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150054
 
Wenn die Frage nach Gott kein Ende findet, ist sie dann vielleicht sich selbst bereits Antwort?

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Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein (…).
Sein Leben war das eines Menschen.

Philipper 2,6-7

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn.

Gen 1,27

Das „Bild Gottes“ lebt in der Person des Mannes aus Nazareth, den die Christen Jesus Christus nennen. In seinem Geheimnis (Mysterium) der Nähe und Verbundenheit mit Gott („Vater“), das zur gelebten Poesie der Liebe, zur Hinwendung an die Schwächsten, Kleinsten und Ärmsten wird, zu Erbarmen, Gnade und Heil(ig)ung, erkennt der mystisch begabte Mensch auf seine Weise, was Jesus von Nazareth meint, wenn er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6). Dazu braucht es keine komplexe Theologie, die dem Mann aus Nazareth das Attribut unerreichbarer Einzigartigkeit zu verleihen sucht und ihn damit letztlich seiner Menschlichkeit beraubt; einer Menschlichkeit, die stets und immer auch Irrtum, Verfehlung und Schwäche einschließt. Jesus von Nazareth ist Beispiel, nicht Ausnahme.

Wann immer das Licht der Liebe in einer Seele entflammt, wird Gott im Menschen geboren – ist Weihnachten. Wann immer sich Herzen verschwistern, oder sich dem Leid eines Menschen, eines Tieres oder der Schöpfung zuwenden, lebt und lehrt der erlösende Christus, Gott im Menschen. Wann immer wir die Hand gegeneinander oder gegen die Schöpfung erheben, foltern und töten wir die Liebe Gottes in uns, kreuzigen wir unser Christusleben. Wann immer wir verzeihen und uns wieder annehmen in Liebe, wird Christus in uns auferstehen – ist Ostern.

Man könnte in diesen Worten ein bloßes Sprachbild, eine Reduktion des Christentums, und eine schlichte Umbenennung ethischer Grundforderungen sehen. Um die dahinter stehende sprachlose Tiefe des All-Einen zu erblicken, bedarf es mehr als Herz und Verstand. Es bedarf dessen, was man religiös Geist nennt. Spiritualität. Und dieser Geist ist nicht exklusiv, sondern inklusiv. Er schließt niemanden aus, der sich ihm öffnet, und alle ein, die sich ihm nicht öffnen. Das ist Trinität und Kreuzzeichen: Im Namen des All-umfassend-Einen (Vater), des sich in diesem Einen erkennenden Menschen (Sohn), und des (heiligen) Geistes, der den Menschen über sich selbst hinausweist.

Sein Leben war das eines Menschen. Geschaffen zum Bilde Gottes. Nicht umgekehrt. Gott zu reduzieren auf eine (anthropomorphe) Personifikation wäre nichts anderes als eine geist-lose, infantile Glaubensvorstellung; eben jenes Bild, das Gott von sich zu schaffen verbot (Ex 20,1-5). Jesus von Nazareth wollte mit dem „Vater“-Begriff kein solches Bild von Gott schaffen, sondern umgekehrt mit einem Sprach-Bild seine Gottesbeziehung vermitteln; die („väterliche“) Zuneigung Gottes nicht nur (exklusiv) zu sich, sondern zu den Menschen: „Euer Vater“ und „Unser Vater“. Menschen als Söhne und Töchter Gottes. Brüder und Schwestern des Mannes aus Nazareth, der uns einlud, seinem Beispiel zu folgen.

Ich weiß: Immer wieder versage ich, und lebe gegen die Liebe, statt in ihr. Mein Leben ist das eines Menschen. Und dennoch bin ich geschaffen zum Bilde Gottes. Möge es mir ein wenig gelingen, dieses Bild in meiner Person leben zu lassen.

Eine Skizze

 

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass im 21. Jahrhundert es für alle Religionen an der Zeit sein könnte, vorrational-magisches Bewusstsein in rationales und transrationales Bewusstsein zu überführen.

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass sich auch das Christentum und Christ-Sein von aller Magie befreien ließe. Dass Jesus von Nazareth nur ein Mensch war, seine Gottessohnschaft keine physische Personalisierung Gottes und keine Vergottung der physischen Person Jesu bedeutet.

Vielleicht kann man sich an den Gedanken gewöhnen, dass den dunkelhäutigen Mann aus Nazareth mit den kurzen schwarzen Haaren diese Gotteskindschaft nicht separiert. Dass dieser Mann namens Jeschua nach seinem Tod nicht leiblich auferstand und es keine physische Himmelfahrt gab.

Vielleicht könnte man sich daran gewöhnen, dass dieser junge Wanderprediger aus Nazareth eine Lehre (Botschaft) hatte, gelehrt in Worten und Lebensführung. Eine Lehre, die aus religiösen, spirituellen, psychologischen, sozialen und ethischen Elementen besteht. Eine Lehre, die selbstverständlich auch der Kultur ihrer Zeit unterlag, und der Fortentwicklung unterliegen darf (und sollte). Eine Lehre, die uns auch nötigt, selbständig nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht könnte man sich daran gewöhnen, dass dieser Jeschua eben nicht Anbetung seiner Person einforderte, sondern einlud, ihm zu folgen, zu werden wie er: Ein Sohn (oder eine Tochter) Gottes, ein Gesalbter – ein Christ(us), ein Erlöser für sich und andere. Dass er uns eine persönliche und liebende Gottesbeziehung beibringen wollte, die keine Vermittler (Priester) benötigt, und uns nicht (oder nicht nur) auf ein „Jenseits“ ausrichtet, sondern ein Leben im Hier und Jetzt und in Fülle schenken soll.

 

Vielleicht ließe sich denken,
dass Jesus von Nazareth nicht der Kern des Christentums ist,
sondern der Ausgangspunkt.

 

Und dass nach ihm andere wahre Söhne und Töchter Gottes kamen und kommen werden – auch in anderen Religionen und außerhalb der Religionen.

 

Der Kern des Christentums ist nicht Jesus,
sondern Christus.

 

Und (ein) Christus ist (potentiell) jeder Christ. Ein Kind Gottes. Sohn oder Tochter Gottes. Eins mit dem „Vater“.

Jesus Christus. Paulus Christus. Giovanni Battista Bernardone Christus. Theresa Christus. Ali Christus. Otto Christus. Britta Christus.
 

 

„Geist in der zweiten Person ist das große Du …, der leuchtende, lebendige, ewig gebende Gott, dem ich mich in Liebe, Andacht, Opfer und Erlösung hingeben muss. Im Angesicht von GEIST in der zweiten Person, im Angesicht Gottes, der reine Liebe ist, kann ich nur eines tun: Um Gott in diesem Augenblick zu finden, muss ich lieben, bis es schmerzt; lieben bis in alle Ewigkeit; lieben, bis es mich nirgendwo mehr gibt; nur dieses leuchtende, lebendige Du, das allem Glanz verleiht, das Quelle alles Guten ist, allen Wissens, aller Gnade, und mir meine eigene Manifestation, die anderen unweigerlich Leid zufügt, zutiefst verzeiht; die dieser liebende Gott der Du-heit dieses Augenblicks jedoch erlösen kann und auch erlöst, verzeiht, heilt und ganz macht; aber nur, wenn ich mich im innersten Kern meines Wesens hingeben kann, durch Liebe, Anbetung, Anteilnahme und Bewusstheit mein kleines Ich aufgeben kann.“

Ken Wilber, Integrale Spiritualität, Kösel Verlag, München 2007, S.219; zitiert nach Richard Rohr, Pure Präsenz, Claudius Verlag, München 2012, S. 184

 

Eine Religion ist eine Straße zu Gott.

Eine Straße ist kein Haus.

Sri Aurobindo

 

Am Wiesenrain, im Gras, sah ich, grade vor mir, das kleine runde Loch in der Erde, sah, wie, eben noch halb versteckt, ein Ameisenlöwe hervorschoss, eine Ameise schnappte und sie über den feinsandigen Vorhof in seine Höhle schleppte.
»Haben Sie das gesehen?«, fragte ich den Theologen, der neben mir saß.
»Was gesehen?«
»Das da«, ich zeigte hin, »den Ameisenlöwen! Ich kann mir nicht helfen, wenn ich so etwas sehe, fällt mir Gott ein.«
»Gott? Was hat dieses Raubgeziefer mit Gott zu tun?«
»Das weiß ich nicht, aber etwas in mir lässt mich wissen, dass Gott etwas mit ihm zu tun hat.«
»Ach, Ihre komischen Gott-Einfälle! Schon wieder. Es wird chronisch. Kürzlich sind Sie vor einem Gänseblümchen stehen geblieben.«
»Denken Sie, ich stehe immer noch dort.«

 

Aus der Sendung „Vom Jenseits im Diesseits – Eine lange Nacht vom Staunen und Innehalten“ bei Deutschlandradio Kultur. Vielen Dank an Andreas Marschler für den Hinweis auf diese Sendung. Der Text stammt aus der Feder von Fridolin Stier.

Als seinerzeit bei mir die Mystik ausbrach, bin ich nicht zum Arzt gegangen, sondern aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Zu Vieles, was diese Kirche proklamierte, schien mir nicht mit den Erfahrungen übereinzustimmen, die mich da heimsuchten.

Heute sehe ich das etwas anders. Seit einer Weile kehre ich zu meinen religiösen Wurzeln, zum Christentum zurück. Nicht, dass ich nun den Katechismus unter mein Kopfkissen geschoben hätte. Eine verdächtige Freiheit hat sich im Laufe der Jahre breitgemacht, in der auf seltsame Weise so vieles zusammenpasst, in der Altbekanntes auf gleichsam seltsame Art neu gelesen und verstanden werden kann.

Ein Widerspruch zu anderen Religionen hat sich nicht, jedenfalls nicht im Wesentlichen, aufgetan. Ich schrieb hier stets im Geiste von Transkonfessionalität, und schließlich zog es mich sogar in die Postkonfessionalität. Doch irgendwann kam ich mir dabei ein wenig vor wie ein Baum, der seine Wurzeln aus der Erde gezogen hat, um mit ihnen das Laufen zu wagen. Das entspricht vielleicht nicht ganz der Natur eines Baumes, sonst sähe man wohl öfters mal Bäume beim Joggen. Mögen andere laufen und fliegen, jene, die keine Bäume sind, sondern Bären und Mäuschen, Schmetterlinge und Spatzen. Momentan jedenfalls lasse ich meine Wurzeln wieder ihren Weg in die Erde suchen, die meine Äste nährt, und das Wasser aufsaugen, das meinen Blättern Lebendigkeit schenkt. Als so ruhender Baum kann ich zusammen mit anderen Bäumen, wie Bodhi-Bäumen und Ölbäumen, in Gottes schöner Landschaft herumstehen. (Übrigens suchen auch Bären und Mäuschen manchmal den Schatten der Bäume oder grobe Stammrinde zum Rückenscheuern, und Schmetterlinge und Spatzen einen sicheren Platz für eine Flugpause.)

Die Unterschiede der Religionen sind wichtig. Aber längst sind sie für mich nicht mehr trennend (bei aller erlaubter Kritik an einzelnen Punkten in jeder Religion). Neben dem Effekt möglicher gegenseitiger Befruchtung bietet die Vielfalt einfach jedem nach seiner Art etwas an. So, wie jede Wolke anders geformt ist (und jeder eine andere Wolke besonders schön findet), und doch nur eine Wolke ist, die an demselben klaren Himmelsblau vorbeizieht. Und das Christentum ist nun mal die mir gemäße kosmische Wattierung – mit seiner Leidenschaftlichkeit in der Liebe und Freude und Annahme auch des (eigenen) Leids, seiner Geborgenheit in Gott und seinem Sich-Aussetzen im Sich-Einsetzen, mit seinem Aufruf zur Friedfertigkeit und mit seinem „heiligen Zorn“.

In die Kirche bin ich nicht wieder eingetreten. Ich respektiere die vorherrschende Art ihrer Theologie(en), ihres Glaubens und ihrer Glaubensverkündigung; auch, wenn sie für mich selbst nur eine Facette desselben Kristalles ist. (Erfreut stelle ich aber immer wieder auch fest, dass meine Sicht natürlich nicht einzigartig ist, sondern freiheitlich-mystische Auslegungen auch innerhalb der Kirche(n) zunehmen. Mögen sich die unterschiedlichen Perspektiven und Glaubensarten gegenseitig respektieren und wertschätzen.)

Bis hierhin handelt es sich eigentlich nur um eine Einleitung, um zu verdeutlichen, von welchem zeitweiligen Standpunkt ich das folgende aussage: Was Christentum für mich ist und bedeutet.

Schon einmal schrieb ich, wie traditionelle (dualistische) Theologie Bibliotheken beispielsweise zu Fragen der Trinität oder der Theodizee füllt, während der (nicht-dualistische) Mystiker nicht mal das Problem dabei so richtig erkennt. Wer auf der Ebene der Rationalität das Mysterium, das “Geheimnis des Glaubens“ zu ergründen sucht, erklärt entweder alles weg oder hin, bis nichts mehr oder viel zu viel bleibt, oder aber er gleitet ab auf eine prärationale Ebene der Magie. Grob gesagt. Überspitzt gesagt. Es gibt auch viel dazwischen. Und nochmals: All dies erkenne ich respektvoll an, soweit es keinen Schaden anrichtet. Es ist nicht weniger wahr, nur anders wahr. Ich selbst habe fast mein ganzes Erwachsenenleben (bin jetzt 48 Jahre alt) leidenschaftlich theologische Bücher gelesen. Doch seit einigen Jahren verstehe ich sie nicht mehr wirklich, was zwei Gründe haben kann: Entweder ich bin verblödet, oder die Perspektive ist mir zu fremd geworden. Die Entweder-Leser werden hier spätestens das Lesen zustimmend beenden, die Oder-Leser langweilen sich an dieser Stelle bereits. Ich vertraue auf die Sowohl-als-auch-Leser, die intuitiv wissen, dass Verblödung auch ein hässliches Wort für eine hilfreiche Sache sein kann (wobei ich auch eine tatsächliche Verblödung meiner Person nicht ausschließe).

Was Christentum für mich bedeutet, kann keine Bibliotheken füllen. Dessen Kern ist und bleibt wortlos, eine unendlich kleine Singularität mit Urknallpotential. Der Versuch einer Verwortung ist kurz und knapp, verständlich vielleicht nur jenen, die die Perspektive der Mystik gewonnen haben, was selbstverständlich keine Zustimmung abverlangt; man mag mir nach Lust und Laune widersprechen.

Also:

So wie vielleicht Siddhartha Gautama – genannt der Buddha – im Osten, war möglicherweise Jesus – genannt der Christus – der erste „Erleuchtete“ im Westen (der „Erstgeborene“). Diese Formulierung wurde übrigens m.W. erstmalig von Richard Rohr verwendet. Jesus: Ein Mann, der erkannte, dass er eins ist mit Gott: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Und so wie Buddha seine Erfahrung in die Form seines kulturellen und religiösen Kontextes goss, tat dies der junge Mann aus Nazareth ebenso. Und selbst wenn sie nicht die ersten waren (Stellen im AT könnten darauf hinweisen), so waren sie doch wohl die ersten, die dieses neue Bewusstsein ganz lebten und auf bedeutsame Weise so lehrten, dass ungezählte nachfolgenden Generationen sich angesprochen fühlten. Die historischen Personen Siddhartha Gautama und Jesus sind höchst bedeutsam, sie sind Ausgangspunkt, Vorbild, Lehrer, und in gewisser Weise „der Weg“, doch im eigentlichen Zentrum des Buddhismus und des Christentums stehen sie (für mich) nicht. So wie im Zentrum des Buddhismus Buddha steht, steht im Zentrum des Christentums Christus. (Mir ist klar, dass das für viele traditionelle Christen eine höchst ketzerische Aussage ist. Man mag dann nochmal die Einleitung lesen oder sich mit den Entweder-Lesern solidarisch erklären.)

Die Erfahrung „Ich und der Vater sind eins“ haben nach Jesus auch viele christliche Mystikerinnen und Mystiker gemacht. Gott ist Mensch geworden. Nicht nur in Jesus (Paulus hat das vielleicht als erster verstanden). Christus ist kein Name und kein Titel, sondern eine Erkenntnis, eine Erfahrung, ein Bewusstsein, ein Raum, ein Kollektiv, eine Lebensform… Und es bedarf dazu keiner idealisierenden personalen Überhöhungen, die zu einer großen Gefahr werden können. Der junge Mann aus Nazareth hat in seinen ersten 30 Lebensjahren vielleicht ebenso Mist gebaut wie Franz von Assisi in seinen jungen Jahren und wir alle. Wir wissen es nicht (die Historie der kanonischen und apokryphen Schriften wird den meisten Leserinnen und Lesern bekannt sein). Na und? Die lebenslange „absolute Freiheit von der Sünde“ ist ein illusionärer Sockel, auf den wir einen Menschen stellen, um selbst in unserer Schwachheit nicht ganz so klein zu erscheinen. Was verlieren wir denn, wenn wir diesem Kind und späteren jungen Erwachsenen Jesus ganz Menschlichkeit zugestehen? Zu sagen, dass mit Christus Gott ganz Mensch geworden ist, aber nur in Jesus ein Mensch ganz Gott geworden sei, scheint mir – jedenfalls aus mystischer Perspektive – Gott doch arg zu verkürzen. So kleinlich wird Gott nicht sein.

Leben und Lehre des Mannes aus Nazareth machen natürlich das spezifisch Christliche aus: Das Bewusstsein der Einheit mit Gott und die Umsetzung dessen im eigenen Leben und in diesem speziellen kulturell-religiösen Umfeld, das auch unser eigenes kulturell-religiöses Umfeld geprägt und geformt hat. Dazu gehört insbesondere die Lehre von der Liebe (was im Osten seine Entsprechung in der Lehre vom Mitgefühl findet), die auch zu Hilfsbereitschaft (Barmherzigkeit) und Friedfertigkeit führt (vgl. insbes. Bergpredigt, Mt 5-7). Aber auch die Lehre von der Vergebung statt Strafe, Hass und Rache (vgl. Joh 8,1-11), einer Leidenschaftlichkeit und einem Aufbegehren, wie z.B. im „heiligen Zorn“ (vgl. Mt 21,12ff.), die Lehre von einer Gerechtigkeit, die oft wenig mit Messen und Wägen zu tun hat (vgl. Mt 20,1ff.), die Lebensspannung zwischen Ruhe und Unruhe (vgl. EvTh 50, 86, 90), der „aufrechte Gang“ (bis zum Tod), und vieles andere. Nicht zuletzt aber auch: Gott dennoch, also auch im Bewusstein des Eins-Seins mit Gott, als ein „Du“ ansprechen zu können.

Das war noch immer recht lang. Als eine Einkürzung ließe sich also sagen:

Christsein bedeutet für mich

• Zu erkennen, dass Gott in allem ist, und doch erst im Menschen geboren wird (Christus, „Vater und Sohn“; das Paradox wird sich vielleicht nicht in jedem Leser auflösen)
• Der Versuch, ein Leben in und aus diesem Bewusstsein zu führen („Heiliger Geist“)
• Der Lehre des Mannes aus Nazareth zu folgen (Liebe, Barmherzigkeit, Aufrichtigkeit, Friedfertigkeit, …), diese Lehre in die heutige Zeit zu übertragen und sie in die Weitung unserer Zeit zu weiten. (Wobei die Lehre auch als Regelwerk taugt, wenn das Bewusstsein wieder mal eingeschlafen ist, was mir öfters passiert).

„Christliche Lehre“ besteht also aus zwei Teilen, die einander ständig rückversichern:

1. Das (liebende) Verhältnis des Menschen zu Gott (Eins und doch Du“)
2. Das (liebende) Verhältnis des Menschen zum Leben (zum eigenen Leben, zu anderen Menschen, zu anderen Wesen, zur Schöpfung)

Die Rückversicherung beider Teile könnte man als ein drittes Verhältnis beschreiben. Muss man aber nicht, um es mit der Trinität, die hier von mir ja schon arg zerschnitten wird, nicht gleich zu übertreiben.

Klar wird aber: Christentum ist eine Beziehungsreligion. Eine – oder die – Religion der Liebe. Eine Liebe von Gott, zu Gott, aus Gott, in Gott. Und damit eine Liebe zum Leben.

Christsein heißt, an die Menschwerdung Gottes zu glauben (Christus) und die Menschwerdung Gottes versuchen zu leben (Leben und Lehre Jesu, in Christus eingehen – was eine Bewegung ist, ein Weg).

Nein, ich lösche das doch nicht, sondern streiche es. Ein gutes Beispiel des Verstrickens in wortreiche Plattheiten; für das, was nicht geht. Ich brauche nichts zu sagen. Mystische Menschen begreifen das Christsein, wie ich es meine, auch ohne viele Worte: Gott ist Mensch geworden, wird es immer wieder, in dir, in mir. Nun müssen nur noch auch wir Mensch werden.

α

Was fordert diese Generation ein Zeichen?
Amen, das sage ich euch:
Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden.

Und er verließ sie, stieg in das Boot und fuhr ans andere Ufer.

Markus 8,12-13

ω

Das Kreuz leitet sich im Christentum zwar von der Kreuzigung des Nazareners ab, jedoch hat es als Symbol weitergehende Bedeutungen. Zuvorderst ist dabei zu nennen, dass der vertikale Balken die Beziehung und Verbindung zwischen Gott und dem Menschen symbolisiert, während der horizontale Balken für die Beziehung und Verbindung zwischen den Menschen, bzw. zwischen dem Menschen und der Schöpfung steht.

k2Viele Menschen leben – um mit dieser Symbolik weiterzusprechen – nur den horizontalen Balken. Sie haben keine Beziehung zu Gott, spüren keine Verbindung mit dem Göttlichen. Es bedarf auch keiner Beziehung zu Gott, keines Glaubens und keiner Religion, um aus der Verbindung mit anderen und Anderem Gutes zu tun.

k0Wieder andere pflegen eine intensive Beziehung zu Gott, ohne sich groß um eine Beziehung zu anderen und Anderem zu kümmern. Sie leben vorwiegend den vertikalen Balken. Das mag unterschiedliche Gründe haben, und es dürfte sich empfehlen, hierüber nicht vorschnell zu urteilen.

k4Dann gibt es Menschen, die sowohl eine Beziehung zu Gott haben, als auch eine (weitergehende) Beziehung zu Mitmensch und Umwelt. Es kommt aber vor, vielleicht gar nicht so selten, dass diese beiden Beziehungen nicht wirklich miteinander verbunden sind; selbst dann, wenn man gedanklich vermeint, das eine nähre das andere.

k3Für vielleicht die meisten gottesgläubigen Menschen gehören beide Beziehungen zusammen. Erst die Verbindung zwischen der Beziehung zu Gott und der Beziehung zur Schöpfung macht das ganze Kreuz, das ganze Symbol, das ganzheitliche religiöse Leben aus. Der vertikale Balken trägt den horizontalen Balken.

k5Für den Mystiker ist genau der Schnittpunkt der beiden Balken das eigentlich Maßgebliche, der zentrale Punkt, die Kreuzesmitte, wo sich Gott und Schöpfung tatsächlich vereinen. Diesen Punkt will er erreichen, in diesem Punkt will er verweilen, von diesem Punkt aus will er leben.

Doch auch Mystiker sind Menschen (und Kinder ihrer Zeit und Kultur). Sie fallen allzu leicht wieder aus der Kreuzesmitte heraus, um sich mal mehr, mal weniger auf dem einen oder anderen Balken zu bewegen, oder auch immer wieder mal ganz abzurutschen und abzufallen, so wie alle anderen Menschen auch, die versuchen, „dem Kreuz zu folgen“, sei es nun explizit im Christentum, oder (mit anderer Symbolik) in einer anderen Religion oder Spiritualität. Viele christliche Mystiker der vergangenen zweitausend Jahre haben ihre Schattenseiten, was allzu oft und allzu gerne übersehen wird. Von Augustinus (354-430) mit seiner Erbsündenlehre über Bernhard von Clairvaux (1090-1153) mit seinen Kreuzzugsaufrufen bis zu Dorothy Day (1897-1980) mit ihrem grenzenlosen inneren Leiden.

Die Mystik bietet nicht nur das Erleben kosmischer Einheit, die „Schau der Schönheit Gottes“, ein leichtes Leben in Licht, Glück, Einklang und Liebe. Die Mystik, ja aufgrund ihrer Intensität gerade die Mystik, hat ein hohes Potential für Verblendung und Leiden. Wer allzu lange in helles Licht blickt, kann nicht mehr richtig sehen. Wer im Feuer steht, verbrennt.

Auf vielen mystischen Wegen ist der Mensch bestrebt, seine Liebesfähigkeiten und sein Mitgefühl immer weiter zu verfeinern. Und auch ohne dieses Bestreben scheint es so zu sein, dass die mystische Erfahrung von ganz alleine ein höheres Maß an Liebe hervorbringt, wenn das auch nicht immer so sein mag, und nicht für immer andauern mag. Das wird gerne ausschließlich positiv geträumt. Die Welt ist voll von hübscher Poesie über Liebe und Mitgefühl. Viele Mystiker wissen aber, dass die Öffnung zu Liebe und Mitgefühl auch in höchstem Maße schmerzhaft sein kann.

Das beginnt schon damit, dass der Mystiker eben ganz Mensch ist, also genauso Fehler begeht wie jeder andere auch (das gilt übrigens auch für „Heilige“). Und weil er sieht, was er damit anrichtet, leidet er; oft vielleicht mehr als andere, weil er ja eigentlich „liebend von sich lassen“ will (was nicht Selbstverleugnung meint). Ein offenes Herz blutet eben leichter, weil es ungeschützt ist.

Und dann gibt es die Situationen – z.B. in einem Konflikt -, wo ein Mensch auf dem Weg der Mystik zwar bemerkt, dass seine Liebe tatsächlich nicht an Bedingungen geknüpft ist, er also eine erste Stufe bedingungsloser Liebe tatsächlich erreicht hat, er aber gleichzeitig sein (menschliches) Bedürfnis wahrnimmt, selbst auch seiner Liebe entsprechend behandelt zu werden. Dies ist ein besonders heikler Schritt auf dem Weg. Denn erfährt er diese Behandlung einmal nicht, und hat seine „Werkzeuge“ damit umzugehen noch nicht weit genug entwickelt, fühlt er seine Liebe zutiefst verletzt – auch wenn die Unverletztheit eben keine Bedingung für seine Liebe ist*. Die Wucht dieses Schmerzes kann dazu führen, dass der Wunsch aufkeimt, den Weg umgehend zu verlassen, um den Schmerz los zu werden und nicht wieder zu erfahren. (Aber vermutlich kann ein Mystiker seinen Weg gar nicht mehr verlassen.)

Schließlich gibt es das Leiden im Mit-leiden. Der horizontale Balken des Kreuzes wird nicht abgeworfen. Der Blick auf das Leid außerhalb unserer selbst, ob nebenan oder am anderen Ende der Welt, in Krieg, Armut und Hunger, in sozialen Missständen und Ställen, zieht das Leiden in uns, je mehr, desto mehr wir zu lieben fähig sind. Und gerade in der Kreuzesmitte lieben wir nicht nur Gott und uns selbst, sondern auch jene, die links und rechts von uns sind. In diesem Punkt, der im Menschen selbst – und nur dort – zu finden ist, ist alles vereint, auch das Leid der Schöpfung mit mir.

Der Schmerz der Liebe ist möglicherweise der schwerste Kampf eines Menschen auf dem Weg der (insbesondere christlichen) Mystik mit sich selbst. Der Tanz in der Kreuzesmitte ist zu einem schwindeligem Taumeln geworden. Liebe ist ein gefährliches Wagnis.

Natürlich geht es vielen Menschen, die nicht den Weg der Mystik gehen, genauso. Aber möglicherweise nehmen mystische Menschen zum einen den Schmerz anders, und vielleicht heftiger wahr, und zum anderen kommen sie nicht so leicht da wieder heraus. Beides weil sie ihr Herz bewusst geöffnet haben, und bewusst auch im Schmerz offen halten. Für die Wunden der Liebe gibt es in der Mystik kein Pflaster.

Man mag sich auf seinem spirituellen Weg fragen, ob man unverwundbar werden will (wie es auf seine Weise der Buddhismus anbietet), oder ob man lernen kann, den Schmerz auszuhalten oder gar zu umfangen (wie es oft im Christentum angeboten wird), oder ob man in den Rückzug vor der Welt flieht (was es in fast allen Religionen gibt), oder ob die Wunden der Liebe sich auch durch Liebe heilen lassen. Der Verfasser dieser Zeilen empfiehlt nichts, verwirft nichts, weiß nichts. Er hat nur ergebnislos etwas nachgedacht.

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*Selbst der Nazarener hat am Kreuz gerufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (z.B. Markus 15,34)

Zweifelsohne ist der „Hintergrund“ mystischer Erfahrung in allen Religionen und spirituellen Kontexten nicht verschieden, sondern der oder das Eine. Dennoch unterscheiden sich die mystischen Wege, Motivationen und Ziele der Kulturen – wenn auch manchmal nur subtil.

Was nun die christliche Mystik (oder ein mystisches Christsein) in der heutigen und künftigen Zeit anbelangt, könnte man auf die Idee kommen, dass es gar nicht die außerordentlichen „großen“ mystischen Erfahrungen sind, die den Kern christlicher Mystik ausmachen, sondern eine Lebenshaltung und Lebensführung in und aus einer christlich-mystischen Perspektive. Es bedarf vermutlich gar nicht der „großen“ mystischen Erfahrungen, um die umkehrende, transformierende Blickweise eines Mystikers zu gewinnen. Die auch „unterhalb“ der außerordentlichen mystischen Erfahrungen grundsätzlich jedem mögliche subtile Wahrnehmung der Einheit hinter allem – z.B. in der Erfahrung der Liebe – genügt vermutlich, um als ein mystischer Christ zu erkennen, dass

Christus der auf transpersonaler Ebene mit allen Menschen, allen Wesen und der gesamten Schöpfung in Gott vereinte Mensch

ist. Menschensohn und Gottessohn. Ein Christus, der lebendig ist, wenn er gelebt wird. Hier und jetzt, im kontemplativen Gebet der Stille wie im lärmenden Alltag, in aller Lebensfreude in Fülle und im umfangenen Schmerz, in Stärke und Schwäche, durch Jede und Jeden, der sich auf diese Weise Geist, Verstand und Herz öffnend auf den Weg einer Nachfolge begibt.

Vielleicht ist für die meisten Menschen der Wunsch nach einer außerordentlichen mystischen Erfahrung sogar eher hinderlich, um bereits jetzt dem eigenen Selbst und damit der echten Gemeinschaft mit allen Wesen und der Schöpfung nahe zu kommen. Weil der Wunsch etwas Künftiges und Einmaliges betrifft, eine Haltung des Wartens und Erwartens begründet, obwohl doch die Einheit mit Gott und seiner Schöpfung bereits gegenwärtig und all-gegenwärtig ist, nur wahrgenommen zu werden braucht, mit den Mitteln, die wir bereits haben.

Kann also sein, dass ein Spezifikum christlicher Mystik (oder eines mystischen Christseins) in der heutigen und künftigen Zeit darin liegt oder liegen wird, dass das Feld der Mystik nicht mehr allein den Mystikern überlassen wird. Oder anders: Dass das lebensprägende Bewusstsein der Mystik nicht mehr von außerordentlichen Erfahrungen geprägt wird, sondern von einer Änderung der Blickrichtung (Metanoia).

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„Der Mensch lebt die Transzendenz in der Immanenz,
das Essentielle im Phänomenalen.“
[1]

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In diesem Blog gibt es eine Kategorie, welche mit „Das apersonale DU“ überschrieben ist. Diese drei Worte bilden eine scheinbar in sich widersprüchliche Aussage, an welcher ich, bei allem Verständnis für die gelegentlich mir gegenüber geäußerte Kritik daran, stets festhielt und noch immer festhalte.

In einem ersten diese Kategorie berührenden Artikel schrieb ich vor drei Jahren:
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„Dem so (…) Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem. Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem “unpersönlichen Absoluten” auch dem persönlichen (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.“

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Nun las ich in einem Buch des Benediktinerpaters und Zen-Meisters Willigis Jäger etwas dazu, was auf seine Art eine analoge Aussage beschreibt:
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„Wenn die Erfahrung [der Mystik des Eins-Seins mit Gott, Anm. d. Verf.] ins Tagesbewusstsein tritt, wird Gott „Gegenüber“. Gott als Person, Dreifaltigkeit sind theologische Ausdeutungen des Nachher, genauso auch die Formen der Verehrung. Das Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch entfaltet sich. Es wird zu Klage und Freude, Trauer und Zuversicht, Liebe und Hingabe, weil wir Menschen sind. Und weil der Mensch mit Verstand, Gefühl, Körper und Sinnen begabt ist und dichten und komponieren kann, wird dieses Zwiegespräch zu Lied und Gedicht, wird zu Zeremonie und Liturgie. Und findet man sich dazu mit anderen zusammen, wird aus all dem Gemeinde und Tempel. Auch „Kirche“ versteht sich ja viel mehr als „Zeichen“ auf etwas hin, als sie hier und jetzt sichtbar machen kann. All das ist Konsequenz aus der Einheitserfahrung mit Gott. Es darf sich davon nicht entfernen. Es soll vielmehr die Einheit verkünden und in Symbol und Zeichen darstellen. Wo das nicht mehr geschieht, wo Form und Ritus zur Magie werden, wird Religion zum Hindernis. Auch christliche Mystik kennt selbstverständlich das Göttliche als Gegenüber und zeigt daher immer auch theistische Züge. Wer sich verneigt, eine Kerze anzündet und Weihrauch ansteckt, auch wenn er es nur als Ausdruck des Göttlichen in sich selbst tut, verkündet die Einheit in der Doppelseitigkeit seiner menschlichen Existenz.

[…]

Der Mensch kann in Bezug auf das Göttliche zwei Wahrnehmungsweisen haben, wenn ihm nur klar ist, dass sich dies aus seiner Geschöpflichkeit ergibt, dass diese zwei Wahrnehmungsweisen in Wirklichkeit eins sind und in der Mystik auch als eins erfahren werden.“ [2]

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[1] und [2]: Willigis Jäger, Kontemplation, Gott begegnen – heute, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001, S. 94 f.

Als in uralten Tagen das erste Beben der Sprache meine Lippen erreichte, stieg ich den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Herr ich bin Dein Sklave. Dein verborgener Wille ist mein Gesetz, und ich will Dir ewig gehorchen.“
Aber Gott antwortete nicht und zog wie ein mächtiger Sturm vorüber.

Foto: Stefan Kraus 2010

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Schöpfer, ich bin Deine Schöpfung. Aus Lehm hast Du mich geschaffen, und Dir verdanke ich alles, was ich bin.“
Aber Gott antwortete nicht, sondern zog vorüber wie tausend rasende Schwingen.

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Vater, ich bin Dein Sohn. Aus Erbarmen und Liebe hast Du mir das Leben geschenkt,
und durch Liebe und Ehrfurcht werde ich Dein Königreich erben.“
Aber Gott antwortete nicht und zog wie der Nebel vorüber, der die fernen Hügel verhüllt.

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Mein Gott, mein Ziel und meine Erfüllung. Ich bin Dein Gestern, und Du bist mein Morgen. Ich bin Deine Wurzel im Erdreich, und Du bist meine Blüte im Himmel, und gemeinsam wachsen wir dem Antlitz der Sonne entgegen.“
Daraufhin neigte sich Gott zu mir herab und flüsterte süße Worte in mein Ohr, und wie das Meer einen Bach, der zu ihm herabfließt, umfängt, so umfing er auch mich.
Und als ich in die Täler und Ebenen hinabstieg, war Gott auch dort.

aus: Khalil Gibran, Der Narr, Gott; Anaconda Verlag, Köln 2010, S. 109 f

Vielleicht erreiche ich Gott nie wirklich, und Gott nie wirklich mich , weil ich nicht bereit bin, mir einzugestehen, dass alle meine Motive, in denen ich Gottes Wirken zu vernehmen meine, meine Motive Gutes zu tun, meine Motive zu beten, meine Motive zu meditieren, meine Motive zu vezeihen, meine Motive zu lieben, ja, dass alle meine heiligen Motive nichts als eine einzige große Lüge sind. Vielleicht muss ich erst erkennen, dass der wahre Antrieb hinter meinen Motiven eben nicht mit meinen Motiven übereinstimmt. Vielleicht muss ich erst zutiefst erschrecken, daran scheitern, ja regelrecht zerbrechen an dem Anblick des von meinen Motiven entkleideten, nackten Antriebes, der letztlich nur ich selbst bin, mein Lebens- und Überlebenswille, und der mir selbst und meinem Dasein zumindest einen kleinen Rest an Wert beimessen und um jeden Preis erhalten will, der aber doch kein Wert ist, sondern nur ein Bild eines Wertes, geformt in den Augen anderer und so meiner selbst. Vielleicht muss ich diesen letzten „Wert“, den ich mir selbst beimessen zu dürfen glaubte, fallen lassen, bis ich wirklich am tiefsten Grunde meiner Seele erschütternd arm bin, arm vor Gott, und arm an Gott, Gott verlassend und gottverlassen.

Vielleicht muss ich erst einmal fallen, diesmal ohne Netz, und bodenlos, damit Gott, so er will, mich auffangen und halten kann.

Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter meinem Dach. Kein „aber“. Tu, was du willst.

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