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„Damit der Baum der Erleuchtung wachsen kann, müssen wir guten Gebrauch von unseren Sorgen, unserem Leid machen. Es ist wie bei der Anzucht von Lotusblumen:Lotusblumen wachsen nicht auf Marmor. Ohne Schlamm können wir keine Lotusblumen aufziehen.“

Thich Nhat Hanh, „Ärger“, Verlag Goldmann, München 2007

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Wann gelingt es uns, damit aufzuhören, Gott nach unserem Bilde zu erschaffen, und zuzulassen, dass Gott uns nach seinem Bilde erschafft (Gen 1,27)?

Wann gelingt es uns, Gott nicht länger als ein Ding, als ein Etwas anzusehen, und damit zu beginnen, Gott als das in der „Schöpfung“ prozesshafte, von einer gesonderten Eigenexistenz leere Sein, Gott wesentlich als Beziehung, zu erkennen, deren Wirkkraft und Verdichtung menschliche Begriffe Liebe nennen?
 
 

„Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“
Römer 11,36

 

 

 

„Science and Spirituality:

They are two different
windows to look at reality.

They complement rather
than oppose each other.“

Trịnh Xuân Thuận

 

Buchempfehlung: „Quantum und Lotus“ von Trịnh Xuân Thuận und Matthieu Ricard, Goldmann, München 2001/2008

Gott, wer darf in dein Heiligtum kommen, wer im Höchsten verweilen?
Wer untadelig lebt und tut, was recht ist, und Wahrheit redet von Herzen.
Wer niemanden verleumdet, keinem ein Unrecht zufügt und nicht schlecht von anderen spricht.
Wer verwirft, was Gott verworfen hat, aber ehrt, was Gnade vor ihm findet;
wer sein Wort hält, auch wenn es ihm schadet.
Wer keine Zinsen für verliehenes Geld fordert und sich nicht bestechen lässt, gegen Unschuldige auszusagen.
Wer so handelt, steht für immer auf sicherem Grund.

Tanach / Altes Testament, Psalm 15

Rechte Einsicht,
rechte Gesinnung,
rechte Rede,
rechtes Handeln,
rechter Lebenserwerb,
rechtes Streben,
rechte Achtsamkeit,
rechte Sammlung.

Edler Achtfacher Pfad des Buddhismus

„Die Verhaltensforschung und die Hirnpsychologie, die Kulturanthropologie und die Abstammungslehre sagen uns heute, daß wir als Menschen unseren älteren Geschwistern, den Tieren, sehr viel verdanken. Eugen Drewermann: »Kein Problem des menschlichen Daseins: weder Krieg noch Kriminalität, aber auch kein wirklich starker Faktor des menschlichen Zusammenlebens, weder Familiengründung noch Kinderaufzucht sind zu verstehen ohne das Echo aus den 250 Millionen Jahren der Säugetierentwicklung in den Schichten des Zwischenhirns in unseren Köpfen.« (…) Weil wir nicht wissen, woher wir kommen, wissen wir auch nicht, wer wir sind, und weil wir nicht wissen, wer wir sind, tun wir auch nicht, was wir wissen. (…) Das Einheitserlebnis aller Mystiker aller Religionen ist, daß sie das Göttliche in allem erkennen, auch in Tieren und Pflanzen. (…) Gott ist in allem, und alles ist in Gott. (…) Eine panentheistische Tiefenerfahrung ist eine tiefenökologische Erfahrung. Ehrfurcht und Staunen sind der Beginn der Weisheit. (…).“

Aus: Franz Alt: Der ökologische Jesus – Vertrauen in die Schöpfung, Lizenzausgabe RM Buch und Medien Vertrieb GmbH 1999, S. 291 ff.

Zu Beginn des Buches schreibt Alt: „Die Umweltkrise ist eine Innenweltkrise. In der Schule Jesu und in der Schule Buddhas können wir lernen, daß unsere äußeren Krisen nur von innen her zu lösen sind.“ (a.a.O. S. 17). Auch wenn diese beiden Schulen nur exemplarisch genannt sind, und – wie bereits die Praxis zeigt – nicht zwangsläufig in die Sichtweise Alts (oder eines Mystikers) führen, so geht es im Grunde doch darum, dass die Lösungen der großen Krisen der Gegenwart zuallererst im Innern des Menschen ansetzen müssen.

„Nur Ruhe will ich …“, seufzt Kundry im ersten Akt des „Parsifal“ von Richard Wagner. Das darin erkennbare Sehnen nach Erlösung ist das zentrale Motiv dieses Musikdramas, und es wird im Geschehen wie in den Charakteren immer wieder mit dem Guten verknüpft. Mitleid ist dabei der Weg zur Erkenntnis („Durch Mitleid wissend, der reine Tor“). Auch in Kundrys Sehnsucht wird die Erlösung, der innere Friede, mit dem Guten (als das nach außen Wirkende) verbunden:

„Nie tu‘ ich gutes; nur Ruhe will ich,
nur Ruhe, ach! Der Müden.“

Gutes – Güte. Das neulich hier zitierte Metta-Sutta spiegelt eine Entsprechung: Frieden des Geistes durch (unbegrenzte) Güte. Es wäre ein Missverständnis, diese vorrangige Streben nach dem Frieden des Geistes als einen Egoismus zu betrachten. Nein, das Sutra von der liebenden Güte ist Ausdruck der Einsicht, dass der eigene Friede, das eigene Glück abhängt vom Frieden und vom Glück aller, und gleichzeitig unverzichtbare Grundlage ist für den Frieden und das Glück aller;
Ausdruck des Erkennens, dass Wir und Ich eine Einheit bilden. Weder die alleinige Bezogenheit auf sich selbst, noch eine ausschließliche Aufopferung seiner selbst, noch nur das Wechselspiel von „mal ich, mal ihr“ schafft Frieden und Glück über einige kurze Momente Einzelner hinaus. Eigentlich ist es dann ganz einfach, und Mahatma Gandhi drückte das in dem bekannten Zitat so aus:

„Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“

Es kann keinen Frieden in der Welt geben, wenn er nicht im Einzelnen liegt. Es gibt kein Glück der Gemeinschaft, wenn nicht die Einzelnen glücklich sind. Es beginnt keine Veränderung der Gesellschaften, Strukturen und Systeme, wenn sie nicht in dir und mir beginnt.

Doch die Umsetzung ist dann nicht mehr ganz so einfach. Sie muss mit der menschlichen Schwäche, mit der eigenen Schwäche rechnen. Das hat auch der Verfasser des Metta-Sutta erkannt: Er spricht nicht von Verwirklichung, sondern von Bemühung und Gesinnung.

Dass ich mit dem Metta-Sutta in eine Blogpause ging, war kein Zufall. Es war für mich der Einstieg in Alltagsexerzitien. Die Exerzitien unterbrach ich aus verschiedenen Gründen (denn es ist besser, sie zu unterbrechen, als nur halbherzig mit ihnen fortzufahren). Nun werde ich sie wieder aufnehmen und damit erneut in eine kleine Blogpause eintreten.

Es mag vielleicht eine recht eigenwillige Sichtweise sein, wenn ich in der Bergpredigt des Jesus Christus eine Parallele zum Sutra von der liebenden Güte erblicke. Ich möchte hier die Bergpredigt für die nächste Zeit hinterlassen, in Auszügen der m.E. gut gelungenen Fassung der Basisbibel, welche die Seligpreisungen zu Glückseligpreisungen macht.

Die Bergpredigt

Als Jesus die Volksmenge sah, stieg er auf den Berg. Er setzte sich
und seine Jünger kamen zu ihm.

Jesus begann zu reden und lehrte sie:

Die Bergpredigt: Wer glückselig ist (Die Seligpreisungen)

„Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind. Denn ihnen gehört das Himmelreich.

Glückselig sind die, die an der Not der Welt leiden. Denn sie werden getröstet werden.

Glückselig sind die, die von Herzen freundlich sind. Denn sie werden die Erde als Erbe erhalten.

Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Denn sie werden satt werden.

Glückselig sind die, die barmherzig sind. Denn sie werden barmherzig behandelt werden.

Glückselig sind die, die ein reines Herz haben. Denn sie werden Gott sehen.

Glückselig sind die, die Frieden stiften. Denn sie werden Kinder Gottes heißen.

Glückselig sind die, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott will. Denn ihnen gehört das Himmelreich.

Glückselig seid ihr, wenn sie euch beschimpfen, verfolgen und verleumden – weil ihr zu mir gehört.

Freut euch und jubelt! Denn euer Lohn im Himmel ist groß! Genauso wie euch haben sie früher die Propheten verfolgt.“

Die Bergpredigt: Den Willen Gottes im Gesetz ganz ernst nehmen

„Denkt ja nicht, ich bin gekommen, um die geltenden Lebensregeln außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen, um sie außer Kraft zu setzen, sondern sie zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Solange Himmel und Erde bestehen, wird im Gesetz kein einziger Buchstabe und kein Satzzeichen gestrichen werden – das ganze Gesetz muss erfüllt werden. Keines dieser Gesetze wird außer Kraft gesetzt – selbst wenn es das Unwichtigste ist. Wer das tut und es anderen Menschen so lehrt, der wird der Unwichtigste im Himmelreich sein. Wer sie aber befolgt und das anderen so lehrt, der wird der Wichtigste im Himmelreich sein.

Denn ich sage euch:

Wenn ihr den Willen Gottes nicht besser erfüllt als die Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr niemals in das Himmelreich kommen.“

Die Bergpredigt: Das Gebot, nur maßvoll zu vergelten

„Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ‚Auge um Auge und Zahn um Zahn!‘

Ich sage euch aber:

Wehrt euch nicht gegen Menschen, die euch etwas Böses antun!

Sondern:

Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch deine andere Backe hin!

Und wenn dich jemand verklagen will, um deine Kleider als Pfand zu bekommen, dann gib ihm auch noch den Mantel dazu!

Und wenn dich jemand dazu zwingt, seine Sachen eine Meile zu tragen, dann geh zwei Meilen mit ihm!

Wenn dich jemand um etwas bittet, dann gib es ihm! Und wenn jemand etwas von dir leihen will, sag nicht ‚Nein‘.“

Die Bergpredigt: Das Gebot, den Mitmenschen zu lieben

„Ihr wisst, dass gesagt worden ist: ‚Liebe deinen Nächsten und hasse deinen Feind!‘

Ich sage euch aber:

Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! So werdet ihr zu Kindern eures Vaters im Himmel!

Denn er lässt seine Sonne aufgehen über bösen und über guten Menschen. Und er lässt es regnen auf gerechte und auf ungerechte Menschen.

Denn wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen Lohn erwartet ihr da von Gott? Verhalten sich die Zolleinnehmer nicht genauso?

Und wenn ihr nur eure Geschwister grüßt: Was tut ihr da Besonderes? Verhalten sich die Heiden nicht genauso?

Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“

***

Mögen alle Wesen glücklich sein und Frieden finden.

***

 

 

Das Sutta von der liebenden Güte

 

 Wem klar geworden, dass der Frieden des Geistes

das Ziel seines Lebens ist,

der bemühe sich um folgende Gesinnung:

Er sei stark 

aufrecht und gewissenhaft

 freundlich 

sanft und ohne Stolz.

Genügsam sei er

leicht befriedigt

nicht viel geschäftig und bedürfnislos.

Die Sinne still

klar der Verstand

nicht dreist

nicht gierig sei sein Verhalten.

Auch nicht im Kleinsten soll er sich vergehen

wofür ihn Verständige tadeln könnten.

Mögen alle Wesen glücklich sein und Frieden finden.

Was es auch an lebenden Wesen gibt:

ob stark oder schwach

ob groß oder klein

ob sichtbar oder unsichtbar

fern oder nah

ob geboren oder einer Geburt zustrebend –

mögen sie alle glücklich sein.

Niemand betrüge oder verachte einen anderen.

Aus Ärger oder Übelwollen wünsche man keinem

irgendwelches Unglück.

Wie eine Mutter mit ihrem Leben

ihr einzig Kind beschützt und behütet

so möge man für alle Wesen und die ganze Welt

ein unbegrenzt gütiges Gemüt erwecken:

ohne Hass

ohne Feindschaft

ohne Beschränkung

nach oben

nach unten und nach allen Seiten.

Im Gehen oder Stehen

im Sitzen oder Liegen

entfalte man eifrig diese Gesinnung:

Dies nennt man Weilen im Heiligen.

Wer sich nicht an Ansichten verliert

Tugend und Einsicht gewinnt

dem Sinnengenuss nicht verhaftet ist –

für den gibt es keine Geburt mehr.

 

Übers. von Vimalo

Quelle: Buddhistische Gesellschaft Berlin e.V.

.
Damit begebe ich mich nun in eine Blog-Pause. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine friedvolle Zeit.

„Es gibt einen von uns angenommenen, also einen zu interpretierenden geistigen Lehrer, und einen endgültigen. Der endgültige Lehrer oder Lama ist die Erfahrung unserer eigenen geistigen Entwicklung. Diese wird sich einstellen, wenn wir den Pfad von Mitgefühl und Weisheit sehr weit entwickelt haben, wenn wir in uns selbst mehr und mehr Einsicht in die Bestehensweise unserer eigenen Person gewinnen. Dies nennen wir dann eine „mystische“ Erfahrung, obwohl ich nicht sicher bin, ob wir dieses Wort eins zu eins in die tibetische Sprache übersetzen können. Die Erfahrung des Nicht-Selbst ist aus buddhistischer Sicht der endgültige geistige Lehrer in uns selbst; sie ist eine untrügliche Instanz.“

Geshe Thubten Ngawang: Mystik – mit dem Geist sehen

Mehr als drei Jahrzehnte dauerte es, bis 1953 die Besteigung des höchsten Berges der Erde, des Mount Everest, durch Tenzing Norgay und Edmund Hillary gelang. In den folgenden zehn Jahren gelang es weiteren 13 Personen, den Gipfel zu erreichen. In weiteren zehn Jahren waren es 23 Bergsteiger, den dann folgenden zehn Jahren 120, und in den nächsten zehn Jahren 456 [1]. Dieser zahlenmäßige Anstieg pro Zeitraum setzte sich fort. Schließlich erfolgte ein Drittel (!) aller erfolgreichen Besteigungen innerhalb von nur drei Jahren! [2]

Gleichzeitig wurden die „Leistungen“ an diesem Berg immer erstaunlicher, ja verrückter (die erste Besteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff, die erste Überschreitung, die erste Speedbegehung, der erste Hattrick, die erste Ski-Abfahrt, usw.).

Natürlich spielen bei diesem Phänomen verbesserte Ausrüstung, verbesserte Ausbildung usw. eine Rolle. Aber den gleichsam exponentiellen Anstieg der Personenzahl, die eine solche Leistung erreichen und manchmal übersteigen, können diese Faktoren allein nicht erklären.

Ein solches Phänomen begegnet uns nicht nur in der Bergsteigerei, sondern in vielen Bereichen. Die einst unerreichte Virtuosität eines Paganini ist bereits für viele Violinstudenten heute Standard, und wird von nicht wenigen Geigern längst übertroffen. Der (nach der Legende) tödlich verlaufene Marathonlauf ist heute Hobby ungezählter Freizeitjogger – gar nicht zu reden von den Läufern, die mittlerweile Distanzen im vierstelligen km-Bereich zurücklegen.

Als Siddhartha Gautama vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden die Erleuchtung fand, war er vielleicht der erste [3]. Für mich besteht kein Zweifel daran, dass damit eine ähnliche quasi-exponentiell verlaufende Entwicklung einsetzte wie bei der Besteigung des Mount Everest. Immer mehr Menschen gelang und gelingt es, in immer kürzeren Zeitabschnitten „Erleuchtung“ [4] zu erlangen [5].

Doch dieser Gedanke behagt vielen Menschen nicht. Es gehört zur menschlichen Psychologie, unumschränkt vorbildtaugliche Personen hoch zu stilisieren, sie auf Sockel zu stellen, welche die Vorbildlichkeit noch erhöhen, gleichzeitig aber auch für uns unerreichbar zu machen. Denn jedes eigene „Versagen“, jedes eigene Unvermögen erscheint dann weniger bedeutend. Wir fühlen uns mit unseren Schwächen oder (Noch-)Nicht-Fähigkeiten einfach weniger unwohl, wenn wir sagen können: „Ja der, der war ja auch der Buddha!“ oder „Ja der, der war ja auch Gottes Sohn!“ oder „Ja die, die war ja auch eine Heilige!“. Das kratzt weniger an unserem Selbstwertgefühl, ohne dabei unser Vorbild zu verraten.

Hinzu kommt das seltsame Phänomen, bei fehlenden konkreten Primärquellen (wie z.B. Schriften unmittelbar aus der Feder solcher Personen) mit zunehmender zeitlicher Distanz riesige Gedankengebäude, Lehren und Theologien um diese Menschen zu errichten. Die Uneinheitlichkeit dieser Gebäude ist da wenig störend, wenn man nur genügend Ähnlichkeiten zwischen ihnen findet. Man sehe sich nur einmal um in den Lehren, Theologien und Konfessionen des Christentums und Buddhismus. (Für den Misstrauenshinweis des Siddhartha und die religiöse Rebellion des Nazareners ist da übrigens nicht mehr viel Platz.)

Und noch etwas kommt dazu: Menschen folgen Lehren nicht, weil sie sie für sich betrachtet als richtig ansehen. Es ist immer notwendig, dass der Verfasser dieser Lehren kompromisslos auch selbst danach gelebt hat. Eine Lehre kann noch so überzeugend sein – sie überzeugt dennoch niemanden, wenn der Lehrende sich selbst nicht danach richtet (was bei rein rationaler Betrachtung doch eigentlich etwas seltsam anmutet, oder?). Das trägt natürlich dazu bei, dass man Biografien möglicherweise auch mal ein klein wenig ergänzt oder anpasst (von „Fälschung“ sollte man dabei allerdings nicht sprechen).

Aus Menschen macht man Sagengestalten, übermenschliche Wesen, die man dennoch für real existent erklärt. Ob Siddhartha Gautama oder Jesus von Nazareth [6]: Ihnen wollen wir unbedingt folgen, und sind nur wenig enttäuscht, wenn uns das nicht gelingt. Weil uns das nicht gelingen kann. Dafür haben wir zuvor gesorgt.

Nun, um das Ganze nicht zu lang werden zu lassen: Ja, ich glaube daran, dass Jesus Gottes Sohn war. Aber das kannst Du auch sein! Ja, ich zweifle nicht, dass Siddhartha Gautama erleuchtet wurde. Aber das kannst Du auch sein! Für mich besteht kein Zweifel, dass Jesus nicht nur einmal der Kragen platzte [7]. Und seine Todesängste am Ölberg sind sogar in den Evangelien überliefert. Das ist die gleiche Wut, das ist die gleiche Todesangst, wie andere Menschen sie haben, wie auch Du sie kennst. Nur dass niemand um deine Wut und um deine Todesangst komplizierte Theologien strickt. Und Buddha wird seine nächtlichen Zahnschmerzen genauso verflucht haben wie Du.

Befreien wir den Menschen Jesus doch von dem Mythos vollkommener Fehlerlosigkeit und hochtouriger Liebe rund um die Uhr. Befreien wird doch den Menschen Siddhartha von dem Mythos vollkommener Gelassenheit und unaufhörlicher Dopaminausschüttung. Begreifen wir doch endlich, dass Christus zwar von Jesus ausging, Buddha von Siddharta, aber der lebendige Christus nicht von der Identität mit dem historischen Jesus abhängt, und nicht der Buddha vom historischen Siddhartha.

Mir ist klar, dass das ein gefährliches Terrain ist. Und ich möchte betonen, dass ich hier nicht einer Wischiwaschi-Mentalität das Wort rede. Christus ist kompromisslos, und Buddha ist es auch. Aber: Du hast Christus nicht erst in dir verwirklicht, wenn du vollkommen fehlerlos und unablässig emotional liebend bist. Vergiss es. Das wird nie etwas. Du hast die Buddhaschaft nicht erst erreicht, wenn du nachts nicht mehr von deinen Zahnschmerzen aufwachst, weil dein Geist sich so unendlich weit über die Leidensfähigkeit deines Körper erhoben hat. Der lebendige Christus, der Buddha – das ist etwas anderes. Jedenfalls befreien sie dich nicht vom Mensch-Sein. Und das war bei Jesus und Siddartha auch nicht anders.

Die Erleuchtung ist kein göttliches Geschenk. Und die Gotteskindschaft ist kein geschichtlich einmaliger Zeugungsakt. Das sind im Menschen verankerte Eigenschaften. Eigenschaften, die aktiviert werden können.

„Es gibt Gehirnbereiche, die mystische Erfahrungen beinhalten oder zumindest aktivieren, und das belegt, dass – kurzgefasst: Der areligiöse Mensch irrt immer, wenn er glaubt, Religion sei eine Frage des Glaubens, sondern: Jeder Mensch hat diese mystischen Erfahrungsmöglichkeiten in sich, und wer sie leugnet und glaubt, es gäbe überhaupt nichts oder Religion sei sinnlos, der ignoriert einen wesentlichen Teil seiner Anlagen.“

Michael Schröter-Kunhardt, Neurologe

Die Befreiung von den vielen riesigen theoretischen Gebäuden in den Religionen, um den Kern lebendig(er) werden zu lassen, gilt nicht nur für die Religionen, sondern auch für die Mystik. Der notwendige Prozess um die Entmystifizierung der Mystik hat in einigen Bereichen bereits begonnen [8].

Wir dürfen uns zutrauen, Christus in uns leben zu lassen. Wir dürfen uns zutrauen, erleuchtet zu werden. Dazu bräuchten wir nur aufzuhören, das, was wir anstreben, in konstanter Distanz vor uns hochzuhalten. So kann es uns ja nicht näher kommen. Lassen wir doch einfach mal das viele distanzgebende Brimborium weg, und das Wesentliche in uns hinein. Auch, wenn das anstrengend sein kann.

Wir können es schaffen, den spirituellen Mount Everest zu besteigen. Das sind nicht nur zwei, denen das vor langer Zeit mal gelang. Es werden immer mehr seit dem.

Doch niemand kommt auf diesen Berg, wenn er immer nur ehrfürchtig vor ihm kniet. Das war gut, und hatte seine Zeit. Aber nun gilt es, sich auf den Weg zu machen, die Distanz zu verringern, bis auf Null.

Wer dort oben für immer bleibt, ist tot. Aber immer mehr schaffen es, dorthin und lebendig wieder zurück zu gelangen. Auch Mount-Evererst-Besteiger stolpern später mal über eine Bordsteinkante. Na und? Das ist Leben. Sie waren oben, und tragen den Gipfel immer noch bei sich. In sich.

Warum solltest nicht auch Du ein Punkt auf dieser Kurve sein, die eine Exponentialfunktion der Bewusstseinsentwicklung beschreibt?

[1] Entnommen der Auflistung der Everest-Besteigungen im Buch „Everest“, Hrsg. Peter Gillman, Bruckmann Verlag 1998.
[2] www.8000ers.com
[3] Die seinerzeit bereits lange entwickelte Meditationstradition dürfte es wahrscheinlicher machen, dass er nicht der erste war. Möglicherweise lag die Bedeutung des Siddhartha Gautama mehr in den Schlüssen, die dieser aus diesem Erlebnis zog, seiner Fähigkeit, diese zu kommunizieren, in den kulturellen Umständen der Region und Zeit, usw. Für die Aussage in diesem Artikel spielt das aber keine Rolle.
[4] Den Begriff der „Erleuchtung“ mag ich nicht besonders, da allzu oft eine große Portion Exklusivismus daran geknüpft wird.
[5] Und das hat nichts mit esoterischen kosmischen Schwellen zu tun.
[6] Jesus und Siddhartha, Christus und Buddha sind in diesem Artikel nur stellvertretend genannt.
[7] Die sog. „Tempelreinigung“, Matthäus 21,12ff; Markus 11,15ff; Lukas 19,45ff; Johannes 2,13–16.
[8] Man denke an die sog. „Neurotheologie“ und die Integralen Theorien.
[P.S.:] Nun war ich doch noch nicht wieder brav.

Kürzlich besuchte ich das Haus der Völker in Schwaz. Im Asien-Saal stieß ich auf eine Skulptur von Guanyin. Auf der Tafel daneben las ich, dass Guanyin eine Mutation des Bodhisattvas Avalokiteshvara sei, entstanden um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend aus dem Bedürfnis des gläubigen Volkes nach einer weiblichen Gottheit.

„Guck mal, Gott“ sagte ich da, „So klein sind die Menschen oft, dass sie sich ihre Götter manchmal einfach zurechtbasteln.“
„Guck mal, Stefan“ sagte da Gott, „So klein sind die Menschen oft, dass sie nicht für möglich halten, dass ich dennoch auch das manchmal bin.“

Wenn du dich entschieden hast, liebevoll sein zu wollen, dann genügt es nicht, es nur zu wollen, um es zu sein. Du wirst üben müssen.

Wenn du dich entschieden hast, mitfühlend sein zu wollen, dann reicht es nicht aus, sich nur dafür zu entscheiden, um es schon zu sein. Du wirst üben müssen.

Es ist wie beim Erlernen eines Musikinstrumentes. Anfangs ist es sehr mühsam, mit dem Kopf und ganzer Aufmerksamkeit etwas Gedachtes, die Noten, Stück für Stück in eine Tonfolge umzusetzen. Doch je mehr du übst, um so besser und leichter geht es. Und irgendwann spielen deine Finger schon von ganz alleine Melodien und Akkorde, während dein Verstand noch gar nicht realisiert hat, welche Noten auf dem Papier dein Blick gerade gestreift hat.

Was nützt es einem Klavierschüler, für ein Klavierkonzert von Rachmaninow zu entflammen und daran zu scheitern, weil er noch nicht mal eine Etüde von Czerny bewältigen kann?

Doch ob es eine leichte Etüde oder eine große Sonate ist: Wahre Musik wird es erst, wenn „die Seele mitgeht“. So gut eine Tat auch sein mag: Sie wird erst dann eine echte Tat der Liebe, wenn sie durch Liebe bewirkt wird; sie wird erst dann eine echte Tat des Mitgefühls, wenn sie aus Mitgefühl geschieht. Es geht nicht darum, jemandem oder sich selbst etwas vorzumachen (und andere Gefühle und Emotionen zu übertünchen, zu verdrängen oder zu unterdrücken). Sicher, schon das Wollen und Tun ist etwas sehr Kostbares. Doch es geht hier ja um den, der mehr wollte als das Wollen und Tun, es geht um das Werden eines So sein.

Wie aber übt man? Die religiöse und spirituelle Welt ist voll von Ansprüchen, man dürfe und müsse nur Dieses oder Jenes. Würde man allen nachkommen wollen, steckte man in einem multiplen Dilemma. Aber: Diese Welt ist damit gleichzeitig auch voll von Wegen und Möglichkeiten.

Es wird gut sein, zunächst einmal zu verstehen, wie dieser spirituelle Lern- und Übungsprozess überhaupt funktioniert. Insbesondere der Buddhismus hat hierzu in seiner „kontemplativen Wissenschaft“ eine lange Tradition aufzuweisen, und mit diesem reichen Wissensschatz hat sich mittlerweile auch die Hirnforschung beschäftigt.* Mit dem Wissen über die Funktionsweise wird man sich so manchen Umweg ersparen können; oder um im Bild der Musik zu bleiben: Der richtige Fingersatz führt sehr viel effektiver in eine brauchbare Motorik.

Auch ist es wichtig, den für sich geeigneten Weg, „sein Instrument“ zu finden. Das muss nicht immer das sein, was einem am besten gefällt. Vielleicht mag man das Klavier am liebsten, hat aber mehr Talent für die Gitarre. Vielleicht schwärmt man für den Sufismus, bewegt sich aber am Ende viel souveräner in christlicher Kontemplation. Vielleicht ist man fasziniert vom Zazen, tut sich aber leichter mit einer dynamischen Meditation. Man sollte sich nicht scheuen, zu experimentieren und individuelle Anteile zuzulassen. Wenn jemand sagt, nur der Lotussitz sei für die Meditation das Wahre, so kann man es ausprobieren. Vielleicht stimmt es für den einen, und für den anderen nicht. Andrés Segovia lässt sich nicht mit Jimi Hendrix vergleichen; waren aber nicht beide große Gitarristen?

Über eines aber muss man sich im Klaren sein: Während beim Erlernen eines Musikinstrumentes die Motivation durch die erzielten Erfolge lebendig erhalten wird, so führen Liebe und Mitgefühl immer wieder auch in schmerzliche Erfahrungen. Ein andauerndes Hochgefühl des Glücks durch die Öffnung des Herzens, wie es uns die spirituelle Medienlandschaft manchmal zu suggerieren scheint, ist eine Illusion. Und während der Musiker für seinen Erfolg Applaus erhält, wird ein liebender Mensch so manches mal abfällig als „Weichling“ belächelt, sein Mit-Leiden als eine dumme, selbstschädliche Haltung angesehen.

Doch niemand soll an seiner Liebe und seinem Mitgefühl zerbrechen. Damit die schmerzlichen Erfahrungen nicht die Motivation abtöten, nicht zu Steinen einer Mauer um das Herz werden, damit das Spüren der Schmerzen Anderer nicht zu einem Gefängnis der eigenen Seele wird, braucht es Fähigkeiten eigener Art, die nichts mit Kälte, Verdrängung und Vergessen zu tun haben, die sich aber ebenfalls erlernen und einüben lassen. Hierzu braucht es Geduld. Weniger die Geduld des Ertragens, sondern vielmehr die Geduld des Erkennens, des Verstehens, des Erlernens, und – wiederum – des Übens.

Ausgangspunkt für diesen Artikel war eine Beobachtung, die immer wieder mal bei spirituell suchenden Menschen zu machen ist. Sie liegt in dem Auseinanderklaffen eines Anspruches einer stets „licht- und liebevollen“ Haltung in sich selbst und der eigenen menschlichen Realität emotionaler Reagibilität, aus welchem nicht selten eine Unzufriedenheit mit sich selbst, eine Enttäuschung hinsichtlich der „eigenen Schwäche“ resultiert. Mit diesem Thema lässt sich auf verschiedene Arten umgehen. Nicht jeder wird sich dafür entscheiden, stets liebevoll und mitfühlend sein zu wollen (und über das Für und Wider ließe sich viel diskutieren, doch das ist ein anderes Thema). Angesprochen werden sollten hier jene, die dieses wollen. Es gibt, das weiß man heute, unterschiedliche genetische Veranlagungen zur Liebesfähigkeit und zum Mitgefühl. Aber, auch das weiß man heute, sie lassen sich trainieren. Wunsch und Wille genügen eben nicht. Spiritualität ist – zumindest in diesen Punkten – auch ein gutes Stück Arbeit. Ob man dazu bereit ist, entscheiden am Ende vermutlich die Dissonanzen, die auch ein spiritueller Mensch in sich trägt, die er hinzunehmen bereit ist, oder eben nicht.

Eines noch zum Abschluss, weil mir das Ganze so furchtbar lehrerhaft erscheint: Nach wie vor bin ich nur ein kleines, dummes Menschlein, das keine Lehre hat, sondern nur ein paar Ansichten und Gedanken. Man mag davon mitnehmen, was man gebrauchen kann, oder alles verwerfen.

*Eine überschaubare – und für ein prinzipielles Verständnis vielleicht völlig ausreichende – Einführung dazu bietet z.B. das sehr empfehlenswerte Buch „Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog.“ des Hirnforschers Wolf Singer und des ehemaligen Molekularbiologen und langjährigen buddhistischen Mönchs Matthieu Ricard, erschienen im Suhrkamp Verlag, edition unseld 4, Frankfurt am Main, 2008.

„Manchmal stelle ich mir Religion als Medizin für den menschlichen Geist vor. Die Wirksamkeit eines Arzneimittels können wir – unabhängig von seiner Verwendung und Eignung für einen bestimmten Menschen in einer bestimmten Situation – nicht grundsätzlich bestimmen. Es läßt sich auch nicht behaupten, eine Medizin sei besonders gut, weil sie diese oder jene Wirkstoffe enthalte. Wenn man den Patienten und die Wirkung auf diesen Patienten nicht einbezieht, dann macht solch eine Aussage kaum einen Sinn. Und deshalb kann man eigentlich nur sagen, daß diese Arznei für diesen Patienten mit dieser Erkrankung optimal ist. Ähnlich verhält es sich mit Religionen: man kann sagen, daß diese Religion für diesen speziellen Menschen optimal ist, aber es nützt gar nichts, wenn man auf der metaphysischen Ebene beweisen will, daß eine Religion besser als eine andere sein soll. Entscheidend ist nur, wie effektiv sie im Einzelfall ist.“

Dalai Lama: Das Buch der Menschlichkeit – Eine neue Ethik für unsere Zeit
Lübbe Verlagsgruppe, Bergisch Gladbach 2000, S. 243f.

 

Sollte Entsprechendes nicht auch für die Esoterik gelten dürfen?

Natürlich gibt es in esoterischen Strömungen allerlei Unfug und Gefährlichkeiten. Aber dies gibt es in anderen Religionen auch – genau so wie in nicht-religiösen Weltanschauungen und Ideologien. Und nicht immer rechtfertigt das Ziel auch den Weg; aber auch das ist nicht eine spezifische Schwierigkeit der Esoterik. Was in der Seele über die Seele hinausweist, lässt sich durch viele Wege finden. Vielleicht wäre es gut, unsere Kriterien für Ein- und Ausgrenzungen hin und wieder gründlich zu prüfen.

„Wenn du im Westen geboren bist und du praktizierst tibetischen Buddhismus, solltest du das Wesen erkennen und versuchen, es an deine kulturellen Hintergründe und Bedingungen anzupassen.“

Dalai Lama

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