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Die äußeren Strukturen menschlichen Daseins in allen Bereichen – sozial, politisch, ökonomisch, usw. – und die daraus erwachsenden Probleme sind im Laufe der Kulturgeschichte entstandene Folgen der inneren Strukturen des Menschen. Sie spiegeln im großen Maßstab das wider, was im Menschen grundveranlagt ist. Nicht der gute Mensch ist in eine schlechte Welt geworfen, auch wenn das im Einzelfall so sein mag, sondern das Sosein des Menschen hat die Welt letztlich so geformt, wie sie nun ist. Eine veränderte Welt wird es auf Dauer nur geben, wenn der Mensch sich selbst verändert.

Der Nazarener hat seine Jünger beten gelehrt: „Dein Reich komme, (…), wie im Himmel, so auf Erden.“ Und er hat gleichzeitig gelehrt, dass genau dieses Reich Gottes bereits da ist, nicht jenseitig und fern, sondern um uns herum, und vor allem in uns. Wenn es aber in uns ist, dann ist auch der Himmel in uns. Diese Gebetszeile im „Vater Unser“ meint nicht das getrennte Vorhandensein einer himmlischen (jenseitigen) und einer irdischen Welt, in der das Reich Gottes künftig kommen soll. Sondern sie kann nur bedeuten: Das Göttliche soll sich genauso in diesem irdischen Leben und in der Welt verwirklichen, wie es im Inneren des Menschen bereits als himmlisch erlebbar ist!

Das ist ein verdammt hoher Anspruch. Der alte, auf sich selbst verkrümmte Mensch soll sterben, und als der neue, göttlich aus- und aufgerichtete Mensch auferstehen. Das meint Christsein.
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Zugehöriger Beitrag: Prospektive Evaluation

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*

Der neue Bund, den ich mit euch schließen will,
wird völlig anders sein,
als der alte Bund, an dem ihr hängt und festhaltet,
den ihr gebrochen habt und brechen werdet:

Ich werde euch mein Gesetz nicht auf Steintafeln,
sondern in euer Herz einschreiben.

Ich werde euer sein
und ihr werdet mein sein.

Niemand muss dann noch seine Freunde und Feinde belehren
oder einfordern, mich auf seine Weise kennenzulernen.
Es unterscheidet euch in mir nicht,
welchen Glaubens oder Nicht-Glaubens ihr seid,
welcher Religion ihr anhängt,
oder wie ihr mich nennt.

Denn alle in diesem Bund werden dann wissen,

wer ich bin,

von den Geringsten bis zu den Vornehmsten,
von den Dümmsten bis zu den Schlauesten,
von den Kleinsten bis zu den Größten,
von den Ärmsten bis zu Reichsten,
von den Schwächsten bis zu den Stärksten,
und von den Mächtigsten bis zu den Ohnmächtigsten.

Das sage ich,
der sie führen wird
in Freiheit.

Ich will ihre Sonderung von mir nehmen
und sie aufnehmen
in die eine Liebe.

*

(nach) Jeremia 31,32-34

.

Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein (…).
Sein Leben war das eines Menschen.

Philipper 2,6-7

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn.

Gen 1,27

Das „Bild Gottes“ lebt in der Person des Mannes aus Nazareth, den die Christen Jesus Christus nennen. In seinem Geheimnis (Mysterium) der Nähe und Verbundenheit mit Gott („Vater“), das zur gelebten Poesie der Liebe, zur Hinwendung an die Schwächsten, Kleinsten und Ärmsten wird, zu Erbarmen, Gnade und Heil(ig)ung, erkennt der mystisch begabte Mensch auf seine Weise, was Jesus von Nazareth meint, wenn er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6). Dazu braucht es keine komplexe Theologie, die dem Mann aus Nazareth das Attribut unerreichbarer Einzigartigkeit zu verleihen sucht und ihn damit letztlich seiner Menschlichkeit beraubt; einer Menschlichkeit, die stets und immer auch Irrtum, Verfehlung und Schwäche einschließt. Jesus von Nazareth ist Beispiel, nicht Ausnahme.

Wann immer das Licht der Liebe in einer Seele entflammt, wird Gott im Menschen geboren – ist Weihnachten. Wann immer sich Herzen verschwistern, oder sich dem Leid eines Menschen, eines Tieres oder der Schöpfung zuwenden, lebt und lehrt der erlösende Christus, Gott im Menschen. Wann immer wir die Hand gegeneinander oder gegen die Schöpfung erheben, foltern und töten wir die Liebe Gottes in uns, kreuzigen wir unser Christusleben. Wann immer wir verzeihen und uns wieder annehmen in Liebe, wird Christus in uns auferstehen – ist Ostern.

Man könnte in diesen Worten ein bloßes Sprachbild, eine Reduktion des Christentums, und eine schlichte Umbenennung ethischer Grundforderungen sehen. Um die dahinter stehende sprachlose Tiefe des All-Einen zu erblicken, bedarf es mehr als Herz und Verstand. Es bedarf dessen, was man religiös Geist nennt. Spiritualität. Und dieser Geist ist nicht exklusiv, sondern inklusiv. Er schließt niemanden aus, der sich ihm öffnet, und alle ein, die sich ihm nicht öffnen. Das ist Trinität und Kreuzzeichen: Im Namen des All-umfassend-Einen (Vater), des sich in diesem Einen erkennenden Menschen (Sohn), und des (heiligen) Geistes, der den Menschen über sich selbst hinausweist.

Sein Leben war das eines Menschen. Geschaffen zum Bilde Gottes. Nicht umgekehrt. Gott zu reduzieren auf eine (anthropomorphe) Personifikation wäre nichts anderes als eine geist-lose, infantile Glaubensvorstellung; eben jenes Bild, das Gott von sich zu schaffen verbot (Ex 20,1-5). Jesus von Nazareth wollte mit dem „Vater“-Begriff kein solches Bild von Gott schaffen, sondern umgekehrt mit einem Sprach-Bild seine Gottesbeziehung vermitteln; die („väterliche“) Zuneigung Gottes nicht nur (exklusiv) zu sich, sondern zu den Menschen: „Euer Vater“ und „Unser Vater“. Menschen als Söhne und Töchter Gottes. Brüder und Schwestern des Mannes aus Nazareth, der uns einlud, seinem Beispiel zu folgen.

Ich weiß: Immer wieder versage ich, und lebe gegen die Liebe, statt in ihr. Mein Leben ist das eines Menschen. Und dennoch bin ich geschaffen zum Bilde Gottes. Möge es mir ein wenig gelingen, dieses Bild in meiner Person leben zu lassen.

Weißt du, dass sich in der Mitte deines Herzens eine Kammer befindet? Sie ist gefüllt mit der Liebe Gottes zu dir, und mit deiner Liebe zu Gott. Immer wenn du die Augen schließt und es still wird in dir, dann öffnet sich die Türe zu dieser Kammer. Du kannst eintreten, um in ihrem Licht zu erlöschen, und neu hineingeboren zu werden in die Liebe, die sie ausfüllt.

Weißt du, was eines Tages mit dieser Kammer geschehen kann? Ein anderer Mensch nutzt einen kurzen Moment, in dem die Türe noch einen kleinen Spalt offen steht, weil du sie beim Verlassen der Stille nicht wieder ganz geschlossen hast… Dieser andere Mensch schleicht sich hinein, und sogleich füllt sich die Kammer mit seiner Liebe zu dir, und diese Liebe ist die gleiche wie deine Liebe zu ihm.

Weißt du, dass Gott dann manchmal leise an der Türe der Kammer anklopfen wird? Irgendwann macht dann die Liebe des anderen Menschen, die auch deine Liebe zu ihm ist, auf und spricht zu Gott: „Ey, is besetzt. Du kommst hier net rein.“ Und Gott antwortet: „Bin ja längst drin. Ist schön, Du zu sein.“

Als in uralten Tagen das erste Beben der Sprache meine Lippen erreichte, stieg ich den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Herr ich bin Dein Sklave. Dein verborgener Wille ist mein Gesetz, und ich will Dir ewig gehorchen.“
Aber Gott antwortete nicht und zog wie ein mächtiger Sturm vorüber.

Foto: Stefan Kraus 2010

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Schöpfer, ich bin Deine Schöpfung. Aus Lehm hast Du mich geschaffen, und Dir verdanke ich alles, was ich bin.“
Aber Gott antwortete nicht, sondern zog vorüber wie tausend rasende Schwingen.

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Vater, ich bin Dein Sohn. Aus Erbarmen und Liebe hast Du mir das Leben geschenkt,
und durch Liebe und Ehrfurcht werde ich Dein Königreich erben.“
Aber Gott antwortete nicht und zog wie der Nebel vorüber, der die fernen Hügel verhüllt.

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Mein Gott, mein Ziel und meine Erfüllung. Ich bin Dein Gestern, und Du bist mein Morgen. Ich bin Deine Wurzel im Erdreich, und Du bist meine Blüte im Himmel, und gemeinsam wachsen wir dem Antlitz der Sonne entgegen.“
Daraufhin neigte sich Gott zu mir herab und flüsterte süße Worte in mein Ohr, und wie das Meer einen Bach, der zu ihm herabfließt, umfängt, so umfing er auch mich.
Und als ich in die Täler und Ebenen hinabstieg, war Gott auch dort.

aus: Khalil Gibran, Der Narr, Gott; Anaconda Verlag, Köln 2010, S. 109 f

Und ein alter Priester sagte: Sprecht zu uns von Religion.
Und er sagte:
Habe ich heute von irgendetwas anderem gesprochen?
Sind nicht alle Taten und alles Denken Religion?
Und auch, was weder Tat ist noch Gedanke, sondern ein Staunen und Überraschtsein, das immer in der Seele lebt, selbst wenn die Hände Stein behauen oder den Webstuhl bedienen?
Wer kann seinen Glauben von seinen Handlungen trennen, wer seine Überzeugung von dem, was ihn beschäftigt?
Wer kann seine Stunden vor sich ausbreiten und sagen: „Dies ist für Gott und dies für mich selbst; dies für meine Seele und dies hier für meinen Körper?“
All eure Stunden sind Flügel, die sich von Selbst zu Selbst durch den Raum schwingen.
Wer seine Moral nur als bestes Kleidungsstück trägt, ginge besser nackt.
Der Wind und die Sonne werden keine Löcher in seine Haut reißen.
Und wer sein Verhalten nach ethischen Grundsätzen regelt, sperrt seinen Singvogel in einen Käfig.
Das freieste Lied dringt nicht durch Stäbe und Draht.
Und wem der Gottesdienst ein Fenster ist, das man öffnen kann, aber auch schließen, ist nie im Haus seiner Seele gewesen, dessen Fenster sich von Morgen zu Morgen erstrecken.

Euer tägliches Leben ist euer Tempel und eure Religion.
Wann immer ihr über seine Schwelle tretet, nehmt alles mit, was ihr habt.
Nehmt den Pflug mit und die Schmiede, nehmt den Hammer und die Laute,
Dinge, die ihr aus Notwendigkeit geschaffen habt oder zum Vergnügen.
Denn im Traum könnt ihr euch weder über eure Erfolge erheben noch tiefer fallen als eure Fehler.
Und nehmt die anderen mit euch:
Denn in der Verehrung könnt ihr nicht höher fliegen als ihre Hoffnungen und euch nicht weiter erniedrigen als ihre Verzweiflung.

Und solltet ihr Gott erkennen, meint deshalb nicht, die Rätsel zu lösen.
Eher schaut um euch und ihr werdet sehen, wie Er mit euren Kindern spielt.
Und schaut in den Himmel, und ihr werdet sehen, wie Er in der Wolke geht, wie Er in Blitzen seine Arme ausstreckt und im Regen herabsteigt.
Ihr werdet sehen, wie Er aus den Blumen hervorlächelt, aufsteigt und aus den Bäumen euch zuwinkt.

aus: Khalil Gibran, Der Prophet, Von der Religion; Anaconda Verlag, Köln 2010, S. 84 ff

„Da erzählt eine alte islamische Legende, in den Tempel sei eines Tages ein einfacher Hirte gekommen und habe laut mit Gott geschimpft. »Du«, hat er gesagt, »hörst meine Gebete nicht, obwohl ich dir mein bestes Schaf geopfert habe. Bist du schwerhörig, Gott? Schläfst du grade, wo ich leide?« Diese Rede hört Mose und fuhr den Hirten bitter an, was ihm einfalle, mit dem Allmächtigen derart zu reden, und jagte ihn aus dem Tempel. Doch kaum geschehen, redete der Mund Gottes zu Moses und sprach: »Dieser Hirte hat zu mir gesprochen aus der Ehrlichkeit seines Herzens und so gut er es vermochte. Er ist mir nahe und lieb und wert. Mach dich auf, Mose, Erschaffer von sechshundert Gesetzen, und hole mir den Hirten wieder!«“

Zitiert nach: Eugen Drewermann, Zwischen Staub und Sternen, Patmos Verlag Düsseldorf 1991, S. 116

Das Bemerkenswerte an dieser Legende ist der fast beiläufige Hinweis auf die Herkunft der vielen (religiösen) Gesetzesregelungen. Diese eben stammen nach dieser islamischen (!) Legende nicht von Gott, sondern von dem Menschen Mose, dem Propheten (!), der bei all den vielen Gesetzen den Kern des Verhältnisses des Menschen zu Gott aus den Augen verloren hat und deswegen von Gott selbst gemaßregelt wird.

P.S.: Noch etwas ließe sich – nicht ohne Zusammenhang mit dem zuvor Gesagten – aus der Legende herauslesen: Auf die Opferung des Schafes hat Gott offenbar nicht reagiert; auf die direkte Ansprache des Hirten hingegen schon.


Menschen bedenken.
Menschen verdenken.
Menschen lenken.

Engel beschenken.

Menschen fragen.
Menschen beklagen.
Menschen verzagen.

Engel besagen.

Menschen verfluchen.
Menschen suchen.

Engel besuchen.

Menschen erfassen.
Menschen hassen.
Menschenmassen.

Engel belassen.

Menschen erbeten.
Menschen zertreten.

Engel vertreten.

Menschen flehen.
Menschen vergehen.
Menschen verstehen.

Engel sehen.

Menschen tun.

Engel ruh’n.

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Heute habe ich aufgrund meines Zeitmangels meinen anderen Blog ‚Mentio‘ offline gestellt, welchen ich seit 2007 führte. Darin habe ich u.a. viel zum Thema Religion und Spiritualität geschrieben (und Giannina – Danke! – hatte dort den Blog ‚Seelengrund‘ ausgelöst). Dieses Gedicht ist das Einzige, was ich aus ‚Mentio‘ herrüber rette. Ich schrieb es am 16. April 2003 und veröffentlichte es sechs Jahre später schließlich in ‚Mentio‘. Es trägt eigentlich den Titel Es ist schon alles getan. Der hier gewählte neue Titel ist der damaligen Ermutigung durch Tom – Danke! – geschuldet, meinem manchmal etwas seltsamen Humor nachzugeben, der selbst vor dem (auch mir) Heiligen keinen Halt macht. Und dieses Gedicht hat tatsächlich eine besondere Bedeutung für mich. An dem Tag, als es durch meine Hand auf das Papier floss, ereignete sich nur wenige Stunden später mein „mystischer Bigbang“ . Es ist schon manchmal eine seltsame Sache, das mit den himmlischen Boten, die das Kommen Gottes ankündigen…

Jeder Flut folgt Ebbe.
Voller Sehnsucht stehe ich am Ufer und warte.
Wie lange noch?
So kurz scheint jede Zeit der Flut,
so lang die Zeit der Ebbe.
Kein Steg reicht dann bis an das Wasser heran.
Mir ist, als würde ich vertrocknen
ohne den Geliebten.
Ich weiß, er ist nicht fort,
nur unerreichbar,
in dieser Zeit,
die nichts verändern kann.

Jeder Ebbe folgt Flut.
Auf dem Steg gehe ich dem Ozean entgegen.
Wenn das Wasser hoch genug ist,
springe ich hinein,
lasse mich von den Wellen tragen,
tauche ein.

Aus diesem Ozean entstamme ich.
Immer wird es mich zu ihm hinziehen.
Eines Tages werde ich Ufer und Steg verlassen,
auf trocknendem Boden dem ziehenden Wasser folgen,
und in seiner Rückkehr
mich ihm noch ein letztes Mal überlassen,
ganz
mich lassen.

 .
 .
 .
 .
 .

Gott

hört nicht auf

mich anzulächeln.

Engel (bzw. engelsähnliche Wesen) kommen in vielen Kulturen und Religionen der ganzen Welt vor, und erfreuen sich seit einiger Zeit – insbesondere in Deutschland – einer Art Renaissance. An vielen Autorückspiegeln hängen kleine Schutzengelchen, und das  „Channeling“ erfreut sich großer Beliebtheit.

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen und Arten, an Engel zu glauben. Für die einen sind es verstorbene Angehörige, die sie begleiten und beschützen, für die anderen sind es Zwischenwesen, usw.

Dabei ergeben sich manche Sonderbarkeiten, wie das „Mathematische Paradoxon“: Einer Umfrage zufolge glaubt in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung an Schutzengel, aber nur etwa ein Drittel, dass es Engel überhaupt gibt (Gehirn & Geist, 4/2005); oder wie das „Evolutionsbiologische Problem“ (siehe hier).

Eine mich besonders ansprechende Weise an Engel zu glauben, ist für mich die der Poesie, und die der Tiefenpsychologie, wie sie z.B. bei Drewermann zu finden ist:

„Einzig im Raum einer solchen „sakramentalen“ Weltsicht vermag ein Vertrauen zu wachsen, in dem ein Engel uns erscheinen kann. Die Frage ist ja nicht, „woher“ der Engel Gabriel literaturhistorisch zur Jungfrau Maria kam, die Frage ist, wie überhaupt ein Engel Worte zu uns sagen kann, die auf den Feldern unseres Lebens Wunder wachsen lassen. Alles, was der Seele eines Menschen Flügel verleiht, alles, was ihn durchströmt mit dem Licht des Himmels, schafft eine Sphäre, in der Engel zu uns reden. Doch eben diese Welt im Innenraum der Seele ist es, von der die Mythen wesentlich sprechen, und man versteht, daß wir so lange nicht an derartige Chiffren glauben können, als uns der Mythos noch als etwas „Heidnisches“, (in Christus womöglich) „Überwundenes“ zu gelten hat. In Wahrheit ist die Erscheinung des Engels eine Möglichkeit, die in jedem Menschen liegt, und stets sind es solche Phasen des Lebens in der Stille von „Nazareth“, sind es die Zeiten, in denen wir uns selber nicht mehr entlaufen und vermeiden können, da der Engel Gottes uns gesandt wird.
Gleichwohl zählt eine solche Erfahrung inmitten der Stille zu den aufwühlendsten Erlebnissen, deren wir fähig sind. In der berühmten ersten Duineser Elegie sagt Rainer Maria Rilke wohl sehr richtig von dem „Schönen“, es sei „nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“ In der Tat ergeht es uns so gerade angesichts der Schönheit unseres „Engels“. Tiefenpsychologisch wird man in der Vision des Engelsbildes gewiß ein Abbild unseres eigenen Wesens erblicken dürfen, eine Verkörperung der Gestalt, in der wir selber uns begegnen auf dem Wege der Reifung und Vollendung, und immer wird der erste Anblick dessen, wozu wir eigentlich berufen sind, wie etwas Vernichtendes in die Dämmerung unseres Lebens treten; denn selten wagen wir, an die Größe und Würde unseres eigentlichen Seins wirklich zu glauben, und es trifft uns stets wie etwas Unfaßliches, wie etwas alle Fassung Sprengendes, wenn der Schleier vor unseren Augen zerreißt und wir in unendlichem Abstand und zugleich in unausweichlicher Nähe zu uns selbst dem Urbild unserer eigentlichen Berufung gegenübertreten. Stets wird das Wort eines „Engels“ daher lauten müssen wie bei der Anrede in Nazareth: „Fürchte Dich nicht, Miriam“ (Lk 2, 30).“

Eugen Drewermann: Dein Name ist wie der Geschmack des Lebens, Herder Spektrum, Freiburg 1986/1992, S. 48f.

„Denn einzig den Liebenden verdichtet sich in der Gegenwart des anderen so sehr alle Bedeutung des Lebens und aller Wert der Welt, daß sie schon hier auf Erden vermeinen, in seiner Nähe dem Himmel nahe zu sein; einzig den Liebenden erscheint die Anwesenheit des anderen wie die Barke der Sonne am Gestade der Ewigkeit zur Überfahrt in die nie verlöschende Welt des Lichts; und einzig die Liebenden werden sich fühlen, wie wenn über den Jaru-Feldern des Himmels an den Ufern des überirdischen Nils die Sonne im Singen der Sphären sich zu einem unvergänglichen Morgen erhöbe ohne Mühsal und Plage. (…) Für einen jeden Menschen, der liebt, erscheint der andere wie das kostbarste Kunstwerk des Himmels, wie das vornehmste Abbild des Göttlichen, wie ein Sakrament, dessen leibhaftige Erfahrung alle Seligkeit des Paradieses verheißt und vorwegnimmt. (…)

Immer sind wahrhaft religiöse Lieder Liebeslieder, und immer auch sind wahre Liebeslieder an die Macht der Liebe im Hintergrund alles Geschaffenen gerichtet. Unser Herz besitzt offenbar nur diese eine Kraft, die durch das Tal der Bedürftigkeit in der Gestalt eines einzelnen menschlichen Gegenübers sich in das Meer der Unendlichkeit verströmen will, und jede Unterdrückung der Liebe, so fromm und moralisch, so rein und heilig, so sittsam und sittig sie sich auch gerieren mag, ist immer auch eine Form der Gottesverleumdung und Gottesverleugnung. (…) Alle Schönheit des Himmels, alle Güte der Welt, aller Segen des Göttlichen versammelt sich in dem Menschen, den wir am meisten lieben. (…) Allein in der zauberischen Magie der Liebe fließen einem Menschen Kräfte zu, durch die die ganze Welt sich wandelt. Immer wird daher in der Gestalt eines Menschen der Liebe etwas vom Wesen des Göttlichen sichtbar (…).“

Eugen Drewermann: Dein Name ist wie der Geschmack des Lebens, Herder Spektrum, Freiburg 1986/1992, S. 74 ff.

Gottes großes Hobby: Modellbau

Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die „Modellhaftigkeit“ unserer Kognition bis hin zu Metzingers „Ego-Tunnel“: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch „objektive Wirklichkeit“ nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein „korrigiertes“ Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser „Ich“, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….

Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen „wir wissen“, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein „echtes“ Wissen über die „objektive Wirklichkeit“ außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.

Was damit anfangen?

Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntnis muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche „Wahrheitssuche“ damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?

Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?

Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.

Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches („Objektives“) über eine „objektive Wirklichkeit“ aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?

Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.

Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.

Was kann Gott dann noch sein?

Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die „objektive Wirklichkeit“, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, „Objektives“) sagen, weil wir über die „objektive Wirklichkeit“ nichts Letztliches („Objektives“) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.

Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.

Die Qualia-Rede von Gott

An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort „Gott“ benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort „Rot“ benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von „Rot“ als etwas „objektiv Objektivem“ reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas „objektiv Objektivem“ sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der „Offenbarungen“, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.

Sinn und Wahrheit

Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder „nur“ Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.

Ein Beispiel:

Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das „biologische Sehen“, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein „optisches“ (beschränktes) Modell von „Wirklichkeit“. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.

(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine „Umwandlung“ von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)

Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder „nur“ Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).

Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff „Rot“ verzichtbar wäre, oder man „rot“ künftig auch „blau“ nennen könnte. Die „Qualia Gott“ ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).

Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine „Qualia Gottes“ kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer  (erdachten) „objektiven Wirklichkeit Gott“ außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese „objektive Wirklichkeit“. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‚zwei Gott‘ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott  kann ich eigentlich von „Wahrheiten“ sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.

So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.


Anmerkungen:

1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.

2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.

3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)

4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.

5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)

6. Das Reich Gottes ist in euch.

7. siehe 6.

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