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Das geschieht: Der Kontakt bricht ab.

Religion ist die Versprachlichung von Erfahrung.*

Und wenn es auch seltsam klingt: Gleichzeitig ist die Versprachlichung die Voraussetzung dieser Erfahrung.

Die Ganzheit lässt sich nicht gewinnen, indem man Teile von ihr aufgibt.

 

Im Anfang war das Wort
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden
und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
Joh 1,1-3

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* Religion ist hier in ihrer Gesamtheit und im weitesten Sinne gemeint, einschließlich nicht-konfessioneller Spiritualität. „Erfahrung“ lässt sich im Plural lesen.

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Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein (…).
Sein Leben war das eines Menschen.

Philipper 2,6-7

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn.

Gen 1,27

Das „Bild Gottes“ lebt in der Person des Mannes aus Nazareth, den die Christen Jesus Christus nennen. In seinem Geheimnis (Mysterium) der Nähe und Verbundenheit mit Gott („Vater“), das zur gelebten Poesie der Liebe, zur Hinwendung an die Schwächsten, Kleinsten und Ärmsten wird, zu Erbarmen, Gnade und Heil(ig)ung, erkennt der mystisch begabte Mensch auf seine Weise, was Jesus von Nazareth meint, wenn er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6). Dazu braucht es keine komplexe Theologie, die dem Mann aus Nazareth das Attribut unerreichbarer Einzigartigkeit zu verleihen sucht und ihn damit letztlich seiner Menschlichkeit beraubt; einer Menschlichkeit, die stets und immer auch Irrtum, Verfehlung und Schwäche einschließt. Jesus von Nazareth ist Beispiel, nicht Ausnahme.

Wann immer das Licht der Liebe in einer Seele entflammt, wird Gott im Menschen geboren – ist Weihnachten. Wann immer sich Herzen verschwistern, oder sich dem Leid eines Menschen, eines Tieres oder der Schöpfung zuwenden, lebt und lehrt der erlösende Christus, Gott im Menschen. Wann immer wir die Hand gegeneinander oder gegen die Schöpfung erheben, foltern und töten wir die Liebe Gottes in uns, kreuzigen wir unser Christusleben. Wann immer wir verzeihen und uns wieder annehmen in Liebe, wird Christus in uns auferstehen – ist Ostern.

Man könnte in diesen Worten ein bloßes Sprachbild, eine Reduktion des Christentums, und eine schlichte Umbenennung ethischer Grundforderungen sehen. Um die dahinter stehende sprachlose Tiefe des All-Einen zu erblicken, bedarf es mehr als Herz und Verstand. Es bedarf dessen, was man religiös Geist nennt. Spiritualität. Und dieser Geist ist nicht exklusiv, sondern inklusiv. Er schließt niemanden aus, der sich ihm öffnet, und alle ein, die sich ihm nicht öffnen. Das ist Trinität und Kreuzzeichen: Im Namen des All-umfassend-Einen (Vater), des sich in diesem Einen erkennenden Menschen (Sohn), und des (heiligen) Geistes, der den Menschen über sich selbst hinausweist.

Sein Leben war das eines Menschen. Geschaffen zum Bilde Gottes. Nicht umgekehrt. Gott zu reduzieren auf eine (anthropomorphe) Personifikation wäre nichts anderes als eine geist-lose, infantile Glaubensvorstellung; eben jenes Bild, das Gott von sich zu schaffen verbot (Ex 20,1-5). Jesus von Nazareth wollte mit dem „Vater“-Begriff kein solches Bild von Gott schaffen, sondern umgekehrt mit einem Sprach-Bild seine Gottesbeziehung vermitteln; die („väterliche“) Zuneigung Gottes nicht nur (exklusiv) zu sich, sondern zu den Menschen: „Euer Vater“ und „Unser Vater“. Menschen als Söhne und Töchter Gottes. Brüder und Schwestern des Mannes aus Nazareth, der uns einlud, seinem Beispiel zu folgen.

Ich weiß: Immer wieder versage ich, und lebe gegen die Liebe, statt in ihr. Mein Leben ist das eines Menschen. Und dennoch bin ich geschaffen zum Bilde Gottes. Möge es mir ein wenig gelingen, dieses Bild in meiner Person leben zu lassen.

„Das Nichtvorhandensein einer Advaita-Erfahrung (Sanskrit: advaita = Nicht-Dualität) – obwohl sie der Schlüssel für eine philosophische Anschauung der Trinität ist – hat dazu geführt, dass das Christentum sich von einem panischen Schrecken vor dem so genannten Pantheismus erfassen ließ. Wer den Monismus meiden will, gerät in die Gefahr des Dualismus: Gott und die Welt trennen sich radikal, wodurch der transzendente Gott immer überflüssiger wird, da er sich in einen Himmel zurückgezogen hat, der nicht mehr der astronomische ist, sondern ein Konzept. Der Schöpfer ruhte nicht nur am siebenten Tag, sondern zog sich, wie es den Anschein hat, in sein Reich zurück und ließ von der Schöpfung ab, da er ja einen evolutionistischen Superautomatismus angeregt hatte.

Der Mensch ist Gemeinschaftswesen; aber die menschliche Gemeinschaft ist auch kosmisch. Der Mensch ist integrierter und sogar konstituierender Bestandteil des Kosmos. Die Natur ist einer der Orte, wo der normale Mensch mit dem göttlichen Mysterium tiefer in Berührung kommen kann. Unser Kontakt mit der Natur ist nicht vorrangig begrifflich, sondern lebensnah, was die Anteilnahme unseres Intellekts an der Erfahrung der Natur nicht ausschließt.

Die Welt ist der Leib Gottes, nicht in cartesianischer Trennung, sondern in positiver Symbiose, wo die Differenzen nicht beseitigt werden, aber die Trennung überwunden wird.

Die „Schöpfung“ ist nicht vom „Schöpfer“ getrennt. Wenn der Schöpfer für einen Augenblick von der Schöpfung abließe, würde die Schöpfung ins Nichts zurücksinken, wo sie hergekommen ist. Im Rahmen der Kausalität kann der Intellekt sich bis auf Gott zurückführen, aber der Mensch ist nicht reiner Intellekt, und seine Verbindung mit Gott ist unmittelbar und bedarf nicht der Vermittlung des Verstandes – obgleich dieser den rationalen Weg bahnen kann.“

Raimon Panikkar

Quelle: Visionen, „Die Einheit von Gott, Mensch und Welt“

Eine Skizze

 

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass im 21. Jahrhundert es für alle Religionen an der Zeit sein könnte, vorrational-magisches Bewusstsein in rationales und transrationales Bewusstsein zu überführen.

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass sich auch das Christentum und Christ-Sein von aller Magie befreien ließe. Dass Jesus von Nazareth nur ein Mensch war, seine Gottessohnschaft keine physische Personalisierung Gottes und keine Vergottung der physischen Person Jesu bedeutet.

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass den dunkelhäutigen Mann aus Nazareth mit den kurzen schwarzen Haaren diese Gotteskindschaft nicht separiert. Dass dieser Mann namens Jeschua nach seinem Tod nicht leiblich auferstand und es keine physische Himmelfahrt gab.

Vielleicht könnte man sich daran gewöhnen, dass dieser junge Wanderprediger aus Nazareth eine Lehre (Botschaft) hatte, gelehrt in Worten und Lebensführung. Eine Lehre, die aus religiösen, spirituellen, psychologischen, sozialen und ethischen Elementen besteht. Eine Lehre, die selbstverständlich auch der Kultur ihrer Zeit unterlag, und der Fortentwicklung unterliegen darf (und sollte). Eine Lehre, die uns auch nötigt, selbständig nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht könnte man sich daran gewöhnen, dass dieser Jeschua eben nicht Anbetung seiner Person einforderte, sondern einlud, ihm zu folgen, zu werden wie er: Ein Sohn (oder eine Tochter) Gottes, ein Gesalbter – ein Christ(us), ein Erlöser für sich und andere. Dass er uns eine persönliche und liebende Gottesbeziehung beibringen wollte, die keine Vermittler (Priester) benötigt, und uns nicht (oder nicht nur) auf ein „Jenseits“ ausrichtet, sondern ein Leben im Hier und Jetzt und in Fülle schenken soll.

 

Vielleicht ließe sich denken,
dass Jesus von Nazareth nicht der Kern des Christentums ist,
sondern der Ausgangspunkt.

 

Und dass nach ihm andere wahre Söhne und Töchter Gottes kamen und kommen werden – auch in anderen Religionen und außerhalb der Religionen.

 

Der Kern des Christentums ist nicht Jesus,
sondern Christus.

 

Und (ein) Christus ist (potentiell) jeder Christ. Ein Kind Gottes. Sohn oder Tochter Gottes. Eins mit dem „Vater“.

Jesus Christus. Paulus Christus. Giovanni Battista Bernardone Christus. Theresa Christus. Ali Christus. Otto Christus. Britta Christus.
 

 

„Geist in der zweiten Person ist das große Du …, der leuchtende, lebendige, ewig gebende Gott, dem ich mich in Liebe, Andacht, Opfer und Erlösung hingeben muss. Im Angesicht von GEIST in der zweiten Person, im Angesicht Gottes, der reine Liebe ist, kann ich nur eines tun: Um Gott in diesem Augenblick zu finden, muss ich lieben, bis es schmerzt; lieben bis in alle Ewigkeit; lieben, bis es mich nirgendwo mehr gibt; nur dieses leuchtende, lebendige Du, das allem Glanz verleiht, das Quelle alles Guten ist, allen Wissens, aller Gnade, und mir meine eigene Manifestation, die anderen unweigerlich Leid zufügt, zutiefst verzeiht; die dieser liebende Gott der Du-heit dieses Augenblicks jedoch erlösen kann und auch erlöst, verzeiht, heilt und ganz macht; aber nur, wenn ich mich im innersten Kern meines Wesens hingeben kann, durch Liebe, Anbetung, Anteilnahme und Bewusstheit mein kleines Ich aufgeben kann.“

Ken Wilber, Integrale Spiritualität, Kösel Verlag, München 2007, S.219; zitiert nach Richard Rohr, Pure Präsenz, Claudius Verlag, München 2012, S. 184

„Wenn Sie nun vom Selbst sprechen, ist damit das gemeint, was mit dem ,Grund‘ verbunden ist?“

„Überlegen Sie sich mal, was Sie da zum Ausdruck bringen! Welche Art von Antwort erwarten Sie auf diese Frage? Die Antwort, die ich Ihnen geben könnte, wäre ja nur eine, die praktisch in der Sprache ausgedrückt wäre, die gar nicht dazu fähig ist, das zu tun. Das wäre das Gleiche, wie wenn Sie mich zum Beispiel als Farbenblinden fragen, wie sehen Sie das Rot? Da sehen Sie die Unmöglichkeit der Frage. Sie macht in diesem Kontext überhaupt keinen Sinn. Weil nämlich in diesem Fall die Voraussetzung der Farbe gar nicht gegeben ist. Das heißt, ich versuche eine Auskunft in einer Sprache, die dem nicht angemessen ist, was gefragt ist. Wenn die Wirklichkeit etwas ist, das keine spezielle Form hat, sondern die Form selbst ist, wie soll ich dann antworten ,es ist‘? Man muss die Sache einfach umdrehen, muss sie schlicht und einfach umdrehen, und dann wird es ja ganz einfach. Man muss umgekehrt fragen: Wie kann es sein, dass das, was überhaupt keinen Namen hat, sich uns erfahrbar macht, so als ob es verschiedene Namen trüge? Dass es in einer Form auftritt – auch ich als Individuum für eine gewisse Zeit lang -, so dass ich sagen kann: ich lebe.“

„Ich wiederhole noch einmal die Frage, wie Sie sie für sinnvoll halten: Wie kann es sein, dass das, was keinen Namen hat, sich uns in einer Art und Weise zeigt, dass wir doch darüber reden?“

„Genau das ist es.“

„Wie es sein kann? Aber ich kann doch nicht stellvertretend von dem ausgehen, das keinen Namen hat, und fragen, wie es dies oder jenes macht. Ich kann nur sagen: ich habe Erlebnisse, die sich mir so darstellen, dass ich gleichzeitig dabei erlebe, du hast dafür gar keinen Namen, du hast aber dennoch das Erlebnis. So ist das Erlebnis zunächst.“

„Nur so ist es. Aber das heißt, Sie werden nie hinter das kommen, was keinen Namen hat. Sie können nur in gewisser Weise beschreiben, wie es in bestimmten Situationen dazu kommen kann, dass man Formen davon wahrnehmen kann, die sich dann in der in einem bestimmten System gängigen Sprache ausdrücken lassen.“

 
Hans-Peter Dürr, Marianne Oesterreicher: Wir erleben mehr als wir begreifen – Quantenphysik und Lebensfragen, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2007/2013, S. 104f.

Als seinerzeit bei mir die Mystik ausbrach, bin ich nicht zum Arzt gegangen, sondern aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Zu Vieles, was diese Kirche proklamierte, schien mir nicht mit den Erfahrungen übereinzustimmen, die mich da heimsuchten.

Heute sehe ich das etwas anders. Seit einer Weile kehre ich zu meinen religiösen Wurzeln, zum Christentum zurück. Nicht, dass ich nun den Katechismus unter mein Kopfkissen geschoben hätte. Eine verdächtige Freiheit hat sich im Laufe der Jahre breitgemacht, in der auf seltsame Weise so vieles zusammenpasst, in der Altbekanntes auf gleichsam seltsame Art neu gelesen und verstanden werden kann.

Ein Widerspruch zu anderen Religionen hat sich nicht, jedenfalls nicht im Wesentlichen, aufgetan. Ich schrieb hier stets im Geiste von Transkonfessionalität, und schließlich zog es mich sogar in die Postkonfessionalität. Doch irgendwann kam ich mir dabei ein wenig vor wie ein Baum, der seine Wurzeln aus der Erde gezogen hat, um mit ihnen das Laufen zu wagen. Das entspricht vielleicht nicht ganz der Natur eines Baumes, sonst sähe man wohl öfters mal Bäume beim Joggen. Mögen andere laufen und fliegen, jene, die keine Bäume sind, sondern Bären und Mäuschen, Schmetterlinge und Spatzen. Momentan jedenfalls lasse ich meine Wurzeln wieder ihren Weg in die Erde suchen, die meine Äste nährt, und das Wasser aufsaugen, das meinen Blättern Lebendigkeit schenkt. Als so ruhender Baum kann ich zusammen mit anderen Bäumen, wie Bodhi-Bäumen und Ölbäumen, in Gottes schöner Landschaft herumstehen. (Übrigens suchen auch Bären und Mäuschen manchmal den Schatten der Bäume oder grobe Stammrinde zum Rückenscheuern, und Schmetterlinge und Spatzen einen sicheren Platz für eine Flugpause.)

Die Unterschiede der Religionen sind wichtig. Aber längst sind sie für mich nicht mehr trennend (bei aller erlaubter Kritik an einzelnen Punkten in jeder Religion). Neben dem Effekt möglicher gegenseitiger Befruchtung bietet die Vielfalt einfach jedem nach seiner Art etwas an. So, wie jede Wolke anders geformt ist (und jeder eine andere Wolke besonders schön findet), und doch nur eine Wolke ist, die an demselben klaren Himmelsblau vorbeizieht. Und das Christentum ist nun mal die mir gemäße kosmische Wattierung – mit seiner Leidenschaftlichkeit in der Liebe und Freude und Annahme auch des (eigenen) Leids, seiner Geborgenheit in Gott und seinem Sich-Aussetzen im Sich-Einsetzen, mit seinem Aufruf zur Friedfertigkeit und mit seinem „heiligen Zorn“.

In die Kirche bin ich nicht wieder eingetreten. Ich respektiere die vorherrschende Art ihrer Theologie(en), ihres Glaubens und ihrer Glaubensverkündigung; auch, wenn sie für mich selbst nur eine Facette desselben Kristalles ist. (Erfreut stelle ich aber immer wieder auch fest, dass meine Sicht natürlich nicht einzigartig ist, sondern freiheitlich-mystische Auslegungen auch innerhalb der Kirche(n) zunehmen. Mögen sich die unterschiedlichen Perspektiven und Glaubensarten gegenseitig respektieren und wertschätzen.)

Bis hierhin handelt es sich eigentlich nur um eine Einleitung, um zu verdeutlichen, von welchem zeitweiligen Standpunkt ich das folgende aussage: Was Christentum für mich ist und bedeutet.

Schon einmal schrieb ich, wie traditionelle (dualistische) Theologie Bibliotheken beispielsweise zu Fragen der Trinität oder der Theodizee füllt, während der (nicht-dualistische) Mystiker nicht mal das Problem dabei so richtig erkennt. Wer auf der Ebene der Rationalität das Mysterium, das “Geheimnis des Glaubens“ zu ergründen sucht, erklärt entweder alles weg oder hin, bis nichts mehr oder viel zu viel bleibt, oder aber er gleitet ab auf eine prärationale Ebene der Magie. Grob gesagt. Überspitzt gesagt. Es gibt auch viel dazwischen. Und nochmals: All dies erkenne ich respektvoll an, soweit es keinen Schaden anrichtet. Es ist nicht weniger wahr, nur anders wahr. Ich selbst habe fast mein ganzes Erwachsenenleben (bin jetzt 48 Jahre alt) leidenschaftlich theologische Bücher gelesen. Doch seit einigen Jahren verstehe ich sie nicht mehr wirklich, was zwei Gründe haben kann: Entweder ich bin verblödet, oder die Perspektive ist mir zu fremd geworden. Die Entweder-Leser werden hier spätestens das Lesen zustimmend beenden, die Oder-Leser langweilen sich an dieser Stelle bereits. Ich vertraue auf die Sowohl-als-auch-Leser, die intuitiv wissen, dass Verblödung auch ein hässliches Wort für eine hilfreiche Sache sein kann (wobei ich auch eine tatsächliche Verblödung meiner Person nicht ausschließe).

Was Christentum für mich bedeutet, kann keine Bibliotheken füllen. Dessen Kern ist und bleibt wortlos, eine unendlich kleine Singularität mit Urknallpotential. Der Versuch einer Verwortung ist kurz und knapp, verständlich vielleicht nur jenen, die die Perspektive der Mystik gewonnen haben, was selbstverständlich keine Zustimmung abverlangt; man mag mir nach Lust und Laune widersprechen.

Also:

So wie vielleicht Siddhartha Gautama – genannt der Buddha – im Osten, war möglicherweise Jesus – genannt der Christus – der erste „Erleuchtete“ im Westen (der „Erstgeborene“). Diese Formulierung wurde übrigens m.W. erstmalig von Richard Rohr verwendet. Jesus: Ein Mann, der erkannte, dass er eins ist mit Gott: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Und so wie Buddha seine Erfahrung in die Form seines kulturellen und religiösen Kontextes goss, tat dies der junge Mann aus Nazareth ebenso. Und selbst wenn sie nicht die ersten waren (Stellen im AT könnten darauf hinweisen), so waren sie doch wohl die ersten, die dieses neue Bewusstsein ganz lebten und auf bedeutsame Weise so lehrten, dass ungezählte nachfolgenden Generationen sich angesprochen fühlten. Die historischen Personen Siddhartha Gautama und Jesus sind höchst bedeutsam, sie sind Ausgangspunkt, Vorbild, Lehrer, und in gewisser Weise „der Weg“, doch im eigentlichen Zentrum des Buddhismus und des Christentums stehen sie (für mich) nicht. So wie im Zentrum des Buddhismus Buddha steht, steht im Zentrum des Christentums Christus. (Mir ist klar, dass das für viele traditionelle Christen eine höchst ketzerische Aussage ist. Man mag dann nochmal die Einleitung lesen oder sich mit den Entweder-Lesern solidarisch erklären.)

Die Erfahrung „Ich und der Vater sind eins“ haben nach Jesus auch viele christliche Mystikerinnen und Mystiker gemacht. Gott ist Mensch geworden. Nicht nur in Jesus (Paulus hat das vielleicht als erster verstanden). Christus ist kein Name und kein Titel, sondern eine Erkenntnis, eine Erfahrung, ein Bewusstsein, ein Raum, ein Kollektiv, eine Lebensform… Und es bedarf dazu keiner idealisierenden personalen Überhöhungen, die zu einer großen Gefahr werden können. Der junge Mann aus Nazareth hat in seinen ersten 30 Lebensjahren vielleicht ebenso Mist gebaut wie Franz von Assisi in seinen jungen Jahren und wir alle. Wir wissen es nicht (die Historie der kanonischen und apokryphen Schriften wird den meisten Leserinnen und Lesern bekannt sein). Na und? Die lebenslange „absolute Freiheit von der Sünde“ ist ein illusionärer Sockel, auf den wir einen Menschen stellen, um selbst in unserer Schwachheit nicht ganz so klein zu erscheinen. Was verlieren wir denn, wenn wir diesem Kind und späteren jungen Erwachsenen Jesus ganz Menschlichkeit zugestehen? Zu sagen, dass mit Christus Gott ganz Mensch geworden ist, aber nur in Jesus ein Mensch ganz Gott geworden sei, scheint mir – jedenfalls aus mystischer Perspektive – Gott doch arg zu verkürzen. So kleinlich wird Gott nicht sein.

Leben und Lehre des Mannes aus Nazareth machen natürlich das spezifisch Christliche aus: Das Bewusstsein der Einheit mit Gott und die Umsetzung dessen im eigenen Leben und in diesem speziellen kulturell-religiösen Umfeld, das auch unser eigenes kulturell-religiöses Umfeld geprägt und geformt hat. Dazu gehört insbesondere die Lehre von der Liebe (was im Osten seine Entsprechung in der Lehre vom Mitgefühl findet), die auch zu Hilfsbereitschaft (Barmherzigkeit) und Friedfertigkeit führt (vgl. insbes. Bergpredigt, Mt 5-7). Aber auch die Lehre von der Vergebung statt Strafe, Hass und Rache (vgl. Joh 8,1-11), einer Leidenschaftlichkeit und einem Aufbegehren, wie z.B. im „heiligen Zorn“ (vgl. Mt 21,12ff.), die Lehre von einer Gerechtigkeit, die oft wenig mit Messen und Wägen zu tun hat (vgl. Mt 20,1ff.), die Lebensspannung zwischen Ruhe und Unruhe (vgl. EvTh 50, 86, 90), der „aufrechte Gang“ (bis zum Tod), und vieles andere. Nicht zuletzt aber auch: Gott dennoch, also auch im Bewusstein des Eins-Seins mit Gott, als ein „Du“ ansprechen zu können.

Das war noch immer recht lang. Als eine Einkürzung ließe sich also sagen:

Christsein bedeutet für mich

• Zu erkennen, dass Gott in allem ist, und doch erst im Menschen geboren wird (Christus, „Vater und Sohn“; das Paradox wird sich vielleicht nicht in jedem Leser auflösen)
• Der Versuch, ein Leben in und aus diesem Bewusstsein zu führen („Heiliger Geist“)
• Der Lehre des Mannes aus Nazareth zu folgen (Liebe, Barmherzigkeit, Aufrichtigkeit, Friedfertigkeit, …), diese Lehre in die heutige Zeit zu übertragen und sie in die Weitung unserer Zeit zu weiten. (Wobei die Lehre auch als Regelwerk taugt, wenn das Bewusstsein wieder mal eingeschlafen ist, was mir öfters passiert).

„Christliche Lehre“ besteht also aus zwei Teilen, die einander ständig rückversichern:

1. Das (liebende) Verhältnis des Menschen zu Gott (Eins und doch Du“)
2. Das (liebende) Verhältnis des Menschen zum Leben (zum eigenen Leben, zu anderen Menschen, zu anderen Wesen, zur Schöpfung)

Die Rückversicherung beider Teile könnte man als ein drittes Verhältnis beschreiben. Muss man aber nicht, um es mit der Trinität, die hier von mir ja schon arg zerschnitten wird, nicht gleich zu übertreiben.

Klar wird aber: Christentum ist eine Beziehungsreligion. Eine – oder die – Religion der Liebe. Eine Liebe von Gott, zu Gott, aus Gott, in Gott. Und damit eine Liebe zum Leben.

Christsein heißt, an die Menschwerdung Gottes zu glauben (Christus) und die Menschwerdung Gottes versuchen zu leben (Leben und Lehre Jesu, in Christus eingehen – was eine Bewegung ist, ein Weg).

Nein, ich lösche das doch nicht, sondern streiche es. Ein gutes Beispiel des Verstrickens in wortreiche Plattheiten; für das, was nicht geht. Ich brauche nichts zu sagen. Mystische Menschen begreifen das Christsein, wie ich es meine, auch ohne viele Worte: Gott ist Mensch geworden, wird es immer wieder, in dir, in mir. Nun müssen nur noch auch wir Mensch werden.

Zweifelsohne ist der „Hintergrund“ mystischer Erfahrung in allen Religionen und spirituellen Kontexten nicht verschieden, sondern der oder das Eine. Dennoch unterscheiden sich die mystischen Wege, Motivationen und Ziele der Kulturen – wenn auch manchmal nur subtil.

Was nun die christliche Mystik (oder ein mystisches Christsein) in der heutigen und künftigen Zeit anbelangt, könnte man auf die Idee kommen, dass es gar nicht die außerordentlichen „großen“ mystischen Erfahrungen sind, die den Kern christlicher Mystik ausmachen, sondern eine Lebenshaltung und Lebensführung in und aus einer christlich-mystischen Perspektive. Es bedarf vermutlich gar nicht der „großen“ mystischen Erfahrungen, um die umkehrende, transformierende Blickweise eines Mystikers zu gewinnen. Die auch „unterhalb“ der außerordentlichen mystischen Erfahrungen grundsätzlich jedem mögliche subtile Wahrnehmung der Einheit hinter allem – z.B. in der Erfahrung der Liebe – genügt vermutlich, um als ein mystischer Christ zu erkennen, dass

Christus der auf transpersonaler Ebene mit allen Menschen, allen Wesen und der gesamten Schöpfung in Gott vereinte Mensch

ist. Menschensohn und Gottessohn. Ein Christus, der lebendig ist, wenn er gelebt wird. Hier und jetzt, im kontemplativen Gebet der Stille wie im lärmenden Alltag, in aller Lebensfreude in Fülle und im umfangenen Schmerz, in Stärke und Schwäche, durch Jede und Jeden, der sich auf diese Weise Geist, Verstand und Herz öffnend auf den Weg einer Nachfolge begibt.

Vielleicht ist für die meisten Menschen der Wunsch nach einer außerordentlichen mystischen Erfahrung sogar eher hinderlich, um bereits jetzt dem eigenen Selbst und damit der echten Gemeinschaft mit allen Wesen und der Schöpfung nahe zu kommen. Weil der Wunsch etwas Künftiges und Einmaliges betrifft, eine Haltung des Wartens und Erwartens begründet, obwohl doch die Einheit mit Gott und seiner Schöpfung bereits gegenwärtig und all-gegenwärtig ist, nur wahrgenommen zu werden braucht, mit den Mitteln, die wir bereits haben.

Kann also sein, dass ein Spezifikum christlicher Mystik (oder eines mystischen Christseins) in der heutigen und künftigen Zeit darin liegt oder liegen wird, dass das Feld der Mystik nicht mehr allein den Mystikern überlassen wird. Oder anders: Dass das lebensprägende Bewusstsein der Mystik nicht mehr von außerordentlichen Erfahrungen geprägt wird, sondern von einer Änderung der Blickrichtung (Metanoia).

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„Der Mensch lebt die Transzendenz in der Immanenz,
das Essentielle im Phänomenalen.“
[1]

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In diesem Blog gibt es eine Kategorie, welche mit „Das apersonale DU“ überschrieben ist. Diese drei Worte bilden eine scheinbar in sich widersprüchliche Aussage, an welcher ich, bei allem Verständnis für die gelegentlich mir gegenüber geäußerte Kritik daran, stets festhielt und noch immer festhalte.

In einem ersten diese Kategorie berührenden Artikel schrieb ich vor drei Jahren:
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„Dem so (…) Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem. Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem “unpersönlichen Absoluten” auch dem persönlichen (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.“

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Nun las ich in einem Buch des Benediktinerpaters und Zen-Meisters Willigis Jäger etwas dazu, was auf seine Art eine analoge Aussage beschreibt:
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„Wenn die Erfahrung [der Mystik des Eins-Seins mit Gott, Anm. d. Verf.] ins Tagesbewusstsein tritt, wird Gott „Gegenüber“. Gott als Person, Dreifaltigkeit sind theologische Ausdeutungen des Nachher, genauso auch die Formen der Verehrung. Das Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch entfaltet sich. Es wird zu Klage und Freude, Trauer und Zuversicht, Liebe und Hingabe, weil wir Menschen sind. Und weil der Mensch mit Verstand, Gefühl, Körper und Sinnen begabt ist und dichten und komponieren kann, wird dieses Zwiegespräch zu Lied und Gedicht, wird zu Zeremonie und Liturgie. Und findet man sich dazu mit anderen zusammen, wird aus all dem Gemeinde und Tempel. Auch „Kirche“ versteht sich ja viel mehr als „Zeichen“ auf etwas hin, als sie hier und jetzt sichtbar machen kann. All das ist Konsequenz aus der Einheitserfahrung mit Gott. Es darf sich davon nicht entfernen. Es soll vielmehr die Einheit verkünden und in Symbol und Zeichen darstellen. Wo das nicht mehr geschieht, wo Form und Ritus zur Magie werden, wird Religion zum Hindernis. Auch christliche Mystik kennt selbstverständlich das Göttliche als Gegenüber und zeigt daher immer auch theistische Züge. Wer sich verneigt, eine Kerze anzündet und Weihrauch ansteckt, auch wenn er es nur als Ausdruck des Göttlichen in sich selbst tut, verkündet die Einheit in der Doppelseitigkeit seiner menschlichen Existenz.

[…]

Der Mensch kann in Bezug auf das Göttliche zwei Wahrnehmungsweisen haben, wenn ihm nur klar ist, dass sich dies aus seiner Geschöpflichkeit ergibt, dass diese zwei Wahrnehmungsweisen in Wirklichkeit eins sind und in der Mystik auch als eins erfahren werden.“ [2]

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[1] und [2]: Willigis Jäger, Kontemplation, Gott begegnen – heute, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001, S. 94 f.

Weißt du, dass sich in der Mitte deines Herzens eine Kammer befindet? Sie ist gefüllt mit der Liebe Gottes zu dir, und mit deiner Liebe zu Gott. Immer wenn du die Augen schließt und es still wird in dir, dann öffnet sich die Türe zu dieser Kammer. Du kannst eintreten, um in ihrem Licht zu erlöschen, und neu hineingeboren zu werden in die Liebe, die sie ausfüllt.

Weißt du, was eines Tages mit dieser Kammer geschehen kann? Ein anderer Mensch nutzt einen kurzen Moment, in dem die Türe noch einen kleinen Spalt offen steht, weil du sie beim Verlassen der Stille nicht wieder ganz geschlossen hast… Dieser andere Mensch schleicht sich hinein, und sogleich füllt sich die Kammer mit seiner Liebe zu dir, und diese Liebe ist die gleiche wie deine Liebe zu ihm.

Weißt du, dass Gott dann manchmal leise an der Türe der Kammer anklopfen wird? Irgendwann macht dann die Liebe des anderen Menschen, die auch deine Liebe zu ihm ist, auf und spricht zu Gott: „Ey, is besetzt. Du kommst hier net rein.“ Und Gott antwortet: „Bin ja längst drin. Ist schön, Du zu sein.“

© Stefan Kraus
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Früher warst du am liebsten mit anderen am Berg. Du hattest jemanden, der dich sichert, und es war dir wichtig, gemeinsam mit anderen die Schwierigkeiten zu meistern, die Freude unterwegs und die Freude am Gipfel mit jemandem teilen zu können, gemeinsam zu fluchen, gemeinsam zu lachen. Und ein wenig war dir auch wichtig, anderen später von deinen „Leistungen“ zu erzählen.

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© Stefan KrausDann begannst du, auch alleine in die Berge zu gehen. Du hast dabei so manche Dummheit gemacht, den Wahnsinn geküsst, haltlos, und ein paar mal nicht gewusst, ob du den Abend noch erleben würdest. Es war laut in dir. Aber irgendwann fingst du an zu begreifen, dass du in diesem allein-Unterwegssein nicht mehr einsam warst.

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© Stefan KrausNun gehst du am liebsten ganz allein in die Berge. Möglichst abseits namhafter Gipfel, beliebter Anstiege, und anderer Menschen. Nur für dich. Du suchst keine Schwierigkeiten mehr, und keine Gefahren. Du hast gelernt, dich weglos und ohne Karte zu orientieren. Es ist still in dir geworden, wenn du so allein unterwegs bist. Zeit des Friedens.

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„Ich bin nicht der, der ich mit Worten und Gehabe zu sein vorgebe. Noch weniger bin ich der, der ich in den Vorstellungen der anderen (…) zu sein habe. Vielleicht bin ich erkennbar durch mein Tun. Wie unsere Sprache die Widerspiegelung unserer Welt ist, ist unser Tun die Widerspiegelung unserer Seele. Das behaupte ich. Einfach so.“

(Reinhold Messner, 13 Spiegel meiner Seele,
Piper Verlag München 1994, S. 19)

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Es scheint schon ein seltsamer Zufall zu sein, wenn einem gerade in den Zeiträumen der Beschäftigung mit einer bestimmten Thematik ein Buch „über den Weg läuft“, das Antworten – so vorläufig sie auch sein mögen – auf einige der zentralen Fragen dieser Gedanken anzustoßen vermag. Es ist mir nicht nur einmal passiert, nun geschah es wieder; und es scheint, als wären diese zufälligen Ereignisse Ausschnitte eines einzigen größeren Bildes, das sich im Gesamten nicht wirklich erkennen und überblicken lässt, weil man noch viel zu nah davor steht.

Sind das wirklich blinde Zufälle? Oder steckt da irgendetwas dahinter, über das sich kaum mehr als spekulieren lässt?

Eine solche Frage, bezogen auf Evolution und Gott, beschäftigte auch Charles Darwin, den „Vater der Evolutionslehre“, der seinen einzigen Studienabschluss in Theologie gemacht hatte. Und auch Darwin, als er gegen Lebensende sich wieder stärker der Gottesfrage zuwandte, „lief ein Buch über den Weg“, das ihn offenbar sehr bewegte: „The Creed of Science“ [Das Glaubensbekenntnis der Wissenschaft] von William Graham. Um diese Begebenheit (aber längst nicht nur darum) geht es in dem neuen Buch von Michael Blume:

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M. Blume: Evolution und Gottesfrage

Michael Blume: Evolution und Gottesfrage
Charles Darwin als Theologe
Herder Spektrum Bd.6582, 2013, 175 S.
Verlag: Herder, Freiburg
ISBN: 9783451065828
9,99 € (D)

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Es war vor allem der Briefwechsel zwischen Darwin und Graham, in dem es um das Verhältnis von Wissenschaft, Evolution, Religion und Gott geht, und der in Michael Blumes Buch nun erstmals ins Deutsche übersetzt zu lesen ist, sowie die weiteren Ausführungen M. Blumes zu Graham und seinem „The Creed of Science“, die mir – wie Eingangs erwähnt – einen Anstoß gaben.

Von Anfang an war klar, dass ich über Michael Blumes Buch „Evolution und Gottesfrage“ in diesem Blog schreiben würde. Dieses Buch zu lesen, hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich empfinde es nicht nur als spannend geschrieben; es vermittelt auch, über die Darstellung seines Kerns – Charles Darwin als Theologe – hinaus, Informationen und Betrachtungen weiterer Themen, wie zu Geschichte und heutigem Erkenntnisstand der Evolutionsforschung zur Religion, oder zum Sozialdarwinismus, dessen späterer Verdrängung und oft unzureichender Aufarbeitung, zu Darwins eigenen Überlegungen zur Evolution von Religion, usw. Als für mich besonders erlebte ich beim Lesen, durch Michael Blumes Auswahl an biografischen Einschnitten und Zitaten, ein wenig den Menschen Charles Darwin näher kennenlernen zu dürfen, das, was ihn in seinem Inneren bewegte, über seine Mitleidsfähigkeit gegenüber Tieren, seine Ablehnung von Heilsexklusivismus, über sein Zweifeln und Suchen.

Zudem zeigt sich Michael Blumes Buch in erfreulicher Weise ungewöhnlich darin, dass er die interdisziplinäre Vernetzung über das Internet, die „Bürgerwissenschaftler“, Blogger und Kommentatoren würdigt. So ist das Buch sogar „Allen konstruktiven Bloggerinnen und Bloggern, Kommentatorinnen und Kommentatoren“ gewidmet.

Die rasch sich entwickelnden Diskussionen um das Buch und sein Thema überraschten mich ein wenig; aber sie freuen mich auch, zeigen sie doch, dass Michael Blume da möglicherweise „einen Nerv getroffen hat“. Links dazu befinden sich am Ende dieses Artikels.

Und noch etwas überraschte mich. Einige der Gedanken, die ich für mich dilettantisch (und sicher oft stümperhaft) über Jahre hinweg meinte entwickelt zu haben, oder die sich, vermeintlich neu, anderenortes lesen ließen, fand ich nun in diesem Buch wieder, skizziert von einigen klugen Köpfen bereits vor fast eineinhalb Jahrhunderten, auf breiter Basis bis heute kaum wahrgenommen, reflektiert und diskutiert.

In diesen Bereich fiel auch Grahams Emergentismus, der mich (zunächst noch intuitiv) einen Brückenschlag erkennen ließ zum integral-holarchischem Modell, wie es Ken Wilber in Eros, Kosmos, Logos entwickelte (und das er – angefangen bei Plotin – als nicht erdacht, sondern in den Grundzügen bereits von Einigen vor ihm [aus der mystischen Schau] abgeleitet verstanden wissen möchte). Bei aller in mir im Laufe der Jahre entstandenen Kritik an diesem Weltbild, fesselt es mich noch immer – oder besser: wieder neu -, und meine eigene Kritik beginnt, auch in Folge Michael Blumes „Evolution und Gottesfrage“, langsam zu bröckeln. Diese Verknüpfung war sicherlich nicht Michael Blumes Intention; nein, sie ist subjektiv. Und damit kehre ich zurück zum Anfang dieser Rezension.

Also: über Michael Blumes neues Buch wollte ich hier schreiben. Doch selten fiel es mir so schwer, einen Beginn zu finden und einen „roten Faden zu spinnen“. Denn es war klar, dass ich nicht mit einem „objektiven Anstrich“ rezensieren wollte, sondern von Anfang an ausdrücklich subjektiv. In „Seelengrund“ geht es ja, nicht nur, aber doch vorwiegend, um Mystik. Und (meine) Mystik, bzw. das aus ihr erwachsende „Weltbild“ war es, welche/s durch einige Punkte dieses Buches angesprochen wurde. Das mag nicht gleich verständlich sein, wenn man das Buch kennt. Doch das, was mich – wie Eingangs erwähnt – schon eine Weile gedanklich beschäftigt, ist die „Evolution Gottes“ (was ja nicht per se die gleiche Themenstellung ist wie „Evolution und Gottesfrage“). Diese lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten: kulturell, religionshistorisch, gesellschaftlich, evolutionsbiologisch, psychologisch, neurologisch, theologisch, usw., und zentriert sich dann individuell-persönlich für mich in der mystischen Perspektive, wie vielleicht schon der vorangegangene Artikel erahnen ließ. Zwar ist es viel zu früh, mich an dieser Stelle dazu zu äußern. Der Anstoß, den mir M. Blumes Buch „Evolution und Gottesfrage“ insoweit gab, führt mich möglicherweise in einen sehr lange dauernden Prozess. Dennoch spielt dieses Buch auch auf andere Weise mit hinein, wenn ich (bejahend) an die Zeilen Newbergs und Waldmans denke, die ich in Die pluralistische Zukunft Gottes zitierte:

„Was auch immer Gott oder das Universum sein mag, wir bekommen nur einen kleinen Ausschnitt davon zu sehen. (…) Vielleicht können wir auf ähnliche Art und Weise ein vollkommeneres Gottesverständnis erlangen, indem wir all unsere Beschreibungen der menschlichen Natur, der Realität, der Spiritualität und des Universums zusammentragen.“

[Andrew Newberg u. Mark Robert Waldman, Der Fingerabdruck Gottes – Wie religiöse und spirituelle Erfahrungen unser Gehirn verändern, Verlag Goldmann, München 2012, S. 173]

Wenn ich mich richtig erinnere, sieht Michael Blume die Arbeiten Newbergs skeptisch, und möglicherweise würde Michael Blume meine Verbindungen hier weit von sich weisen, aber zum einen ist es nicht er, der diese Verbindungen herstellt, und zum anderen ist es nunmal das, was sich auf der Hintergrundebene meines bescheidenen Denkens abspielt: Eine ständige Tendenz, solche Beschreibungen zusammenzutragen und (auf meine Weise) zu verbinden. Und auch M. Blume gehört eben zu jenen, die ihren Teil dazu beitragen, Beschreibungen zu finden und weiter zu entwicklen (und manchmal auch seinerseits mit anderen Beschreibungen zu verbinden). Ich gestehe an dieser Stelle, den Wissenschaftlern sehr dankbar für ihre Arbeit zu sein.

Doch das vorangegangene Zitat passt auch zu dem, was Wilber (in „Eros, Kosmos, Logos“) meint, wenn er (sinngemäß) sagt, dass es auf der Betrachtungsebene einer „Gesamtschau“ nicht darum gehen kann, alle existierenden Theorien zu begutachten und dann zu entscheiden, welche davon richtig und welche falsch sei, sondern darum zu erklären, in welchem Kontext die Gesamtheit dieser Ideen richtig sein könne. Und diese Frage nach dem Kontext ist gleichzeitig die Frage nach der Struktur des Kosmos, der ein Aufkommen so vieler grundverschiedener Disziplinen überhaupt ermöglicht.

In gewissem Sinne war genau diese letzte Frage auch jene von Darwin und Graham, wenn sie sich – bei aller notwendigen Trennung in fachspezifischer, wissenschaftlicher Betrachtung – nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Theologen erwiesen.

Und so möchte ich diese Empfehlung, Michael Blumes neues, und in mehrfacher Hinsicht brückenschlagendes Buch „Evolution und Gottesfrage – Charles Darwin als Theologe“ zu lesen, beschließen zunächst mit einem dazu passenden Zitat von William Graham aus diesem Buch, welches – so für sich stehend – auch von einem modernen Mystiker stammen könnte, und einem anschließenden Zitat von Michael Blume.

„Dies ist die Konzeption, die das Ultimative Prinzip des Universums als ein tieferes, weiteres, größeres Etwas als die uns bekannte Materie oder das uns bekannte Bewusstsein erfasst; das Etwas, aus dem Materie und Gedanken nur spezielle Formen, Erscheinungen, Ausprägungen sind. Es sind die einzigen, die wir tatsächlich kennen können. Und dies nur mit ihren eigenen Mitteln, die aber dennoch weit davon entfernt sind, die transzendente Natur der Einen Ewigen Substanz und Macht am Grunde jener Dinge ausschöpfen zu können, die wir kennen, wie auch der unzählbaren anderen möglichen Selbstpräsentationen, von denen wir nichts wissen können.“

[William Graham, zitiert nach: M. Blume, Evolution und Gottesfrage, S. 144]

“ Ja, Wissenschaft – in ihren empirischen Ausprägungen wie auch in Philosophien und Theologien – ist mühsam und vermag uns, wie Darwin zu Recht bemerkte, lehrte und lebte, nicht von allen Zweifeln und drängenden Fragen zu befreien. Aber sie verbietet uns auch das Vertrauen, Hoffen und Glauben nicht, (…). Wir alle mögen dazu tendieren, unsere jeweilige wissenschaftliche oder religiöse Praxis bewusst und unbewusst weltanschaulich absolut zu setzen, gegen Fragen und Zweifeln abzusichern und damit weit hinter dem Niveau zu bleiben, das sich bereits vor mehr als einem Jahrhundert entfaltete. Aber wir können – wie es schon der Geistliche Bertrand Chartres († 1124) im 12. Jahrhundert formulierte – auch immer wieder auf die Schultern der Riesen vor unserer Zeit steigen, um von dort weiter in die Ferne zu sehen. Ob wir Atheisten, Agnostiker oder auch evolutionäre Theisten sind, die vertrauende Hoffnung, dass es Neues, Wichtiges, Wegweisendes zu entdecken gibt, darf uns verbinden und anspornen.“

[Michael Blume, Evolution und Gottesfrage, S. 158]

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links:

„Charles Darwin als Theologe…“ (bei Natur des Glaubens)

Charles Darwin: War nie Atheist (bei Natur des Glaubens)

„Besser als der Darwinismus. Ein Blick auf Charles Darwin als Theologen“ (Herder Korrespondenz 01/2013, S. 33 – 37)

„Neue Annäherung an Darwin – Michael Blumes Buch“ (bei Hintergründe von Hermann Aichele)

„Wie (mich) Facebook gewann…“ (bei Natur des Glaubens)

„Darwin, Evolution und Gottesfrage: Wider die seltsamen Allianzen“ (bei diesseits.de)

„Evolution und Gottesfrage“ (im Science-Shop)

„Evolution und Gottesfrage“ (bei amazon.de)

„Evolution und Gottesfrage“  (beim Herder Verlag)

„Eine Mystik, die keine soziale Verantwortung übernimmt und kein soziales gesellschaftliches Engagement kennt, ist eine Pseudomystik.“

Gerhard Tucek

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Ist das so? Nachdenken lässt sich darüber jedenfalls.

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