You are currently browsing the category archive for the ‘Gott im Alltag’ category.

Die äußeren Strukturen menschlichen Daseins in allen Bereichen – sozial, politisch, ökonomisch, usw. – und die daraus erwachsenden Probleme sind im Laufe der Kulturgeschichte entstandene Folgen der inneren Strukturen des Menschen. Sie spiegeln im großen Maßstab das wider, was im Menschen grundveranlagt ist. Nicht der gute Mensch ist in eine schlechte Welt geworfen, auch wenn das im Einzelfall so sein mag, sondern das Sosein des Menschen hat die Welt letztlich so geformt, wie sie nun ist. Eine veränderte Welt wird es auf Dauer nur geben, wenn der Mensch sich selbst verändert.

Der Nazarener hat seine Jünger beten gelehrt: „Dein Reich komme, (…), wie im Himmel, so auf Erden.“ Und er hat gleichzeitig gelehrt, dass genau dieses Reich Gottes bereits da ist, nicht jenseitig und fern, sondern um uns herum, und vor allem in uns. Wenn es aber in uns ist, dann ist auch der Himmel in uns. Diese Gebetszeile im „Vater Unser“ meint nicht das getrennte Vorhandensein einer himmlischen (jenseitigen) und einer irdischen Welt, in der das Reich Gottes künftig kommen soll. Sondern sie kann nur bedeuten: Das Göttliche soll sich genauso in diesem irdischen Leben und in der Welt verwirklichen, wie es im Inneren des Menschen bereits als himmlisch erlebbar ist!

Das ist ein verdammt hoher Anspruch. Der alte, auf sich selbst verkrümmte Mensch soll sterben, und als der neue, göttlich aus- und aufgerichtete Mensch auferstehen. Das meint Christsein.
_______________________________
Zugehöriger Beitrag: Prospektive Evaluation

Advertisements

Am Wiesenrain, im Gras, sah ich, grade vor mir, das kleine runde Loch in der Erde, sah, wie, eben noch halb versteckt, ein Ameisenlöwe hervorschoss, eine Ameise schnappte und sie über den feinsandigen Vorhof in seine Höhle schleppte.
»Haben Sie das gesehen?«, fragte ich den Theologen, der neben mir saß.
»Was gesehen?«
»Das da«, ich zeigte hin, »den Ameisenlöwen! Ich kann mir nicht helfen, wenn ich so etwas sehe, fällt mir Gott ein.«
»Gott? Was hat dieses Raubgeziefer mit Gott zu tun?«
»Das weiß ich nicht, aber etwas in mir lässt mich wissen, dass Gott etwas mit ihm zu tun hat.«
»Ach, Ihre komischen Gott-Einfälle! Schon wieder. Es wird chronisch. Kürzlich sind Sie vor einem Gänseblümchen stehen geblieben.«
»Denken Sie, ich stehe immer noch dort.«

 

Aus der Sendung „Vom Jenseits im Diesseits – Eine lange Nacht vom Staunen und Innehalten“ bei Deutschlandradio Kultur. Vielen Dank an Andreas Marschler für den Hinweis auf diese Sendung. Der Text stammt aus der Feder von Fridolin Stier.

„Du kannst nicht die ganze Welt retten!“

Wir alle wissen, oder könnten und sollten wissen, wo all das Elend in der Welt herkommt. Ob es nun Hunger und Armut sind, Kriege und Umweltzerstörung, ob es um Kindersklaven und Ausbeutung für unsere modische und billige Kleidung geht oder um das grauenhafte Leiden der Tiere für unseren Lebensstil. Und eigentlich wissen wir, oder könnten und sollten es wissen, dass wir alle dafür die Verantwortung tragen. Dazu bedarf es keiner intellektuellen Höchstleistungen.

Warum also ändert sich nichts?

Es ist nicht so, dass die vielen Einzelnen, also wir, schlechte, „böse“ Menschen sind (aber auch das gibt es natürlich). Viele von uns sind sogar ausgesprochen liebevoll und sozial eingestellt. Allerdings betrifft das zuallermeist nur das nähere Umfeld, Verwandte, Bekannte, Freunde; den Bereich, der uns unmittelbare Rückmeldungen auf unser Denken, Reden und Handeln gibt. Der „abstrakte“ Bereich des Leids am anderen Ende der Welt, oder auch an den Orten unserer Nähe, die unserem Blick in der Regel verschlossen bleiben, berührt uns nur selten, und meist folgenlos.

Das menschliche Ego, um es vereinfacht auf diese Formel zu bringen, lenkt den Blick weg von allem, was uns in Unruhe versetzt, was von uns (unbequeme) Veränderung verlangt. Wir sind träge wie eine Bowlingkugel. Und wenn wir doch mal hinsehen, dann finden wir unsere Rechtfertigung in dem, was uns gemeinsam ist – im Durchschnitt der Menschen, der Gesellschaft, des Staates, der Religion, usw.  Und wir rufen danach, dass endlich etwas passieren muss, dass die Menschen, die Gesellschaft, der Staat, die Religion endlich etwas tun müssen, vor allem „die da oben“. Nur nicht wir selbst.  Das ist das, was man unter dem Begriff des „Strukturell Schlechten“ versteht. Wir erkennen nicht, wollen nicht erkennen (selbst wenn der Verstand es eigentlich begreift), dass die Menschheit, die Gesellschaft, der Staat, die Religion aus Einzelnen besteht, also auch aus mir. Und damit erkennen wir nicht, wollen wir nicht erkennen, dass wir selbst es sind, die das „strukturell Schlechte“ (mit) erschaffen und (mit) erhalten. Wir wollen die Unruhe der eigenen Verantwortung abgeben, geborgen sein im Strom der Masse, und unser Ego sorgt dafür, dass wir nicht wirklich bewusst wahrnehmen, was dieser Strom vernichtend mit sich reißt.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,
das habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40)

„Die Menschen sind so“ hört man dann oft. Nein. Die menschliche Psyche ist nur so, weil wir es zulassen, dass sie so ist. Nochmal: Es bedarf keiner intellektuellen Höchstleistungen, um zu verstehen, dass jeder Einzelne von uns verantwortlich ist. Das „strukturell Schlechte“ lässt sich langfristig und dauerhaft nur durch Veränderung des Einzelnen beseitigen (wenn auch vermutlich nie vollständig).

Veränderung des Einzelnen – im spirituellen Sprachgebrauch spricht man meist von Transformation, in manchen christlichen Perspektiven von Bekehrung, Umkehr, Metanoia. Das ist das, was eine erwachsene, reife Spiritualität und/oder Religion anstrebt. Es geht nicht (nur) darum, selbst Frieden und Ruhe zu finden, oder „den Lohn im Paradies“ zu erhalten. Wer auf dieser Stufe stehen geblieben ist, die allein das zum Endzweck hat, ist über die religiöse Früherziehung nicht hinaus gekommen. Er lässt sich ködern mit Belohnungen. Korruption nennt man das im Staatswesen. Das ist religiöse Prostitution.

Eine reife Spiritualität, sei sie nun religiös oder areligiös, weist über uns selbst hinaus, weckt kognitive Dissonanzen in uns, versetzt uns in Unruhe, rüttelt uns wach – erweckt uns. Und sie gibt gleichzeitig die Richtung der Lösung solcher Dissonanzen vor.

Der Mann aus Nazareth, um ihn nur beispielhaft zu nennen, wollte genau das erreichen. Ihm ging es nicht darum, uns zu lehren, wie wir göttlich werden, denn das sind wir bereits („ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist“ – Eph 4,6), sondern wie wir wahrhaft menschlich werden.

„Und er forderte den Gelähmten auf:
Steh auf, nimm deine Trage und geh!“ (Lk 5,24)

Doch, ich kann, du kannst die ganze Welt retten. Wenn es mir oder dir dabei darum ginge, es selbst auch zu erleben, dann schreit nur wieder mein oder dein Ego nach Ruhe. Unsere Motivation wäre genau so kurzsichtig, eng und kleinkariert wie im Gedanken, wir könnten nichts verändern. Nein, ich werde, du wirst es nicht mehr selbst erleben. Es kann tausende von Jahren dauern, oder noch länger. Wir müssen lernen, weit, tief und groß zu denken. Über uns selbst hinaus – transzendent. Schau nur, wie langsam sich das Bewusstsein durchsetzt, dass Sklaverei, Rassismus, Sexismus und Speziesismus grausames Unrecht sind. Aber es waren immer nur Einzelne, die aufstanden und sich auflehnten – gegen den trägen Strom, und es noch immer müssen, weil es noch lange nicht auf der ganzen Welt selbstverständlich ist. Doch in vielen Punkten hat eine Veränderung begonnen. Menschenwürde, Freiheit, Gleichbehandlung und Tierschutz sind mittlerweile in unserer Verfassung verankert – auch wenn vieles davon in den Köpfen Vieler noch nicht angekommen ist, nicht mal bei denen, die in unserem Auftrag und stellvertretend für uns dies in die Verfassung einschrieben und darauf aufbauend die Gesetze machen. Die positiven Veränderungen: Wir verdanken sie denen, die vor uns über ihren eigenen Schatten gesprungen sind, und schulden sie jenen, die nach uns kommen.

Veränderung des Ganzen durch Veränderung meiner und deiner selbst ist schwer. Vor allem für mich und dich. Es bedarf dazu auch einer gewissen Bereitschaft zu leiden. Denn das wird geschehen. Aber sag nicht, der Einzelne könne nichts bewirken. Sag das nie wieder. Genau du bist es, der die Welt retten wird.

Das Kreuz leitet sich im Christentum zwar von der Kreuzigung des Nazareners ab, jedoch hat es als Symbol weitergehende Bedeutungen. Zuvorderst ist dabei zu nennen, dass der vertikale Balken die Beziehung und Verbindung zwischen Gott und dem Menschen symbolisiert, während der horizontale Balken für die Beziehung und Verbindung zwischen den Menschen, bzw. zwischen dem Menschen und der Schöpfung steht.

k2Viele Menschen leben – um mit dieser Symbolik weiterzusprechen – nur den horizontalen Balken. Sie haben keine Beziehung zu Gott, spüren keine Verbindung mit dem Göttlichen. Es bedarf auch keiner Beziehung zu Gott, keines Glaubens und keiner Religion, um aus der Verbindung mit anderen und Anderem Gutes zu tun.

k0Wieder andere pflegen eine intensive Beziehung zu Gott, ohne sich groß um eine Beziehung zu anderen und Anderem zu kümmern. Sie leben vorwiegend den vertikalen Balken. Das mag unterschiedliche Gründe haben, und es dürfte sich empfehlen, hierüber nicht vorschnell zu urteilen.

k4Dann gibt es Menschen, die sowohl eine Beziehung zu Gott haben, als auch eine (weitergehende) Beziehung zu Mitmensch und Umwelt. Es kommt aber vor, vielleicht gar nicht so selten, dass diese beiden Beziehungen nicht wirklich miteinander verbunden sind; selbst dann, wenn man gedanklich vermeint, das eine nähre das andere.

k3Für vielleicht die meisten gottesgläubigen Menschen gehören beide Beziehungen zusammen. Erst die Verbindung zwischen der Beziehung zu Gott und der Beziehung zur Schöpfung macht das ganze Kreuz, das ganze Symbol, das ganzheitliche religiöse Leben aus. Der vertikale Balken trägt den horizontalen Balken.

k5Für den Mystiker ist genau der Schnittpunkt der beiden Balken das eigentlich Maßgebliche, der zentrale Punkt, die Kreuzesmitte, wo sich Gott und Schöpfung tatsächlich vereinen. Diesen Punkt will er erreichen, in diesem Punkt will er verweilen, von diesem Punkt aus will er leben.

Doch auch Mystiker sind Menschen (und Kinder ihrer Zeit und Kultur). Sie fallen allzu leicht wieder aus der Kreuzesmitte heraus, um sich mal mehr, mal weniger auf dem einen oder anderen Balken zu bewegen, oder auch immer wieder mal ganz abzurutschen und abzufallen, so wie alle anderen Menschen auch, die versuchen, „dem Kreuz zu folgen“, sei es nun explizit im Christentum, oder (mit anderer Symbolik) in einer anderen Religion oder Spiritualität. Viele christliche Mystiker der vergangenen zweitausend Jahre haben ihre Schattenseiten, was allzu oft und allzu gerne übersehen wird. Von Augustinus (354-430) mit seiner Erbsündenlehre über Bernhard von Clairvaux (1090-1153) mit seinen Kreuzzugsaufrufen bis zu Dorothy Day (1897-1980) mit ihrem grenzenlosen inneren Leiden.

Die Mystik bietet nicht nur das Erleben kosmischer Einheit, die „Schau der Schönheit Gottes“, ein leichtes Leben in Licht, Glück, Einklang und Liebe. Die Mystik, ja aufgrund ihrer Intensität gerade die Mystik, hat ein hohes Potential für Verblendung und Leiden. Wer allzu lange in helles Licht blickt, kann nicht mehr richtig sehen. Wer im Feuer steht, verbrennt.

Auf vielen mystischen Wegen ist der Mensch bestrebt, seine Liebesfähigkeiten und sein Mitgefühl immer weiter zu verfeinern. Und auch ohne dieses Bestreben scheint es so zu sein, dass die mystische Erfahrung von ganz alleine ein höheres Maß an Liebe hervorbringt, wenn das auch nicht immer so sein mag, und nicht für immer andauern mag. Das wird gerne ausschließlich positiv geträumt. Die Welt ist voll von hübscher Poesie über Liebe und Mitgefühl. Viele Mystiker wissen aber, dass die Öffnung zu Liebe und Mitgefühl auch in höchstem Maße schmerzhaft sein kann.

Das beginnt schon damit, dass der Mystiker eben ganz Mensch ist, also genauso Fehler begeht wie jeder andere auch (das gilt übrigens auch für „Heilige“). Und weil er sieht, was er damit anrichtet, leidet er; oft vielleicht mehr als andere, weil er ja eigentlich „liebend von sich lassen“ will (was nicht Selbstverleugnung meint). Ein offenes Herz blutet eben leichter, weil es ungeschützt ist.

Und dann gibt es die Situationen – z.B. in einem Konflikt -, wo ein Mensch auf dem Weg der Mystik zwar bemerkt, dass seine Liebe tatsächlich nicht an Bedingungen geknüpft ist, er also eine erste Stufe bedingungsloser Liebe tatsächlich erreicht hat, er aber gleichzeitig sein (menschliches) Bedürfnis wahrnimmt, selbst auch seiner Liebe entsprechend behandelt zu werden. Dies ist ein besonders heikler Schritt auf dem Weg. Denn erfährt er diese Behandlung einmal nicht, und hat seine „Werkzeuge“ damit umzugehen noch nicht weit genug entwickelt, fühlt er seine Liebe zutiefst verletzt – auch wenn die Unverletztheit eben keine Bedingung für seine Liebe ist*. Die Wucht dieses Schmerzes kann dazu führen, dass der Wunsch aufkeimt, den Weg umgehend zu verlassen, um den Schmerz los zu werden und nicht wieder zu erfahren. (Aber vermutlich kann ein Mystiker seinen Weg gar nicht mehr verlassen.)

Schließlich gibt es das Leiden im Mit-leiden. Der horizontale Balken des Kreuzes wird nicht abgeworfen. Der Blick auf das Leid außerhalb unserer selbst, ob nebenan oder am anderen Ende der Welt, in Krieg, Armut und Hunger, in sozialen Missständen und Ställen, zieht das Leiden in uns, je mehr, desto mehr wir zu lieben fähig sind. Und gerade in der Kreuzesmitte lieben wir nicht nur Gott und uns selbst, sondern auch jene, die links und rechts von uns sind. In diesem Punkt, der im Menschen selbst – und nur dort – zu finden ist, ist alles vereint, auch das Leid der Schöpfung mit mir.

Der Schmerz der Liebe ist möglicherweise der schwerste Kampf eines Menschen auf dem Weg der (insbesondere christlichen) Mystik mit sich selbst. Der Tanz in der Kreuzesmitte ist zu einem schwindeligem Taumeln geworden. Liebe ist ein gefährliches Wagnis.

Natürlich geht es vielen Menschen, die nicht den Weg der Mystik gehen, genauso. Aber möglicherweise nehmen mystische Menschen zum einen den Schmerz anders, und vielleicht heftiger wahr, und zum anderen kommen sie nicht so leicht da wieder heraus. Beides weil sie ihr Herz bewusst geöffnet haben, und bewusst auch im Schmerz offen halten. Für die Wunden der Liebe gibt es in der Mystik kein Pflaster.

Man mag sich auf seinem spirituellen Weg fragen, ob man unverwundbar werden will (wie es auf seine Weise der Buddhismus anbietet), oder ob man lernen kann, den Schmerz auszuhalten oder gar zu umfangen (wie es oft im Christentum angeboten wird), oder ob man in den Rückzug vor der Welt flieht (was es in fast allen Religionen gibt), oder ob die Wunden der Liebe sich auch durch Liebe heilen lassen. Der Verfasser dieser Zeilen empfiehlt nichts, verwirft nichts, weiß nichts. Er hat nur ergebnislos etwas nachgedacht.

__________________________

*Selbst der Nazarener hat am Kreuz gerufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (z.B. Markus 15,34)

Zweifelsohne ist der „Hintergrund“ mystischer Erfahrung in allen Religionen und spirituellen Kontexten nicht verschieden, sondern der oder das Eine. Dennoch unterscheiden sich die mystischen Wege, Motivationen und Ziele der Kulturen – wenn auch manchmal nur subtil.

Was nun die christliche Mystik (oder ein mystisches Christsein) in der heutigen und künftigen Zeit anbelangt, könnte man auf die Idee kommen, dass es gar nicht die außerordentlichen „großen“ mystischen Erfahrungen sind, die den Kern christlicher Mystik ausmachen, sondern eine Lebenshaltung und Lebensführung in und aus einer christlich-mystischen Perspektive. Es bedarf vermutlich gar nicht der „großen“ mystischen Erfahrungen, um die umkehrende, transformierende Blickweise eines Mystikers zu gewinnen. Die auch „unterhalb“ der außerordentlichen mystischen Erfahrungen grundsätzlich jedem mögliche subtile Wahrnehmung der Einheit hinter allem – z.B. in der Erfahrung der Liebe – genügt vermutlich, um als ein mystischer Christ zu erkennen, dass

Christus der auf transpersonaler Ebene mit allen Menschen, allen Wesen und der gesamten Schöpfung in Gott vereinte Mensch

ist. Menschensohn und Gottessohn. Ein Christus, der lebendig ist, wenn er gelebt wird. Hier und jetzt, im kontemplativen Gebet der Stille wie im lärmenden Alltag, in aller Lebensfreude in Fülle und im umfangenen Schmerz, in Stärke und Schwäche, durch Jede und Jeden, der sich auf diese Weise Geist, Verstand und Herz öffnend auf den Weg einer Nachfolge begibt.

Vielleicht ist für die meisten Menschen der Wunsch nach einer außerordentlichen mystischen Erfahrung sogar eher hinderlich, um bereits jetzt dem eigenen Selbst und damit der echten Gemeinschaft mit allen Wesen und der Schöpfung nahe zu kommen. Weil der Wunsch etwas Künftiges und Einmaliges betrifft, eine Haltung des Wartens und Erwartens begründet, obwohl doch die Einheit mit Gott und seiner Schöpfung bereits gegenwärtig und all-gegenwärtig ist, nur wahrgenommen zu werden braucht, mit den Mitteln, die wir bereits haben.

Kann also sein, dass ein Spezifikum christlicher Mystik (oder eines mystischen Christseins) in der heutigen und künftigen Zeit darin liegt oder liegen wird, dass das Feld der Mystik nicht mehr allein den Mystikern überlassen wird. Oder anders: Dass das lebensprägende Bewusstsein der Mystik nicht mehr von außerordentlichen Erfahrungen geprägt wird, sondern von einer Änderung der Blickrichtung (Metanoia).

.

„Der Mensch lebt die Transzendenz in der Immanenz,
das Essentielle im Phänomenalen.“
[1]

.

In diesem Blog gibt es eine Kategorie, welche mit „Das apersonale DU“ überschrieben ist. Diese drei Worte bilden eine scheinbar in sich widersprüchliche Aussage, an welcher ich, bei allem Verständnis für die gelegentlich mir gegenüber geäußerte Kritik daran, stets festhielt und noch immer festhalte.

In einem ersten diese Kategorie berührenden Artikel schrieb ich vor drei Jahren:
.

„Dem so (…) Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem. Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem “unpersönlichen Absoluten” auch dem persönlichen (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.“

.
Nun las ich in einem Buch des Benediktinerpaters und Zen-Meisters Willigis Jäger etwas dazu, was auf seine Art eine analoge Aussage beschreibt:
.

„Wenn die Erfahrung [der Mystik des Eins-Seins mit Gott, Anm. d. Verf.] ins Tagesbewusstsein tritt, wird Gott „Gegenüber“. Gott als Person, Dreifaltigkeit sind theologische Ausdeutungen des Nachher, genauso auch die Formen der Verehrung. Das Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch entfaltet sich. Es wird zu Klage und Freude, Trauer und Zuversicht, Liebe und Hingabe, weil wir Menschen sind. Und weil der Mensch mit Verstand, Gefühl, Körper und Sinnen begabt ist und dichten und komponieren kann, wird dieses Zwiegespräch zu Lied und Gedicht, wird zu Zeremonie und Liturgie. Und findet man sich dazu mit anderen zusammen, wird aus all dem Gemeinde und Tempel. Auch „Kirche“ versteht sich ja viel mehr als „Zeichen“ auf etwas hin, als sie hier und jetzt sichtbar machen kann. All das ist Konsequenz aus der Einheitserfahrung mit Gott. Es darf sich davon nicht entfernen. Es soll vielmehr die Einheit verkünden und in Symbol und Zeichen darstellen. Wo das nicht mehr geschieht, wo Form und Ritus zur Magie werden, wird Religion zum Hindernis. Auch christliche Mystik kennt selbstverständlich das Göttliche als Gegenüber und zeigt daher immer auch theistische Züge. Wer sich verneigt, eine Kerze anzündet und Weihrauch ansteckt, auch wenn er es nur als Ausdruck des Göttlichen in sich selbst tut, verkündet die Einheit in der Doppelseitigkeit seiner menschlichen Existenz.

[…]

Der Mensch kann in Bezug auf das Göttliche zwei Wahrnehmungsweisen haben, wenn ihm nur klar ist, dass sich dies aus seiner Geschöpflichkeit ergibt, dass diese zwei Wahrnehmungsweisen in Wirklichkeit eins sind und in der Mystik auch als eins erfahren werden.“ [2]

.
[1] und [2]: Willigis Jäger, Kontemplation, Gott begegnen – heute, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001, S. 94 f.

Weißt du, dass sich in der Mitte deines Herzens eine Kammer befindet? Sie ist gefüllt mit der Liebe Gottes zu dir, und mit deiner Liebe zu Gott. Immer wenn du die Augen schließt und es still wird in dir, dann öffnet sich die Türe zu dieser Kammer. Du kannst eintreten, um in ihrem Licht zu erlöschen, und neu hineingeboren zu werden in die Liebe, die sie ausfüllt.

Weißt du, was eines Tages mit dieser Kammer geschehen kann? Ein anderer Mensch nutzt einen kurzen Moment, in dem die Türe noch einen kleinen Spalt offen steht, weil du sie beim Verlassen der Stille nicht wieder ganz geschlossen hast… Dieser andere Mensch schleicht sich hinein, und sogleich füllt sich die Kammer mit seiner Liebe zu dir, und diese Liebe ist die gleiche wie deine Liebe zu ihm.

Weißt du, dass Gott dann manchmal leise an der Türe der Kammer anklopfen wird? Irgendwann macht dann die Liebe des anderen Menschen, die auch deine Liebe zu ihm ist, auf und spricht zu Gott: „Ey, is besetzt. Du kommst hier net rein.“ Und Gott antwortet: „Bin ja längst drin. Ist schön, Du zu sein.“

Und ein alter Priester sagte: Sprecht zu uns von Religion.
Und er sagte:
Habe ich heute von irgendetwas anderem gesprochen?
Sind nicht alle Taten und alles Denken Religion?
Und auch, was weder Tat ist noch Gedanke, sondern ein Staunen und Überraschtsein, das immer in der Seele lebt, selbst wenn die Hände Stein behauen oder den Webstuhl bedienen?
Wer kann seinen Glauben von seinen Handlungen trennen, wer seine Überzeugung von dem, was ihn beschäftigt?
Wer kann seine Stunden vor sich ausbreiten und sagen: „Dies ist für Gott und dies für mich selbst; dies für meine Seele und dies hier für meinen Körper?“
All eure Stunden sind Flügel, die sich von Selbst zu Selbst durch den Raum schwingen.
Wer seine Moral nur als bestes Kleidungsstück trägt, ginge besser nackt.
Der Wind und die Sonne werden keine Löcher in seine Haut reißen.
Und wer sein Verhalten nach ethischen Grundsätzen regelt, sperrt seinen Singvogel in einen Käfig.
Das freieste Lied dringt nicht durch Stäbe und Draht.
Und wem der Gottesdienst ein Fenster ist, das man öffnen kann, aber auch schließen, ist nie im Haus seiner Seele gewesen, dessen Fenster sich von Morgen zu Morgen erstrecken.

Euer tägliches Leben ist euer Tempel und eure Religion.
Wann immer ihr über seine Schwelle tretet, nehmt alles mit, was ihr habt.
Nehmt den Pflug mit und die Schmiede, nehmt den Hammer und die Laute,
Dinge, die ihr aus Notwendigkeit geschaffen habt oder zum Vergnügen.
Denn im Traum könnt ihr euch weder über eure Erfolge erheben noch tiefer fallen als eure Fehler.
Und nehmt die anderen mit euch:
Denn in der Verehrung könnt ihr nicht höher fliegen als ihre Hoffnungen und euch nicht weiter erniedrigen als ihre Verzweiflung.

Und solltet ihr Gott erkennen, meint deshalb nicht, die Rätsel zu lösen.
Eher schaut um euch und ihr werdet sehen, wie Er mit euren Kindern spielt.
Und schaut in den Himmel, und ihr werdet sehen, wie Er in der Wolke geht, wie Er in Blitzen seine Arme ausstreckt und im Regen herabsteigt.
Ihr werdet sehen, wie Er aus den Blumen hervorlächelt, aufsteigt und aus den Bäumen euch zuwinkt.

aus: Khalil Gibran, Der Prophet, Von der Religion; Anaconda Verlag, Köln 2010, S. 84 ff

„Die Verhaltensforschung und die Hirnpsychologie, die Kulturanthropologie und die Abstammungslehre sagen uns heute, daß wir als Menschen unseren älteren Geschwistern, den Tieren, sehr viel verdanken. Eugen Drewermann: »Kein Problem des menschlichen Daseins: weder Krieg noch Kriminalität, aber auch kein wirklich starker Faktor des menschlichen Zusammenlebens, weder Familiengründung noch Kinderaufzucht sind zu verstehen ohne das Echo aus den 250 Millionen Jahren der Säugetierentwicklung in den Schichten des Zwischenhirns in unseren Köpfen.« (…) Weil wir nicht wissen, woher wir kommen, wissen wir auch nicht, wer wir sind, und weil wir nicht wissen, wer wir sind, tun wir auch nicht, was wir wissen. (…) Das Einheitserlebnis aller Mystiker aller Religionen ist, daß sie das Göttliche in allem erkennen, auch in Tieren und Pflanzen. (…) Gott ist in allem, und alles ist in Gott. (…) Eine panentheistische Tiefenerfahrung ist eine tiefenökologische Erfahrung. Ehrfurcht und Staunen sind der Beginn der Weisheit. (…).“

Aus: Franz Alt: Der ökologische Jesus – Vertrauen in die Schöpfung, Lizenzausgabe RM Buch und Medien Vertrieb GmbH 1999, S. 291 ff.

Zu Beginn des Buches schreibt Alt: „Die Umweltkrise ist eine Innenweltkrise. In der Schule Jesu und in der Schule Buddhas können wir lernen, daß unsere äußeren Krisen nur von innen her zu lösen sind.“ (a.a.O. S. 17). Auch wenn diese beiden Schulen nur exemplarisch genannt sind, und – wie bereits die Praxis zeigt – nicht zwangsläufig in die Sichtweise Alts (oder eines Mystikers) führen, so geht es im Grunde doch darum, dass die Lösungen der großen Krisen der Gegenwart zuallererst im Innern des Menschen ansetzen müssen.

Lange habe ich Bernds Artikel „Mystik der offenen Augen“ und die Kommentare dazu auf mich wirken lassen…

Ein Mystiker kann ein Arsch [1] sein oder ein Heiliger.

Mystik kann ein Impuls sein für den, der noch nicht wirklich unterwegs war, und ein Schwungrad für den, der bereits unterwegs ist – egal, ob in die Gemeinschaft, oder in sich selbst, oder sowohl als auch. Was das für das Leben und die Lebensführung bedeutet, hängt u.a. davon ab, ob der Impuls oder der Schwung aufgenommen wird, in welchem Kontext die Mystik eingebettet ist, und welchen Weg der Mystik der Einzelne geht. Der eine wird seine Arme der Welt öffnen, der andere umarmt sich selbst.

Es ist nicht die Mystik per se, die der Welt einen Menschen neu gebiert. Ein Nichtschwimmer wird nicht dadurch zum Schwimmer, dass er in einen Ozean plumpst.

M.a.W.: Auch Mystiker sind Individuen [2].

So mancher, der nichts mit Religion, Glaube oder Spiritualität am Hut hat, aber etwas für andere oder die Welt tut, in der Friedensbewegung, bei Greenpeace, einer örtlichen Tafel, der Welthungerhilfe, im Tierschutzverein, oder allein durch seine auf Rücksicht ausgerichtete Lebensführung und ein gelegentliches Handeln auf konkrete Veranlassung, zeigt für mich mehr von dem, was in der Seele über die Seele hinausweist, als so mancher Religionsangehörige oder Spirituelle, wenn dieser nichts tut, außer fromm oder weise zu sein. Was ich im zugewandten Tun, im „Guten“ eines Jeden zu sehen vermeine, ist auch ohne Begriffe aus Religion und Spiritualität das Gleiche wie „die guten Taten vor Gott“. (Und nebenbei: Wie oft mag gutes Handeln gläubiger Menschen aus einem Kosten-/Nutzendenken in einem religiösen „Straf- und Belohnungssystem“ kommen – von Himmel und Hölle bis Karma und Samsara -, statt aus aufrechtem Herzen?).

Was die spirituelle Seite anbelangt: Die Mystik der offenen Augen und die Mystik der geschlossenen Augen sind auch für mich kein Entweder-Oder. Sie sind für mich in ihrem Kern wesensgleich, ein bewusstes oder unbewusstes Verstehen der Verbundenheit von Allem mit Allem, des Eins-Seins (in Gott). Und wo die Mystik der geschlossenen Augen nicht auch in eine Mystik der offenen Augen führt oder mit ihr einhergeht (ohne Voraussetzung dafür sein zu müssen), da ist – für mich [3] – etwas unvollständig im spirituellen Menschsein.

Danke, Bernd und den Kommentatorinnen, für den Gedankenanstoß.

[1] Pardon.
[2] Was jetzt nicht zu jedem mystischen Kontext passt…
[3] Auch wenn ich selbst praktisch wohl mehr der Arsch [1] bin als ein Heiliger.

Gottes großes Hobby: Modellbau

Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die „Modellhaftigkeit“ unserer Kognition bis hin zu Metzingers „Ego-Tunnel“: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch „objektive Wirklichkeit“ nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein „korrigiertes“ Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser „Ich“, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….

Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen „wir wissen“, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein „echtes“ Wissen über die „objektive Wirklichkeit“ außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.

Was damit anfangen?

Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntnis muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche „Wahrheitssuche“ damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?

Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?

Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.

Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches („Objektives“) über eine „objektive Wirklichkeit“ aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?

Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.

Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.

Was kann Gott dann noch sein?

Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die „objektive Wirklichkeit“, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, „Objektives“) sagen, weil wir über die „objektive Wirklichkeit“ nichts Letztliches („Objektives“) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.

Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.

Die Qualia-Rede von Gott

An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort „Gott“ benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort „Rot“ benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von „Rot“ als etwas „objektiv Objektivem“ reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas „objektiv Objektivem“ sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der „Offenbarungen“, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.

Sinn und Wahrheit

Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder „nur“ Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.

Ein Beispiel:

Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das „biologische Sehen“, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein „optisches“ (beschränktes) Modell von „Wirklichkeit“. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.

(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine „Umwandlung“ von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)

Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder „nur“ Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).

Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff „Rot“ verzichtbar wäre, oder man „rot“ künftig auch „blau“ nennen könnte. Die „Qualia Gott“ ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).

Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine „Qualia Gottes“ kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer  (erdachten) „objektiven Wirklichkeit Gott“ außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese „objektive Wirklichkeit“. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‚zwei Gott‘ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott  kann ich eigentlich von „Wahrheiten“ sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.

So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.


Anmerkungen:

1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.

2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.

3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)

4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.

5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)

6. Das Reich Gottes ist in euch.

7. siehe 6.

Auch wenn es schon etwa zweieinhalb Jahrzehnte her ist, erinnere ich mich noch sehr gut daran. Einmal im Monat kam ein Pater zu uns in die Diaspora, um als Gast die Messe zu lesen. Er war ein bereits älterer Herr mit schneeweißem Haar, der immer seine Gitarre dabei hatte; so, als hätte er etwas gegen Orgelmusik.

In jener Messe erzählte er von seiner Bekannten in der Großstadt. Sie war eine ehemalige Prostituierte, die ihr Leben der Hilfe und dem Beistand für andere Prostituierte gewidmet hatte. Dabei ging es nicht darum, ob sie aus einem Glauben heraus wirkte, sondern allein um ihr Tun. Von ihr zu berichten war ihm so wichtig, dass er anschließend – um den Zeitrahmen nach der längeren „Predigt“ noch einigermaßen einzuhalten – einige Messrituale wegfallen ließ, und andere mit kurzen, halb eigenen Worten zelebrierte.

Unumwunden nannte der römisch-katholische Pater mit einer Festigkeit, die keinen Zweifel zuließ, diese ehemalige Prostituierte eine Heilige.

Wer weiß, vielleicht war es ja jene Messe, in der ich das erste Mal wirklich begriff, dass Gott sich auch, und nicht selten gerade dort zeigt, wo man ihn gar nicht in der Rede führt, wo er gar keine Rolle zu spielen scheint. Dort, wo Menschen einfach zupacken, um Leben so zu ermöglich, wie es sein soll. Dort, wo Menschen tatkräftig helfen, wo sie Not lindern, wo sie Kraft und Vertrauen schenken.

Das, was in der Seele über die Seele hinausweist, hängt nicht davon ab, dass man es in einen spirituellen oder religiösen Kontext bettet. Es muss keine Rolle spielen, wie man ein Für einander da sein erklärt, ob die Wissenschaften es nun in evolutionsbiologischen Altruismus-Konzepten unterbringen, oder ob Gläubige es mit dem Wirken Gottes begründen. Das alles hat seine Berechtigung und seine Wichtigkeit. Seine wesentliche Bedeutung aber hat es dadurch, dass es existent ist.

Wir sind keine abgeschotteten Entitäten, die allenfalls mal in latent egositischer Motivation anderen Lebewesen oder der Welt etwas Gutes tun. Liebe existiert. Im nüchternen und von Emotionalität befreiten Begriff der Kooperation scheint sie – bei allen Widrigkeiten – den ganzen Kosmos zu durchwirken, vom Urknall an, vom ersten Zusammenschluss und – wirken der ersten und kleinsten Teilchen bis zu den uns bekannten komplexesten Organismen mit Geistbefähigung. „Gott ist die Liebe“ sagen manchmal die Christen. Das, wonach die Naturwissenschaften innerhalb ihres Betrachtungssystems suchen, die TOE, die Theory Of Everything, hat die Mystik auf ihre Weise längst gefunden. Aber das geht über die physikalische Welt hinaus, die ihr auch „nur eine Erscheinung des einen Ganzen“ ist. Das Moment der Seele ist darin so etwas wie ein Bild, ein Bild des Unsagbaren, in dem erkannt ist, wie die oder der Einzelne mit allem verwoben ist.

Religiöser oder spiritueller Glaube bedeutet weniger ein „Glauben dass“, sondern vor allem ein „Glauben an“. Glauben bedeutet wesentlich Vertrauen. Ein Vertrauen darauf, dass ich in diesem unvorstellbaren Kosmos meinen gewollten und unverzichtbaren Platz habe, untrennbar verwoben mit dem großen, einen Ganzen. Ein Vertrauen darauf, dass „in diesem großen Rahmen“ das alles seine Richtigkeit hat: Das, was mir geschenkt wird, das, was ich erdulden muss, mein Dasein und mein Ende. Aber auch ein Vertrauen darauf, dass das Drängen menschlicher Seelen nach einem Für einander da sein und Gutes zu tun einen Hintergrund hat. Und selbst wenn dieser Glaube, dieses Vertrauen fehlt, ist oft im Tun der Menschen immer noch etwas zu erkennen, was über sie selbst hinausreicht, was in ihren Seelen über ihre Seelen hinausweist. Diese Transzendenz kann man Wirken Gottes nennen. Man muss es aber nicht. Denn so oder so: Es existiert.

Welche Weltsicht, welchen Blick auf das „um uns herum“ Existente, welches Empfinden haben wir eigentlich aus unserer individuellen Spiritualität gewonnen? Wie versprachlichen wir das, wie bringen wir dies in Einklang mit unserem Denken, und vor allem mit unserem Handeln?

Bekanntermaßen ist eine Orientierung in der Welt und im Leben allein an Empfindungen schlichtweg nicht möglich. Unseren Verstand benötigen wir unumgehbar ebenso. Wenn unsere Spiritualität nach Verwirklichung im Leben drängt, und wir nicht wie Blinde uns nur tastend Schritt für Schritt fortbewegen wollen, dann müssten wir doch eigentlich auch ein einigermaßen schlüssiges rationales Konzept für unsere Haltung, unser Denken und Handeln aufweisen können, welches mit unserer spirituellen Haltung und unserem spirituellen Erleben und Denken Hand in Hand geht. Kurz: Wie bringt man Herz und Verstand insoweit in Einklang?

Dabei kann es nicht nur darum gehen, wie wir im Hinblick auf die vorgenannte Fragestellung mit unserem Nächsten, unserem Partner, Nachbarn oder Kollegen umgehen, sondern auch, wie wir zu unserer Umwelt, zu unseren Mitgeschöpfen, eigentlich zu allem, was uns umgibt, stehen, sei dies nun in konkreter Nähe oder in abstrakter Ferne, resp. ob dies für uns überhaupt eine Rolle spielt. Es geht um eine Philosophie unserer Moral, also um Ethik, vor dem Hintergrund oder auf der Basis unserer Spiritualität, als Pendant, als Durchdringung, als „Rückseite derselben Münze“, oder wie auch immer.

Nochmal: Die Frage ist legitim, ob und wie das, was uns nah oder fern umgibt, für uns überhaupt eine Rolle spielen soll. Denn es entspricht meiner Beobachtung, dass für so manchen Menschen seine Spiritualität in erster Linie ihm selbst gilt, nicht der Transzendenz seiner selbst. Das respektiere ich. Es lässt sich nicht moralinsauer der Zeigefinger erheben, sondern nur darstellen, was einen selbst bewegt. Wenn ich also oben und an späterer Stelle sage „müssten“, dann bedeutet das nicht eine Forderung, kein „wir müssen“, sondern spiegelt allein mein (möglicherweise zu beschränktes) Denken, das in diesem oder jenem Punkt keinen anderen Schluss für mich zuließe, ohne in einen rationalen Bruch zu gelangen. M.a.W.: Ich schreibe hier von mir, von meiner Sicht. Und das stelle ich bewusst voran. Diese Zeilen sind eigentlich nur die Wiedergabe eines Selbstgespräches, das ich seit Jahren führe. Vielleicht kann die ein oder andere Leserin oder der ein oder andere Leser davon etwas für sich mitnehmen, so sie oder er es denn möchte.

Manches wird vielleicht mancher Leserin oder manchem Leser von der Begrifflichkeit her nicht sehr vertraut sein. Um den Lesefluss zu wahren, erkläre ich daher die angeführten Positionen. Das macht den Artikel etwas länger, was ich zu entschuldigen bitte. Ich selbst würde einen derart langen Artikel nicht lesen, was vermutlich Vielen so geht. Das macht mir Mut macht, ihn überhaupt zu veröffentlichen.

Leben auf Kosten anderer

Leben geht immer auf Kosten Anderer und Anderem. Es beginnt mit der Nahrung und endet nicht nur beim Abtöten von Bakterien bei einer Erkrankung. Das Leben auf Kosten Anderer widerspricht meiner eigenen Spiritualität ganz klar. Wie also kann ich damit umgehen? An welchen Kriterien kann ich mein Handeln ausrichten? Ist es die Notwendigkeit? Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, kein leidensfähiges Lebewesen für mich leiden oder töten zu lassen (oder gar selbst zu töten), wenn es nicht wirklich notwendig ist. Aber mein spirituelles Erleben geht darüber hinaus. Aus dem Erleben der Einheit heraus tritt immer wieder die Heiligkeit allen Seins mir gegenüber. Was mache ich dann mit meinen Skrupeln, den Rasen zu mähen, die Hecke zu schneiden oder bei einer Klettertour womöglich ein klein wenig des Berges zu beschädigen? Das zu lösen ist vermutlich unmöglich. Aber es geht für mich darum, auf dem richtigen Weg unterwegs zu sein. Diesen Weg abzustecken komme ich nicht umhin, auch meinen Verstand, so kümmerlich dieser oft auch sein mag, zu gebrauchen.

Versprachlichung

Sprachgebrauch spiegelt immer auch den Stand ethischen Bewusstseins und entsprechend daraus resultierender Handlungsfolgen wider. Wie wir reden, so sind wir. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir reden, so denken wir auch über uns selbst nach.

So verweist der Begriff Umwelt auf die Wahrnehmung der Welt als um den Menschen herum. Die entsprechende ethische Positionierung (Umweltethik) wird folglich anders ausfallen als in der Wahrnehmung der Welt als einem Miteinander des Menschen mit allem, was ihn umgibt. Der Umwelt-Begriff wird in aller Regel in der anthropozentrischen Perspektive gebraucht. Umweltschutz wird betrieben, um Menschen das Überleben oder bestimmte Werte zu sichern, jetzt und für künftige Generationen.

Mitwelt ist ein vom Naturphilosophen Prof. Dr.  Meyer-Abisch eingeführter Begriff, um den Blickwinkel von der stark anthropogen bezogenen und auf den Menschen als im Mittelpunkt stehenden Subjekt hin zu einem auf die Eigenwelt der Natur einbeziehenden Sichtweise aufzuwerten. Hierbei besteht jedoch in gewissem Rahmen – trotz der vom Anthropozentrismus sich fortbewegenden Denkweise –  nach wie vor die trennende Wahrnehmung des Menschen als sich der „Eigenwelt der Natur“  gegenüberstehend – mit entsprechenden Schlussfolgerungen in der dieser Perspektive entspringenden ethischen Überlegungen (Mitweltethik).

Der Mensch lässt sich aber auch als nicht getrennt von Umwelt, Mitwelt oder Natur denken, sondern als Teil von ihr, der mit ihr zusammen in aller Vielfalt ein Ganzes bildet. Im Kontext des einen Ganzen lässt sich der Mensch und sein Handeln auf eine Ethik hin betrachten, die durch holistische Positionen gekennzeichnet ist (Holistische Ethik).

Was also sagt mir meine Spiritualität über das, was „um mich herum“ ist? Ist es wirklich „um mich herum“, oder ist es eher „mit mir“, oder erfahre ich mich als „eins mit der Welt“?

Exkurs: Werthaltungen

Im Wesentlichen gibt es vier ethische Werthaltungen, die zu entsprechenden ethischen Grundpositionen führen:

  1. Instrumenteller Wert
    Etwas wird um etwas anderen willen geachtet.
  2. Inhärenter Wert
    Etwas wird um seiner Gegenwart willen geschätzt.
  3. Intrinsischer Wert
    Etwas ist wertvoll, weil es in sich selbst für gut befunden wird.
  4. Eigenwert
    Etwas wird um seiner selbst willen geachtet.

Es kann dabei durchaus zu Überschneidungen dieser Werthaltungen kommen.

Jeweils zu erkennen, welche Werthaltung in meiner eigenen ethischen Position in den Vordergrund tritt, ist wesentlich für die Bewusstmachung der Gründe meines Denkens und Handelns.

Der Anthropozentrismus

Der Anthropozentrismus ist nicht nur weit verbreitet, sondern stellt im Großen und Ganzen das übliche Weltbild der heutigen Menschheit dar. Dementsprechend sind die meisten ethischen Haltungen mehr oder minder anthropozentrisch basiert.

Mit einfachen Worten gesagt, stellt der Anthropozentrismus den Menschen in den Mittelpunkt der Welt und in das Zentrum ethischer Überlegungen.  Moralische Verpflichtungen bestehen entsprechend prinzipiell nur, zumindest weit vorrangig,  gegenüber Menschen. Das bedeutet jedoch nicht, dass für Anthropozentriker alles Andere bedeutungslos wäre. Natur-, Umwelt- und Tierschutz gelten als Handlungsnormen zur Zweckerfüllung zugunsten des Menschen mit drei Argumenten:

  1. Basic-Needs-Argument: Der Mensch ist auf die Umwelt angewiesen. Um die menschlichen Lebensgrundlagen zu sichern, muss er die Umwelt schützen. Um z.B. gesündere Nahrung zu erhalten, strebt er biologischen Landbau oder artgerechte Tierhaltung an. Damit weist er Natur, Tieren usw. einen instrumentellen Wert zu.
  2.  Ästhetisches Argument: Der Mensch schätzt die Natur um ihrer Gegenwart und Ästhetik wegen. Sie ist einzigartig und als Quelle angenehmer Empfindungen für den Menschen unverzichtbar, eine Art Kulisse für ein gutes Leben. Damit wird ihr ein inhärenter Wert zugewiesen.
  3. Pädagogisches Argument: Ein respektvoller Umgang mit der Natur (oder den Tieren) erzieht den Menschen zu einem besseren Umgang mit anderen Menschen (wiederum also ein instrumenteller Wert).

Dabei wird der Anthropozentrismus allerdings in aller Regel gesetzt, nicht hergeleitet oder begründet, gerade so, als wäre er axiomatischer Natur. M.a.W.: Der Anthropozentrismus entbehrt einer epistemologischen resp. argumentativen Grundlage.

Soweit er überhaupt begründet wird, vertritt – neben ideologischer resp. religiöser Begründung – zumeist die besondere Befähigung des Menschen das Hauptargument für den Anthropozentrismus. Schließlich seien Fähigkeiten wie Denken, Geist, Religiosität, Kunst usw. nur dem Menschen zu eigen, nicht aber den Tieren. Abgesehen davon, dass sich in den Wissenschaften längst die Erkenntnis abzeichnet, dass es sich hierbei lediglich um graduelle, nicht aber prinzipielle Unterschiede handelt (wenn auch sehr deutliche), übersieht diese Argumentation, dass Ethik nicht Gruppierungen gilt, sondern stets Individuen, resp. Individuen in Gruppierungen. Daraus folgt, dass es anthropozentrisch-ethischen Positionierungen mit dem  Anknüpfungspunkt gruppenunterscheidungsrelevanter Befähigungen an argumentativer Stringenz fehlt.

Ein konkretes Beispiel hierfür ist der dauerkomatöse Patient, welcher nicht mehr zum Denken befähigt ist. Ihm gegenüber gestellt wird zum Beispiel ein hoch entwickelter Primat wie ein Schimpanse, der in einem Ausmaß zum Kombinieren und Vorausplanen befähigt ist, dass man dieser Befähigung nicht mehr ohne weiteres die Begrifflichkeit des Denkens absprechen kann. Wäre nun die Denkbefähigung entscheidendes Kriterium für ethische Wertbeimessung, so dürfte man im Zweifelsfalle eher den komatösen Patienten töten als einen Schimpansen – was aber gerade ein Anthropozentriker keinesfalls unterschreiben würde.

Die eigentliche Basis des Anthropozentrismus ist vermutlich eine Mischung aus evolutiv entstandener allgemeiner genetischer Disposition, die zu bestimmten Verhaltenausprägungen führt und mit der Regulierung von Sozialverbänden sowie deren Orientierung und Agieren in der Welt zusammenhängt,  im Verbund mit kulturellen Prägungen.

Der Anthropozentrismus betrachtet den Menschen faktisch oder explizit als „Krone der Schöpfung“. Das entspricht meiner Spiritualität in keinster Weise. Und ich erkenne auch keinen vernünftigen Grund für ihn. Dennoch wurden wir geprägt, so zu denken, der Mensch stehe stets im Mittelpunkt, oder hätte stets Vorrang vor allem anderen. Das gilt auch für mich und gerät sicherlich hier und da unreflektiert in mein Handeln. Es zu hinterfragen und zu ändern liegt bei mir.

Pathozentrismus

Die ethische Grundposition des Pathozentrismus spricht moralisch allen empfindungsfähigen Wesen einen Eigenwert zu, basiert also (wenn auch nur begrenzt) auf der genannten Werthaltung des Eigenwertes. Nach herrschender Meinung steht die pathozentrische Haltung im Gegensatz zum Anthropozentrismus, jedoch findet sie sich tatsächlich auch in der „milden Form“ des Anthropozentrismus, welche nicht mehr ausschließlich dem Menschen ethisch relevanten Wert beimisst, diesem jedoch mit deutlichem Vorrang. In dieser Ausprägung begründet er zum Beispiel Vegetarismus oder den rechtlichen Tierschutz.

Die Kritik an pathozentrischer Ethik argumentiert, der Leidbegriff unterliege zu sehr der Subjektivität, so dass sich aus ihr keine objektive Handlungsanleitung ergeben könne. Hinzu tritt oft eine utilitaristische Sichtweise auf den Pathozentrismus, welche gleichsam mengenmäßig großes Leid weniger Individuen gegen die Freude vieler Individuen aufrechnen zu können meint. Hierbei wird der ethischen Haltung  latent (oder auch explizit) teleologisch eine Art Hedonismus oder Eudämonismus zugrunde gelegt (konsequenterweise müssten sich diese allerdings wiederum dem Vorwurf der Subjektivität stellen), und orientiert sich de facto – schon aufgrund der Argumentation hinsichtlich der Empathien – letztlich wieder am Vorrang des Menschen.

Der Pathozentrismus kommt meiner Spiritualität insofern schon näher, als er wesentlich auf Empathie und  Mitgefühl basiert. Die Heiligkeit einer Landschaft aber zum Beispiel bezieht er in sein Konzept nicht ein (was nicht bedeutet, dass einem Pathozentriker eine Landschaft nicht heilig sein könnte; allein er kann dieses Heiligkeitsempfinden nicht in sein ethischen Konzept auch rational unterbringen).

Biozentrismus

Der Biozentrismus geht über die beschränkte Eigenwertzuordnung des Pathozentrismus hinaus und ordnet allem Lebendigen einen ethischen Eigenwert zu. Unterschieden werden zwei Ausprägungen:

  1. Egalitärer („radikaler“) Biozentrismus: Jede Entität hat den gleichen Eigenwert.
  2. Hierarchischer („schwacher“) Biozentrismus: Die Eigenwerte sind abgestuft, in der Regel danach, wie „hoch“ ein Lebewesen entwickelt ist.

Der Biozentrismus ist dabei die erste Ebene, auf der schlüssig kontraktualistisches Denken seinen Platz finden kann (z.B. „Verträge“ mit Tieren), Fragen der Gerechtigkeit, des Ein- oder Ausschlusses und der Diskriminierung gestellt werden können und werden (Speziesismus-Debatte).

Die Kritik am Biozentrismus wird i.d.R. aus utilitaristischer oder anthtropozentrischer Sicht geführt, der ich so oder so nicht folgen kann.

Klar ist für mich, dass mir der Biozentrismus immer noch nicht ausreicht, um auf rationaler Ebene mit meinem spirituellen Empfinden zu korrelieren.

Physiozentrismus, Ökozentrismus und Holismus

Die ethische Grundposition des Physiozentrismus geht über die Beschränkung moralischer Verpflichtung auf Lebewesen hinaus und berücksichtigt als ethisch relevant alles, was existiert, in der terrestrischen und sogar außerterrestrischen Welt. Sie ist also diejenige Position, die am weitestgehenden moralisch Eigenwert zuschreibt.

Im Physiozentrismus werden zwei Varianten unterschieden:

  1. Individualistischer Ökozentrismus: Alle individuellen Einheiten, einschliesslich der Steine, können moralisch richtig oder falsch behandelt werden.
  2. Holismus: Die ethische Relevanz wird bezogen auf Holons, auf Systeme und gleichzeitig deren sie bildenden Untersysteme und einzelnen Teile  (z.B. Natur – Ökosysteme – Arten – Individuen – usw.), also auf Greifbares und Nicht-Greifbares.

Dabei finden sich in holistischen Theorien und Modellen unter prinzipiell wohl gleichem Grundgedanken oft Unterschiede – auch zur verwandten Philosophie der Ganzheit.

In einer holistischen Ethik können die eingangs genannten vier Werthaltungen (instrumenteller Wert, inhärenter Wert, intrinsischer Wert, Eigenwert) nicht mehr je gesondert vertreten oder verworfen werden, sondern sind gemeinschaftlich „wahr“. Durch die Berücksichtigung von Allem was ist, wird darüber hinaus die Wertigkeit als Grundlage moralischen Bezuges relativiert (oder auf eine „höhere“ Ebene gehoben) durch das Sein an sich.

Wenn in holistischer Ethik alles gleichermaßen ethisch relevant ist, bedeutet das allerdings nicht, dass alles gleich sei.  Der holistischen Ethik geht es nicht nur, aber auch um den Schutz des Ganzen zugunsten des Menschen (denn auch er ist schützenswerter Teil des Ganzen), nicht um eine blinde „Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität“ und nicht um eine vermeintliche übergeordnete Zweckerfüllung, die zwangsläufig nur aus beschränkter menschlicher Sicht angenommen werden kann. Gerade die Vielfalt der Holons im Bewusstsein eines Ganzen drängt in der holistischen Ethik danach, auch die Eigenheiten der Teile zu berücksichtigen, was für den Menschen bedeutet, auch sein ethisches Empfinden und Bewusstsein zu entwickeln und zu schulen, sich von irrationaler Willkür zu lösen und das, was den Menschen (u.a.) ausmacht, die Befähigung zu Vernunft, Intellekt, Systemberücksichtigung, Sozialbewusstsein, differenzierter Emotionen und Glück zu nutzen statt zu übergehen.

Oder um es – noch einfacher – mit der Bedeutung des grundgesetzlichen Gleichheitssatzes auszudrücken: Wesentlich Gleiches darf nicht willkürlich ungleich behandelt werden, und wesentlich Ungleiches darf nicht willkürlich gleich behandelt werden. Unterscheidungskriterium und Maßstab kann dabei nicht allein der Mensch sein, sondern im Bewusstsein der Verbundenheit und Einbettung in einem Ganzen müssen rational und emotional geprüft erfüllbare und umsetzbare Kriterien gefunden werden, die nach Allgemeingültigkeit strebend Basis für menschliches Handeln sein können, muss dabei ein Bewusstsein entwickelt werden, das den Widerspruch zwischen humanem Anspruch und faktischer Realität von Krieg, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit usw. aufzulösen in der Lage ist.

Eine Bedienungsanleitung für den Alltag

Hier bin ich nun also an einem Punkt angelangt, an dem die ethische Positionierung (der holistischen Ethik) meinem spirituellen Empfinden wohl am nächsten kommt (wobei mir natürlich klar ist, dass die genannten ethischen Grundpositionen natürlich eine Schematisierung bedeuten). Aus der mystischen Erfahrung des Einen nehme ich etwas mit, das mich von „Bruder Mond“ und „Schwester Sonne“ reden lässt, so wie einst auch Franz von Assisi und mit ihm so viele andere dies schon taten. Mit dem entsprechenden Nachdenken über meine Moral, also im Beziehen einer ethischen Position, habe ich eine Basis für mein Handeln im Alltag. Bei dem, was ich tue, kann ich mir nun auch verstandesmäßig bewusst machen kann, warum ich es tue, kann es ethisch einordnen, kann bewerten, ob es für mich auch schlüssig ist – spirituell wie rational – und kann Lösungen suchen, so weit es geht. Denn wenn mir klar ist, dass mein Handeln unweigerlich auch meinen Verstand in Anspruch nehmen muss, dann kann ich nur so widersprüchliches Handeln vermeiden. Wenn mir die Mücke heilig ist, wie könnte ich sie dann erschlagen? Wenn mir der Baum heilig ist, wie könnte ich ihn dann fällen? Wenn mir die Beziehungen der Lebensformen heilig sind, wie könnte ich sie dann stören? Dann muss mir aber auch bewusst werden, bewusst sein und bewusst bleiben, dass ich immer wieder etwas tue, was dem widerspricht. Es genügt eine Autofahrt, um unzählige Brüder und Schwestern zu töten, von der Mücke über den Schmetterling, und das ökologische Gleichgewicht zu stören, durch Produktion schädlicher Abgase, durch Inanspruchnahme von Landschaft und Natur für die Straße, usw.

Das ist der erste Schritt, meine Spiritualität auch im Leben umfassend zu verwirklichen: Indem ich mir bewusst mache, was ich tue und wo ich hin will. Und das eben nicht nur in Bezug auf meinen Nächsten, sondern radikal gänzlich. Dabei hilft mir die Teilnahme am ethischen Diskurs, sei es nur im eigenen Kopf oder weitergehend, statt nur von Hürde zu Hürde zu stolpern, denn die Ethik schafft abstrahierend den Rahmen, in dem sich meine konkreten Schritte begutachten lassen.

Probleme der Problemlösung

Eingangs schrieb ich bereits, dass Leben immer auf Kosten von Anderen und Anderem geht. Wie also kann ich eine holistische Ethik mit Leben erfüllen?

Auch die ethischen Positionen betrachte ich insoweit holarchisch. Die holistische Ethik umfasst den Biozentrismus, welcher den Pathozentrismus umfasst, welcher in gewisser Weise seinerseits wiederum auch den Anthropozentrismus umfasst. Das Durchlaufen dieser Positionen spiegelt nicht nur meine eigene Entwicklung wider, sondern hierauf kann ich praktisch aufbauen: Nichts tun, was Menschen schadet. Vom respektvollen Umgang bis zum Pazifismus. Der Pathozentrismus führt mich in ein veganes Leben – Schutz allen empfindungsfähigen Lebens, sei es Tier, sei es Mensch. Der Biozentrismus hemmt mich, meinen Gartenweg von pflanzlichem Leben zu befreien, das allgemeinhin „Unkraut“ genannt wird – Schutz allen Lebens: Pflanze, Mensch, Tier. Der Physiozentrismus lässt mich unnötige Autofahrten vermeiden und bremst meinen Konsum. Und so weiter.

Aber bereits hier beginnen Probleme. Mein Nachbar erwartet, dass ich die Hecke nicht zu hoch werden lasse, so dass er keine Sonne mehr auf seiner Terrasse hat. Und natürlich dienen mir Pflanzen zum essen (Fruganer sind hier weiter als ich). Oft lässt sich hier allein logisch-argumentativ dann nicht mehr entscheiden. An einer Situationsethik kommt wohl auch niemand herum, der sich bewusst ethisch positioniert. Dennoch hilft auch hier der Verstand, sich Lösungen zumindest zu nähern, oder tragbar zu machen.

So schlägt zum Beispiel der Ethiker Paul W. Taylor Prioritätsregeln vor, in denen alle Lebewesen zwar einen gleichen Eigenwert haben, aber unterschiedliche inhärente Werte:

  1. Prinzip der Selbstverteidigung,
  2. Prinzip der Verhältnismäßigkeit,
  3. Prinzip des kleinstmöglichen Schadens,
  4. Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit,
  5. Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Eine andere Möglichkeit: Die alte asiatische Religion des Jainismus, die den bekannten Gedanken der Ahimsa (Gewaltlosigkeit) geprägt hat und deren Ethik vielleicht bereits als eine holistische bezeichnet werden kann, verweist hier aus ihrem spirituellen Kontext heraus in verstandesmäßiger Umsetzung auf die „Sinnzähligkeit“, auf den Grad sensorischer Wahrnehmung, bei gleicher Wertigkeit aller Seelen, die im Kreislauf der Wiedergeburt ihre persönliche Entwicklung durchlaufen. So verfügen Pflanzen nur über den Tastsinn. Es folgen Mikroorganismen und kleine Tiere mit zwei, drei oder vier Sinnen, dann Lebewesen mit fünf Sinnen. Die höchste Entwicklungsstufe der Tiere und Menschen verfügt schließlich auch über Rationalität und Intuition.

Es gibt für mich folglich keinen Grund zur Resignation.

„Aber das ist doch kein Leben mehr…“

Das alles klingt für viele Menschen danach, als würde das Leben wahnsinnig kompliziert, voller Hemmungen, Beschränkungen und Entbehrungen. Nein, so ist es für mich nicht. Meine Lebensqualität und mein Glück hängen nicht davon ab, dass ich Thunfisch esse, das neueste Handy besitze, die Wege „unkrautfrei“ halte oder bei Regen nicht nass werde. Meine Spiritualität macht mich ein gutes Stück unabhängig von Besitzdenken, Bequemlichkeitsstreben und Anpassungszwängen, ohne dass ich deshalb ein einsamer Griesgram würde, der nicht genießen kann. Und das geht sicherlich vielen spirituellen Menschen so. Allerdings gestehe ich, dass ich weit mehr lassen könnte, als es der Fall ist. Oft komme ich mir wie ein Heuchler vor, wenn ich überhaupt so etwas sage, wie in diesem Artikel, denn viel zu schwach bin ich… Es bedeutet auch nicht, bei jeder Kleinigkeit mühsam großes Nachdenken zu beginnen. Der Prozess der Bewusstmachung ist wie Klavierspielenlernen – es entwickelt sich so etwas wie eine „Motorik“.

Schlusswort

Nochmals zur Erinnerung: ich schreibe hier nur meine bescheidene Sicht nieder. Dennoch möchte ich mir zum Schluss so etwas wie ein kleines Plädoyer erlauben.

Jedes ethische System ist – das versteht sich aus sich heraus – von Menschen gemacht und kann auch nur vom Menschen her verstanden werden. Doch auf dieser epistemischen Ebene wird noch keine Bewertung vorgenommen, ob und inwieweit der Mensch höher (oder niedriger) als andere Lebewesen einzustufen ist, wird noch nicht bestimmt, was uns Objekt moralischer Verpflichtung sein soll.

Die Epistemologie ist zwangsläufig auf den Menschen bezogen, weil sie danach fragt, wie wir von etwas wissen können, welche Wahrheitsbegriffe und Kriterien uns als verlässlich gelten können, was Wissen und Gewissheit bedeuten. Übergänge in und Schnittmengen mit ontologischen Betrachtungen, die nach den fundamentalen Strukturen der Realität fragen, mögen sich zwar ergeben, doch diese Grundebene bleibt lediglich letztlich unumgängliche Perspektive. Erst auf einer weiteren Ebene, die sich aufwärtskausal aus der Grundebene ergibt, fließen Bewertungen und damit moralisch relevante Kriterien ein, eröffnet sich das Feld der Ethik, die danach fragt, wie wir handeln sollen – und in Rückkoppelung zur Grundebene gleichzeitig sich bestimmt, warum wir so (oder anders) handeln sollen. Das Potential der so gewonnenen ethischen Position zur bewusstseinsgebundenen Weiterentwicklung  und der Erfolg (oder das Scheitern) der Wechselwirkung mit dem Gesamtsystem wirken schließlich (abwärtskausal) quasi falsifizierend resp. verifizierend oder das Denken umstrukturierend zurück auf die Epistemologie. Selbstverständlich gilt das auch für religiösen Glauben und spirituelle Erfahrung, soweit man heute noch gestattet, hier von Epistemologie und Ontologie zu sprechen.

Die ethische Orientierung des Menschen ergibt sich zwangsläufig aus den Strukturbeziehungen der Gesamtstruktur – welche in der Zeit  evolvierte Grundveranlagungen, Kultur und Ökologie selbstverständlich einbezieht – und wirkt im Handeln des Menschen und den sich daraus ergebenden Folgen zurück auf die Gesamtstruktur, deren Teile und Beziehungen. Ethik epiphänomenal zu betrachten, greift daher zu kurz. Die Befähigung zur Ethik ist eine Emergenz, die epistemologisch den Menschen herausfordert und stets erneut seine Kriterien und Bewertungen hierzu in Beziehung setzen muss. Es bedarf letztlich einer eigendistanzierten Betrachtung, um argumentationstheoretisch die Stringenz ethischer Positionen einzuschätzen, welche schließlich bestimmen, was uns die Objekte moralischer Verpflichtung sein sollen.

Ethik stellt also zwar ein menschliches System dar, von ihm gemacht und von ihm her zu verstehen, aber sie darf nicht ausschließlich auf ihn hin verstanden werden.

Mit einfacheren Worten: Wenn wir also allgemeingültig etwas beurteilen wollen, was gut und was schlecht sei, tun wir gut daran, es sozusagen aus „höherer Warte“ und stets mit dem Blick auf das Ganze zu tun. Das umfasst auch die Vergangenheit und die Zukunft, ebenso die Vergangenheit vor dem Menschen und die Zukunft nach dem Menschen. Dass wir überhaupt Lebewesen sind, die sich ethische Gedanken machen können, ist ein phänomenales Wunder, das nicht zufällig ist, sondern Gründe hat, und das ich würdigen möchte. Der Mensch steht nicht über der Welt, sondern ist aus und in ihr in Raum und Zeit geworden. Nur wenn er sich wirklich so begreift, wird er sein Handeln bewusster wahrnehmen und ethisch reflektieren können. Das ist das Potential und die Chance einer Spiritualität, wie nicht nur ich sie erlebe. Spiritualität leben, ganz und gar, wenn auch nicht als Vollkommenheit, sondern als ein Unterwegssein, das ist etwas, was mich auch ganz und gar fordert, mit Herz und Verstand.

Du bist nicht getrennt von dieser Welt. Sie ist nicht einfach um dich herum, nicht nur oder nicht nur gleichberechtigt neben dir, sondern du bist Teil dieser Welt. Ein Teil, der mit allen anderen Teilen erst das Ganze bilde, das noch viel mehr ist als wir wahrnehmen oder erahnen können. Ohne deinen Bruder oder ohne deine Schwester ist es eine andere Welt. Ohne dich ist es eine andere Welt. Ohne diese Landschaft oder ohne jene Tierart ist es nicht mehr diese Welt. Ohne diesen Stein und ohne dieses Schwein ist es nicht mehr diese Welt. Es ist nicht gleichgültig, was mit einem Teil geschieht. Und das hängt nicht davon ab, ob es dir nun etwas einbringt oder nicht. Auch du bestimmst das Ganze mit wie das Ganze auch dich bestimmt. Was du fühlst, was du denkst, was du tust, reicht über dich hinaus. Du bist ein transzendentes Wesen.

Aber wie gesagt, das ist nur meine Sicht der Dinge.

Themen

Archiv

Hier Email-Adresse eingeben

Schließe dich 79 Followern an