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Gedanken am Rande ließen mich heute Werner Heisenbergs Buch „Der Teil und das Ganze“ aus meinem Bücherregal ziehen. Beim Blättern stieß ich auf die Dialoge in Kapitel 7: „Erste Gespräche über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion (1927)“. Einen Ausschnitt daraus möchte ich im Folgenden wiedergeben.

[Niels Bohr:] »Trotzdem: Über Religion kann man wohl nicht so reden. Mir geht es zwar so wie Dirac, daß mir die Vorstellung eines persönlichen Gottes fremd ist. Aber man muß sich doch vor allem darüber klar sein, daß in der Religion die Sprache in einer ganz anderen Weise gebraucht wird als in der Wissenschaft. Die Sprache der Religion ist mit der Sprache der Dichtung näher verwandt als mit der Sprache der Wissenschaft. Man ist zwar zunächst geneigt zu denken, in der Wissenschaft handele es sich um Informationen über objektive Sachverhalte, in der Dichtung um das Erwecken subjektiver Gefühle. In der Religion ist objektive Wahrheit gemeint, also sollte sie den Wahrheitskriterien der Wissenschaft unterworfen sein. Aber mir scheint die ganze Einteilung in die objektive und die subjektive Seite der Welt hier viel zu gewaltsam. Wenn in den Religionen aller Zeiten in Bildern und Gleichnissen und Paradoxien gesprochen wird, so kann das kaum etwas anderes bedeuten, als daß es eben keine anderen Möglichkeiten gibt, die Wirklichkeit, die hier gemeint ist, zu ergreifen. Aber es heißt nicht, daß sie keine echte Wirklichkeit sei. Mit der Zerlegung dieser Wirklichkeit in eine objektive und eine subjektive Seite wird man nicht viel anfangen können.
Daher empfinde ich es als eine Befreiung unseres Denkens, daß wir aus der Entwicklung der Physik in den letzten Jahrzehnten gelernt haben, wie problematisch die Begriffe ›objektiv‹ und ›subjektiv‹ sind. (…) Insofern enthält in der heutigen Naturwissenschaft jeder physikalische Sachverhalt objektive und subjektive Züge. Die objektive Welt der Naturwissenschaft des vorigen Jahrhunderts war, wie wir jetzt wissen, ein idealer Grenzbegriff, aber nicht die Wirklichkeit. Es wird zwar bei jeder Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit auch in Zukunft notwendig sein, die objektive und die subjektive Seite zu unterscheiden, einen Schnitt zwischen beiden Seiten zu machen. Aber die Lage des Schnittes kann von der Betrachtungsweise abhängen, sie kann bis zu einem gewissen Grad willkürlich gewählt werden. Daher scheint es mir auch durchaus begreiflich, daß über den Inhalt der Religion nicht in einer objektivierenden Sprache gesprochen werden kann. Die Tatsache, daß verschiedene Religionen diesen Inhalt in sehr verschiedenen geistigen Formen zu gestalten suchen, bedeutet dann keinen Einwand gegen den wirklichen Kern der Religion. Vielleicht wird man diese verschiedenen Formen als komplementäre Beschreibungsweisen auffassen sollen, die sich zwar gegenseitig ausschließen, die aber erst in ihrer Gesamtheit einen Eindruck von dem Reichtum vermitteln, der von der Beziehung der Menschen zu dem großen Zusammenhang ausgeht.«

[Werner Heisenberg:] »Wenn du die Sprache der Religion so ausdrücklich unterscheidest von der Sprache der Wissenschaft und der Sprache der Kunst«, setzte ich das Gespräch fort, »was bedeuten dann die oft so apodiktisch ausgesprochenen Sätze wie ›es gibt einen lebendigen Gott‹, oder »es gibt eine unsterbliche Seele‹? Was heißt das Wort ›es gibt‹ in dieser Sprache? Wir wissen ja, daß sich die Kritik der Wissenschaft, auch Diracs Kritik, gerade gegen solche Formulierungen richtet. Würdest du, um zunächst nur die erkenntnistheoretische Seite des Problems zu betrachten, folgenden Vergleich zulassen:
In der Mathematik rechnen wir bekanntlich mit der imaginären Einheit, mit der Quadratwurzel aus -1 , geschrieben √-1, für die wir den Buchstaben i einführen. Wir wissen, daß es diese Zahl i unter den natürlichen Zahlen nicht gibt. Trotzdem beruhen wichtige Zweige der Mathematik, zum Beispiel die ganze analytische Funktionentheorie auf der Einführung dieser imaginären Einheit, das heißt darauf, daß es √-1 nachträglich doch gibt. Würdest du wohl zustimmen, wenn ich sage, der Satz ›es gibt √-1‹ bedeutet nichts anderes als ›es gibt wichtige mathematische Zusammenhänge, die man am einfachsten durch die Einführung des Begriffs √-1 darstellen kann‹. Die Zusammenhänge bestehen aber auch ohne diese Einführung. Daher kann man diese Art von Mathematik ja auch sehr gut in Naturwissenschaft und Technik praktisch anwenden. Entscheidend ist zum Beispiel in der Funktionentheorie die Existenz wichtiger mathematischer Gesetzmäßigkeiten, die sich auf Paare von kontinuierlich veränderlichen Variablen beziehen. Diese Zusammenhänge werden leichter verständlich, wenn man den abstrakten Begriff √-1 bildet, obwohl er zum Verständnis nicht grundsätzlich nötig ist und obwohl es zu ihm unter den natürlichen Zahlen kein Korrelat gibt. Ein ähnlich abstrakter Begriff ist der des Unendlichen, der in der modernen Mathematik ja auch eine bedeutende Rolle spielt, obwohl ihm nichts entspricht und obwohl man sich durch seine Einführung in große Schwierigkeiten stürzt. Man begibt sich also in der Mathematik immer wieder auf eine höhere Abstraktionsstufe und gewinnt dafür das einheitliche Verständnis größerer Bereiche. Könnte man, um auf unsere Ausgangsfrage zurückzukommen, das Wort ›es gibt‹ in der Religion auch als ein Aufsteigen zu einer höheren Abstraktionsstufe auffassen? Dieses Aufsteigen soll es uns leichter machen, die Zusammenhänge der Welt zu verstehen, mehr nicht. Die Zusammenhänge aber sind immer wirklich, gleichgültig mit welchen geistigen Formen wir sie zu ergreifen suchen.«

Werner Heisenberg, Der Teil und das Ganze – Gespräche im Umkreis der Atomphysik, dtv, München, 10. Auflage 1987, S. 107-110

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Es scheint schon ein seltsamer Zufall zu sein, wenn einem gerade in den Zeiträumen der Beschäftigung mit einer bestimmten Thematik ein Buch „über den Weg läuft“, das Antworten – so vorläufig sie auch sein mögen – auf einige der zentralen Fragen dieser Gedanken anzustoßen vermag. Es ist mir nicht nur einmal passiert, nun geschah es wieder; und es scheint, als wären diese zufälligen Ereignisse Ausschnitte eines einzigen größeren Bildes, das sich im Gesamten nicht wirklich erkennen und überblicken lässt, weil man noch viel zu nah davor steht.

Sind das wirklich blinde Zufälle? Oder steckt da irgendetwas dahinter, über das sich kaum mehr als spekulieren lässt?

Eine solche Frage, bezogen auf Evolution und Gott, beschäftigte auch Charles Darwin, den „Vater der Evolutionslehre“, der seinen einzigen Studienabschluss in Theologie gemacht hatte. Und auch Darwin, als er gegen Lebensende sich wieder stärker der Gottesfrage zuwandte, „lief ein Buch über den Weg“, das ihn offenbar sehr bewegte: „The Creed of Science“ [Das Glaubensbekenntnis der Wissenschaft] von William Graham. Um diese Begebenheit (aber längst nicht nur darum) geht es in dem neuen Buch von Michael Blume:

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M. Blume: Evolution und Gottesfrage

Michael Blume: Evolution und Gottesfrage
Charles Darwin als Theologe
Herder Spektrum Bd.6582, 2013, 175 S.
Verlag: Herder, Freiburg
ISBN: 9783451065828
9,99 € (D)

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Es war vor allem der Briefwechsel zwischen Darwin und Graham, in dem es um das Verhältnis von Wissenschaft, Evolution, Religion und Gott geht, und der in Michael Blumes Buch nun erstmals ins Deutsche übersetzt zu lesen ist, sowie die weiteren Ausführungen M. Blumes zu Graham und seinem „The Creed of Science“, die mir – wie Eingangs erwähnt – einen Anstoß gaben.

Von Anfang an war klar, dass ich über Michael Blumes Buch „Evolution und Gottesfrage“ in diesem Blog schreiben würde. Dieses Buch zu lesen, hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich empfinde es nicht nur als spannend geschrieben; es vermittelt auch, über die Darstellung seines Kerns – Charles Darwin als Theologe – hinaus, Informationen und Betrachtungen weiterer Themen, wie zu Geschichte und heutigem Erkenntnisstand der Evolutionsforschung zur Religion, oder zum Sozialdarwinismus, dessen späterer Verdrängung und oft unzureichender Aufarbeitung, zu Darwins eigenen Überlegungen zur Evolution von Religion, usw. Als für mich besonders erlebte ich beim Lesen, durch Michael Blumes Auswahl an biografischen Einschnitten und Zitaten, ein wenig den Menschen Charles Darwin näher kennenlernen zu dürfen, das, was ihn in seinem Inneren bewegte, über seine Mitleidsfähigkeit gegenüber Tieren, seine Ablehnung von Heilsexklusivismus, über sein Zweifeln und Suchen.

Zudem zeigt sich Michael Blumes Buch in erfreulicher Weise ungewöhnlich darin, dass er die interdisziplinäre Vernetzung über das Internet, die „Bürgerwissenschaftler“, Blogger und Kommentatoren würdigt. So ist das Buch sogar „Allen konstruktiven Bloggerinnen und Bloggern, Kommentatorinnen und Kommentatoren“ gewidmet.

Die rasch sich entwickelnden Diskussionen um das Buch und sein Thema überraschten mich ein wenig; aber sie freuen mich auch, zeigen sie doch, dass Michael Blume da möglicherweise „einen Nerv getroffen hat“. Links dazu befinden sich am Ende dieses Artikels.

Und noch etwas überraschte mich. Einige der Gedanken, die ich für mich dilettantisch (und sicher oft stümperhaft) über Jahre hinweg meinte entwickelt zu haben, oder die sich, vermeintlich neu, anderenortes lesen ließen, fand ich nun in diesem Buch wieder, skizziert von einigen klugen Köpfen bereits vor fast eineinhalb Jahrhunderten, auf breiter Basis bis heute kaum wahrgenommen, reflektiert und diskutiert.

In diesen Bereich fiel auch Grahams Emergentismus, der mich (zunächst noch intuitiv) einen Brückenschlag erkennen ließ zum integral-holarchischem Modell, wie es Ken Wilber in Eros, Kosmos, Logos entwickelte (und das er – angefangen bei Plotin – als nicht erdacht, sondern in den Grundzügen bereits von Einigen vor ihm [aus der mystischen Schau] abgeleitet verstanden wissen möchte). Bei aller in mir im Laufe der Jahre entstandenen Kritik an diesem Weltbild, fesselt es mich noch immer – oder besser: wieder neu -, und meine eigene Kritik beginnt, auch in Folge Michael Blumes „Evolution und Gottesfrage“, langsam zu bröckeln. Diese Verknüpfung war sicherlich nicht Michael Blumes Intention; nein, sie ist subjektiv. Und damit kehre ich zurück zum Anfang dieser Rezension.

Also: über Michael Blumes neues Buch wollte ich hier schreiben. Doch selten fiel es mir so schwer, einen Beginn zu finden und einen „roten Faden zu spinnen“. Denn es war klar, dass ich nicht mit einem „objektiven Anstrich“ rezensieren wollte, sondern von Anfang an ausdrücklich subjektiv. In „Seelengrund“ geht es ja, nicht nur, aber doch vorwiegend, um Mystik. Und (meine) Mystik, bzw. das aus ihr erwachsende „Weltbild“ war es, welche/s durch einige Punkte dieses Buches angesprochen wurde. Das mag nicht gleich verständlich sein, wenn man das Buch kennt. Doch das, was mich – wie Eingangs erwähnt – schon eine Weile gedanklich beschäftigt, ist die „Evolution Gottes“ (was ja nicht per se die gleiche Themenstellung ist wie „Evolution und Gottesfrage“). Diese lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten: kulturell, religionshistorisch, gesellschaftlich, evolutionsbiologisch, psychologisch, neurologisch, theologisch, usw., und zentriert sich dann individuell-persönlich für mich in der mystischen Perspektive, wie vielleicht schon der vorangegangene Artikel erahnen ließ. Zwar ist es viel zu früh, mich an dieser Stelle dazu zu äußern. Der Anstoß, den mir M. Blumes Buch „Evolution und Gottesfrage“ insoweit gab, führt mich möglicherweise in einen sehr lange dauernden Prozess. Dennoch spielt dieses Buch auch auf andere Weise mit hinein, wenn ich (bejahend) an die Zeilen Newbergs und Waldmans denke, die ich in Die pluralistische Zukunft Gottes zitierte:

„Was auch immer Gott oder das Universum sein mag, wir bekommen nur einen kleinen Ausschnitt davon zu sehen. (…) Vielleicht können wir auf ähnliche Art und Weise ein vollkommeneres Gottesverständnis erlangen, indem wir all unsere Beschreibungen der menschlichen Natur, der Realität, der Spiritualität und des Universums zusammentragen.“

[Andrew Newberg u. Mark Robert Waldman, Der Fingerabdruck Gottes – Wie religiöse und spirituelle Erfahrungen unser Gehirn verändern, Verlag Goldmann, München 2012, S. 173]

Wenn ich mich richtig erinnere, sieht Michael Blume die Arbeiten Newbergs skeptisch, und möglicherweise würde Michael Blume meine Verbindungen hier weit von sich weisen, aber zum einen ist es nicht er, der diese Verbindungen herstellt, und zum anderen ist es nunmal das, was sich auf der Hintergrundebene meines bescheidenen Denkens abspielt: Eine ständige Tendenz, solche Beschreibungen zusammenzutragen und (auf meine Weise) zu verbinden. Und auch M. Blume gehört eben zu jenen, die ihren Teil dazu beitragen, Beschreibungen zu finden und weiter zu entwicklen (und manchmal auch seinerseits mit anderen Beschreibungen zu verbinden). Ich gestehe an dieser Stelle, den Wissenschaftlern sehr dankbar für ihre Arbeit zu sein.

Doch das vorangegangene Zitat passt auch zu dem, was Wilber (in „Eros, Kosmos, Logos“) meint, wenn er (sinngemäß) sagt, dass es auf der Betrachtungsebene einer „Gesamtschau“ nicht darum gehen kann, alle existierenden Theorien zu begutachten und dann zu entscheiden, welche davon richtig und welche falsch sei, sondern darum zu erklären, in welchem Kontext die Gesamtheit dieser Ideen richtig sein könne. Und diese Frage nach dem Kontext ist gleichzeitig die Frage nach der Struktur des Kosmos, der ein Aufkommen so vieler grundverschiedener Disziplinen überhaupt ermöglicht.

In gewissem Sinne war genau diese letzte Frage auch jene von Darwin und Graham, wenn sie sich – bei aller notwendigen Trennung in fachspezifischer, wissenschaftlicher Betrachtung – nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Theologen erwiesen.

Und so möchte ich diese Empfehlung, Michael Blumes neues, und in mehrfacher Hinsicht brückenschlagendes Buch „Evolution und Gottesfrage – Charles Darwin als Theologe“ zu lesen, beschließen zunächst mit einem dazu passenden Zitat von William Graham aus diesem Buch, welches – so für sich stehend – auch von einem modernen Mystiker stammen könnte, und einem anschließenden Zitat von Michael Blume.

„Dies ist die Konzeption, die das Ultimative Prinzip des Universums als ein tieferes, weiteres, größeres Etwas als die uns bekannte Materie oder das uns bekannte Bewusstsein erfasst; das Etwas, aus dem Materie und Gedanken nur spezielle Formen, Erscheinungen, Ausprägungen sind. Es sind die einzigen, die wir tatsächlich kennen können. Und dies nur mit ihren eigenen Mitteln, die aber dennoch weit davon entfernt sind, die transzendente Natur der Einen Ewigen Substanz und Macht am Grunde jener Dinge ausschöpfen zu können, die wir kennen, wie auch der unzählbaren anderen möglichen Selbstpräsentationen, von denen wir nichts wissen können.“

[William Graham, zitiert nach: M. Blume, Evolution und Gottesfrage, S. 144]

“ Ja, Wissenschaft – in ihren empirischen Ausprägungen wie auch in Philosophien und Theologien – ist mühsam und vermag uns, wie Darwin zu Recht bemerkte, lehrte und lebte, nicht von allen Zweifeln und drängenden Fragen zu befreien. Aber sie verbietet uns auch das Vertrauen, Hoffen und Glauben nicht, (…). Wir alle mögen dazu tendieren, unsere jeweilige wissenschaftliche oder religiöse Praxis bewusst und unbewusst weltanschaulich absolut zu setzen, gegen Fragen und Zweifeln abzusichern und damit weit hinter dem Niveau zu bleiben, das sich bereits vor mehr als einem Jahrhundert entfaltete. Aber wir können – wie es schon der Geistliche Bertrand Chartres († 1124) im 12. Jahrhundert formulierte – auch immer wieder auf die Schultern der Riesen vor unserer Zeit steigen, um von dort weiter in die Ferne zu sehen. Ob wir Atheisten, Agnostiker oder auch evolutionäre Theisten sind, die vertrauende Hoffnung, dass es Neues, Wichtiges, Wegweisendes zu entdecken gibt, darf uns verbinden und anspornen.“

[Michael Blume, Evolution und Gottesfrage, S. 158]

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links:

„Charles Darwin als Theologe…“ (bei Natur des Glaubens)

Charles Darwin: War nie Atheist (bei Natur des Glaubens)

„Besser als der Darwinismus. Ein Blick auf Charles Darwin als Theologen“ (Herder Korrespondenz 01/2013, S. 33 – 37)

„Neue Annäherung an Darwin – Michael Blumes Buch“ (bei Hintergründe von Hermann Aichele)

„Wie (mich) Facebook gewann…“ (bei Natur des Glaubens)

„Darwin, Evolution und Gottesfrage: Wider die seltsamen Allianzen“ (bei diesseits.de)

„Evolution und Gottesfrage“ (im Science-Shop)

„Evolution und Gottesfrage“ (bei amazon.de)

„Evolution und Gottesfrage“  (beim Herder Verlag)

„Unsere Ergebnisse erhärten die Vorstellung, dass das menschliche Gehirn so angelegt ist, dass wir gelegentlich mystische Erfahrungen machen können. Wir vermuten jedoch, dass man durch intensiveres Meditieren oder Beten die Wahrscheinlichkeit steigern kann, einen mystischen oder transzendenten Zustand zu erleben.

In der Praxis behalten die meisten Menschen mehrere Gottesbilder bei, aber die Vorstellung von Gott entwickelt sich genauso wie die Persönlichkeit eines jeden Menschen. Ich würde vermuten, dass die unterschiedlichen Persönlichkeiten Gottes – autoritär, kritisch, distanziert, gütig und mystisch – mit der neurologischen Evolution und Entwicklung des Gehirns zusammenhängen.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte, die Vorstellungen von autoritären Göttern sind mit den ältesten, primitiven Strukturen des Gehirns verbunden. Demgegenüber erleben wir einen gütigen oder mystischen Gott über die entwicklungsgeschichtlich zuletzt hinzugekommenen Hirnregionen, also die Strukturen, die bei jedem Menschen anscheinend einzigartig sind. Dieser entwicklungsbasierte Ansatz entspricht übrigens ungefähr der kulturellen Evolution der religiösen Tradition in aller Welt. (…) In den Gehirnen unserer Vorfahren ist irgendetwas vorgefallen, das uns die Kraft gegeben hat, diesen autoritären Gott zu zähmen. (…)

Es ist einfach, sich die Vorstellung eines gütigen Gottes zu eigen zu machen, aber es ist deutlich schwieriger, mystische Eigenschaften zu erfahren. Unsere Umfrage zu spirituellen Erfahrungen hat gezeigt, dass sich Erlebnisse des Einsseins, in denen Gott zu einem faktisch unbeschreiblichen Gefühl verwandelt wird, spontan ereignen. Dies ist auch bei erfahrenen Meditierenden der Fall. Nahezu alle, die höhere Bewusstseinsebenen erfahren, fühlen sich friedlicher und entspannter, aber nur wenige erleben stark veränderte Bewusstseinszustände, die eine rapide Veränderung der spirituellen Glaubensüberzeugungen herbeiführen. Offensichtlich wird unsere Fähigkeit, mystische Bewusstseinszustände zu erleben, davon beeinflusst, wann und wie lange wir meditieren, aber es gibt der Meinung vieler östlicher Lehrer nach keine Garantie für die Erfahrung einer Erleuchtung. (…)

Anhänger der verschiedensten religiösen Traditionen haben es zwar geschafft, einen mystischen Geisteszustand zu erreichen, doch sie scheinen sich in einem Punkt einig zu sein: Der Geist wird Gott nie vollkommen verstehen können. Die Erfahrung ist zu mächtig, zu eindrucksvoll und zu tief greifend, als dass sie mit Bildern oder Worten beschrieben werden könnte. Gott wird zur Totalität des Lebens und zu einer Kraft, die vollkommen und unbestreitbar real ist. Dieser Gott lässt sich aber mit den Lehrsätzen der traditionellen Glaubensrichtungen nicht so einfach fassen.“

aus: Andrew Newberg u. Mark Robert Waldman, Der Fingerabdruck Gottes – Wie religiöse und spirituelle Erfahrungen unser Gehirn verändern, Verlag Goldmann, München 2012, S. 157 f., 170 f.

Diese kleinen Auszüge aus dem Buch „Der Fingerabdruck Gottes“ der Neurowissenschaftler Newberg und Waldman seien vorweggeschickt, um – möglicherweise noch immer zu kurz – das folgende Zitat aus dem gleichen Buch ein wenig verständlicher zu machen, um das es mir eigentlich geht:

Der Gott der Zukunft müsste viele Funktionen gleichzeitig ausüben und die Grenzen der zahlreichen Interpretationen von historischen religiösen Schriften überschreiten können. (…) Was auch immer Gott oder das Universum sein mag, wir bekommen nur einen kleinen Ausschnitt davon zu sehen. (…) Vielleicht können wir auf ähnliche Art und Weise ein vollkommeneres Gottesverständnis erlangen, indem wir all unsere Beschreibungen der menschlichen Natur, der Realität, der Spiritualität und des Universums zusammentragen.
Der Gegner eines pluralistischen Gottes wäre eine Widerspiegelung von Selbstsucht, Angst, Beklommenheit, Wut und Rassismus – mit anderen Worten: all der Qualitäten, die sich in einer »Wir gegen sie«-Mentalität manifestieren. Aber Sie können die Amygdala, den neuronalen Fundamentalisten des menschlichen Gehirns, nicht einfach herausreißen. Sie müssen stattdessen lernen, sie mit Bildung, Kontemplation und Liebe zu bändigen, und genau darauf sind der frontale Kortex und der anteriore cinguläre Kortex ausgelegt. Sie können sich eine bessere Zukunft vorstellen und die Welt manipulieren, sodass diese Träume wahr werden. Und solange es unbeantwortete Fragen über uns selbst, das Universum oder den Sinn des Lebens gibt, wird das menschliche Gehirn immer wieder neue spirituelle Rahmenbedingungen schaffen, um eine unfassbar komplexe Welt zu verstehen.

a.a.O. S. 173 f.

 

Gefunden bei einer durch Lichtquelle inspirierten Suche und für die noch etwas andauernde Blogpause hier hinterlassen…

Die Erfahrung Gottes
kann ein grausames Messer sein,
das dir die Augen der Seele aufschneidet,
auf dass sie sehend werde.

In der Schau des EINEN
liegt die Schau aller Trennung.

Diesen Schmerz
wirst du vielleicht nie wieder los.

Zu einer Position wie im vorangegangenen Artikel erahnbar darf natürlich auch eine Gegenposition nicht fehlen:

„Nirgends wird die Katastrophe, die monologische Wissenschaft zu nehmen und zu versuchen, sie zu einem vollständigen „Neuen Paradigma“ zu machen, offensichtlicher als bei den Schriftstellern und Theoretikern, die sich mit „Neuer Physik und Mystik“ befassen. Es sind ihrer zu viele, um sie hier aufzählen zu können. Wenn Reduktionisten eine spirituelle Erfahrung machen (etwas, was in Physik-Büchern meist nicht vorkommt), wirkt diese gewöhnlich als Ansporn, Philosophie zu verbrechen, und das Ergebnis ist nichts für Leute mit schwachen Nerven.
Ganz gleich, wie löblich die Absichten auch sein mögen, die meisten dieser Theorien – die das Thema ausspinnen, die „Neue Physik“ (Quanten- und Relativitäts-) unterstütze/suggeriere/beweise eine mystisch-einheitliche Weltsicht – sind verunstaltet durch den Versuch, einfach das monologische Flachland-Paradigma in dialogische und translogische Bereiche auszuweiten (eine Ausdehnung des Flachland-Ansatzes nach dem Motto „Das Essen bleibt schlecht, nur die Portionen werden größer“).
Meist nehmen sie bestimmte mathematische Formalismen (…) und interpretieren sie sehr großzügig (…), und dann verheiraten sie diese sehr ungenaue und großzügige Interpretation mit ihrer oft ebenso freien Interpretation der mystischen Spiritualität. Dabei kommt dann etwas heraus wie: Die neue Physik unterstützt oder beweist sogar eine mystische Weltsicht. (Physik und Mystik werden zu Geschwisterkindern erklärt, obwohl wir alle wissen, was geschieht, wenn Cousin und Cousine heiraten).

(…)

Formalismen, die die niedrigsten, seichtesten, unbewußtesten, am wenigsten in die Tiefe gehenden Holons beschreiben, die es nur gibt, „auszuweiten zu einem Paradigma“, das dialogischen, intersubjekitven, kulturellen Austausch umfassen soll, der auf gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Erkenntnis beruht: das ist mehr als ein Quantensprung, es ist ein Glaubenssprung, der ins Guinnes Buch der Rekorde gehört.
Quanten-Formalismen können nicht einmal die Grundlagen der Biologie und der Autopoiese erklären und schon gar nicht Ökonomie, Psychologie, Literatur, Poesie, Moral und Ethik, um nur einige wesentliche Bereiche zu nennen. Aber Physiker sind so daran gewöhnt, zu denken, daß „das Grundlegendste“ gleichzeitig „das Bedeutendste“ bedeutet, daß sie glauben, alle höheren Ebenen von Wissen seien in den oberflächlichsten Holons begründet. Sonst halten sie sie für gar nicht begründet. Daher die fortwährende Neigung, die Physik (wie phantasievoll interpretiert auch immer) auf alle beliebigen Bereiche direkt „auszuweiten“.

(…)

Diese Ausweitung der Hegemonie des Monologischen und des aggressiven, sogar gewalttätigen Reduktionismus leidet an beiden Enden der Reduktion (und überall dazwischen). Nicht nur wird automatisch angenommen, daß die Realität in ihren wesentlichsten Aspekten um jene Holons kreist, die in Wirklichkeit am wenigsten bedeutend sind. Auch die Mystik selbst – es gibt mindestens vier äußerst verschiedene Arten von Mystik (…) – wird homogenisiert zu einer Art Einheitsbrei oder dynamischen Geflecht oder Quanten-Vakuum (…), und die beiden homogenisierten Konglomerate („Quanten“ und Pseudo-„Mystik“) werden zusammengemanscht und als etwas präsentiert, was alle möglichen Aspekte abdeckt.
Abgesehen davon, daß dabei beide Enden des Spektrums der Existenz (Physis und Theos) verzerrt werden, wird alles dazwischen ausgeweidet.

(…)

(…) Je weiter man sich bei der Suche nach Bedeutsamkeit ins Seichte begibt, desto egozentrischer wird das korrespondierende Wertesystem , denn Egozentrik ist immer der jeweils seichteste Punkt im menschlichen Holon. Da jede Tiefe/Höhe fehlt, findet man nur das eigene Innere, das die ganze Realität überblickt, und plötzlich beginnt alles sich direkt auf dich zu beziehen, und die verbale Magie der egozentrischen Assoziation beginnt einem richtig tiefgründig zu erscheinen und im tiefsten erstrebenswert.

(…)

(…) Ohne ein Paradigma der gegenseitigen dialogischen Anerkennung und Fürsorge gibt es keinen Weg, irgend jemanden aus dem göttlichen Egoismus zu lösen und in weltzentrisches Mitgefühl zu ziehen und von dort in die Über-Seele, das heißt die Welt-Seele, auf den Weg zum Mysterium der Tiefe überhaupt. So beobachten wir statt dessen ein Leben, dessen Skripte von göttlichen Egos für göttliche Egos über göttliche Egos geschrieben wird, und das soll dann die Basis eines glorreichen Neuen Paradigmas sein.“

Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos, Fischer, Frankfurt am Main 2001, S. 779-782

Mehr als drei Jahrzehnte dauerte es, bis 1953 die Besteigung des höchsten Berges der Erde, des Mount Everest, durch Tenzing Norgay und Edmund Hillary gelang. In den folgenden zehn Jahren gelang es weiteren 13 Personen, den Gipfel zu erreichen. In weiteren zehn Jahren waren es 23 Bergsteiger, den dann folgenden zehn Jahren 120, und in den nächsten zehn Jahren 456 [1]. Dieser zahlenmäßige Anstieg pro Zeitraum setzte sich fort. Schließlich erfolgte ein Drittel (!) aller erfolgreichen Besteigungen innerhalb von nur drei Jahren! [2]

Gleichzeitig wurden die „Leistungen“ an diesem Berg immer erstaunlicher, ja verrückter (die erste Besteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff, die erste Überschreitung, die erste Speedbegehung, der erste Hattrick, die erste Ski-Abfahrt, usw.).

Natürlich spielen bei diesem Phänomen verbesserte Ausrüstung, verbesserte Ausbildung usw. eine Rolle. Aber den gleichsam exponentiellen Anstieg der Personenzahl, die eine solche Leistung erreichen und manchmal übersteigen, können diese Faktoren allein nicht erklären.

Ein solches Phänomen begegnet uns nicht nur in der Bergsteigerei, sondern in vielen Bereichen. Die einst unerreichte Virtuosität eines Paganini ist bereits für viele Violinstudenten heute Standard, und wird von nicht wenigen Geigern längst übertroffen. Der (nach der Legende) tödlich verlaufene Marathonlauf ist heute Hobby ungezählter Freizeitjogger – gar nicht zu reden von den Läufern, die mittlerweile Distanzen im vierstelligen km-Bereich zurücklegen.

Als Siddhartha Gautama vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden die Erleuchtung fand, war er vielleicht der erste [3]. Für mich besteht kein Zweifel daran, dass damit eine ähnliche quasi-exponentiell verlaufende Entwicklung einsetzte wie bei der Besteigung des Mount Everest. Immer mehr Menschen gelang und gelingt es, in immer kürzeren Zeitabschnitten „Erleuchtung“ [4] zu erlangen [5].

Doch dieser Gedanke behagt vielen Menschen nicht. Es gehört zur menschlichen Psychologie, unumschränkt vorbildtaugliche Personen hoch zu stilisieren, sie auf Sockel zu stellen, welche die Vorbildlichkeit noch erhöhen, gleichzeitig aber auch für uns unerreichbar zu machen. Denn jedes eigene „Versagen“, jedes eigene Unvermögen erscheint dann weniger bedeutend. Wir fühlen uns mit unseren Schwächen oder (Noch-)Nicht-Fähigkeiten einfach weniger unwohl, wenn wir sagen können: „Ja der, der war ja auch der Buddha!“ oder „Ja der, der war ja auch Gottes Sohn!“ oder „Ja die, die war ja auch eine Heilige!“. Das kratzt weniger an unserem Selbstwertgefühl, ohne dabei unser Vorbild zu verraten.

Hinzu kommt das seltsame Phänomen, bei fehlenden konkreten Primärquellen (wie z.B. Schriften unmittelbar aus der Feder solcher Personen) mit zunehmender zeitlicher Distanz riesige Gedankengebäude, Lehren und Theologien um diese Menschen zu errichten. Die Uneinheitlichkeit dieser Gebäude ist da wenig störend, wenn man nur genügend Ähnlichkeiten zwischen ihnen findet. Man sehe sich nur einmal um in den Lehren, Theologien und Konfessionen des Christentums und Buddhismus. (Für den Misstrauenshinweis des Siddhartha und die religiöse Rebellion des Nazareners ist da übrigens nicht mehr viel Platz.)

Und noch etwas kommt dazu: Menschen folgen Lehren nicht, weil sie sie für sich betrachtet als richtig ansehen. Es ist immer notwendig, dass der Verfasser dieser Lehren kompromisslos auch selbst danach gelebt hat. Eine Lehre kann noch so überzeugend sein – sie überzeugt dennoch niemanden, wenn der Lehrende sich selbst nicht danach richtet (was bei rein rationaler Betrachtung doch eigentlich etwas seltsam anmutet, oder?). Das trägt natürlich dazu bei, dass man Biografien möglicherweise auch mal ein klein wenig ergänzt oder anpasst (von „Fälschung“ sollte man dabei allerdings nicht sprechen).

Aus Menschen macht man Sagengestalten, übermenschliche Wesen, die man dennoch für real existent erklärt. Ob Siddhartha Gautama oder Jesus von Nazareth [6]: Ihnen wollen wir unbedingt folgen, und sind nur wenig enttäuscht, wenn uns das nicht gelingt. Weil uns das nicht gelingen kann. Dafür haben wir zuvor gesorgt.

Nun, um das Ganze nicht zu lang werden zu lassen: Ja, ich glaube daran, dass Jesus Gottes Sohn war. Aber das kannst Du auch sein! Ja, ich zweifle nicht, dass Siddhartha Gautama erleuchtet wurde. Aber das kannst Du auch sein! Für mich besteht kein Zweifel, dass Jesus nicht nur einmal der Kragen platzte [7]. Und seine Todesängste am Ölberg sind sogar in den Evangelien überliefert. Das ist die gleiche Wut, das ist die gleiche Todesangst, wie andere Menschen sie haben, wie auch Du sie kennst. Nur dass niemand um deine Wut und um deine Todesangst komplizierte Theologien strickt. Und Buddha wird seine nächtlichen Zahnschmerzen genauso verflucht haben wie Du.

Befreien wir den Menschen Jesus doch von dem Mythos vollkommener Fehlerlosigkeit und hochtouriger Liebe rund um die Uhr. Befreien wird doch den Menschen Siddhartha von dem Mythos vollkommener Gelassenheit und unaufhörlicher Dopaminausschüttung. Begreifen wir doch endlich, dass Christus zwar von Jesus ausging, Buddha von Siddharta, aber der lebendige Christus nicht von der Identität mit dem historischen Jesus abhängt, und nicht der Buddha vom historischen Siddhartha.

Mir ist klar, dass das ein gefährliches Terrain ist. Und ich möchte betonen, dass ich hier nicht einer Wischiwaschi-Mentalität das Wort rede. Christus ist kompromisslos, und Buddha ist es auch. Aber: Du hast Christus nicht erst in dir verwirklicht, wenn du vollkommen fehlerlos und unablässig emotional liebend bist. Vergiss es. Das wird nie etwas. Du hast die Buddhaschaft nicht erst erreicht, wenn du nachts nicht mehr von deinen Zahnschmerzen aufwachst, weil dein Geist sich so unendlich weit über die Leidensfähigkeit deines Körper erhoben hat. Der lebendige Christus, der Buddha – das ist etwas anderes. Jedenfalls befreien sie dich nicht vom Mensch-Sein. Und das war bei Jesus und Siddartha auch nicht anders.

Die Erleuchtung ist kein göttliches Geschenk. Und die Gotteskindschaft ist kein geschichtlich einmaliger Zeugungsakt. Das sind im Menschen verankerte Eigenschaften. Eigenschaften, die aktiviert werden können.

„Es gibt Gehirnbereiche, die mystische Erfahrungen beinhalten oder zumindest aktivieren, und das belegt, dass – kurzgefasst: Der areligiöse Mensch irrt immer, wenn er glaubt, Religion sei eine Frage des Glaubens, sondern: Jeder Mensch hat diese mystischen Erfahrungsmöglichkeiten in sich, und wer sie leugnet und glaubt, es gäbe überhaupt nichts oder Religion sei sinnlos, der ignoriert einen wesentlichen Teil seiner Anlagen.“

Michael Schröter-Kunhardt, Neurologe

Die Befreiung von den vielen riesigen theoretischen Gebäuden in den Religionen, um den Kern lebendig(er) werden zu lassen, gilt nicht nur für die Religionen, sondern auch für die Mystik. Der notwendige Prozess um die Entmystifizierung der Mystik hat in einigen Bereichen bereits begonnen [8].

Wir dürfen uns zutrauen, Christus in uns leben zu lassen. Wir dürfen uns zutrauen, erleuchtet zu werden. Dazu bräuchten wir nur aufzuhören, das, was wir anstreben, in konstanter Distanz vor uns hochzuhalten. So kann es uns ja nicht näher kommen. Lassen wir doch einfach mal das viele distanzgebende Brimborium weg, und das Wesentliche in uns hinein. Auch, wenn das anstrengend sein kann.

Wir können es schaffen, den spirituellen Mount Everest zu besteigen. Das sind nicht nur zwei, denen das vor langer Zeit mal gelang. Es werden immer mehr seit dem.

Doch niemand kommt auf diesen Berg, wenn er immer nur ehrfürchtig vor ihm kniet. Das war gut, und hatte seine Zeit. Aber nun gilt es, sich auf den Weg zu machen, die Distanz zu verringern, bis auf Null.

Wer dort oben für immer bleibt, ist tot. Aber immer mehr schaffen es, dorthin und lebendig wieder zurück zu gelangen. Auch Mount-Evererst-Besteiger stolpern später mal über eine Bordsteinkante. Na und? Das ist Leben. Sie waren oben, und tragen den Gipfel immer noch bei sich. In sich.

Warum solltest nicht auch Du ein Punkt auf dieser Kurve sein, die eine Exponentialfunktion der Bewusstseinsentwicklung beschreibt?

[1] Entnommen der Auflistung der Everest-Besteigungen im Buch „Everest“, Hrsg. Peter Gillman, Bruckmann Verlag 1998.
[2] www.8000ers.com
[3] Die seinerzeit bereits lange entwickelte Meditationstradition dürfte es wahrscheinlicher machen, dass er nicht der erste war. Möglicherweise lag die Bedeutung des Siddhartha Gautama mehr in den Schlüssen, die dieser aus diesem Erlebnis zog, seiner Fähigkeit, diese zu kommunizieren, in den kulturellen Umständen der Region und Zeit, usw. Für die Aussage in diesem Artikel spielt das aber keine Rolle.
[4] Den Begriff der „Erleuchtung“ mag ich nicht besonders, da allzu oft eine große Portion Exklusivismus daran geknüpft wird.
[5] Und das hat nichts mit esoterischen kosmischen Schwellen zu tun.
[6] Jesus und Siddhartha, Christus und Buddha sind in diesem Artikel nur stellvertretend genannt.
[7] Die sog. „Tempelreinigung“, Matthäus 21,12ff; Markus 11,15ff; Lukas 19,45ff; Johannes 2,13–16.
[8] Man denke an die sog. „Neurotheologie“ und die Integralen Theorien.
[P.S.:] Nun war ich doch noch nicht wieder brav.

Gottes großes Hobby: Modellbau

Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die „Modellhaftigkeit“ unserer Kognition bis hin zu Metzingers „Ego-Tunnel“: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch „objektive Wirklichkeit“ nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein „korrigiertes“ Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser „Ich“, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….

Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen „wir wissen“, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein „echtes“ Wissen über die „objektive Wirklichkeit“ außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.

Was damit anfangen?

Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntnis muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche „Wahrheitssuche“ damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?

Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?

Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.

Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches („Objektives“) über eine „objektive Wirklichkeit“ aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?

Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.

Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.

Was kann Gott dann noch sein?

Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die „objektive Wirklichkeit“, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, „Objektives“) sagen, weil wir über die „objektive Wirklichkeit“ nichts Letztliches („Objektives“) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.

Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.

Die Qualia-Rede von Gott

An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort „Gott“ benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort „Rot“ benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von „Rot“ als etwas „objektiv Objektivem“ reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas „objektiv Objektivem“ sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der „Offenbarungen“, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.

Sinn und Wahrheit

Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder „nur“ Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.

Ein Beispiel:

Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das „biologische Sehen“, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein „optisches“ (beschränktes) Modell von „Wirklichkeit“. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.

(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine „Umwandlung“ von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)

Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder „nur“ Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).

Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff „Rot“ verzichtbar wäre, oder man „rot“ künftig auch „blau“ nennen könnte. Die „Qualia Gott“ ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).

Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine „Qualia Gottes“ kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer  (erdachten) „objektiven Wirklichkeit Gott“ außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese „objektive Wirklichkeit“. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‚zwei Gott‘ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott  kann ich eigentlich von „Wahrheiten“ sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.

So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.


Anmerkungen:

1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.

2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.

3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)

4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.

5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)

6. Das Reich Gottes ist in euch.

7. siehe 6.

“Wisse, bevor die Emanationen emanierten
Und Geschöpfe erschaffen wurden
Gab es nur das einfache höhere Licht, welches die ganze Wirklichkeit ausfüllte.
Und es gab keinen leeren Raum und keine leere oder unausgefüllte Atmosphäre.
Sondern es war alles voller jenes unendlichen einfachen Lichtes.
Und dieses hatte weder Anfang noch Ende,
Sondern es war alles einziges einfaches vollkommen gleichmäßiges Licht, und dieses hieß:
Licht der Unendlichkeit.
Und als in Seinem einfachen Willen der Wunsch wach wurde, die Welten zu erschaffen und die Emanationen zu emanieren,
Und dabei die Perfektion
Seiner Taten, Seiner Namen, Seiner Bezeichnungen erleuchten zu lassen,
Wurde das zum Grund der Erschaffung der Welten.
Und siehe, sodann schränkte sich die Unendlichkeit in ihrem zentralen Punkt ein,
Exakt im Zentrum
Und jenes Licht kontrahierte
Und entfernte sich weit an die Ränder dieses Punktes.
Und sodann blieb leerer Raum, ein Vakuum,
Von diesem mittleren Punkt.
Und siehe, diese Kontraktion war vollkommen gleichmäßig
Um diesen leeren mittleren Punkt herum.
So, dass jener leerer Raum
Von allen Seiten in vollkommener Gleichmäßigkeit kreisförmig wurde.
Und siehe, nach der Einschränkung
Nach welcher leerer Raum und Vakuum entstand,
Im exakten Zentrum des unendlichen Lichtes,
War nun Raum da,
In dem Geschöpfe, und Emanationen und Kreaturen existieren konnten.
Sodann zog sich aus dem Unendlichen Licht ein einziger Lichtstrahl
Und stieg herab ins Innere jenes Raumes
Und entlang dieses Strahls erschuf, formte und machte und kreierte Er alle Welten.
Bevor diese Welten ins Leben gerufen wurden,
Gab es nur Unendlichkeit, und ihr Name war Eins,
In einer so herrlichen und verborgenen Einheit,
Dass sogar den Engeln, die Ihm am nächsten standen,
Die Kraft zur Erkenntnis der Unendlichkeit fehlte,
Und es gibt keinen Verstand, der Ihn erfassen könnte,
Denn Er hat keinen Ort, keine Grenzen, keinen Namen.“

ARI Isaak Luria, 1534-1572
Ez Chaim, „Baum des Lebens“

BEWUSSTSEIN Wer eine mystische Erfahrung gemacht hat, und dann zum erstenmal – z.B. in der Meditation – oder gleichzeitig in der mystischen Erfahrung „auf seinen Verstand hinuntergeschaut“ hat, meint nicht selten nun alles verstanden zu haben, den gesamten Kósmos zu durchblicken. Das ist verständlich. Einerseits hat die mystische Erfahrung einen überaus „blendenden“ Effekt, und andererseits wird das „Übersteigen“ der allgemein für menschliches Verstehen der Welt als ulitmative Erkenntnisbefähigung gewerteten Rationalität als außerordentlich bedeutsam erlebt. Natürlich drängt dieses umwerfende, alles bisherige Verstehen gleichsam mit einem Schlag fortwischende Erleben eines „High-Level-Bewusstseins“ auch nach Außen. Es wird nicht lange dauern, und man wird nicht mehr verstehen, warum nicht Jede und Jeder auf dieser Welt den dieses Erlebte formulierenden Gedanken folgen kann oder möchte.

Vielleicht wäre es dann gut, rechtzeitig zu einer Offenheit zurück zu kehren. Eine Offenheit, die zum einen die Stellung des Menschen in Zeit und Raum, in Universum und Evolution zu relativieren vermag, und die zum anderen das weitere Erfahren ermöglicht, dass es verschiedene Arten mystischer Erfahrung gibt (was oft übersehen wird), die es subtil zu unterscheiden lernen gilt. Und eine Offenheit, die wieder das Zuhören lehrt…

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird es vielleicht schon aufgefallen sein, dass das in diesem Blog ein zentrales und in verschiedenen Facetten immer wiederkehrendes Thema ist: Die Relativierung des religiösen, spirituellen, theologischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen Anspruches, Gott und die Welt verbindlich erklären zu können. Ja, man kann einen Glauben haben, der Orientierung für das Leben in dieser Welt gibt. Man darf fest daran glauben, dass in des Menschen Seele etwas über seine Seele hinausweist,  und versuchen, dieses „Etwas“ im Leben und durch sein Leben zu manifestieren. Nicht als tröstliche Restmenge. Nein, das sind wesentliche Bedeutungen menschlichen Daseins.  Aber wenn die Mystik etwas über Wirklichkeit zu lehren vermag, dann ist es nicht Erkenntnis über den Kósmos, sondern Erkenntnis über menschlich wahrnehmbaren Kósmos, und das ist Erkenntnis über sich selbst. Diese Erkenntnis sagt im Grunde immer wieder Eines: Alles Wissen und aller Glaube lässt sich stets nur gebrauchen auf der Bildoberfläche, auf der Leinwand der Kognition, die da eingespannt ist auf dem Keilrahmen des Gehirns, begrenzt durch den barocken Rahmen menschlichen Geistes. Und derer Bilder hängen nunmal eine Vielzahl in der Galerie des Lebens in diesem Universum. Mystik ist nicht ein Blick hinter die objektive Realität des Kósmos, sondern hinter die Wirklichkeit menschlichen Geistes.

Eine der wichtigsten Befähigungen des Menschen ist das Staunen. Sie denken, das sei ein seltsames Ende für diesen Artikel? Nun, ich denke, das ist ein guter Abschluss.

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