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Wenn die Frage nach Gott kein Ende findet, ist sie dann vielleicht sich selbst bereits Antwort?

Den Blog „Seelengrund“ gibt es nun schon eine Weile, doch bislang wurde hier noch nicht meine eigene Geschichte erzählt. Das sei nun mit diesem Post nachgeholt…

Vorweg

Noch immer empfinden es wohl viele Leute als eine Anmaßung, wenn jemand, der nicht bekannt und berühmt ist wie Meister Eckhart oder Rumi, Willigis Jäger oder Ken Wilber, von sich behauptet, er sei ein Mystiker. Der Nimbus des Geheimnisvollen drängt offenbar dazu, die Mystik als etwas einem kleinen, exklusiven Zirkel Vorbehaltenem anzusehen. Vielleicht kommt auch dazu, dass die mystische Erfahrung gedanklich oftmals mit einer großen Gnade Gottes verbunden wird, einer Art „Auserwähltsein“ von Gott; und wer muss nicht als anmaßend, womöglich arrogant gelten, sich selbst als von Gott auserwählt zu bezeichnen?

Mein klares

Nein!

zu solchen Sichtweisen war hier bereits mehrfach Thema. Es gibt Mystiker wie es Shiiten und Katholiken, Sunniten und Protestanten, Buddhisten, Esoteriker und Fußballspieler gibt. Dass ich dies so sehe, hängt mit meiner eigenen Geschichte zusammen.

 Meine Geschichte

Mein Name ist Stefan, ich bin 46 Jahre alt, und ich bin Mystiker. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Und davon handelt die folgende Geschichte der vergangenen 27 Jahre meines Lebens.

Es war im Jahr 1985, als ich fast schon in der Nacht zu meinem Vater ging, und ihm von einer seltsamen Erfahrung an diesem Abend erzählte. Mein Vater hatte damals neben seinem eigentlichen Beruf katholische Theologie studiert und stand kurz vor seiner Weihe zum Diakon. Natürlich meinte ich es nicht wortwörtlich, als ich zu ihm sagte: „Ich habe Gott gesehen.“ Obwohl er vom Geist des zweiten Vatikanischen Konzils geprägt war, fiel seine Reaktion so heftig ablehnend aus, und offenbar war zudem meine eigene katholische Prägung so tief, dass ich dieses Erlebnis in Folge dieser Nacht vollständig verdrängte [1]. Niemand konnte Gott „sehen“. Das konnte nicht sein, und das durfte nicht sein [2].

Meinem Vater verdenke ich das nicht. Von „Mystik“ hatte ich damals nicht die geringste Ahnung, und so konnte ich weder diese seltsame Erfahrung einordnen, noch das Gespräch mit meinem Vater zumindest auf den Weg einer gewissen Einordnung lenken, was ihm selbst vermutlich viel zu weit weg schien, um es von sich aus zu versuchen. Erst zwei Jahrzehnte später, als ich das Verhältnis zu meinem 1986 viel zu früh verstorbenen Vater, der seine Diakon-Weihe nicht mehr erleben durfte, aufarbeitete, kam diese Erinnerung an diese Nacht und an die seltsame Erfahrung zurück.

Also praktizierte ich weiter meinen „konventionellen“ religiösen Glauben an einen Gott „da oben“ über den Menschen „hier unten“.

Dennoch geschah im Sommer 1987 wiederum etwas Seltsames. Während einer Bergtour in den Alpen kam ich auf einem engen Steig um einen Felsvorprung herum und war schlagartig eins mit der Landschaft, mit allem, was ich sah. Es war kein Sich-Eins-Fühlen mit der Landschaft, sondern ich war (!) die Landschaft [3]. Diese Erfahrung des Eins-Seins war eine andere als die „Gottes-Erfahrung“ zwei Jahre zuvor, und ich brachte sie nicht in Verbindung mit Religion oder Spiritualität, von der ich genauso wenig Ahnung hatte wie – noch immer – von der Mystik. Auch wenn ich niemandem davon erzählte (wie hätte das auch jemand verstehen können?), und es selbst in keiner Weise einordnen konnte, so vergaß ich das Erlebnis nicht mehr.

Einschub

Auch das fand sich bereits einige Male in diesem Blog: Mystische Erfahrungen können Menschen ungefragt „überfallen“. Erinnert sei hier zum Beispiel an die Geschichte des Freundes von Phil Bosmans. Vielleicht hatte bei meiner Bergtour das stundenlange gleichmäßige Steigen und Atmen – ohne dass ich das wusste oder beabsichtigte: quasi meditativ – unterstützend gewirkt und die Erfahrung schließlich ausgelöst. Aber nochmals sei angemerkt, dass ich das nicht anstrebte, damals nicht wusste, was Mystik überhaupt ist; und von „Eins-Seins-Erfahrungen“ hatte ich noch nie etwas gehört.

Es war etwa dieser Zeitpunkt, als sich – ohne dass es mir bewusst war – mein Leben zu verändern begann, mein Umweltbewusstsein und meine Sensibilität für Tiere immer mehr zunahm. Das kann natürlich auch Zufall sein. Vielleicht aber war es auch der Impuls dieser Erfahrung, wie  ebenfalls in Seelengrund schon einmal thematisiert wurde, der (unbewusst) zu wirken begann.

Und weiter in meiner Geschichte…

In den dann folgenden Jahren hatte ich keine seltsamen Erfahrungen mehr. Jedenfalls erinnere ich mich an keine.

Um die Jahrtausendwende brach etwas in mein Leben ein, was, ja, erst mein bisheriges Leben und schließlich mich selbst zerbrach. Während mein religiöser Glaube zuvor zwar etwas ganz wichtiges in meinem Leben war, so wurde er nun zentral. Doch es waren einige Jahre, in denen ich „am Boden kroch“…

In dieser Phase, es war am 16. April 2003 etwa 18 Uhr 30, geschah etwas, was ich später lange Zeit meinen „mystischen Bigbang“ und meinen „eigentlichen Geburtstag“ nannte. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was das war. Ich weiß aber noch, wie ich bis spät in die Nacht feierte, sang und tanzte. Und es war klar, dass ich mit Gott tanzte [4].

In der folgenden Zeit war ich über Monate wie aufgerissen und übermäßig voll von Empathie und Liebe. Es gab keine Filter und keine Schutzschilde mehr. Es war mir nicht einmal mehr möglich, im Fernsehen die Nachrichten anzusehen. Jede Kleinigkeit von irgendwelchem Leid zerriss mich zutiefst, ich brach in Tränen aus und musste fortlaufen. All diese Schmerzen der Menschen und Tiere waren meine Schmerzen. Trotz meiner ausgeprägten Spinnenphobie streichelte ich einer großen Spinne zärtlich über den Rücken… (was die Spinne nicht so klasse fand). Und all mein Besitz wurde mir zuwider, ich wollte ihn loswerden. Doch damals war ich noch verheiratet, und meine Frau verstand das ohnehin alles nicht…

Nicht lange Zeit nach dem „Bigbang“ stieß ich in einer Buchhandlung zufällig auf das Buch „Eros, Kósmos, Logos“ von Ken Wilber, und nahm es mit. Zum ersten Mal erfuhr ich nun etwas über Mystik, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen…

So begann meine bewusste Beschäftigung mit der Mystik, die nicht ich mir ausgesucht hatte, sondern die sozusagen mich vor sich her und in sich hineien geschubst hatte. Ich las weitere Bücher, begann mit Kontemplation und Meditation. Es dauerte nicht lange, und ich hatte weitere Erfahrungen des Eins-Seins. Allerdings fast nie in der Meditation, sondern unerwartet während irgendwelcher Tätigkeiten oder Spaziergänge. Mit der Meditation experimentierte ich: Sitzmeditationen, dynamische Meditationen, Gehmeditationen (als Hundebesitzer davon wohl am meisten). Und es stellten sich weitere, andere, manchmal überwältigende mystische Erfahrungen ein (wie z.B. eine innerliche „Lichtüberflutung“, oder dem einstündigen (!) Zuschauen offenen Auges der „Ewigkeit“, der absoluten Zeitlosigkeit, wie „in ihr“ die Zeit wie eine bloße Erscheinung ablief). Aber das sind wohl eher Spielereien. Ich habe den ganz starken Verdacht, dass es wesentlich die Eins-Seins-Erfahrungen sind, die nach und nach das Bewusstsein verändern, bis in die Bereiche des Alltags, so dass ich schließlich von der „Kleinen Mystik“ sprach, keine Mücke mehr erschlagen konnte und Veganer wurde usw. (wobei, dass sei erneut betont, ich kein sonderlich guter Mensch bin; es gibt lediglich andere Wahrnehmungen von Verbundenheit, die manches zerstörerische Handeln einfach schwer machen). Doch das nur am Rande…

Die Beschäftigung mit der Mystik wurde rasch zerstörerisch. Die Erfahrungen, die ich machte, ordneten sich durch die verstandesmäßigen Informationen, die ich mir zu diesem Thema zugänglich machte, schnell in einen gewissen Kontext ein. Mein katholischer Glaube war, so wie ich ihn kannte, für mich unhaltbar geworden. Schließlich trat ich (zwei Jahre später, wenn ich mich recht erinnere) aus der Kirche aus. Austausch fand ich mangels Möglichkeiten vor Ort in Internet-Foren, wo sich Menschen trafen, die selbst mystische Erfahrungen gemacht hatten oder sich mit Spiritualität beschäftigten. Längst hatte ich damit begonnen, nicht nur meinen bisherigen Glauben, sondern schließlich auch die Kontexte mystischer Erfahrungen vollständig zu dekonstruieren. Nicht nur im Austausch mit anderen Menschen zur Mystik wurde immer deutlicher, dass eben auch die Kontexte und Deutungen der Mystik Formen des Glaubens sind (was auch immer wieder Thema dieses Blogs war), aber ohne ein „nur“ davor.

So setzte sich die Entwicklung, mein Weg der Mystik, fort, und er wird vermutlich nie enden. Ich vertrete heute so einiges, was „eingefleischte“ Mystik-Fans und -Kenner wohl nicht teilen, als ketzerisch oder Unfug beurteilen (wie eben die Mystik als Glaubensform, oder die „Kleine Mystik“). Mag sein, dass sie Recht haben. Das aber habe ich gelernt: Dass Mystik immer auch ein Stück weit Revolution bedeutet, und dass der Mystiker seiner eigenen Entwicklung unbedingt vertrauen sollte (solange sie nicht zum Schaden gereicht, und offen bleibt für sich ergebende Richtungsänderungen). Auch hier halte ich das „Leer-Werden“ für notwendig, um (unerwartet) das zu erhalten, was hineinpasst, statt nur das Nachzubeten, was in Andere, „Anerkannte“ hineinpasste. Dass es selben Urgrunds ist, darauf vertraue ich ohnehin.

Später wurde ich ein drittes Mal zerbrochen [5]. Spiritualität schützt davor nicht. Aber ich denke, dass ich ohne sie nicht überlebt hätte. Spiritualität flickt dich wieder zusammen. Und vielleicht hilft diese Ermunterung ja mal irgendjemandem: Wenn du deine, wirklich deine „Religion“ gefunden hast [6], dann halte daran fest.

Zum Schluss

Zum Schluss möchte ich noch etwas erzählen, was höchst peinlich ist. Damals, nach dem „Bigbang“, wollte ich eine metareligiöse Gemeinschaft gründen, und ich schrieb sogar ein Buch [7]. Ich wusste nun, dass Gott kein konfessionelles Eigentum ist, hatte etwas erlebt, was die religiösen Trennungen der Menschen übersteigt – das war natürlich etwas ganz Neues auf der Welt -, und ich fühlte mich berufen. Dass es solche Gemeinschaften längst gab, und unzählige ähnlich berufene Apfelsinenkistenprediger in irgendwelchen Parks und Straßen der Welt derlei in die Menge rufen, wusste ich ja damals nicht. Ich hatte keine Ahnung… Zum Glück konnte ich bald erkennen, dass das eben keine außergewöhnliche Berufung war, was keine Enttäuschung brachte, sondern eine große Freude. Damit schließe ich den Kreis zum Anfang dieses Artikels, denn das ist eine der Grundaussagen dieses Textes (und auch dieses Blogs):

Das „Geschenk“ der Mystik an einen Menschen ist kein Auserwähltsein von Gott vor eine Menge Anderer, sondern ein biologischer Zufall. Ja, das mag überspitzt sein. Ich bin kein Neurowissenschaftler, aber ich vermute (wie manche Neurowissenschaftler), dass die Befähigung zur Mystik im Gehirn grundlegend vorhanden ist. Nur so ist es für mich plausibel, dass einige Menschen von der Mystik ungefragt „überfallen“ werden, andere sich die Mystik (z.B. durch Kontemplation oder Meditation) „erarbeiten“ können. Vielleicht legt ein Meditierender durch lange Übung dieses „Strickmuster“ im Gehirn frei, oder erstellt es erst (auch das wäre ja eine Befähigung), und bei einem anderen ist es „von Natur aus“ bereits offenliegend oder fertig vorhanden. So wie alle Menschen von Natur aus Läufer sind, manche aber für einen Marathon lange trainieren müssen, anderen das „in den Schoß fällt“, und wieder andere lieber ihr Leben auf dem Sofa und im Auto verbringen, also gar nicht laufen wollen, wenn es nicht unbedingt sein muss.

Meine Tante, die noch die Bombennächte im Krieg und die große Flucht erlebt hat, sagte mir einmal, dass sie keine mystische Erfahrung machen möchte, wegen des „Kontrollverlustes“. Ja, Mystik muss nicht etwas für jedermann sein. Wer aber von ihr „überfallen“ wird, oder sie bewusst aufsucht, der sollte sich nicht von den zugegebenermaßen wundervollen und faszinierenden Worten eines Meister Eckhart oder Rumi darüber hinwegtäuschen lassen, dass sie jedem offensteht. Rumi war halt ein großer Liebender und ein großer Poet, und Eckhart war ein großer und verständiger Denker. Es kann nicht jeder ein großer Poet oder Denker sein oder werden. Aber Mystik ist nicht exklusiv, sie ist auch ohne Gedichte und ohne große Gedanken eine Wahrheit des Inneren, potentiell eines jeden Inneren, die von jedem gefunden, bewahrt und gelebt werden kann. Es geht dabei nicht um die ultimative Erkenntnis, sondern um dich, und damit um Alle und Alles.

Und in diesem Sinne kann ich mit dem Begriff der Gnade etwas anfangen: Es ist die Gnade, dass so etwas überhaupt möglich ist, ein Geschenk, das dauerhaft Freude bereitet, das trägt, immer wieder heilt, und die Geschöpfe mit der Schöpfung, Leben mit Leben verbindet.

Gott bevorzugt nicht einige Wenige. So ist er halt.

Ich bin Mystiker. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Aber nun bleibe ich dabei. Das macht mich nicht automatisch zu einem guten Menschen, und nicht zu einem weisen Menschen. Ich bin nur ein kleines, dummes Menschlein, das manchmal von Gott gekitzelt wird.

Ich habe diesen Text in einem Rutsch herunter geschrieben, und werde ihn nicht mehr edititeren. Es ist so ein Post, bei dem ich mich sehr unwohl fühle, und es ist vielleicht ein Fehler, jetzt den Button „Publizieren“ anzuklicken. Aber ich tue es.

[1] Im Laufe meines Lebens habe ich noch einige Male erleben müssen, wie effektiv die Psyche über lange Zeit etwas vor dem Bewusstsein verstecken kann, was in höchstem Maße verstörend wirkt, wenn es dann doch bemerkt wird. Wir sind in der Tat weniger Herr in unserem eigenen Hause, als wir meinen.

[2] Vielleicht, liebe Giannina – falls du das hier liest -, kommt daher mein Problem mit (und meine eher ablehnende Haltung gegenüber) der „Gottesfurcht“. Möglicherweise neue Leser hier können im Artikel Buddhas Zahnweh mehr dazu erfahren.

[3] Etwa so, wie auch Jill Bolte Taylor ihr Erleben schildert. Jemand, der solche Erfahrungen nicht selbst kennt, wird sich dieses Erleben unmöglich vorstellen können.

[4] Heute vermute ich, dass es das sein könnte, was die Derwische das „Schauen der Schönheit Gottes“ nennen.

[5] Über das erste Mal berichte ich in dieser Geschichte nicht.

[6] Was auch durchaus innerhalb vorhandener Religionen möglich sein kann.

[7] In meiner Verblendung konnte ich mich nicht entblöden, es verschiedenen Verlagen anzubieten. Dennoch fand es ein Verlag gut. Zu meinem Glück passte es nicht in das Verlagsprogramm und blieb daher unveröffentlicht.

Engel (bzw. engelsähnliche Wesen) kommen in vielen Kulturen und Religionen der ganzen Welt vor, und erfreuen sich seit einiger Zeit – insbesondere in Deutschland – einer Art Renaissance. An vielen Autorückspiegeln hängen kleine Schutzengelchen, und das  „Channeling“ erfreut sich großer Beliebtheit.

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen und Arten, an Engel zu glauben. Für die einen sind es verstorbene Angehörige, die sie begleiten und beschützen, für die anderen sind es Zwischenwesen, usw.

Dabei ergeben sich manche Sonderbarkeiten, wie das „Mathematische Paradoxon“: Einer Umfrage zufolge glaubt in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung an Schutzengel, aber nur etwa ein Drittel, dass es Engel überhaupt gibt (Gehirn & Geist, 4/2005); oder wie das „Evolutionsbiologische Problem“ (siehe hier).

Eine mich besonders ansprechende Weise an Engel zu glauben, ist für mich die der Poesie, und die der Tiefenpsychologie, wie sie z.B. bei Drewermann zu finden ist:

„Einzig im Raum einer solchen „sakramentalen“ Weltsicht vermag ein Vertrauen zu wachsen, in dem ein Engel uns erscheinen kann. Die Frage ist ja nicht, „woher“ der Engel Gabriel literaturhistorisch zur Jungfrau Maria kam, die Frage ist, wie überhaupt ein Engel Worte zu uns sagen kann, die auf den Feldern unseres Lebens Wunder wachsen lassen. Alles, was der Seele eines Menschen Flügel verleiht, alles, was ihn durchströmt mit dem Licht des Himmels, schafft eine Sphäre, in der Engel zu uns reden. Doch eben diese Welt im Innenraum der Seele ist es, von der die Mythen wesentlich sprechen, und man versteht, daß wir so lange nicht an derartige Chiffren glauben können, als uns der Mythos noch als etwas „Heidnisches“, (in Christus womöglich) „Überwundenes“ zu gelten hat. In Wahrheit ist die Erscheinung des Engels eine Möglichkeit, die in jedem Menschen liegt, und stets sind es solche Phasen des Lebens in der Stille von „Nazareth“, sind es die Zeiten, in denen wir uns selber nicht mehr entlaufen und vermeiden können, da der Engel Gottes uns gesandt wird.
Gleichwohl zählt eine solche Erfahrung inmitten der Stille zu den aufwühlendsten Erlebnissen, deren wir fähig sind. In der berühmten ersten Duineser Elegie sagt Rainer Maria Rilke wohl sehr richtig von dem „Schönen“, es sei „nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“ In der Tat ergeht es uns so gerade angesichts der Schönheit unseres „Engels“. Tiefenpsychologisch wird man in der Vision des Engelsbildes gewiß ein Abbild unseres eigenen Wesens erblicken dürfen, eine Verkörperung der Gestalt, in der wir selber uns begegnen auf dem Wege der Reifung und Vollendung, und immer wird der erste Anblick dessen, wozu wir eigentlich berufen sind, wie etwas Vernichtendes in die Dämmerung unseres Lebens treten; denn selten wagen wir, an die Größe und Würde unseres eigentlichen Seins wirklich zu glauben, und es trifft uns stets wie etwas Unfaßliches, wie etwas alle Fassung Sprengendes, wenn der Schleier vor unseren Augen zerreißt und wir in unendlichem Abstand und zugleich in unausweichlicher Nähe zu uns selbst dem Urbild unserer eigentlichen Berufung gegenübertreten. Stets wird das Wort eines „Engels“ daher lauten müssen wie bei der Anrede in Nazareth: „Fürchte Dich nicht, Miriam“ (Lk 2, 30).“

Eugen Drewermann: Dein Name ist wie der Geschmack des Lebens, Herder Spektrum, Freiburg 1986/1992, S. 48f.

„In Wahrheit ist Gott die Weite unseres Herzens und die Unendlichkeit unseres Denkens. Alles, was wir je von Gott verstehen werden, ist in den Gesetzen unserer Entwicklung und Reifung eingeschrieben, die kein anderes Maß und kein anderes Ziel kennen als ihn selber, den Unendlichen. Denn dies ist das Geheimnis unserer Art, Gott zu begegnen: Je tiefer wir unser eigenes Wesen spüren, desto mehr werden wir merken, daß es keine Grenzen gibt; so wenig, wie es den Schwalben im Sommer genügen kann, nur zwischen den Häuserzeilen eines kleinen Dorfes hin- und herzufliegen, und so sehr sie spätestens in den ersten Septembertagen die Sehnsucht nach der grenzenlosen Weite der Meere und Gebirge überkommen wird, so wird uns die Sehnsucht zum Unendlichen ergreifen.“

Eugen Drewermann, Das Markusevangelium, II S. 291
zitiert nach: E. Drewermann, Worte für ein unentdecktes Land, Herder 1992, S. 101f.

Wusstest du, dass Gott sich immer mehr aus dieser Welt zurückzieht, weil es ihm dort zu laut geworden ist? Er hat nämlich sehr empfindliche Ohren. Schon wenn ich den Rasenmäher aus dem Schuppen hole, sieht er mich vorwurfsvoll an. „Habe ich dir das Gras nicht schön genug erschaffen, dass du es regelmäßig abschneidest?“.  Oder wenn ich mich in das Auto setze, was selten genug vorkommt, dann seufzt er diplomatisch: „Wozu habe ich dir zwei Füße gegeben? Ist dir mal aufgefallen, dass du langsam ein Bäuchlein ansetzt?“ („Recht hast du, Gott. Aber heute muss ich zwei Sack Zement kaufen.“ „Ach so.“). Über Flugzeuge allerdings braucht man mit ihm gar nicht erst zu diskutieren. Naja, in manchen Dingen ist er halt sehr resolut. Das darf er natürlich auch, er ist schließlich Gott.  Musik mag Gott schon, aber wenn rund um die Uhr das Radio dudelt, dann wird es ihm doch zu viel. So ähnlich ist es auch mit dem Reden. Austausch zwischen Menschen findet er gut. Geschwätzigkeit mag er weniger. Er mag es auch nicht, wenn Menschen brüllen. Klar, früher hat er das auch manchmal gemacht, wenn er sehr wütend war. Aber das hat er vor etwa 2000 Jahren dann doch aufgegeben. Damals hat man ihm sehr weh getan. Seit dem flüstert er nur noch, wenn er jemanden ruft.

Wenn Gott in dieser Welt unterwegs ist, dann gerne in kleinen Dorfkirchen, Moscheen, Synagogen und anderen Häusern, die man extra für ihn gebaut hat, wenn kaum jemand darin und es still ist. Er mag auch Zimmer, wo Menschen verstummen, um zu beten oder zu meditieren. Krypten findet er ganz klasse. Aber das alles sind mehr so eine Art Verstecke, Orte der Flucht für ihn. Denn am liebsten ist er dort, wo der Gesang seiner gefiederten Kinder nicht von Motorenlärm übertönt wird, er das Trappeln von Mäusefüßen im Moos des Waldbodens und das Brummen fliegender Käfer, das Atmen der Rehe und das leise Rauschen der Blätter noch hören kann. Aber solche Orte werden immer seltener. Und deswegen trifft man ihn in dieser Welt auch nicht mehr so oft ganz unvermittelt an.  

Sein Freund Rumi hat vor acht Jahrhunderten mal ein wunderschönes Gedicht geschrieben:

In dieser neuen Liebe stirb.

Dein Weg beginnt auf der anderen Seite.

Werde der Himmel.

Reiß‘ ein die Wände deines Gefängnisses.

Entkomme.

Gehe heraus wie jemand,

der unversehens in die Farben geboren wird.

Tue es jetzt.

Dichte Wolken verhüllen dich.

Gleite heraus.

Stirb, und sei still.

Stille ist das sicherste Zeichen,

dass du gestorben bist.

Dein altes Leben war eine rasende Flucht

vor der Stille.

Der stumme Vollmond

kommt nun hervor.

 

Dieses Sterben verschenkt Gott an jene Menschen, die ihm immer wieder den Gefallen der Stille tun. Es ist wunderschön, dieses Gestorbensein. So schön, dass man betet: Gott, lass mich bloß nicht wieder leben. (Da macht Gott allerdings nicht so richtig mit. Er wird seine Gründe dafür haben, die er aber nicht verrät. Schließlich ist er Gott; da muss er auch ein paar Geheimnisse behalten dürfen, selbst wenn manche Menschen damit nicht einverstanden zu sein scheinen.) Dieses Sterben ist eine Gnade. Eine große Gnade, an der wir mitwirken dürfen, wenn wir wollen. In der Arbeit an einer stilleren Welt. Innen wie außen. Und nicht nur in Zimmern und Gotteshäusern. Sondern auch in Gärten und Wäldern, auf den Straßen und in den Städten, in Büros und am Himmel. Wir müssen dafür gar nicht viel tun. Nur manches einfach lassen. Und plötzlich hören wir ein Flüstern…

Danke, Gott.

Nur der Kopf kennt Freiheit,
das Herz kennt sie nicht.

Nur der Kopf nennt Freiheit,
was des Herzens Schwäche ist.

Wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben, dann durchdringt diese Liebe jede Faser ihrer Körper und ihrer Seelen, beherrscht ihre Gedanken und ihre Gefühle, senkt unbändiges Verlangen und eine tiefe Sehnsucht nach dem Anderen in ihr Herz. Sie haben keine Wahl, keine Freiheit, dieses Verliebtsein und diese Liebe in ihren Herzen an- oder abzuschalten.

Nur gelegentlich scheint die Liebe nicht stark genug, das Herz zu schwach, um sich gegen den manchmal überhand gewinnenden Willen des Egos durchzusetzen. Der Verstand wähnt sich frei, beginnt Ansprüche zu stellen und Ungehaltenheit zuzulassen. Doch nach diesen flüchtigen Momenten, in denen das Ego sich aufbläht und die Liebe zudeckt, kehrt leise der Klang deines Herzschlags zurück, wie ein Trommler, der beharrlich den Rhythmus deines wahren Seins schlägt, wie laut du dich dagegen auch manchmal wehren magst. Dann erkennst du den Schaden, und bereust. Du hast dir selbst eine Wunde zugefügt, indem du dich auflehntest, die Liebe und den Geliebten verleugnetest, Schaden in Kauf nahmst um eines flüchtigen Vorteils willen zugunsten deines Egos. Doch jede Wunde am Anderen ist auch deine Wunde. Denn in der Liebe beginnen sich die Grenzen zwischen Ich und Du und Wir aufzulösen. Nein, eine wirkliche Wahl, eine Freiheit hast du nicht, dich für oder gegen diese Liebe zu entscheiden. Immer, wenn du dich gegen sie entscheidest, wird es auch dir am Ende schlecht gehen.

So ist es auch mit der Liebe Gottes, die in manchen Momenten eines Menschen Herz weit aufreißen kann und sich dauerhaft manifestiert in der Liebe jenes Menschen zu Gott, in seinem unbändigen Verlangen und der tiefen Sehnsucht nach dem Geliebten. Auch, wenn das Herz immer wieder schwach sein wird, das Ego sich aufbläht und die Liebe zudeckt.

Ein von Gott berührtes Herz
wird niemals mehr ein freies sein.

Das ist Dienerschaft Gottes. Nicht aus Zwang, nicht aus religiösem Gesetz oder Gebot, nicht aus freiem Willen. Sondern aus Liebe.

In seinem Buch „Gott – nicht zu glauben“ (Verlag Herder, 1987) schreibt Phil Bosmans von einem Freund:

Er konnte noch genau den Tag sagen und die Stunde und die Straße, in der Gott ihn überfallen hat. Überfallen – ja! Es kam so unerwartet. Eine unerklärliche Freude. Fliehen wollte er, aber er konnte nicht weg. Er stand am Boden wie festgenagelt. „Ich werd‘ verrückt“, dachte er. Sein ganzes Wesen schrie es heraus: Gott existiert! Er sträubte sich: Nein, nein, nein. Das geht nicht. Aber es ließ ihn nicht mehr los.

Gott existiert!

Aber Gott war doch Opium. Seine Eltern waren überzeugte Marxisten, und das saß auch bei ihm in Mark und Bein. Die Briefe seiner Brautzeit waren immer sehr lang gewesen, um seine Verlobte zu überzeugen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie sie es zusammen aushalten sollten, wenn sie in diesem Punkt nicht einer Meinung wären.

Und nun stand er da, am hellichten Tag, auf einer der vielen Straßen der Großstadt – konfrontiert mit Gott. Ein fremdes Gefühl, und eine Sicherheit, die er nicht erklären konnte. Wochenlang hat er mit sich gerungen und seiner Frau nichts davon sagen können, bis er es an einem Abend nicht mehr aushielt. Im Halbdunkel auf einen Stuhl gelehnt, sagte er: „Anni, ich glaube. Gott existiert!“ Er erwartete Widerstand, Streit, Probleme, aber es wurde eine stille Umarmung. Seine Frau konnte vor Tränen nichts sagen. Wieder kam eine unglaubliche Freude über ihn. Er fühlte, daß alles gut war, so gut wie nie zuvor. „Schon seit einer Weile gehe ich heimlich in eine Kirche“, sagte sie, „aber ich schwieg darüber, um dir nicht weh zu tun.“

Am Sonntag darauf gingen sie beide. In der Kirche waren ein paar Leute. Als sie kamen, las gerade jemand aus einem dicken Buch hinter einem Pult: „Wandelt als Kinder des Lichts“, und schaute zu den Angekommenen auf. „Ich hätte tanzen können“, erzählte er mir später, „solche nie erlebte Begeisterung erfüllte mich. Wir sind singend nach Hause gegangen, und mit einem dicken Stift habe ich im Kinderzimmer, im Wohnzimmer und in der Küche mit Großbuchstaben an die Wand geschrieben:

„Wandelt als Kinder des Lichts! „

Was war da geschehen? Ein Marxist erhält mitten auf einer Großstadtstraße einen Schlag, und innerlich schreit alles in ihm: Gott existiert! Aber er hat da doch kein seltsames Wesen auf der Straße gesehen. Auch keine Stimme von oben gehört. Was war das also?

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Ich bin eine Stimme die leise ruft,
von Uranfang bin ich im Schweigen,
das alle umfängt.
Es ist die verborgene Stimme, die in mir ist,
sie ist im unerreichbaren unmessbaren Denken,
im unermesslichen Schweigen.

Aus: Die Dreigestaltige Protennoia, Nag Hammadi Codex

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