„Jesus: Was heilig ist, das gebt nicht den Hunden, damit sie es nicht in den Dreck ziehen! Werft keine Perlen vor die Schweine, die nichts daraus machen!“
EvTh 93

Menschen, die nichts, oder nicht viel von Gott verstehen, respektive nicht an Gott glauben, neigen manchmal – bewusst oder unbewusst – zu der Ansicht, gläubige, religiöse und/oder spirituelle Menschen müssten doch per se bessere, „heilige“, völlig selbst- und fehlerlose Personen ohne eigene Bedürfnisse, ohne Grenzen und Abgrenzungen, ohne Schwachstellen sein. Selbst wenn ihnen ihr Verstand sagt, dass dies natürlich nicht so ist, entstehen dennoch im Erfahren menschlicher Realitäten, auch mit all ihren aufbrechenden Abgründen, gegenüber Gottsuchern und Gottnahen Vorurteile und Verurteilungen.

Wenn ihnen nicht zutiefst klar ist, dass auch der gläubige Mensch, genauso wie sie selbst, um psychische Integrität, um Ethik und Moral, um soziale Gesundheit und ein „anständiges Leben“ ringen und kämpfen müssen, entsteht schnell ein Graben zwischen ihnen und den „Anderen“, den Gläubigen, den Gottsuchern und Gottnahen. Wie leicht drängt sich der Vorwurf der Heuchelei auf, wenn der „doch angeblich an Gott angebundene Mensch“ vor sich selbst oder vor anderen scheitert, nicht gesund ist, oder auf seinen Grenzen besteht, die ihm einen Raum der Heilung gewähren sollen.[1]

„Du bist bereits ein Kind Gottes und mit allem ausgestattet, was du brauchst, um mit dem Göttlichen mitzuschwingen. Das bedeutet keineswegs,dass du moralisch oder psychisch vollkommen bist. Ganz und gar nicht.“

Richard Rohr: Pure Präsenz – Sehen lernen wie die Mystiker; Claudius Verlag München 2010/2012, S. 122

Insbesondere zwischen Menschen, die sich nahe sind, kann ein solcher Graben ein – manchmal gewaltiges – Problem darstellen. Schließlich ist für den Gläubigen sein Glaube mehr als nur eine Zutat zum Leben, die man auch weglassen könnte. Seine Gottanbindung ist seine existenziell erlebte Rückbindung (Religio), und der „rote Faden“ seines Lebens.

„Sie [Spiritualität, d.V.] bindet an und befähigt zur Verbindlichkeit, im Unterschied zur Beliebigkeit. Spiritualität ist also mehr als Bewusstseinserweiterung. Was aber macht dieses ›Mehr‹ aus? Spiritualität ist Erfahrung und hat mit dem zu tun, was die Sprachen der monotheistischen Religionen als Gott bezeichnen: Gott ist hier nicht der Name für ein überirdisches, fernes Wesen, sondern für das absolut unfassbare Ganze mit der ihm innewohnenden Dynamik. (…) Mystik fasziniert und lässt erschaudern. Sie verweist auf die Grenze des überhaupt Erfahrbaren, auf jenen heiligen Ort, wo Gott nicht mehr nur mittelbar, sondern unmittelbar (…) erfahren wird. Ohne Anschluss an diese innere Erfahrung besteht in der menschlichen Seele eine existenzielle Not.“[2]

Monika Renz: Der Mystiker aus Nazaret; Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau 2013/2014, S. 37 f.

Unterschiedlicher Meinung (oder unterschiedlichen Glaubens) zu sein ist dabei nicht das Problem. Jedenfalls sollte es das nicht sein. Die Schwierigkeit besteht vielmehr in nicht erfüllten Erwartungen – und manchmal auch in Eifersucht (auf Gott oder den Glauben). Und sie wird sich irgendwann Bahn brechen.

„Alles, was du sagst, kann und wird gegen dich verwendet werden.“

Erfahrung der Männer aus Diskussionen mit Frauen

Was also kann getan werden, um diesen Graben zu überbrücken oder ihn gar nicht erst aufbrechen zu lassen? Sollte man besser schweigen, die „Perlen“ seiner Innerlichkeit, das, was einem heilig ist, nicht zeigen und teilen, um nicht am Ende „zerrissen“ zu werden?

„Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.“

Mt 7,6

Es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass Jesu Ratschlag in diesem Zitat selbstverständlich nicht bedeutet, seinen Glauben, seine Religiösität und Spiritualität zu verleugnen, oder sich nicht zu bekennen, wenn es darauf ankommt. Und es ist schwer vorstellbar, dass er, der Geradeaus-Mensch, ein Taktieren, eine vermeintliche Weisheit, im Sinn gehabt hat.

Jesu ganzes Leben und Wirken scheint im Widerspruch zu dieser seiner eigenen Aussage zu stehen. War es vielleicht Fürsorge um seine Anhänger, die er sich selbst nicht zugestand? Oder eine momentane Hilflosigkeit im Zorn angesichts einer aussichtslosen Diskussion? [3] Daran darf man wohl zu Recht zweifeln.

„Geduld, wenn mich falsche Zungen stechen.“

J.S. Bach, Matthäus-Passion

Noch problematischer wird es, wenn man selbst meint, man müsse doch aufgrund seiner Gottanbindung automatisch ein besserer Mensch sein. Denn dann versteht man sich selbst nicht richtig, kann sich schon von daher nicht selbst wirklich verzeihen – und damit auch nicht anderen. Man „sticht sich selbst mit falschen Zungen“, belügt sich selbst, – und damit auch andere.

Mensch sein: Das bedeutet immer auch Geduld zu haben, sich immer wieder auf’s Neue um Geduld zu bemühen; um Geduld mit anderen, und mit sich selbst. Geduld und Gnade gehören in gewisser Weise zusammen. Gnade ist ein geschenkhaftes Zuwenden, um das wir bitten, auf das wir hoffen dürfen. Geduldig. Duldend. Vielleicht auch erduldend.

_________________
[1] Der Unterschied zwischen Heuchelei – die Jesus selbst oft genug beschimpft – und menschlicher Schwäche oder menschlichem Scheitern liegt eben darin, dass die Heuchelei methodisch zur Vorteils- oder Ansehenserlangung erfolgt.

[2] Diese existenzielle Not wird indes oft erst bewusst, wenn die Erfahrung gemacht wurde. Die „Leerstelle“ (Begriff: Renz, a.a.O.) im Menschen arbeitet bis dahin meist verborgen, im Untergrund des Unbewussten.

[3] Im Kapitel 7 des Matthäus-Evangeliums scheint Jesus ja desöfteren ziemlich wütend zu sein.