„Wenn Sie nun vom Selbst sprechen, ist damit das gemeint, was mit dem ,Grund‘ verbunden ist?“

„Überlegen Sie sich mal, was Sie da zum Ausdruck bringen! Welche Art von Antwort erwarten Sie auf diese Frage? Die Antwort, die ich Ihnen geben könnte, wäre ja nur eine, die praktisch in der Sprache ausgedrückt wäre, die gar nicht dazu fähig ist, das zu tun. Das wäre das Gleiche, wie wenn Sie mich zum Beispiel als Farbenblinden fragen, wie sehen Sie das Rot? Da sehen Sie die Unmöglichkeit der Frage. Sie macht in diesem Kontext überhaupt keinen Sinn. Weil nämlich in diesem Fall die Voraussetzung der Farbe gar nicht gegeben ist. Das heißt, ich versuche eine Auskunft in einer Sprache, die dem nicht angemessen ist, was gefragt ist. Wenn die Wirklichkeit etwas ist, das keine spezielle Form hat, sondern die Form selbst ist, wie soll ich dann antworten ,es ist‘? Man muss die Sache einfach umdrehen, muss sie schlicht und einfach umdrehen, und dann wird es ja ganz einfach. Man muss umgekehrt fragen: Wie kann es sein, dass das, was überhaupt keinen Namen hat, sich uns erfahrbar macht, so als ob es verschiedene Namen trüge? Dass es in einer Form auftritt – auch ich als Individuum für eine gewisse Zeit lang -, so dass ich sagen kann: ich lebe.“

„Ich wiederhole noch einmal die Frage, wie Sie sie für sinnvoll halten: Wie kann es sein, dass das, was keinen Namen hat, sich uns in einer Art und Weise zeigt, dass wir doch darüber reden?“

„Genau das ist es.“

„Wie es sein kann? Aber ich kann doch nicht stellvertretend von dem ausgehen, das keinen Namen hat, und fragen, wie es dies oder jenes macht. Ich kann nur sagen: ich habe Erlebnisse, die sich mir so darstellen, dass ich gleichzeitig dabei erlebe, du hast dafür gar keinen Namen, du hast aber dennoch das Erlebnis. So ist das Erlebnis zunächst.“

„Nur so ist es. Aber das heißt, Sie werden nie hinter das kommen, was keinen Namen hat. Sie können nur in gewisser Weise beschreiben, wie es in bestimmten Situationen dazu kommen kann, dass man Formen davon wahrnehmen kann, die sich dann in der in einem bestimmten System gängigen Sprache ausdrücken lassen.“

 
Hans-Peter Dürr, Marianne Oesterreicher: Wir erleben mehr als wir begreifen – Quantenphysik und Lebensfragen, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2007/2013, S. 104f.