Als seinerzeit bei mir die Mystik ausbrach, bin ich nicht zum Arzt gegangen, sondern aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Zu Vieles, was diese Kirche proklamierte, schien mir nicht mit den Erfahrungen übereinzustimmen, die mich da heimsuchten.

Heute sehe ich das etwas anders. Seit einer Weile kehre ich zu meinen religiösen Wurzeln, zum Christentum zurück. Nicht, dass ich nun den Katechismus unter mein Kopfkissen geschoben hätte. Eine verdächtige Freiheit hat sich im Laufe der Jahre breitgemacht, in der auf seltsame Weise so vieles zusammenpasst, in der Altbekanntes auf gleichsam seltsame Art neu gelesen und verstanden werden kann.

Ein Widerspruch zu anderen Religionen hat sich nicht, jedenfalls nicht im Wesentlichen, aufgetan. Ich schrieb hier stets im Geiste von Transkonfessionalität, und schließlich zog es mich sogar in die Postkonfessionalität. Doch irgendwann kam ich mir dabei ein wenig vor wie ein Baum, der seine Wurzeln aus der Erde gezogen hat, um mit ihnen das Laufen zu wagen. Das entspricht vielleicht nicht ganz der Natur eines Baumes, sonst sähe man wohl öfters mal Bäume beim Joggen. Mögen andere laufen und fliegen, jene, die keine Bäume sind, sondern Bären und Mäuschen, Schmetterlinge und Spatzen. Momentan jedenfalls lasse ich meine Wurzeln wieder ihren Weg in die Erde suchen, die meine Äste nährt, und das Wasser aufsaugen, das meinen Blättern Lebendigkeit schenkt. Als so ruhender Baum kann ich zusammen mit anderen Bäumen, wie Bodhi-Bäumen und Ölbäumen, in Gottes schöner Landschaft herumstehen. (Übrigens suchen auch Bären und Mäuschen manchmal den Schatten der Bäume oder grobe Stammrinde zum Rückenscheuern, und Schmetterlinge und Spatzen einen sicheren Platz für eine Flugpause.)

Die Unterschiede der Religionen sind wichtig. Aber längst sind sie für mich nicht mehr trennend (bei aller erlaubter Kritik an einzelnen Punkten in jeder Religion). Neben dem Effekt möglicher gegenseitiger Befruchtung bietet die Vielfalt einfach jedem nach seiner Art etwas an. So, wie jede Wolke anders geformt ist (und jeder eine andere Wolke besonders schön findet), und doch nur eine Wolke ist, die an demselben klaren Himmelsblau vorbeizieht. Und das Christentum ist nun mal die mir gemäße kosmische Wattierung – mit seiner Leidenschaftlichkeit in der Liebe und Freude und Annahme auch des (eigenen) Leids, seiner Geborgenheit in Gott und seinem Sich-Aussetzen im Sich-Einsetzen, mit seinem Aufruf zur Friedfertigkeit und mit seinem „heiligen Zorn“.

In die Kirche bin ich nicht wieder eingetreten. Ich respektiere die vorherrschende Art ihrer Theologie(en), ihres Glaubens und ihrer Glaubensverkündigung; auch, wenn sie für mich selbst nur eine Facette desselben Kristalles ist. (Erfreut stelle ich aber immer wieder auch fest, dass meine Sicht natürlich nicht einzigartig ist, sondern freiheitlich-mystische Auslegungen auch innerhalb der Kirche(n) zunehmen. Mögen sich die unterschiedlichen Perspektiven und Glaubensarten gegenseitig respektieren und wertschätzen.)

Bis hierhin handelt es sich eigentlich nur um eine Einleitung, um zu verdeutlichen, von welchem zeitweiligen Standpunkt ich das folgende aussage: Was Christentum für mich ist und bedeutet.

Schon einmal schrieb ich, wie traditionelle (dualistische) Theologie Bibliotheken beispielsweise zu Fragen der Trinität oder der Theodizee füllt, während der (nicht-dualistische) Mystiker nicht mal das Problem dabei so richtig erkennt. Wer auf der Ebene der Rationalität das Mysterium, das “Geheimnis des Glaubens“ zu ergründen sucht, erklärt entweder alles weg oder hin, bis nichts mehr oder viel zu viel bleibt, oder aber er gleitet ab auf eine prärationale Ebene der Magie. Grob gesagt. Überspitzt gesagt. Es gibt auch viel dazwischen. Und nochmals: All dies erkenne ich respektvoll an, soweit es keinen Schaden anrichtet. Es ist nicht weniger wahr, nur anders wahr. Ich selbst habe fast mein ganzes Erwachsenenleben (bin jetzt 48 Jahre alt) leidenschaftlich theologische Bücher gelesen. Doch seit einigen Jahren verstehe ich sie nicht mehr wirklich, was zwei Gründe haben kann: Entweder ich bin verblödet, oder die Perspektive ist mir zu fremd geworden. Die Entweder-Leser werden hier spätestens das Lesen zustimmend beenden, die Oder-Leser langweilen sich an dieser Stelle bereits. Ich vertraue auf die Sowohl-als-auch-Leser, die intuitiv wissen, dass Verblödung auch ein hässliches Wort für eine hilfreiche Sache sein kann (wobei ich auch eine tatsächliche Verblödung meiner Person nicht ausschließe).

Was Christentum für mich bedeutet, kann keine Bibliotheken füllen. Dessen Kern ist und bleibt wortlos, eine unendlich kleine Singularität mit Urknallpotential. Der Versuch einer Verwortung ist kurz und knapp, verständlich vielleicht nur jenen, die die Perspektive der Mystik gewonnen haben, was selbstverständlich keine Zustimmung abverlangt; man mag mir nach Lust und Laune widersprechen.

Also:

So wie vielleicht Siddhartha Gautama – genannt der Buddha – im Osten, war möglicherweise Jesus – genannt der Christus – der erste „Erleuchtete“ im Westen (der „Erstgeborene“). Diese Formulierung wurde übrigens m.W. erstmalig von Richard Rohr verwendet. Jesus: Ein Mann, der erkannte, dass er eins ist mit Gott: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Und so wie Buddha seine Erfahrung in die Form seines kulturellen und religiösen Kontextes goss, tat dies der junge Mann aus Nazareth ebenso. Und selbst wenn sie nicht die ersten waren (Stellen im AT könnten darauf hinweisen), so waren sie doch wohl die ersten, die dieses neue Bewusstsein ganz lebten und auf bedeutsame Weise so lehrten, dass ungezählte nachfolgenden Generationen sich angesprochen fühlten. Die historischen Personen Siddhartha Gautama und Jesus sind höchst bedeutsam, sie sind Ausgangspunkt, Vorbild, Lehrer, und in gewisser Weise „der Weg“, doch im eigentlichen Zentrum des Buddhismus und des Christentums stehen sie (für mich) nicht. So wie im Zentrum des Buddhismus Buddha steht, steht im Zentrum des Christentums Christus. (Mir ist klar, dass das für viele traditionelle Christen eine höchst ketzerische Aussage ist. Man mag dann nochmal die Einleitung lesen oder sich mit den Entweder-Lesern solidarisch erklären.)

Die Erfahrung „Ich und der Vater sind eins“ haben nach Jesus auch viele christliche Mystikerinnen und Mystiker gemacht. Gott ist Mensch geworden. Nicht nur in Jesus (Paulus hat das vielleicht als erster verstanden). Christus ist kein Name und kein Titel, sondern eine Erkenntnis, eine Erfahrung, ein Bewusstsein, ein Raum, ein Kollektiv, eine Lebensform… Und es bedarf dazu keiner idealisierenden personalen Überhöhungen, die zu einer großen Gefahr werden können. Der junge Mann aus Nazareth hat in seinen ersten 30 Lebensjahren vielleicht ebenso Mist gebaut wie Franz von Assisi in seinen jungen Jahren und wir alle. Wir wissen es nicht (die Historie der kanonischen und apokryphen Schriften wird den meisten Leserinnen und Lesern bekannt sein). Na und? Die lebenslange „absolute Freiheit von der Sünde“ ist ein illusionärer Sockel, auf den wir einen Menschen stellen, um selbst in unserer Schwachheit nicht ganz so klein zu erscheinen. Was verlieren wir denn, wenn wir diesem Kind und späteren jungen Erwachsenen Jesus ganz Menschlichkeit zugestehen? Zu sagen, dass mit Christus Gott ganz Mensch geworden ist, aber nur in Jesus ein Mensch ganz Gott geworden sei, scheint mir – jedenfalls aus mystischer Perspektive – Gott doch arg zu verkürzen. So kleinlich wird Gott nicht sein.

Leben und Lehre des Mannes aus Nazareth machen natürlich das spezifisch Christliche aus: Das Bewusstsein der Einheit mit Gott und die Umsetzung dessen im eigenen Leben und in diesem speziellen kulturell-religiösen Umfeld, das auch unser eigenes kulturell-religiöses Umfeld geprägt und geformt hat. Dazu gehört insbesondere die Lehre von der Liebe (was im Osten seine Entsprechung in der Lehre vom Mitgefühl findet), die auch zu Hilfsbereitschaft (Barmherzigkeit) und Friedfertigkeit führt (vgl. insbes. Bergpredigt, Mt 5-7). Aber auch die Lehre von der Vergebung statt Strafe, Hass und Rache (vgl. Joh 8,1-11), einer Leidenschaftlichkeit und einem Aufbegehren, wie z.B. im „heiligen Zorn“ (vgl. Mt 21,12ff.), die Lehre von einer Gerechtigkeit, die oft wenig mit Messen und Wägen zu tun hat (vgl. Mt 20,1ff.), die Lebensspannung zwischen Ruhe und Unruhe (vgl. EvTh 50, 86, 90), der „aufrechte Gang“ (bis zum Tod), und vieles andere. Nicht zuletzt aber auch: Gott dennoch, also auch im Bewusstein des Eins-Seins mit Gott, als ein „Du“ ansprechen zu können.

Das war noch immer recht lang. Als eine Einkürzung ließe sich also sagen:

Christsein bedeutet für mich

• Zu erkennen, dass Gott in allem ist, und doch erst im Menschen geboren wird (Christus, „Vater und Sohn“; das Paradox wird sich vielleicht nicht in jedem Leser auflösen)
• Der Versuch, ein Leben in und aus diesem Bewusstsein zu führen („Heiliger Geist“)
• Der Lehre des Mannes aus Nazareth zu folgen (Liebe, Barmherzigkeit, Aufrichtigkeit, Friedfertigkeit, …), diese Lehre in die heutige Zeit zu übertragen und sie in die Weitung unserer Zeit zu weiten. (Wobei die Lehre auch als Regelwerk taugt, wenn das Bewusstsein wieder mal eingeschlafen ist, was mir öfters passiert).

„Christliche Lehre“ besteht also aus zwei Teilen, die einander ständig rückversichern:

1. Das (liebende) Verhältnis des Menschen zu Gott (Eins und doch Du“)
2. Das (liebende) Verhältnis des Menschen zum Leben (zum eigenen Leben, zu anderen Menschen, zu anderen Wesen, zur Schöpfung)

Die Rückversicherung beider Teile könnte man als ein drittes Verhältnis beschreiben. Muss man aber nicht, um es mit der Trinität, die hier von mir ja schon arg zerschnitten wird, nicht gleich zu übertreiben.

Klar wird aber: Christentum ist eine Beziehungsreligion. Eine – oder die – Religion der Liebe. Eine Liebe von Gott, zu Gott, aus Gott, in Gott. Und damit eine Liebe zum Leben.

Christsein heißt, an die Menschwerdung Gottes zu glauben (Christus) und die Menschwerdung Gottes versuchen zu leben (Leben und Lehre Jesu, in Christus eingehen – was eine Bewegung ist, ein Weg).

Nein, ich lösche das doch nicht, sondern streiche es. Ein gutes Beispiel des Verstrickens in wortreiche Plattheiten; für das, was nicht geht. Ich brauche nichts zu sagen. Mystische Menschen begreifen das Christsein, wie ich es meine, auch ohne viele Worte: Gott ist Mensch geworden, wird es immer wieder, in dir, in mir. Nun müssen nur noch auch wir Mensch werden.