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Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein (…).
Sein Leben war das eines Menschen.

Philipper 2,6-7

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,
zum Bilde Gottes schuf er ihn.

Gen 1,27

Das „Bild Gottes“ lebt in der Person des Mannes aus Nazareth, den die Christen Jesus Christus nennen. In seinem Geheimnis (Mysterium) der Nähe und Verbundenheit mit Gott („Vater“), das zur gelebten Poesie der Liebe, zur Hinwendung an die Schwächsten, Kleinsten und Ärmsten wird, zu Erbarmen, Gnade und Heil(ig)ung, erkennt der mystisch begabte Mensch auf seine Weise, was Jesus von Nazareth meint, wenn er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6). Dazu braucht es keine komplexe Theologie, die dem Mann aus Nazareth das Attribut unerreichbarer Einzigartigkeit zu verleihen sucht und ihn damit letztlich seiner Menschlichkeit beraubt; einer Menschlichkeit, die stets und immer auch Irrtum, Verfehlung und Schwäche einschließt. Jesus von Nazareth ist Beispiel, nicht Ausnahme.

Wann immer das Licht der Liebe in einer Seele entflammt, wird Gott im Menschen geboren – ist Weihnachten. Wann immer sich Herzen verschwistern, oder sich dem Leid eines Menschen, eines Tieres oder der Schöpfung zuwenden, lebt und lehrt der erlösende Christus, Gott im Menschen. Wann immer wir die Hand gegeneinander oder gegen die Schöpfung erheben, foltern und töten wir die Liebe Gottes in uns, kreuzigen wir unser Christusleben. Wann immer wir verzeihen und uns wieder annehmen in Liebe, wird Christus in uns auferstehen – ist Ostern.

Man könnte in diesen Worten ein bloßes Sprachbild, eine Reduktion des Christentums, und eine schlichte Umbenennung ethischer Grundforderungen sehen. Um die dahinter stehende sprachlose Tiefe des All-Einen zu erblicken, bedarf es mehr als Herz und Verstand. Es bedarf dessen, was man religiös Geist nennt. Spiritualität. Und dieser Geist ist nicht exklusiv, sondern inklusiv. Er schließt niemanden aus, der sich ihm öffnet, und alle ein, die sich ihm nicht öffnen. Das ist Trinität und Kreuzzeichen: Im Namen des All-umfassend-Einen (Vater), des sich in diesem Einen erkennenden Menschen (Sohn), und des (heiligen) Geistes, der den Menschen über sich selbst hinausweist.

Sein Leben war das eines Menschen. Geschaffen zum Bilde Gottes. Nicht umgekehrt. Gott zu reduzieren auf eine (anthropomorphe) Personifikation wäre nichts anderes als eine geist-lose, infantile Glaubensvorstellung; eben jenes Bild, das Gott von sich zu schaffen verbot (Ex 20,1-5). Jesus von Nazareth wollte mit dem „Vater“-Begriff kein solches Bild von Gott schaffen, sondern umgekehrt mit einem Sprach-Bild seine Gottesbeziehung vermitteln; die („väterliche“) Zuneigung Gottes nicht nur (exklusiv) zu sich, sondern zu den Menschen: „Euer Vater“ und „Unser Vater“. Menschen als Söhne und Töchter Gottes. Brüder und Schwestern des Mannes aus Nazareth, der uns einlud, seinem Beispiel zu folgen.

Ich weiß: Immer wieder versage ich, und lebe gegen die Liebe, statt in ihr. Mein Leben ist das eines Menschen. Und dennoch bin ich geschaffen zum Bilde Gottes. Möge es mir ein wenig gelingen, dieses Bild in meiner Person leben zu lassen.

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„Das Nichtvorhandensein einer Advaita-Erfahrung (Sanskrit: advaita = Nicht-Dualität) – obwohl sie der Schlüssel für eine philosophische Anschauung der Trinität ist – hat dazu geführt, dass das Christentum sich von einem panischen Schrecken vor dem so genannten Pantheismus erfassen ließ. Wer den Monismus meiden will, gerät in die Gefahr des Dualismus: Gott und die Welt trennen sich radikal, wodurch der transzendente Gott immer überflüssiger wird, da er sich in einen Himmel zurückgezogen hat, der nicht mehr der astronomische ist, sondern ein Konzept. Der Schöpfer ruhte nicht nur am siebenten Tag, sondern zog sich, wie es den Anschein hat, in sein Reich zurück und ließ von der Schöpfung ab, da er ja einen evolutionistischen Superautomatismus angeregt hatte.

Der Mensch ist Gemeinschaftswesen; aber die menschliche Gemeinschaft ist auch kosmisch. Der Mensch ist integrierter und sogar konstituierender Bestandteil des Kosmos. Die Natur ist einer der Orte, wo der normale Mensch mit dem göttlichen Mysterium tiefer in Berührung kommen kann. Unser Kontakt mit der Natur ist nicht vorrangig begrifflich, sondern lebensnah, was die Anteilnahme unseres Intellekts an der Erfahrung der Natur nicht ausschließt.

Die Welt ist der Leib Gottes, nicht in cartesianischer Trennung, sondern in positiver Symbiose, wo die Differenzen nicht beseitigt werden, aber die Trennung überwunden wird.

Die „Schöpfung“ ist nicht vom „Schöpfer“ getrennt. Wenn der Schöpfer für einen Augenblick von der Schöpfung abließe, würde die Schöpfung ins Nichts zurücksinken, wo sie hergekommen ist. Im Rahmen der Kausalität kann der Intellekt sich bis auf Gott zurückführen, aber der Mensch ist nicht reiner Intellekt, und seine Verbindung mit Gott ist unmittelbar und bedarf nicht der Vermittlung des Verstandes – obgleich dieser den rationalen Weg bahnen kann.“

Raimon Panikkar

Quelle: Visionen, „Die Einheit von Gott, Mensch und Welt“

 
Wann gelingt es uns, damit aufzuhören, Gott nach unserem Bilde zu erschaffen, und zuzulassen, dass Gott uns nach seinem Bilde erschafft (Gen 1,27)?

Wann gelingt es uns, Gott nicht länger als ein Ding, als ein Etwas anzusehen, und damit zu beginnen, Gott als das in der „Schöpfung“ prozesshafte, von einer gesonderten Eigenexistenz leere Sein, Gott wesentlich als Beziehung, zu erkennen, deren Wirkkraft und Verdichtung menschliche Begriffe Liebe nennen?
 
 

„Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung.“
Römer 11,36

 

 

„Wie finden Sie das? Ist das verrückt? Sind die Mystiker und Weisen Verrückte? Weil sie immer nur Varianten derselben Geschichte erzählen, nicht wahr? Der Geschichte, daß man eines Morgens aufwacht und entdeckt, daß man eins ist mit dem Allganzen, und zwar in einer zeitlosen, ewigen und unendlichen Weise?

Ja, vielleicht sind sie verrückt, diese göttlichen Narren. Vielleicht sind sie raunende Idioten im Angesicht des Abgrunds. Vielleicht brauchen sie einen netten, verständnisvollen Therapeuten. Ja, das würde ihnen bestimmt guttun.

Aber dann, frage ich mich. Vielleicht verläuft die Evolution ja wirklich von der Materie über den Körper, den Geist und die Seele zum GEIST auf jeweils einander transzendierenden und einschließenden Stufen, die jeweils mehr Tiefe, ein größeres Bewußtsein und eine größere Umfassendheit mit sich bringen. Und vielleicht, es könnte doch sein, rührt in den höchsten Regionen der Evolution das Bewußtsein eines Menschen tatsächlich an das Unendliche, in einem vollkommenen Umschließen des ganzen Kósmos, in einem kosmischen Bewußtsein, das das Erwachen des GEISTES zu seiner eigenen wahren Natur ist.

Dies ist zumindest plausibel. Und sagen Sie mir: Ist dieses Lied, das Mystiker und Weise in der ganzen Welt singen, verrückter als das Lied des wissenschaftlichen Materialismus, demzufolge der ganze Weltengang frei nach Shakespeares Hamlet eine Geschichte ist, »die ein Wahnsinniger erzählt, voller Schall und Rauch, die nicht das geringste bedeutet«? Hören Sie doch einmal genau hin: Welches dieser beiden Lieder klingt denn nun wirklich total verrückt?

Ich will Ihnen sagen, was ich glaube. Für mich sind die Weisen die wachsende Spitze des geheimen Impulses der Evolution. Für mich sind sie die Speerspitze des Drangs zur Selbsttranszendenz, die immer über dasjenige hinausgeht, was vorher war. Ich glaube, daß sie nichts anderes als den Drang des Kósmos zu mehr Tiefe und einer Erweiterung des Bewußtseins verkörpern. Ich glaube, daß sie auf einem Lichtsstrahl sitzen, der der Begegnung mit Gott entgegeneilt.

Ich glaube, daß sie auf dieselbe Tiefe in Ihnen, in mir und in uns allen verweisen. Ich glaube, daß sie in Verbindung mit dem Weltall stehen, daß der Kósmos durch ihre Stimme singt, der GEIST aus ihren Augen leuchtet. Ich glaube, daß sie uns das Antlitz des Morgen enthüllen, daß sie uns die Augen für das Innerste unseres eigenen Schicksals öffnen, das sich schon jetzt in der Zeitlosigkeit des gegenwärtigen Augenblicks vollzieht, und in dieser aufregenden Erkenntnis wird die Stimme des Weisen zu deiner Stimme, das Auge des Weisen zu deinem Auge; du redest mit Engelszungen und bist vom Feuer der Erkenntnis entzündet, die niemals anfängt und niemals aufhört. Du erkennst dein eigenes wahres Antlitz im Spiegel des Kósmos selbst: Deine Identität ist wahrhaftig das Weltall, und du bist nicht mehr Teil dieses Stroms, du bist dieser Strom in einem Weltall, das sich nicht um dich, sondern in dir entfaltet. Die Sterne leuchten nicht mehr irgendwo dort draußen, sondern hier im Inneren. Supernovae flammen in deinem Herzen auf, und die Sonne scheint in deinem Gewahrsein. Weil du alles transzendierst, schließt du alles in dir ein. Es gibt hier kein endgültiges Ganzes mehr, nur einen endlosen Prozeß, und du bist die Öffnung, die Lichtung oder die reine Leerheit, in der sich der ganze Prozeß entfaltet – endlos, wunderbar, unaufhörlich, leicht.

Das ganze Spiel ist ausgelöscht, dieser Alptraum der Evolution, und du bist genau da, wo du vor Beginn dieser ganzen Show warst. Im Schock der plötzlichen Erkenntnis des ganz Offensichtlichen siehst du dein eigenes ursprüngliches Antlitz, das Antlitz, das du vor dem Urknall hattest, das Antlitz der äußersten Leerheit, die als die ganze Schöpfung lächelt und als der ganze Kósmos singt – und all dies ist in diesem Urerkennen ausgelöscht, und es bleibt nichts zurück als das Lächeln und die Spiegelung des Mondes auf einem stillen Teich, tief in einer kristallklaren Nacht.“

Ken Wilber, Eine kurze Geschichte des Kosmos, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997/2011, S. 68 f.

***

Bei aller Kritik, die man vielleicht in einzelnen Punkten an Ken Wilbers Denken und Werk vorbringen mag, scheint mir seine Integrale Theorie die plausibelste und brauchbarste philosophische „Theorie von Allem“ der heutigen Zeit zu sein. Jedem, der „an allem“ interessiert ist, an Naturwissenschaft wie an Geisteswissenschaft, an Kunst, Philosophie, Religion und Philosophie, an der Entwicklung und Evolution seiner eigenen Person, seines eigenen Lebens, der Welt und seiner Bewohner, und schließlich an der Suche nach dem Einigenden all dessen, empfehle ich ohne Einschränkung, sein wichtigstes Werk »Eros, Kósmos, Logos« zu lesen, und alternativ – oder am besten zusätzlich – die leicht verständliche Zusammenfassung »Eine kurze Geschichte des Kosmos«.

Am Wiesenrain, im Gras, sah ich, grade vor mir, das kleine runde Loch in der Erde, sah, wie, eben noch halb versteckt, ein Ameisenlöwe hervorschoss, eine Ameise schnappte und sie über den feinsandigen Vorhof in seine Höhle schleppte.
»Haben Sie das gesehen?«, fragte ich den Theologen, der neben mir saß.
»Was gesehen?«
»Das da«, ich zeigte hin, »den Ameisenlöwen! Ich kann mir nicht helfen, wenn ich so etwas sehe, fällt mir Gott ein.«
»Gott? Was hat dieses Raubgeziefer mit Gott zu tun?«
»Das weiß ich nicht, aber etwas in mir lässt mich wissen, dass Gott etwas mit ihm zu tun hat.«
»Ach, Ihre komischen Gott-Einfälle! Schon wieder. Es wird chronisch. Kürzlich sind Sie vor einem Gänseblümchen stehen geblieben.«
»Denken Sie, ich stehe immer noch dort.«

 

Aus der Sendung „Vom Jenseits im Diesseits – Eine lange Nacht vom Staunen und Innehalten“ bei Deutschlandradio Kultur. Vielen Dank an Andreas Marschler für den Hinweis auf diese Sendung. Der Text stammt aus der Feder von Fridolin Stier.

„Du kannst nicht die ganze Welt retten!“

Wir alle wissen, oder könnten und sollten wissen, wo all das Elend in der Welt herkommt. Ob es nun Hunger und Armut sind, Kriege und Umweltzerstörung, ob es um Kindersklaven und Ausbeutung für unsere modische und billige Kleidung geht oder um das grauenhafte Leiden der Tiere für unseren Lebensstil. Und eigentlich wissen wir, oder könnten und sollten es wissen, dass wir alle dafür die Verantwortung tragen. Dazu bedarf es keiner intellektuellen Höchstleistungen.

Warum also ändert sich nichts?

Es ist nicht so, dass die vielen Einzelnen, also wir, schlechte, „böse“ Menschen sind (aber auch das gibt es natürlich). Viele von uns sind sogar ausgesprochen liebevoll und sozial eingestellt. Allerdings betrifft das zuallermeist nur das nähere Umfeld, Verwandte, Bekannte, Freunde; den Bereich, der uns unmittelbare Rückmeldungen auf unser Denken, Reden und Handeln gibt. Der „abstrakte“ Bereich des Leids am anderen Ende der Welt, oder auch an den Orten unserer Nähe, die unserem Blick in der Regel verschlossen bleiben, berührt uns nur selten, und meist folgenlos.

Das menschliche Ego, um es vereinfacht auf diese Formel zu bringen, lenkt den Blick weg von allem, was uns in Unruhe versetzt, was von uns (unbequeme) Veränderung verlangt. Wir sind träge wie eine Bowlingkugel. Und wenn wir doch mal hinsehen, dann finden wir unsere Rechtfertigung in dem, was uns gemeinsam ist – im Durchschnitt der Menschen, der Gesellschaft, des Staates, der Religion, usw.  Und wir rufen danach, dass endlich etwas passieren muss, dass die Menschen, die Gesellschaft, der Staat, die Religion endlich etwas tun müssen, vor allem „die da oben“. Nur nicht wir selbst.  Das ist das, was man unter dem Begriff des „Strukturell Schlechten“ versteht. Wir erkennen nicht, wollen nicht erkennen (selbst wenn der Verstand es eigentlich begreift), dass die Menschheit, die Gesellschaft, der Staat, die Religion aus Einzelnen besteht, also auch aus mir. Und damit erkennen wir nicht, wollen wir nicht erkennen, dass wir selbst es sind, die das „strukturell Schlechte“ (mit) erschaffen und (mit) erhalten. Wir wollen die Unruhe der eigenen Verantwortung abgeben, geborgen sein im Strom der Masse, und unser Ego sorgt dafür, dass wir nicht wirklich bewusst wahrnehmen, was dieser Strom vernichtend mit sich reißt.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,
das habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40)

„Die Menschen sind so“ hört man dann oft. Nein. Die menschliche Psyche ist nur so, weil wir es zulassen, dass sie so ist. Nochmal: Es bedarf keiner intellektuellen Höchstleistungen, um zu verstehen, dass jeder Einzelne von uns verantwortlich ist. Das „strukturell Schlechte“ lässt sich langfristig und dauerhaft nur durch Veränderung des Einzelnen beseitigen (wenn auch vermutlich nie vollständig).

Veränderung des Einzelnen – im spirituellen Sprachgebrauch spricht man meist von Transformation, in manchen christlichen Perspektiven von Bekehrung, Umkehr, Metanoia. Das ist das, was eine erwachsene, reife Spiritualität und/oder Religion anstrebt. Es geht nicht (nur) darum, selbst Frieden und Ruhe zu finden, oder „den Lohn im Paradies“ zu erhalten. Wer auf dieser Stufe stehen geblieben ist, die allein das zum Endzweck hat, ist über die religiöse Früherziehung nicht hinaus gekommen. Er lässt sich ködern mit Belohnungen. Korruption nennt man das im Staatswesen. Das ist religiöse Prostitution.

Eine reife Spiritualität, sei sie nun religiös oder areligiös, weist über uns selbst hinaus, weckt kognitive Dissonanzen in uns, versetzt uns in Unruhe, rüttelt uns wach – erweckt uns. Und sie gibt gleichzeitig die Richtung der Lösung solcher Dissonanzen vor.

Der Mann aus Nazareth, um ihn nur beispielhaft zu nennen, wollte genau das erreichen. Ihm ging es nicht darum, uns zu lehren, wie wir göttlich werden, denn das sind wir bereits („ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist“ – Eph 4,6), sondern wie wir wahrhaft menschlich werden.

„Und er forderte den Gelähmten auf:
Steh auf, nimm deine Trage und geh!“ (Lk 5,24)

Doch, ich kann, du kannst die ganze Welt retten. Wenn es mir oder dir dabei darum ginge, es selbst auch zu erleben, dann schreit nur wieder mein oder dein Ego nach Ruhe. Unsere Motivation wäre genau so kurzsichtig, eng und kleinkariert wie im Gedanken, wir könnten nichts verändern. Nein, ich werde, du wirst es nicht mehr selbst erleben. Es kann tausende von Jahren dauern, oder noch länger. Wir müssen lernen, weit, tief und groß zu denken. Über uns selbst hinaus – transzendent. Schau nur, wie langsam sich das Bewusstsein durchsetzt, dass Sklaverei, Rassismus, Sexismus und Speziesismus grausames Unrecht sind. Aber es waren immer nur Einzelne, die aufstanden und sich auflehnten – gegen den trägen Strom, und es noch immer müssen, weil es noch lange nicht auf der ganzen Welt selbstverständlich ist. Doch in vielen Punkten hat eine Veränderung begonnen. Menschenwürde, Freiheit, Gleichbehandlung und Tierschutz sind mittlerweile in unserer Verfassung verankert – auch wenn vieles davon in den Köpfen Vieler noch nicht angekommen ist, nicht mal bei denen, die in unserem Auftrag und stellvertretend für uns dies in die Verfassung einschrieben und darauf aufbauend die Gesetze machen. Die positiven Veränderungen: Wir verdanken sie denen, die vor uns über ihren eigenen Schatten gesprungen sind, und schulden sie jenen, die nach uns kommen.

Veränderung des Ganzen durch Veränderung meiner und deiner selbst ist schwer. Vor allem für mich und dich. Es bedarf dazu auch einer gewissen Bereitschaft zu leiden. Denn das wird geschehen. Aber sag nicht, der Einzelne könne nichts bewirken. Sag das nie wieder. Genau du bist es, der die Welt retten wird.

Das Kreuz leitet sich im Christentum zwar von der Kreuzigung des Nazareners ab, jedoch hat es als Symbol weitergehende Bedeutungen. Zuvorderst ist dabei zu nennen, dass der vertikale Balken die Beziehung und Verbindung zwischen Gott und dem Menschen symbolisiert, während der horizontale Balken für die Beziehung und Verbindung zwischen den Menschen, bzw. zwischen dem Menschen und der Schöpfung steht.

k2Viele Menschen leben – um mit dieser Symbolik weiterzusprechen – nur den horizontalen Balken. Sie haben keine Beziehung zu Gott, spüren keine Verbindung mit dem Göttlichen. Es bedarf auch keiner Beziehung zu Gott, keines Glaubens und keiner Religion, um aus der Verbindung mit anderen und Anderem Gutes zu tun.

k0Wieder andere pflegen eine intensive Beziehung zu Gott, ohne sich groß um eine Beziehung zu anderen und Anderem zu kümmern. Sie leben vorwiegend den vertikalen Balken. Das mag unterschiedliche Gründe haben, und es dürfte sich empfehlen, hierüber nicht vorschnell zu urteilen.

k4Dann gibt es Menschen, die sowohl eine Beziehung zu Gott haben, als auch eine (weitergehende) Beziehung zu Mitmensch und Umwelt. Es kommt aber vor, vielleicht gar nicht so selten, dass diese beiden Beziehungen nicht wirklich miteinander verbunden sind; selbst dann, wenn man gedanklich vermeint, das eine nähre das andere.

k3Für vielleicht die meisten gottesgläubigen Menschen gehören beide Beziehungen zusammen. Erst die Verbindung zwischen der Beziehung zu Gott und der Beziehung zur Schöpfung macht das ganze Kreuz, das ganze Symbol, das ganzheitliche religiöse Leben aus. Der vertikale Balken trägt den horizontalen Balken.

k5Für den Mystiker ist genau der Schnittpunkt der beiden Balken das eigentlich Maßgebliche, der zentrale Punkt, die Kreuzesmitte, wo sich Gott und Schöpfung tatsächlich vereinen. Diesen Punkt will er erreichen, in diesem Punkt will er verweilen, von diesem Punkt aus will er leben.

Doch auch Mystiker sind Menschen (und Kinder ihrer Zeit und Kultur). Sie fallen allzu leicht wieder aus der Kreuzesmitte heraus, um sich mal mehr, mal weniger auf dem einen oder anderen Balken zu bewegen, oder auch immer wieder mal ganz abzurutschen und abzufallen, so wie alle anderen Menschen auch, die versuchen, „dem Kreuz zu folgen“, sei es nun explizit im Christentum, oder (mit anderer Symbolik) in einer anderen Religion oder Spiritualität. Viele christliche Mystiker der vergangenen zweitausend Jahre haben ihre Schattenseiten, was allzu oft und allzu gerne übersehen wird. Von Augustinus (354-430) mit seiner Erbsündenlehre über Bernhard von Clairvaux (1090-1153) mit seinen Kreuzzugsaufrufen bis zu Dorothy Day (1897-1980) mit ihrem grenzenlosen inneren Leiden.

Die Mystik bietet nicht nur das Erleben kosmischer Einheit, die „Schau der Schönheit Gottes“, ein leichtes Leben in Licht, Glück, Einklang und Liebe. Die Mystik, ja aufgrund ihrer Intensität gerade die Mystik, hat ein hohes Potential für Verblendung und Leiden. Wer allzu lange in helles Licht blickt, kann nicht mehr richtig sehen. Wer im Feuer steht, verbrennt.

Auf vielen mystischen Wegen ist der Mensch bestrebt, seine Liebesfähigkeiten und sein Mitgefühl immer weiter zu verfeinern. Und auch ohne dieses Bestreben scheint es so zu sein, dass die mystische Erfahrung von ganz alleine ein höheres Maß an Liebe hervorbringt, wenn das auch nicht immer so sein mag, und nicht für immer andauern mag. Das wird gerne ausschließlich positiv geträumt. Die Welt ist voll von hübscher Poesie über Liebe und Mitgefühl. Viele Mystiker wissen aber, dass die Öffnung zu Liebe und Mitgefühl auch in höchstem Maße schmerzhaft sein kann.

Das beginnt schon damit, dass der Mystiker eben ganz Mensch ist, also genauso Fehler begeht wie jeder andere auch (das gilt übrigens auch für „Heilige“). Und weil er sieht, was er damit anrichtet, leidet er; oft vielleicht mehr als andere, weil er ja eigentlich „liebend von sich lassen“ will (was nicht Selbstverleugnung meint). Ein offenes Herz blutet eben leichter, weil es ungeschützt ist.

Und dann gibt es die Situationen – z.B. in einem Konflikt -, wo ein Mensch auf dem Weg der Mystik zwar bemerkt, dass seine Liebe tatsächlich nicht an Bedingungen geknüpft ist, er also eine erste Stufe bedingungsloser Liebe tatsächlich erreicht hat, er aber gleichzeitig sein (menschliches) Bedürfnis wahrnimmt, selbst auch seiner Liebe entsprechend behandelt zu werden. Dies ist ein besonders heikler Schritt auf dem Weg. Denn erfährt er diese Behandlung einmal nicht, und hat seine „Werkzeuge“ damit umzugehen noch nicht weit genug entwickelt, fühlt er seine Liebe zutiefst verletzt – auch wenn die Unverletztheit eben keine Bedingung für seine Liebe ist*. Die Wucht dieses Schmerzes kann dazu führen, dass der Wunsch aufkeimt, den Weg umgehend zu verlassen, um den Schmerz los zu werden und nicht wieder zu erfahren. (Aber vermutlich kann ein Mystiker seinen Weg gar nicht mehr verlassen.)

Schließlich gibt es das Leiden im Mit-leiden. Der horizontale Balken des Kreuzes wird nicht abgeworfen. Der Blick auf das Leid außerhalb unserer selbst, ob nebenan oder am anderen Ende der Welt, in Krieg, Armut und Hunger, in sozialen Missständen und Ställen, zieht das Leiden in uns, je mehr, desto mehr wir zu lieben fähig sind. Und gerade in der Kreuzesmitte lieben wir nicht nur Gott und uns selbst, sondern auch jene, die links und rechts von uns sind. In diesem Punkt, der im Menschen selbst – und nur dort – zu finden ist, ist alles vereint, auch das Leid der Schöpfung mit mir.

Der Schmerz der Liebe ist möglicherweise der schwerste Kampf eines Menschen auf dem Weg der (insbesondere christlichen) Mystik mit sich selbst. Der Tanz in der Kreuzesmitte ist zu einem schwindeligem Taumeln geworden. Liebe ist ein gefährliches Wagnis.

Natürlich geht es vielen Menschen, die nicht den Weg der Mystik gehen, genauso. Aber möglicherweise nehmen mystische Menschen zum einen den Schmerz anders, und vielleicht heftiger wahr, und zum anderen kommen sie nicht so leicht da wieder heraus. Beides weil sie ihr Herz bewusst geöffnet haben, und bewusst auch im Schmerz offen halten. Für die Wunden der Liebe gibt es in der Mystik kein Pflaster.

Man mag sich auf seinem spirituellen Weg fragen, ob man unverwundbar werden will (wie es auf seine Weise der Buddhismus anbietet), oder ob man lernen kann, den Schmerz auszuhalten oder gar zu umfangen (wie es oft im Christentum angeboten wird), oder ob man in den Rückzug vor der Welt flieht (was es in fast allen Religionen gibt), oder ob die Wunden der Liebe sich auch durch Liebe heilen lassen. Der Verfasser dieser Zeilen empfiehlt nichts, verwirft nichts, weiß nichts. Er hat nur ergebnislos etwas nachgedacht.

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*Selbst der Nazarener hat am Kreuz gerufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (z.B. Markus 15,34)

Zweifelsohne ist der „Hintergrund“ mystischer Erfahrung in allen Religionen und spirituellen Kontexten nicht verschieden, sondern der oder das Eine. Dennoch unterscheiden sich die mystischen Wege, Motivationen und Ziele der Kulturen – wenn auch manchmal nur subtil.

Was nun die christliche Mystik (oder ein mystisches Christsein) in der heutigen und künftigen Zeit anbelangt, könnte man auf die Idee kommen, dass es gar nicht die außerordentlichen „großen“ mystischen Erfahrungen sind, die den Kern christlicher Mystik ausmachen, sondern eine Lebenshaltung und Lebensführung in und aus einer christlich-mystischen Perspektive. Es bedarf vermutlich gar nicht der „großen“ mystischen Erfahrungen, um die umkehrende, transformierende Blickweise eines Mystikers zu gewinnen. Die auch „unterhalb“ der außerordentlichen mystischen Erfahrungen grundsätzlich jedem mögliche subtile Wahrnehmung der Einheit hinter allem – z.B. in der Erfahrung der Liebe – genügt vermutlich, um als ein mystischer Christ zu erkennen, dass

Christus der auf transpersonaler Ebene mit allen Menschen, allen Wesen und der gesamten Schöpfung in Gott vereinte Mensch

ist. Menschensohn und Gottessohn. Ein Christus, der lebendig ist, wenn er gelebt wird. Hier und jetzt, im kontemplativen Gebet der Stille wie im lärmenden Alltag, in aller Lebensfreude in Fülle und im umfangenen Schmerz, in Stärke und Schwäche, durch Jede und Jeden, der sich auf diese Weise Geist, Verstand und Herz öffnend auf den Weg einer Nachfolge begibt.

Vielleicht ist für die meisten Menschen der Wunsch nach einer außerordentlichen mystischen Erfahrung sogar eher hinderlich, um bereits jetzt dem eigenen Selbst und damit der echten Gemeinschaft mit allen Wesen und der Schöpfung nahe zu kommen. Weil der Wunsch etwas Künftiges und Einmaliges betrifft, eine Haltung des Wartens und Erwartens begründet, obwohl doch die Einheit mit Gott und seiner Schöpfung bereits gegenwärtig und all-gegenwärtig ist, nur wahrgenommen zu werden braucht, mit den Mitteln, die wir bereits haben.

Kann also sein, dass ein Spezifikum christlicher Mystik (oder eines mystischen Christseins) in der heutigen und künftigen Zeit darin liegt oder liegen wird, dass das Feld der Mystik nicht mehr allein den Mystikern überlassen wird. Oder anders: Dass das lebensprägende Bewusstsein der Mystik nicht mehr von außerordentlichen Erfahrungen geprägt wird, sondern von einer Änderung der Blickrichtung (Metanoia).

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„Der Mensch lebt die Transzendenz in der Immanenz,
das Essentielle im Phänomenalen.“
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In diesem Blog gibt es eine Kategorie, welche mit „Das apersonale DU“ überschrieben ist. Diese drei Worte bilden eine scheinbar in sich widersprüchliche Aussage, an welcher ich, bei allem Verständnis für die gelegentlich mir gegenüber geäußerte Kritik daran, stets festhielt und noch immer festhalte.

In einem ersten diese Kategorie berührenden Artikel schrieb ich vor drei Jahren:
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„Dem so (…) Schauenden erscheinen die spirituellen Wahrheiten bzw. mystischen Erkenntnisse der Religionen wie verschiedene Fenster, durch die das eine Licht scheint – gleich, ob theistisch von Gott die Rede ist oder atheistisch von anderem. Aber: Ihm, dem so Schauenden, ist es möglich, in diesem “unpersönlichen Absoluten” auch dem persönlichen (und gleichzeitig überpersönlichen, nicht aber personalen) Gott zu begegnen, das DU, das unsagbar geliebt wird und liebt.“

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Nun las ich in einem Buch des Benediktinerpaters und Zen-Meisters Willigis Jäger etwas dazu, was auf seine Art eine analoge Aussage beschreibt:
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„Wenn die Erfahrung [der Mystik des Eins-Seins mit Gott, Anm. d. Verf.] ins Tagesbewusstsein tritt, wird Gott „Gegenüber“. Gott als Person, Dreifaltigkeit sind theologische Ausdeutungen des Nachher, genauso auch die Formen der Verehrung. Das Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch entfaltet sich. Es wird zu Klage und Freude, Trauer und Zuversicht, Liebe und Hingabe, weil wir Menschen sind. Und weil der Mensch mit Verstand, Gefühl, Körper und Sinnen begabt ist und dichten und komponieren kann, wird dieses Zwiegespräch zu Lied und Gedicht, wird zu Zeremonie und Liturgie. Und findet man sich dazu mit anderen zusammen, wird aus all dem Gemeinde und Tempel. Auch „Kirche“ versteht sich ja viel mehr als „Zeichen“ auf etwas hin, als sie hier und jetzt sichtbar machen kann. All das ist Konsequenz aus der Einheitserfahrung mit Gott. Es darf sich davon nicht entfernen. Es soll vielmehr die Einheit verkünden und in Symbol und Zeichen darstellen. Wo das nicht mehr geschieht, wo Form und Ritus zur Magie werden, wird Religion zum Hindernis. Auch christliche Mystik kennt selbstverständlich das Göttliche als Gegenüber und zeigt daher immer auch theistische Züge. Wer sich verneigt, eine Kerze anzündet und Weihrauch ansteckt, auch wenn er es nur als Ausdruck des Göttlichen in sich selbst tut, verkündet die Einheit in der Doppelseitigkeit seiner menschlichen Existenz.

[…]

Der Mensch kann in Bezug auf das Göttliche zwei Wahrnehmungsweisen haben, wenn ihm nur klar ist, dass sich dies aus seiner Geschöpflichkeit ergibt, dass diese zwei Wahrnehmungsweisen in Wirklichkeit eins sind und in der Mystik auch als eins erfahren werden.“ [2]

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[1] und [2]: Willigis Jäger, Kontemplation, Gott begegnen – heute, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001, S. 94 f.

Foto: Stefan Kraus
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Die Liebe
ist die einzige Macht,
die uns ein Stück
von jener Welt zeigt,
wie Gott sie meinte,
als er uns erschuf.

Eugen Drewermann

Falls die deutschen Untertitel noch nicht aktiviert sind: Mauszeiger über das Video bewegen und auf das erste der fünf Icons unten auf der rechten Seite klicken.

Dieses Video erfreute mich heute bei meinem täglichen kurzen Mittagspausenbesuch der Seite der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, und ich dachte: Warum nicht ausnahmsweise auch mal so etwas bei Seelengrund posten? Wer jemals eine Beziehung zu einem Tier aufbauen konnte, kann sich vielleicht das eingeklammerte Fragezeichen im Titel erklären…

Übrigens, wer hier zunächst an Prägung denkt: Ab 0:55 wird der Beginn dieser Freundschaft geschildert.

Es scheint schon ein seltsamer Zufall zu sein, wenn einem gerade in den Zeiträumen der Beschäftigung mit einer bestimmten Thematik ein Buch „über den Weg läuft“, das Antworten – so vorläufig sie auch sein mögen – auf einige der zentralen Fragen dieser Gedanken anzustoßen vermag. Es ist mir nicht nur einmal passiert, nun geschah es wieder; und es scheint, als wären diese zufälligen Ereignisse Ausschnitte eines einzigen größeren Bildes, das sich im Gesamten nicht wirklich erkennen und überblicken lässt, weil man noch viel zu nah davor steht.

Sind das wirklich blinde Zufälle? Oder steckt da irgendetwas dahinter, über das sich kaum mehr als spekulieren lässt?

Eine solche Frage, bezogen auf Evolution und Gott, beschäftigte auch Charles Darwin, den „Vater der Evolutionslehre“, der seinen einzigen Studienabschluss in Theologie gemacht hatte. Und auch Darwin, als er gegen Lebensende sich wieder stärker der Gottesfrage zuwandte, „lief ein Buch über den Weg“, das ihn offenbar sehr bewegte: „The Creed of Science“ [Das Glaubensbekenntnis der Wissenschaft] von William Graham. Um diese Begebenheit (aber längst nicht nur darum) geht es in dem neuen Buch von Michael Blume:

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M. Blume: Evolution und Gottesfrage

Michael Blume: Evolution und Gottesfrage
Charles Darwin als Theologe
Herder Spektrum Bd.6582, 2013, 175 S.
Verlag: Herder, Freiburg
ISBN: 9783451065828
9,99 € (D)

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Es war vor allem der Briefwechsel zwischen Darwin und Graham, in dem es um das Verhältnis von Wissenschaft, Evolution, Religion und Gott geht, und der in Michael Blumes Buch nun erstmals ins Deutsche übersetzt zu lesen ist, sowie die weiteren Ausführungen M. Blumes zu Graham und seinem „The Creed of Science“, die mir – wie Eingangs erwähnt – einen Anstoß gaben.

Von Anfang an war klar, dass ich über Michael Blumes Buch „Evolution und Gottesfrage“ in diesem Blog schreiben würde. Dieses Buch zu lesen, hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich empfinde es nicht nur als spannend geschrieben; es vermittelt auch, über die Darstellung seines Kerns – Charles Darwin als Theologe – hinaus, Informationen und Betrachtungen weiterer Themen, wie zu Geschichte und heutigem Erkenntnisstand der Evolutionsforschung zur Religion, oder zum Sozialdarwinismus, dessen späterer Verdrängung und oft unzureichender Aufarbeitung, zu Darwins eigenen Überlegungen zur Evolution von Religion, usw. Als für mich besonders erlebte ich beim Lesen, durch Michael Blumes Auswahl an biografischen Einschnitten und Zitaten, ein wenig den Menschen Charles Darwin näher kennenlernen zu dürfen, das, was ihn in seinem Inneren bewegte, über seine Mitleidsfähigkeit gegenüber Tieren, seine Ablehnung von Heilsexklusivismus, über sein Zweifeln und Suchen.

Zudem zeigt sich Michael Blumes Buch in erfreulicher Weise ungewöhnlich darin, dass er die interdisziplinäre Vernetzung über das Internet, die „Bürgerwissenschaftler“, Blogger und Kommentatoren würdigt. So ist das Buch sogar „Allen konstruktiven Bloggerinnen und Bloggern, Kommentatorinnen und Kommentatoren“ gewidmet.

Die rasch sich entwickelnden Diskussionen um das Buch und sein Thema überraschten mich ein wenig; aber sie freuen mich auch, zeigen sie doch, dass Michael Blume da möglicherweise „einen Nerv getroffen hat“. Links dazu befinden sich am Ende dieses Artikels.

Und noch etwas überraschte mich. Einige der Gedanken, die ich für mich dilettantisch (und sicher oft stümperhaft) über Jahre hinweg meinte entwickelt zu haben, oder die sich, vermeintlich neu, anderenortes lesen ließen, fand ich nun in diesem Buch wieder, skizziert von einigen klugen Köpfen bereits vor fast eineinhalb Jahrhunderten, auf breiter Basis bis heute kaum wahrgenommen, reflektiert und diskutiert.

In diesen Bereich fiel auch Grahams Emergentismus, der mich (zunächst noch intuitiv) einen Brückenschlag erkennen ließ zum integral-holarchischem Modell, wie es Ken Wilber in Eros, Kosmos, Logos entwickelte (und das er – angefangen bei Plotin – als nicht erdacht, sondern in den Grundzügen bereits von Einigen vor ihm [aus der mystischen Schau] abgeleitet verstanden wissen möchte). Bei aller in mir im Laufe der Jahre entstandenen Kritik an diesem Weltbild, fesselt es mich noch immer – oder besser: wieder neu -, und meine eigene Kritik beginnt, auch in Folge Michael Blumes „Evolution und Gottesfrage“, langsam zu bröckeln. Diese Verknüpfung war sicherlich nicht Michael Blumes Intention; nein, sie ist subjektiv. Und damit kehre ich zurück zum Anfang dieser Rezension.

Also: über Michael Blumes neues Buch wollte ich hier schreiben. Doch selten fiel es mir so schwer, einen Beginn zu finden und einen „roten Faden zu spinnen“. Denn es war klar, dass ich nicht mit einem „objektiven Anstrich“ rezensieren wollte, sondern von Anfang an ausdrücklich subjektiv. In „Seelengrund“ geht es ja, nicht nur, aber doch vorwiegend, um Mystik. Und (meine) Mystik, bzw. das aus ihr erwachsende „Weltbild“ war es, welche/s durch einige Punkte dieses Buches angesprochen wurde. Das mag nicht gleich verständlich sein, wenn man das Buch kennt. Doch das, was mich – wie Eingangs erwähnt – schon eine Weile gedanklich beschäftigt, ist die „Evolution Gottes“ (was ja nicht per se die gleiche Themenstellung ist wie „Evolution und Gottesfrage“). Diese lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten: kulturell, religionshistorisch, gesellschaftlich, evolutionsbiologisch, psychologisch, neurologisch, theologisch, usw., und zentriert sich dann individuell-persönlich für mich in der mystischen Perspektive, wie vielleicht schon der vorangegangene Artikel erahnen ließ. Zwar ist es viel zu früh, mich an dieser Stelle dazu zu äußern. Der Anstoß, den mir M. Blumes Buch „Evolution und Gottesfrage“ insoweit gab, führt mich möglicherweise in einen sehr lange dauernden Prozess. Dennoch spielt dieses Buch auch auf andere Weise mit hinein, wenn ich (bejahend) an die Zeilen Newbergs und Waldmans denke, die ich in Die pluralistische Zukunft Gottes zitierte:

„Was auch immer Gott oder das Universum sein mag, wir bekommen nur einen kleinen Ausschnitt davon zu sehen. (…) Vielleicht können wir auf ähnliche Art und Weise ein vollkommeneres Gottesverständnis erlangen, indem wir all unsere Beschreibungen der menschlichen Natur, der Realität, der Spiritualität und des Universums zusammentragen.“

[Andrew Newberg u. Mark Robert Waldman, Der Fingerabdruck Gottes – Wie religiöse und spirituelle Erfahrungen unser Gehirn verändern, Verlag Goldmann, München 2012, S. 173]

Wenn ich mich richtig erinnere, sieht Michael Blume die Arbeiten Newbergs skeptisch, und möglicherweise würde Michael Blume meine Verbindungen hier weit von sich weisen, aber zum einen ist es nicht er, der diese Verbindungen herstellt, und zum anderen ist es nunmal das, was sich auf der Hintergrundebene meines bescheidenen Denkens abspielt: Eine ständige Tendenz, solche Beschreibungen zusammenzutragen und (auf meine Weise) zu verbinden. Und auch M. Blume gehört eben zu jenen, die ihren Teil dazu beitragen, Beschreibungen zu finden und weiter zu entwicklen (und manchmal auch seinerseits mit anderen Beschreibungen zu verbinden). Ich gestehe an dieser Stelle, den Wissenschaftlern sehr dankbar für ihre Arbeit zu sein.

Doch das vorangegangene Zitat passt auch zu dem, was Wilber (in „Eros, Kosmos, Logos“) meint, wenn er (sinngemäß) sagt, dass es auf der Betrachtungsebene einer „Gesamtschau“ nicht darum gehen kann, alle existierenden Theorien zu begutachten und dann zu entscheiden, welche davon richtig und welche falsch sei, sondern darum zu erklären, in welchem Kontext die Gesamtheit dieser Ideen richtig sein könne. Und diese Frage nach dem Kontext ist gleichzeitig die Frage nach der Struktur des Kosmos, der ein Aufkommen so vieler grundverschiedener Disziplinen überhaupt ermöglicht.

In gewissem Sinne war genau diese letzte Frage auch jene von Darwin und Graham, wenn sie sich – bei aller notwendigen Trennung in fachspezifischer, wissenschaftlicher Betrachtung – nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Theologen erwiesen.

Und so möchte ich diese Empfehlung, Michael Blumes neues, und in mehrfacher Hinsicht brückenschlagendes Buch „Evolution und Gottesfrage – Charles Darwin als Theologe“ zu lesen, beschließen zunächst mit einem dazu passenden Zitat von William Graham aus diesem Buch, welches – so für sich stehend – auch von einem modernen Mystiker stammen könnte, und einem anschließenden Zitat von Michael Blume.

„Dies ist die Konzeption, die das Ultimative Prinzip des Universums als ein tieferes, weiteres, größeres Etwas als die uns bekannte Materie oder das uns bekannte Bewusstsein erfasst; das Etwas, aus dem Materie und Gedanken nur spezielle Formen, Erscheinungen, Ausprägungen sind. Es sind die einzigen, die wir tatsächlich kennen können. Und dies nur mit ihren eigenen Mitteln, die aber dennoch weit davon entfernt sind, die transzendente Natur der Einen Ewigen Substanz und Macht am Grunde jener Dinge ausschöpfen zu können, die wir kennen, wie auch der unzählbaren anderen möglichen Selbstpräsentationen, von denen wir nichts wissen können.“

[William Graham, zitiert nach: M. Blume, Evolution und Gottesfrage, S. 144]

“ Ja, Wissenschaft – in ihren empirischen Ausprägungen wie auch in Philosophien und Theologien – ist mühsam und vermag uns, wie Darwin zu Recht bemerkte, lehrte und lebte, nicht von allen Zweifeln und drängenden Fragen zu befreien. Aber sie verbietet uns auch das Vertrauen, Hoffen und Glauben nicht, (…). Wir alle mögen dazu tendieren, unsere jeweilige wissenschaftliche oder religiöse Praxis bewusst und unbewusst weltanschaulich absolut zu setzen, gegen Fragen und Zweifeln abzusichern und damit weit hinter dem Niveau zu bleiben, das sich bereits vor mehr als einem Jahrhundert entfaltete. Aber wir können – wie es schon der Geistliche Bertrand Chartres († 1124) im 12. Jahrhundert formulierte – auch immer wieder auf die Schultern der Riesen vor unserer Zeit steigen, um von dort weiter in die Ferne zu sehen. Ob wir Atheisten, Agnostiker oder auch evolutionäre Theisten sind, die vertrauende Hoffnung, dass es Neues, Wichtiges, Wegweisendes zu entdecken gibt, darf uns verbinden und anspornen.“

[Michael Blume, Evolution und Gottesfrage, S. 158]

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links:

„Charles Darwin als Theologe…“ (bei Natur des Glaubens)

Charles Darwin: War nie Atheist (bei Natur des Glaubens)

„Besser als der Darwinismus. Ein Blick auf Charles Darwin als Theologen“ (Herder Korrespondenz 01/2013, S. 33 – 37)

„Neue Annäherung an Darwin – Michael Blumes Buch“ (bei Hintergründe von Hermann Aichele)

„Wie (mich) Facebook gewann…“ (bei Natur des Glaubens)

„Darwin, Evolution und Gottesfrage: Wider die seltsamen Allianzen“ (bei diesseits.de)

„Evolution und Gottesfrage“ (im Science-Shop)

„Evolution und Gottesfrage“ (bei amazon.de)

„Evolution und Gottesfrage“  (beim Herder Verlag)

„Die Verhaltensforschung und die Hirnpsychologie, die Kulturanthropologie und die Abstammungslehre sagen uns heute, daß wir als Menschen unseren älteren Geschwistern, den Tieren, sehr viel verdanken. Eugen Drewermann: »Kein Problem des menschlichen Daseins: weder Krieg noch Kriminalität, aber auch kein wirklich starker Faktor des menschlichen Zusammenlebens, weder Familiengründung noch Kinderaufzucht sind zu verstehen ohne das Echo aus den 250 Millionen Jahren der Säugetierentwicklung in den Schichten des Zwischenhirns in unseren Köpfen.« (…) Weil wir nicht wissen, woher wir kommen, wissen wir auch nicht, wer wir sind, und weil wir nicht wissen, wer wir sind, tun wir auch nicht, was wir wissen. (…) Das Einheitserlebnis aller Mystiker aller Religionen ist, daß sie das Göttliche in allem erkennen, auch in Tieren und Pflanzen. (…) Gott ist in allem, und alles ist in Gott. (…) Eine panentheistische Tiefenerfahrung ist eine tiefenökologische Erfahrung. Ehrfurcht und Staunen sind der Beginn der Weisheit. (…).“

Aus: Franz Alt: Der ökologische Jesus – Vertrauen in die Schöpfung, Lizenzausgabe RM Buch und Medien Vertrieb GmbH 1999, S. 291 ff.

Zu Beginn des Buches schreibt Alt: „Die Umweltkrise ist eine Innenweltkrise. In der Schule Jesu und in der Schule Buddhas können wir lernen, daß unsere äußeren Krisen nur von innen her zu lösen sind.“ (a.a.O. S. 17). Auch wenn diese beiden Schulen nur exemplarisch genannt sind, und – wie bereits die Praxis zeigt – nicht zwangsläufig in die Sichtweise Alts (oder eines Mystikers) führen, so geht es im Grunde doch darum, dass die Lösungen der großen Krisen der Gegenwart zuallererst im Innern des Menschen ansetzen müssen.

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