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Foto: Stefan Kraus 2016

Herr, mein Herz ist nicht stolz, nicht hochmütig blicken meine Augen.
Ich gehe nicht um mit Dingen, die mir zu wunderbar und zu hoch sind.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still;
wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.

Harre auf den Herrn von nun an bis in Ewigkeit!

Psalm 131, Der Frieden in Gott

150054
 
Wenn die Frage nach Gott kein Ende findet, ist sie dann vielleicht sich selbst bereits Antwort?

Aus meinem tiefsten Innern wende ich mich dir zu.
Vernimmst du den Gesang meiner Seele,
bemerkst du mein Sehnen?
Du löst mein Tun,
schenkst liebend Stille.
Ich hoffe auf deinen Kuss,
vertrauend in meinem Warten,
wie die Nacht vertaut
auf den kommenden Kuss der Morgensonne.
Deine Nähe ist Frieden,
deine Berührung ist Liebe.
In dir werde ich still.

Nach Psalm 130

 

Ich bin Mystiker,
und kein Fürwahrhalter.

Mein Glaube ist vor allem ein Vertrauen
in die erfahrbare liebende Mitte des Menschen,
die ich Gott im Menschen nenne,

und die Vision einer zärtlicheren Welt.

 

(Notizbucheintrag)

 

 

Holzschnitt: Stefan Kraus © 1992

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Einst kam ein Diener im Gewand Gottes
zur Priesterin und sprach:
„Bring mir einen Stern,
einen Stern von meinem Himmel!“

Doch die Priesterin vermochte dies nicht.

Da brachte der Diener im Gewand Gottes
der Priesterin einen Stern,
einen Stern von seinem Himmel,
worauf die Priesterin Gott pries.

.

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***
Kleine Blogpause.

Es gibt Menschen, die eine grundlegend fröhliche und leichte Lebenshaltung selbst dann bewahren, wenn sie von Schicksalsschlägen nicht verschont bleiben und dabei einer hinreichenden Sensibilität nicht entbehren. Doch Religion und Spiritualität ist hierfür nicht ihre Basis, und sie wollen damit auch nichts zu tun haben.
 Mich beschleicht immer wieder ein ungutes Gefühl, wenn einige Anhänger einer Religion oder eines spirituellen Konzeptes – manchmal als selbsternannte Virtuosen der Weisheit – ihre Mission als eine ultimative Heils- und Glücksgarantie verkaufen und dabei das Ereichen des Zieles nicht selten (nur) an die aufgebrachte Leistung* anbinden, so dass manch einer, bei dem sich Heil und Glück trotz des Verfolgens dieser Wege einfach nicht einstellen wollen, in spirituelle Minderwertigkeitskomplexe oder religiöse Selbstbewusstlosigkeit verfallen mag.
 Doch dieser „Misserfolg“ liegt in der Regel weder an der jeweiligen Religion oder an dem spirituellen Konzept und den ihnen eigenen Wegen, noch an einem „Versagen“ in der Bewältigung der darin gestellten Anforderungen.
 Menschen sind unterschiedlich in ihrer Veranlagung, ihrer Prägung, in ihrer Biografie und in ihren Mitteln. Das sind die Landschaften, in denen sich ihre Religiosität und Spiritualität bewegt: Die kargen Wüsten, die arktischen Weiten, die hohen Bergketten, oder auch die üppig reichen Ebenen. Religion und Spiritualität beginnen nicht davor, sondern sind die Muskeln des Körpers, der sie dort hindurch trägt, und der Motor des Fahrzeugs, das sie dort ein wenig schützt und weiter bringt.

 Wer einen tiefen Schmerz in seiner Seele trägt, und ihn einfach nicht los wird, der glaube nicht, dass er spirituell etwas falsch mache. Oder wie der Christ sagen würde: Umarme das Kreuz, das dir gegeben wurde.

Eines Tages sagte eine Auster zu einer zweiten Auster neben ihr: »Ich trage einen großen Schmerz in mir. Er ist schwer und rund, und ich bin in Not.«
 Und die andere Auster antwortete selbstgefällig und überheblich: »Dem Himmel und dem Meer sei Dank, ich trage keinen Schmerz in mir. Ich bin wohlauf und unversehrt, von innen wie von außen.«
 Im selben Moment kam eine Krabbe vorbei, hörte die beiden Austern und sagte zu der, die von innen wie von außen wohlauf und unversehrt war: »Ja, du bist wohlauf und unversehrt. Aber der Schmerz, den deine Nachbarin erduldet, ist eine Perle von berauschender Schönheit.«

Khalil Gibran: Die Perle, aus: Der Wanderer; Anaconda Verlag, Köln 2010, S. 186

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*Leistung kann dabei auch ‚Passive Leistung‘ meinen. So gibt es ja durchaus z.B. auch spirituelle Konzepte, die auf der ‚Leistung‘ basieren, lediglich erkennen zu lernen, dass eben nichts zu tun sei.

Vielleicht erreiche ich Gott nie wirklich, und Gott nie wirklich mich , weil ich nicht bereit bin, mir einzugestehen, dass alle meine Motive, in denen ich Gottes Wirken zu vernehmen meine, meine Motive Gutes zu tun, meine Motive zu beten, meine Motive zu meditieren, meine Motive zu vezeihen, meine Motive zu lieben, ja, dass alle meine heiligen Motive nichts als eine einzige große Lüge sind. Vielleicht muss ich erst erkennen, dass der wahre Antrieb hinter meinen Motiven eben nicht mit meinen Motiven übereinstimmt. Vielleicht muss ich erst zutiefst erschrecken, daran scheitern, ja regelrecht zerbrechen an dem Anblick des von meinen Motiven entkleideten, nackten Antriebes, der letztlich nur ich selbst bin, mein Lebens- und Überlebenswille, und der mir selbst und meinem Dasein zumindest einen kleinen Rest an Wert beimessen und um jeden Preis erhalten will, der aber doch kein Wert ist, sondern nur ein Bild eines Wertes, geformt in den Augen anderer und so meiner selbst. Vielleicht muss ich diesen letzten „Wert“, den ich mir selbst beimessen zu dürfen glaubte, fallen lassen, bis ich wirklich am tiefsten Grunde meiner Seele erschütternd arm bin, arm vor Gott, und arm an Gott, Gott verlassend und gottverlassen.

Vielleicht muss ich erst einmal fallen, diesmal ohne Netz, und bodenlos, damit Gott, so er will, mich auffangen und halten kann.

Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter meinem Dach. Kein „aber“. Tu, was du willst.

 

Nicht länger in Stolz verfallen will ich,

sondern annehmen meine Kleinheit,

die ich erkannt habe

im Scheitern an den großen Dingen,

sie zu verstehen,

und zu vergesetzlichen.

Frieden finde ich nun endlich,

berühre meinen Seelengrund,

wie das Schweigen den Abend,

wie die Mutter ihr Kind.

Von nun an möge mein Leben

das stille Vertrauen wählen.

 

nach Psalm 131

 

 .
 .

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

 .
Aus dem Gedicht „Welkes Blatt“
von Hermann Hesse

Engel (bzw. engelsähnliche Wesen) kommen in vielen Kulturen und Religionen der ganzen Welt vor, und erfreuen sich seit einiger Zeit – insbesondere in Deutschland – einer Art Renaissance. An vielen Autorückspiegeln hängen kleine Schutzengelchen, und das  „Channeling“ erfreut sich großer Beliebtheit.

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen und Arten, an Engel zu glauben. Für die einen sind es verstorbene Angehörige, die sie begleiten und beschützen, für die anderen sind es Zwischenwesen, usw.

Dabei ergeben sich manche Sonderbarkeiten, wie das „Mathematische Paradoxon“: Einer Umfrage zufolge glaubt in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung an Schutzengel, aber nur etwa ein Drittel, dass es Engel überhaupt gibt (Gehirn & Geist, 4/2005); oder wie das „Evolutionsbiologische Problem“ (siehe hier).

Eine mich besonders ansprechende Weise an Engel zu glauben, ist für mich die der Poesie, und die der Tiefenpsychologie, wie sie z.B. bei Drewermann zu finden ist:

„Einzig im Raum einer solchen „sakramentalen“ Weltsicht vermag ein Vertrauen zu wachsen, in dem ein Engel uns erscheinen kann. Die Frage ist ja nicht, „woher“ der Engel Gabriel literaturhistorisch zur Jungfrau Maria kam, die Frage ist, wie überhaupt ein Engel Worte zu uns sagen kann, die auf den Feldern unseres Lebens Wunder wachsen lassen. Alles, was der Seele eines Menschen Flügel verleiht, alles, was ihn durchströmt mit dem Licht des Himmels, schafft eine Sphäre, in der Engel zu uns reden. Doch eben diese Welt im Innenraum der Seele ist es, von der die Mythen wesentlich sprechen, und man versteht, daß wir so lange nicht an derartige Chiffren glauben können, als uns der Mythos noch als etwas „Heidnisches“, (in Christus womöglich) „Überwundenes“ zu gelten hat. In Wahrheit ist die Erscheinung des Engels eine Möglichkeit, die in jedem Menschen liegt, und stets sind es solche Phasen des Lebens in der Stille von „Nazareth“, sind es die Zeiten, in denen wir uns selber nicht mehr entlaufen und vermeiden können, da der Engel Gottes uns gesandt wird.
Gleichwohl zählt eine solche Erfahrung inmitten der Stille zu den aufwühlendsten Erlebnissen, deren wir fähig sind. In der berühmten ersten Duineser Elegie sagt Rainer Maria Rilke wohl sehr richtig von dem „Schönen“, es sei „nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“ In der Tat ergeht es uns so gerade angesichts der Schönheit unseres „Engels“. Tiefenpsychologisch wird man in der Vision des Engelsbildes gewiß ein Abbild unseres eigenen Wesens erblicken dürfen, eine Verkörperung der Gestalt, in der wir selber uns begegnen auf dem Wege der Reifung und Vollendung, und immer wird der erste Anblick dessen, wozu wir eigentlich berufen sind, wie etwas Vernichtendes in die Dämmerung unseres Lebens treten; denn selten wagen wir, an die Größe und Würde unseres eigentlichen Seins wirklich zu glauben, und es trifft uns stets wie etwas Unfaßliches, wie etwas alle Fassung Sprengendes, wenn der Schleier vor unseren Augen zerreißt und wir in unendlichem Abstand und zugleich in unausweichlicher Nähe zu uns selbst dem Urbild unserer eigentlichen Berufung gegenübertreten. Stets wird das Wort eines „Engels“ daher lauten müssen wie bei der Anrede in Nazareth: „Fürchte Dich nicht, Miriam“ (Lk 2, 30).“

Eugen Drewermann: Dein Name ist wie der Geschmack des Lebens, Herder Spektrum, Freiburg 1986/1992, S. 48f.

Gottes großes Hobby: Modellbau

Von der Relativitätstheorie bis zur dunklen Materie, Quantenphysik und M-Theorie, von Hoimar v. Ditfurths ersten Andeutungen über die „Modellhaftigkeit“ unserer Kognition bis hin zu Metzingers „Ego-Tunnel“: Es scheint, als wären wir nichts anderes als Modelle unserer selbst, in einem Modell von etwas, das wir letztlich prinzipiell nicht kennen können und doch „objektive Wirklichkeit“ nennen. Als Blinde ertasten wir ein paar Quadratzentimeter eines gigantischen Berges und halten dann das nur in unserem Kopf von diesem Berg entstehende Bild für die umfassende Wirklichkeit. Dabei haben wir nur etwas Schnee von der Oberfläche des Felsens berührt, Schnee, den der Wind schon morgen fortpustet, so dass wir an der selben Stelle plötzlich etwas ganz anderes ertasten, um uns ein verändertes, ein „korrigiertes“ Bild machen. Ja, es ist anzunehmen, dass wir tatsächlich diesen Berg, eine Wirklichkeit berühren (sonst gäbe es uns vermutlich nicht), doch spricht derzeit alles dafür, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt des Existenten irgendwie erfahren oder erdenken können; und das in einer Weise, die womöglich nur wenig damit zu tun, wie es tatsächlich ist. Putzigerweise gilt das vermutlich ähnlich auch für uns selbst: Unser „Ich“, unsere Selbstwahrnehmung, unsere Fremdwahrnehmung – alles nur Konstrukte, Modelle, ….

Klarer als klar ist heute, wie richtig das (verfälschend verkürzte) Zitat ist, das Platon Sokrates in den Mund legt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wissen, um das mal so schonungslos konsequent wie vereinfachend zu sagen, Wissen: das ist letztlich nichts anderes als Korrektur und Verbesserung des Funktionierens von Modellen. Modelle basteln an ihren Modellen: Das ist Wissenschaft. Immer, wenn wir sagen „wir wissen“, dann drückt dies lediglich eine prinzipiell wiederholbare, prüfbare Stimmigkeit innerhalb eines Bezugssystems aus. Ein „echtes“ Wissen über die „objektive Wirklichkeit“ außerhalb dieses Bezugssystems, außerhalb allen Menschseins, kann es nicht geben, denn der Mensch kann nie aus seinen evolutiv entstandenen Modellen und aus seinen menschlichen Beschreibungssystemen, wie z.B. der Naturwissenschaft, heraustreten (er kann sie lediglich erweitern, wie z.B. durch die Mathematik); und wenn er mal aus einem menschlichen Bezugssystem heraustritt, tritt er gleichzeitig in ein anderes ein.

Was damit anfangen?

Diese von der breiten Öffentlichkeit (und übrigens auch von vielen Natur- und Geisteswissenschaftlern) fast nicht wahrgenommene Sensation in der Geschichte menschlicher Erkenntnis muss nicht beunruhigen. Im Gegenteil: Diese Schwerkraftlosigkeit kann als höchst beruhigend und entspannend empfunden werden. Schon deshalb, weil Stress und Streit um jegliche „Wahrheitssuche“ damit schließlich deutlich abnehmen könnten. Was geht denn schon verloren, außer vielleicht ein paar Weltbildern?

Die eigentlich spannende Frage lautet: Was kann man nun mit dieser Erkenntnis anfangen?

Diese Fragestellung soll hier natürlich bezogen sein auf Religion und Spiritualität bzw. Theologie und spirituelle Philosophie, denn das ist ja (u.a.) das Thema dieses Blogs. Und an dieser Stelle muss ich persönlich werden. Denn schließlich bleibt es jedem unbenommen, was er denken und glauben möchte. Alles Folgende bitte ich daher nicht als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigkeit aufzufassen.

Was also kann ich mit der Erkenntnis anfangen, dass wir uns zwangsläufig immer nur in beschränkten Modellen der Wirklichkeit bewegen, nichts Letzliches („Objektives“) über eine „objektive Wirklichkeit“ aussagen können und irgendwie auch selbst nur Modelle unserer selbst sind?

Dazu frage ich mich zunächst, was ich damit nicht anfangen kann.

Nun, ich kann damit jedenfalls nicht einen Himmel, eine Erde und eine Hölle als objektive Wirklichkeit postulieren, nicht ein objektives Diesseits und Jenseits, nicht einen Gott, der als zweibeiniges, unterleibloses, oder gasförmiges Wesen irgendwo im oder außerhalb des Kosmos sitzt oder schwebt, nicht eine göttliche Macht, die über eine Ohnmacht herrscht, nicht einen Geist, der sich ehrlicherweise wahrnehmbar nirgends finden lässt außer im eigenen Kopf oder als Ausdruck anderer Köpfe.

Was kann Gott dann noch sein?

Was aber kann das dann sein, was man Gott nennen könnte? Alles, was ist? In gewisser Hinsicht: Ja. So gesehen könnte man sagen, es gibt zwei Gott (das ist kein Schreibfehler). Wenn Gott alles ist, was ist, also sozusagen und in diesem Sinne die „objektive Wirklichkeit“, dann können wir über Gott wieder nichts (Letztliches, „Objektives“) sagen, weil wir über die „objektive Wirklichkeit“ nichts Letztliches („Objektives“) sagen können. Gott, d.h. den Gottesbegriff, so zu beschränken, macht nicht wirklich Sinn (wobei stets mitzudenken ist, dass auch Sinn rein menschlich ist, es Sinn außerhalb des Menschen nicht gibt). Einen solchen Gott könnte man auch Klaus-Bärbel oder Fahrradklingel nennen. Oder es besser ganz lassen, dazu etwas denken, ausssagen und glauben zu wollen.

Das andere des zwei Gott (das ist immer noch kein Schreibfehler) ist etwas, was ich in diesem Blog bereits mehrfach andeutete: Gott existiert nur vom Menschen her (was nicht meint, er existiere nur auf den Menschen hin). Gott ist Qualia.

Die Qualia-Rede von Gott

An dieser Stelle soll weder in den philosophischen Qualia-Diskurs eingestiegen werden, noch soll in dieser Aussage eine Reduktion Gottes auf eine Quale oder Quasi-Quale erblickt werden. Nein, es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie ich von Gott überhaupt reden kann, als Gläubiger, als Religiöser, als Spiritueller, als Mystiker. Es gibt eine Qualia, die sich nur mit dem Wort „Gott“ benennen lässt, so wie sich das Erleben der Farbe Rot nur mit dem Wort „Rot“ benennen lässt. Und so, wie man (vor dem Hintergrund der obigen Darlegungen) eben nicht von „Rot“ als etwas „objektiv Objektivem“ reden kann (auch wenn es im Bezugssystem Naturwissenschaft ein Korrelat in elektromagnetischer Strahlung bestimmter Wellenlänge hat), so kann man auch von Gott nicht als etwas „objektiv Objektivem“ sprechen. Aber so wie fast jeder Rot als Rot erkennt, so wie eine Kommunikation über Rot möglich ist, so wie Rot (als Qualia) existent ist, so lässt sich auch über Gott sprechen durch jeden, der diese Qualia kennt (und entsprechendes gilt auch hinsichtlich des Ursprungs der „Offenbarungen“, die natürlich nicht das Diktat eines metaphysischen Chefs an seine prophetischen Sekretäre sind). Ob man darin nun eine unmittelbare Übertragung oder eine Analogie erblickt, mag der Leserin oder dem Leser selbst überlassen bleiben. Das ist zum einen wieder eine Glaubensfrage, und zum anderen relativ unwichtig.

Sinn und Wahrheit

Modelle können Abbilder von Wirklichkeiten sein, oder „nur“ Funktionalitäten der Wirklichkeiten abbilden. Was unsere Sinneswahrnehmung und deren Verarbeitung im Gehirn betrifft, bilden sie nicht die Wirklichkeit ab, sondern Funktionalitäten der Wirklichkeit.

Ein Beispiel:

Was wir sehen, existiert nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es sehen. Das „biologische Sehen“, wie es z.B. der Mensch vermag, ist nichts anderes als die Umwandlung eines kleinen Ausschnitt des Spektrums elektromagnetischer Wellen im Gehirn in ein „optisches“ (beschränktes) Modell von „Wirklichkeit“. Da draußen, außerhalb unserer Gehirne, gibt es kein Licht. Und keine Bilder. Da ist lediglich ein Chaos elektromagnetischer Wellen. Die Welt, der Kosmos hat kein Aussehen. Bilder entstehen ausschließlich in unseren Köpfen.

(Und das, was wir als elektromagnetische Wellen physikalisch messen können, verstehen wir wiederum nur auf unsere Art, ist möglicherweise wiederum nur eine „Umwandlung“ von etwas anderem, oder ein Ausschnitt, oder ein Missverständnis. Auch unsere Messungen, die Wissenschaften, unsere Messgeräte usw. bewegen sich ausschließlich in den Bezugssystemen, die uns die Evolution mitgegeben hat bzw. die wir mit geistigen Mitteln fortentwickeln.)

Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott (Qualia Gott) ist auch ein Modell. Ob Abbild von Wirklichkeit oder „nur“ Funktionalität – das ist doch eigentlich nicht so wichtig. Genauso wie – im Hinblick auf Qualia – es nicht wichtig ist, ob es ein Korrelat in einem anderen menschlichen Bezugssystem von Messbarkeiten, wie z.B. in der Physik hat. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Modell (auch wenn man es zum Schlechten missbrauchen kann).

Nun könnte man einwenden, der Gottesbegriff sei doch dann möglicherweise verzichtbar. Sicherlich wäre er das. So wie der Begriff „Rot“ verzichtbar wäre, oder man „rot“ künftig auch „blau“ nennen könnte. Die „Qualia Gott“ ist nunmal etwas Eigenes (s. dazu z.B. hier: Gott – nicht zu glauben).

Das also kann ich mit der eingangs angesprochenen Erkenntnis anfangen: Demütig anerkennen, dass ich nichts weiß über Gott, nichts wissen kann, nur eine „Qualia Gottes“ kenne und auch nur so davon reden kann. Der Glaube an Gott aus der Erfahrung von Gott – das ist kein Fürwahrhalten einer  (erdachten) „objektiven Wirklichkeit Gott“ außerhalb des Menschen. Sie ist möglich, diese „objektive Wirklichkeit“. Aber Sinn für mein Leben gibt mir ein Glaube (optional: allein) daran letztlich nicht. Das tut nur das, was von den ‚zwei Gott‘ Qualia ist. Und nur in der Qualia-Rede von Gott  kann ich eigentlich von „Wahrheiten“ sprechen, von der Existenz Gottes, und sinnvoll vom Glauben an Gott.

So faszinierend für mich der philosophische Diskurs über das Qualia-Problem auch sein mag: Er ändert nichts daran, dass ich eine Blume schön finde. Und am Ende ist es das, was zählt, wenn ich eine Blume sehe. Das ist eine Wahrheit. Aber nur in der Qualia-Rede.


Anmerkungen:

1. Eigentlich hatte ich mir ja seinerzeit vorgenommen, mich zu vereinfachen. Doch ein Artikel von Tom gab den Anstoß, meine Intuition zu diesem Thema nun doch einmal zu formulieren. Diese Leichtsinnigkeit ändert nichts daran, dass ich nach wie vor nur ein kleines, dummes Menschlein bin.

2. Mir fehlt leider momentan und demnächst die Zeit, diesen halb zwischen Tür und Angel geschriebenen Beitrag noch zu schleifen. Stilistische und inhaltliche Schieflagen möge man mir vorwerfen.

3. Manches hätte ich noch näher ausführen wollen. Aber der Artikel ist eh schon zu lang. Man sehe es mir nach. (Und im Übrigen s.a. 2.)

4. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl bei solchen Texten. Sie dennoch ab und zu zu schreiben (s.a. 1.), ist wie ein Zwang. Das nennt man wohl Neurose.

5. Genug der Ketzerei. Ab morgen bin ich wieder brav. (Aber vielleicht ist morgen ja alles ganz anders…)

6. Das Reich Gottes ist in euch.

7. siehe 6.

Auch wenn es schon etwa zweieinhalb Jahrzehnte her ist, erinnere ich mich noch sehr gut daran. Einmal im Monat kam ein Pater zu uns in die Diaspora, um als Gast die Messe zu lesen. Er war ein bereits älterer Herr mit schneeweißem Haar, der immer seine Gitarre dabei hatte; so, als hätte er etwas gegen Orgelmusik.

In jener Messe erzählte er von seiner Bekannten in der Großstadt. Sie war eine ehemalige Prostituierte, die ihr Leben der Hilfe und dem Beistand für andere Prostituierte gewidmet hatte. Dabei ging es nicht darum, ob sie aus einem Glauben heraus wirkte, sondern allein um ihr Tun. Von ihr zu berichten war ihm so wichtig, dass er anschließend – um den Zeitrahmen nach der längeren „Predigt“ noch einigermaßen einzuhalten – einige Messrituale wegfallen ließ, und andere mit kurzen, halb eigenen Worten zelebrierte.

Unumwunden nannte der römisch-katholische Pater mit einer Festigkeit, die keinen Zweifel zuließ, diese ehemalige Prostituierte eine Heilige.

Wer weiß, vielleicht war es ja jene Messe, in der ich das erste Mal wirklich begriff, dass Gott sich auch, und nicht selten gerade dort zeigt, wo man ihn gar nicht in der Rede führt, wo er gar keine Rolle zu spielen scheint. Dort, wo Menschen einfach zupacken, um Leben so zu ermöglich, wie es sein soll. Dort, wo Menschen tatkräftig helfen, wo sie Not lindern, wo sie Kraft und Vertrauen schenken.

Das, was in der Seele über die Seele hinausweist, hängt nicht davon ab, dass man es in einen spirituellen oder religiösen Kontext bettet. Es muss keine Rolle spielen, wie man ein Für einander da sein erklärt, ob die Wissenschaften es nun in evolutionsbiologischen Altruismus-Konzepten unterbringen, oder ob Gläubige es mit dem Wirken Gottes begründen. Das alles hat seine Berechtigung und seine Wichtigkeit. Seine wesentliche Bedeutung aber hat es dadurch, dass es existent ist.

Wir sind keine abgeschotteten Entitäten, die allenfalls mal in latent egositischer Motivation anderen Lebewesen oder der Welt etwas Gutes tun. Liebe existiert. Im nüchternen und von Emotionalität befreiten Begriff der Kooperation scheint sie – bei allen Widrigkeiten – den ganzen Kosmos zu durchwirken, vom Urknall an, vom ersten Zusammenschluss und – wirken der ersten und kleinsten Teilchen bis zu den uns bekannten komplexesten Organismen mit Geistbefähigung. „Gott ist die Liebe“ sagen manchmal die Christen. Das, wonach die Naturwissenschaften innerhalb ihres Betrachtungssystems suchen, die TOE, die Theory Of Everything, hat die Mystik auf ihre Weise längst gefunden. Aber das geht über die physikalische Welt hinaus, die ihr auch „nur eine Erscheinung des einen Ganzen“ ist. Das Moment der Seele ist darin so etwas wie ein Bild, ein Bild des Unsagbaren, in dem erkannt ist, wie die oder der Einzelne mit allem verwoben ist.

Religiöser oder spiritueller Glaube bedeutet weniger ein „Glauben dass“, sondern vor allem ein „Glauben an“. Glauben bedeutet wesentlich Vertrauen. Ein Vertrauen darauf, dass ich in diesem unvorstellbaren Kosmos meinen gewollten und unverzichtbaren Platz habe, untrennbar verwoben mit dem großen, einen Ganzen. Ein Vertrauen darauf, dass „in diesem großen Rahmen“ das alles seine Richtigkeit hat: Das, was mir geschenkt wird, das, was ich erdulden muss, mein Dasein und mein Ende. Aber auch ein Vertrauen darauf, dass das Drängen menschlicher Seelen nach einem Für einander da sein und Gutes zu tun einen Hintergrund hat. Und selbst wenn dieser Glaube, dieses Vertrauen fehlt, ist oft im Tun der Menschen immer noch etwas zu erkennen, was über sie selbst hinausreicht, was in ihren Seelen über ihre Seelen hinausweist. Diese Transzendenz kann man Wirken Gottes nennen. Man muss es aber nicht. Denn so oder so: Es existiert.

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