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Foto: Stefan Kraus 2016

Herr, mein Herz ist nicht stolz, nicht hochmütig blicken meine Augen.
Ich gehe nicht um mit Dingen, die mir zu wunderbar und zu hoch sind.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still;
wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.

Harre auf den Herrn von nun an bis in Ewigkeit!

Psalm 131, Der Frieden in Gott

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Zufällig fand ich heute eine Geschichte wieder, welche ich vor vielen Jahren schrieb. Für die nächsten Tage hinterlasse ich sie hier als kleines Intermezzo.

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Die Fabel vom Esel namens Schmitz

“Verschmitzdibitz!” schrie der Esel seinen Herrn an. “Ich will deine Last nicht länger tragen!”

“Aber Herr Schmitz, es ist deine Bestimmung, meine Last zu tragen! Und gebe ich dir nicht immer Speis und Trank dafür?”

“Speis und Trank? Verschmitzdibitznochmal! Kaum nahrhaften Hafer und Wasser meinst du wohl! Ich hungere! Ich habe keine Kraft mehr! Zu schwer ist mir deine Last geworden! Sie erdrückt mich, erstickt mich! Ich leide!”

Der alte Mann mochte Herrn Schmitz. Ja, er liebte ihn geradezu. Und da er es nicht ertragen konnte, Herrn Schmitz leiden zu sehen, nahm er die Last von ihm herunter und schulterte sie sich selbst auf.

“Wie gut ich mich jetzt fühle! So frei, so leicht, so unbeschwert!” frohlockte Herr Schmitz. Der alte Mann aber schwieg. Schwer drückte ihn die Last. Gebeugt schritt er so stundenlang unter sengender Sonne neben dem stolz trabenden Esel einher.

Irgendwann hielt keuchend der alte Mann an, hielt sich die Hand auf sein Herz und stöhnte:

“Ein wenig Ruhe brauche ich nun.”

Dann setzte er sich unter einen großen, alten Baum, der durch die vielen Stürme in diesem Landstrich ganz schief gewachsen war und schlief vor Erschöpfung sogleich ein.

Herr Schmitz in seinem neugewonnenen Über- und Hochmut aber tanzte im Schatten des Baumes einen Foxtrott und rief:

“Hey, du alter schiefer Baum! Du hattest wohl nie den Mut, dich dem entgegen zu stellen, was dich beugt! Sieh mich an: ich habe mich selbst befreit! Nun gehe ich aufrecht durch das Leben!”

“Wäre ich gerade gewachsen,” antwortete da der Baum, “hätten mich die Stürme gebrochen. So aber, geformt durch die Kraft der Winde, vermag alles, was das Leben mir gibt, in die Stärke meiner Äste und in die Schönheit meiner Blüten und Blätter zu fließen. Denn das ist meine Bestimmung.”

“Papperlapapp und verschmitzdibitz! Du hast lediglich kein Rückgrat, bist feige, und gibst ein jämmerliches Bild ab!” quietschte Herr Schmitz und rundete seinen Foxtrott mit einem Vierhufestepptanz ab.

Voller Mitleid blickte der Baum auf den alten Mann unter sich.

“Sieh dir deinen Herrn an.” sagte er zu dem Esel. “Ein alter Mann, der die Last trägt, welche du hättest tragen sollen. Er trägt schwer, damit es dir leicht ist. Er ist gebeugt, damit du aufrecht gehen kannst. Er zahlt den Preis deines Stolzes. Sag mir, Esel, was ist nun deine Bestimmung?”

“Frei zu leben, verschmitzdibitznochmal! Was sonst?”

In diesem Moment trat eine Ameise erst hervor, dann Herrn Schmitz kräftig auf den Vorderhuf, dass dieser “Iaua!” schrie.

“Du dummer Esel, du!” rief sie. “Dein Herr wird sterben, wenn er weiter so schwer tragen muss. Wer wird dich dann versorgen? Wer gibt dir, was du zum Leben brauchst? Wer wird bei dir sein, wenn es dir schlecht geht? Sieh uns Ameisen an! Wir können nur überleben, wenn wir unsere Arbeit machen. Jeder tut, wozu er bestimmt ist. Glaubst du wirklich, du könntest dich deiner Verantwortung im Leben entziehen?”

Der alte Mann war durch das Gezeter der Ameise aufgewacht. Leise sagte er:

“Lass nur. Ich trage die Last gerne, wenn es Herrn Schmitz so besser geht.”

Da bemerkte Herr Schmitz eine Träne im linken Auge des alten Mannes, und es fiel ihm nun auch auf, wie müde sein Herr aussah. Das bedrückte ihn sehr. Er hatte das Gefühl, als läge plötzlich eine große Last auf seinem Eselsherzen.

“Herr, ich will meine Last lieber wieder selber tragen.” sagte er zu dem alten Mann. “Diese Last ist leichter als die Last, die nun auf meinem Herzen liegt. Der Baum und die Ameise haben wohl recht gesprochen: manchmal muss man sich beugen, um dem Leben zu dienen. Was ich tat, diente einem Moment des Glücks. Doch mein größtes Glück ist, zu leben, durch eine Bestimmung, die einem anderen dienlich ist.”

„Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug.“

Richard Wagner, Parsifal (Dritter Aufzug)

Vielleicht ist es ja gerade dieses durch die Liebe erstarkte Ich, das in einem nicht enden wollenden Schmerz oder einer Untröstlichkeit eines Menschen letztlich doch Teil seiner eigenen Erlösung wird, wenn die Kraft der es umfangenden und einenden Liebe es aus der Bahn des Sich-Selbst-Umkreisens wirft, hinein in ein lichtes und ruhendes Schauen auf das, woran es im unerreichbar tiefsten Grunde leidet; wenn es transparent wird hin auf die Seele des Lebens und allen Seins; wenn es dienmutig liebend sich hinwendet zu allem, was ihm ein Gegenüber sein kann, heilsam einend sich selbst und das Getrennte, als Ahnung dessen, was der Mensch sein soll und werden kann.

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Demut
kennt weder Gewinner
noch Verlierer.

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Holzschnitt: Stefan Kraus © 1992

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Einst kam ein Diener im Gewand Gottes
zur Priesterin und sprach:
„Bring mir einen Stern,
einen Stern von meinem Himmel!“

Doch die Priesterin vermochte dies nicht.

Da brachte der Diener im Gewand Gottes
der Priesterin einen Stern,
einen Stern von seinem Himmel,
worauf die Priesterin Gott pries.

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Kleine Blogpause.

Vielleicht erreiche ich Gott nie wirklich, und Gott nie wirklich mich , weil ich nicht bereit bin, mir einzugestehen, dass alle meine Motive, in denen ich Gottes Wirken zu vernehmen meine, meine Motive Gutes zu tun, meine Motive zu beten, meine Motive zu meditieren, meine Motive zu vezeihen, meine Motive zu lieben, ja, dass alle meine heiligen Motive nichts als eine einzige große Lüge sind. Vielleicht muss ich erst erkennen, dass der wahre Antrieb hinter meinen Motiven eben nicht mit meinen Motiven übereinstimmt. Vielleicht muss ich erst zutiefst erschrecken, daran scheitern, ja regelrecht zerbrechen an dem Anblick des von meinen Motiven entkleideten, nackten Antriebes, der letztlich nur ich selbst bin, mein Lebens- und Überlebenswille, und der mir selbst und meinem Dasein zumindest einen kleinen Rest an Wert beimessen und um jeden Preis erhalten will, der aber doch kein Wert ist, sondern nur ein Bild eines Wertes, geformt in den Augen anderer und so meiner selbst. Vielleicht muss ich diesen letzten „Wert“, den ich mir selbst beimessen zu dürfen glaubte, fallen lassen, bis ich wirklich am tiefsten Grunde meiner Seele erschütternd arm bin, arm vor Gott, und arm an Gott, Gott verlassend und gottverlassen.

Vielleicht muss ich erst einmal fallen, diesmal ohne Netz, und bodenlos, damit Gott, so er will, mich auffangen und halten kann.

Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter meinem Dach. Kein „aber“. Tu, was du willst.

 

Vor vielen Jahren gelangte ich an einem heißen Sommertag durch Zufall in ein Dorf am Ende eines Tales in den Bergen der Dauphiné. Es schien, als hätte der kleine Ort die letzten hundert Jahre verschlafen, als stände die Zeit dort still… In der alten Kirche lagen Meditationszettel aus, die mit den Worten überschrieben waren: „J’ai soif de toi…“
Ich übernachtete am Fluss, dessen klares Wasser das Tal durchfließt.

 

Übersetzung des Französischen:
„J’ai soif de toi“ =  „Mich dürstet nach dir“
„Ouvre-moi“ = „Öffne mir“ sowie „Öffne mich“

Voraussichtlich werde ich für eine Weile nicht online sein können. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine erfüllte Zeit.

 

Nicht länger in Stolz verfallen will ich,

sondern annehmen meine Kleinheit,

die ich erkannt habe

im Scheitern an den großen Dingen,

sie zu verstehen,

und zu vergesetzlichen.

Frieden finde ich nun endlich,

berühre meinen Seelengrund,

wie das Schweigen den Abend,

wie die Mutter ihr Kind.

Von nun an möge mein Leben

das stille Vertrauen wählen.

 

nach Psalm 131

 


Kann sein,
dass ein mit ganzem Herzen
erlebter Sonnenaufgang
mehr zählt vor Gott,
als alle halbherzigen Morgengebete
eines Menschenlebens zusammen.

(Kann sein,
dass Gott nicht zählt.)

„Es war ein Strom mystischer Einsfühlung,
in den nicht nur die Mitmenschen,
sondern alle Kreaturen (…)
mit einbeschlossen waren.“

Aus: Der Liebhaber der Armut
in: Franz von Assisi – Geliebte Armut
Hrsg. Thomas und Gertrude Sartory
Herder Spektrum 1991. S. 19

„Kein Wunder, daß das Feuer und andere Geschöpfe
ihm willfährig waren und ihre Ehrfurcht vor ihm bekundeten;
denn wir, die wir mit ihm zusammenlebten, haben oft gesehen,
wie er sie innig liebte und Freude an ihnen hatte
und wie er ihretwegen im Geist von zartem Mitleid gerührt war,
wenn er mitansehen mußte, daß man sie grob behandelte.
Er pflegte mit ihnen in sichtbarer Herzensfreude zu reden,
als würden sie Gott empfinden, verstehen und von ihm reden,
und oft ward er bei solchem Anlaß in Gott entrückt.“

Aus: Spiegel der Vollkommenheit
in: Franz von Assisi – Geliebte Armut
a.a.O. S. 103

O großer Geist,
dessen Stimme ich in den Winden vernehme
und dessen Atem der ganzen Welt Leben spendet,
höre mich.

Ich trete vor dich hin als eines Deiner vielen Kinder.
Ich bin klein und schwach.
Ich bedarf Deiner Kraft und Weisheit.

Lass mich in Schönheit wandeln
und lass meine Augen immer den roten und purpurnen Sonnenuntergang schauen.
Lass meine Hände die Dinge verehren,
die Du gemacht hast,
und meine Ohren Deine Stimme hören.

Schenke mir Weisheit,
damit ich die Dinge, die Du mein Volk gelehrt hast,
und die Lehre, die Du in jedem Blatt und jedem Felsen verborgen hast,
erkennen möge.

Nicht um meinen Brüdern überlegen zu sein, suche ich Kraft,
sondern um meinen größten Feind bekämpfen zu können – mich selbst.

Mache mich immer bereit,
mit reinen Händen und geradem Blick zu Dir zu kommen,
damit mein Geist,
wenn dereinst mein Leben verblasst wie die untergehende Sonne,
ohne Scham zu Dir kommen möge.


Anrufung der Sioux-Indianer


aus: Die schönsten Gebete der Welt, Hrsg. Christoph Einiger und Charles Waldemar, Cormoran, München 1996, S. 157

 .
 .

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

 .
Aus dem Gedicht „Welkes Blatt“
von Hermann Hesse

Die Augen schließen,
um sehen zu lernen.

Die Ohren schließen,
um hören zu lernen.

Den Mund schließen,
um sprechen zu lernen.

Ich war ein Fetus Gottes,
im Leib eines jungfräulichen Kósmos
des einen Geistes.

Ich bin ein Émbryon der Menschwerdung
in dem, was nach mir kommen mag.

Vater, ich atme.

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