Während eines Spaziergangs durch die sonnendurchfluteten Wiesen und Felder seiner Heimat dachte der Komponist nach:

»Ist das nicht erstaunlich? Wenn ich eine neue Sinfonie komponiere, ist das doch eigentlich etwas völlig Immaterielles. Ich „höre“ innerlich eine Musik, ganz ohne dass außerhalb von mir ein Klang wäre, ohne dass sich Luft zu Schallwellen verdichtet. Sicherlich, in meinem Gehirn sind materielle Prozesse mit dem innerlichen Hören verbunden, aber das ist ja nicht das, was die Musik an sich ausmacht; sie selbst ist immateriell. Dann erst folgt eine erste Materialisierung, wenn ich Notenpapier und Schreibstift nehme, die Musik aufschreibe. Ich gebe ihr eine „Form“, die wiederum geistig ist: eine Schrift, die die Leser, die ausführenden Musiker, wieder dechiffrieren müssen, um sie erneut zu materialisieren, auf dem Instrument in Klänge umzusetzen, zusammen mit anderen Musikern, unter Leitung eines Dirigenten, – lauter geistige Prozesse, die meine immaterielle Musik materialisieren, damit sie in den Musikern und im Dirigenten gleich wieder immateriell wird als die eigentlich Musik. Die Mikrofone nehmen sie im Studio auf, Computer digitalisieren sie in Einsen und Nullen – was eigentlich wieder eine Verschlüsselung mit Hilfe geistiger Prozesse ist. Geräte brennen sie auf CDs, sie werden in Läden transportiert, von Menschen gekauft, und in andere Geräte gelegt, die dieses so hübsch silberfarbene Verschlüsselungsmedium wieder in vielen materiellen, physikalischen Prozessen entschlüsseln und durch weitere Geräte in Klänge, also in verdichtete Luft umsetzen. Weitere materielle Vorgänge, die beim Hören geschehen, in den Gehörgängen, Nervenbahnen und Gehirnen der Hörer bringen dann ganz am Ende wieder ein rein Geistiges, Immaterielles hervor: Das, was ganz am Anfang in mir entstand – meine Musik. Ist das nicht eigentlich erstaunlich? All die Schritte dazwischen: Nie sind sie wirklich meine Musik! Immer nur dann, wenn meine Musik im physikalischen Sinne bereits verklungen ist, die Gehirne hörender Menschen ihre Verarbeitungsprozesse vorgenommen haben, ist meine Musik wieder da! Was am Anfang immateriell ist, nutzt Materie, um am Ende wieder immateriell zu sein! Wenn ich bedenke, dass wir Menschen eigentlich auf das „Be-Greifen“ ausgelegt sind, mit unseren Händen, unseren Sinnen, unserem Denken, unseren Vorstellungen: Ein Nicht-greif-bares, also eigentlich ein „Nichts“, wird in vielen Prozessen immer wieder neu greif-bar, ohne dass es in diesen Formen je das wäre, was es eigentlich ist, und zugleich doch irgendwie das ist, was es ist! Und nur am Ende wird es wieder ein „Nichts“, ist am Anfang wie am Ende reine Schönheit, am Anfang und am Ende gleichermaßen erkannt und verstanden und geliebt, als spielten die ganzen physikalischen und räumlichen und zeitlichen Geschehnisse dazwischen überhaupt keine Rolle! Nur, dass es ohne die ganzen physikalischen und räumlichen und zeitlichen Geschehnisse dazwischen nicht wahrgenommen werden könnte. Ein existentes „Nichts“, nicht greifbar, das Schönheit ist, nur im „Nichts“ ist, was es eigentlich ist, und dennoch die ganze Zeit auch als ein „Etwas“, greifbar, da ist. Doch: Das ist wirklich erstaunlich!«

In diesem Moment ging ein Mönch, der von Geburt an taub war, an dem Komponisten vorbei, in sich versunken und selig lächelnd.