu reduzieren auf eine (anthropomorphe) Personifikation wäre nichts anderes als eine geist-lose, infantile Glaubensvorstellung; eben jenes Bild, das Gott von sich zu schaffen verbot (Ex 20,1-5). Jesus von Nazareth wollte mit dem „Vater“-Begriff kein solches Bild von Gott schaffen, sondern umgekehrt mit einem Sprach-Bild seine Gottesbeziehung vermitteln; die („väterliche“) Zuneigung Gottes nicht nur (exklusiv) zu sich, sondern zu den Menschen: „Euer Vater“ und „Unser Vater“. Menschen als Söhne und Töchter Gottes. Brüder und Schwestern des Mannes aus Nazareth, der uns einlud, seinem Beispiel zu folgen.

Ich weiß: Immer wieder versage ich, und lebe gegen die Liebe, statt in ihr. Mein Leben ist das eines Menschen. Und dennoch bin ich geschaffen zum Bilde Gottes. Möge es mir ein wenig gelingen, dieses Bild in meiner Person leben zu lassen.

„Das Nichtvorhandensein einer Advaita-Erfahrung (Sanskrit: advaita = Nicht-Dualität) – obwohl sie der Schlüssel für eine philosophische Anschauung der Trinität ist – hat dazu geführt, dass das Christentum sich von einem panischen Schrecken vor dem so genannten Pantheismus erfassen ließ. Wer den Monismus meiden will, gerät in die Gefahr des Dualismus: Gott und die Welt trennen sich radikal, wodurch der transzendente Gott immer überflüssiger wird, da er sich in einen Himmel zurückgezogen hat, der nicht mehr der astronomische ist, sondern ein Konzept. Der Schöpfer ruhte nicht nur am siebenten Tag, sondern zog sich, wie es den Anschein hat, in sein Reich zurück und ließ von der Schöpfung ab, da er ja einen evolutionistischen Superautomatismus angeregt hatte.

Der Mensch ist Gemeinschaftswesen; aber die menschliche Gemeinschaft ist auch kosmisch. Der Mensch ist integrierter und sogar konstituierender Bestandteil des Kosmos. Die Natur ist einer der Orte, wo der normale Mensch mit dem göttlichen Mysterium tiefer in Berührung kommen kann. Unser Kontakt mit der Natur ist nicht vorrangig begrifflich, sondern lebensnah, was die Anteilnahme unseres Intellekts an der Erfahrung der Natur nicht ausschließt.

Die Welt ist der Leib Gottes, nicht in cartesianischer Trennung, sondern in positiver Symbiose, wo die Differenzen nicht beseitigt werden, aber die Trennung überwunden wird.

Die „Schöpfung“ ist nicht vom „Schöpfer“ getrennt. Wenn der Schöpfer für einen Augenblick von der Schöpfung abließe, würde die Schöpfung ins Nichts zurücksinken, wo sie hergekommen ist. Im Rahmen der Kausalität kann der Intellekt sich bis auf Gott zurückführen, aber der Mensch ist nicht reiner Intellekt, und seine Verbindung mit Gott ist unmittelbar und bedarf nicht der Vermittlung des Verstandes – obgleich dieser den rationalen Weg bahnen kann.“

Raimon Panikkar

Quelle: Visionen, „Die Einheit von Gott, Mensch und Welt“

Eine Skizze

 

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass im 21. Jahrhundert es für alle Religionen an der Zeit sein könnte, vorrational-magisches Bewusstsein in rationales und transrationales Bewusstsein zu überführen.

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass sich auch das Christentum und Christ-Sein von aller Magie befreien ließe. Dass Jesus von Nazareth nur ein Mensch war, seine Gottessohnschaft keine physische Personalisierung Gottes und keine Vergottung der physischen Person Jesu bedeutet.

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass den dunkelhäutigen Mann aus Nazareth mit den kurzen schwarzen Haaren diese Gotteskindschaft nicht separiert. Dass dieser Mann namens Jeschua nach seinem Tod nicht leiblich auferstand und es keine physische Himmelfahrt gab.

Vielleicht könnte man sich daran gewöhnen, dass dieser junge Wanderprediger aus Nazareth eine Lehre (Botschaft) hatte, gelehrt in Worten und Lebensführung. Eine Lehre, die aus religiösen, spirituellen, psychologischen, sozialen und ethischen Elementen besteht. Eine Lehre, die selbstverständlich auch der Kultur ihrer Zeit unterlag, und der Fortentwicklung unterliegen darf (und sollte). Eine Lehre, die uns auch nötigt, selbständig nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht könnte man sich daran gewöhnen, dass dieser Jeschua eben nicht Anbetung seiner Person einforderte, sondern einlud, ihm zu folgen, zu werden wie er: Ein Sohn (oder eine Tochter) Gottes, ein Gesalbter – ein Christ(us), ein Erlöser für sich und andere. Dass er uns eine persönliche und liebende Gottesbeziehung beibringen wollte, die keine Vermittler (Priester) benötigt, und uns nicht (oder nicht nur) auf ein „Jenseits“ ausrichtet, sondern ein Leben im Hier und Jetzt und in Fülle schenken soll.

 

Vielleicht ließe sich denken,
dass Jesus von Nazareth nicht der Kern des Christentums ist,
sondern der Ausgangspunkt.

 

Und dass nach ihm andere wahre Söhne und Töchter Gottes kamen und kommen werden – auch in anderen Religionen und außerhalb der Religionen.

 

Der Kern des Christentums ist nicht Jesus,
sondern Christus.

 

Und (ein) Christus ist (potentiell) jeder Christ. Ein Kind Gottes. Sohn oder Tochter Gottes. Eins mit dem „Vater“.

Jesus Christus. Paulus Christus. Giovanni Battista Bernardone Christus. Theresa Christus. Ali Christus. Otto Christus. Britta Christus.
 

 

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