Am Wiesenrain, im Gras, sah ich, grade vor mir, das kleine runde Loch in der Erde, sah, wie, eben noch halb versteckt, ein Ameisenlöwe hervorschoss, eine Ameise schnappte und sie über den feinsandigen Vorhof in seine Höhle schleppte.
»Haben Sie das gesehen?«, fragte ich den Theologen, der neben mir saß.
»Was gesehen?«
»Das da«, ich zeigte hin, »den Ameisenlöwen! Ich kann mir nicht helfen, wenn ich so etwas sehe, fällt mir Gott ein.«
»Gott? Was hat dieses Raubgeziefer mit Gott zu tun?«
»Das weiß ich nicht, aber etwas in mir lässt mich wissen, dass Gott etwas mit ihm zu tun hat.«
»Ach, Ihre komischen Gott-Einfälle! Schon wieder. Es wird chronisch. Kürzlich sind Sie vor einem Gänseblümchen stehen geblieben.«
»Denken Sie, ich stehe immer noch dort.«

 

Aus der Sendung „Vom Jenseits im Diesseits – Eine lange Nacht vom Staunen und Innehalten“ bei Deutschlandradio Kultur. Vielen Dank an Andreas Marschler für den Hinweis auf diese Sendung. Der Text stammt aus der Feder von Fridolin Stier.