„Du kannst nicht die ganze Welt retten!“

Wir alle wissen, oder könnten und sollten wissen, wo all das Elend in der Welt herkommt. Ob es nun Hunger und Armut sind, Kriege und Umweltzerstörung, ob es um Kindersklaven und Ausbeutung für unsere modische und billige Kleidung geht oder um das grauenhafte Leiden der Tiere für unseren Lebensstil. Und eigentlich wissen wir, oder könnten und sollten es wissen, dass wir alle dafür die Verantwortung tragen. Dazu bedarf es keiner intellektuellen Höchstleistungen.

Warum also ändert sich nichts?

Es ist nicht so, dass die vielen Einzelnen, also wir, schlechte, „böse“ Menschen sind (aber auch das gibt es natürlich). Viele von uns sind sogar ausgesprochen liebevoll und sozial eingestellt. Allerdings betrifft das zuallermeist nur das nähere Umfeld, Verwandte, Bekannte, Freunde; den Bereich, der uns unmittelbare Rückmeldungen auf unser Denken, Reden und Handeln gibt. Der „abstrakte“ Bereich des Leids am anderen Ende der Welt, oder auch an den Orten unserer Nähe, die unserem Blick in der Regel verschlossen bleiben, berührt uns nur selten, und meist folgenlos.

Das menschliche Ego, um es vereinfacht auf diese Formel zu bringen, lenkt den Blick weg von allem, was uns in Unruhe versetzt, was von uns (unbequeme) Veränderung verlangt. Wir sind träge wie eine Bowlingkugel. Und wenn wir doch mal hinsehen, dann finden wir unsere Rechtfertigung in dem, was uns gemeinsam ist – im Durchschnitt der Menschen, der Gesellschaft, des Staates, der Religion, usw.  Und wir rufen danach, dass endlich etwas passieren muss, dass die Menschen, die Gesellschaft, der Staat, die Religion endlich etwas tun müssen, vor allem „die da oben“. Nur nicht wir selbst.  Das ist das, was man unter dem Begriff des „Strukturell Schlechten“ versteht. Wir erkennen nicht, wollen nicht erkennen (selbst wenn der Verstand es eigentlich begreift), dass die Menschheit, die Gesellschaft, der Staat, die Religion aus Einzelnen besteht, also auch aus mir. Und damit erkennen wir nicht, wollen wir nicht erkennen, dass wir selbst es sind, die das „strukturell Schlechte“ (mit) erschaffen und (mit) erhalten. Wir wollen die Unruhe der eigenen Verantwortung abgeben, geborgen sein im Strom der Masse, und unser Ego sorgt dafür, dass wir nicht wirklich bewusst wahrnehmen, was dieser Strom vernichtend mit sich reißt.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,
das habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40)

„Die Menschen sind so“ hört man dann oft. Nein. Die menschliche Psyche ist nur so, weil wir es zulassen, dass sie so ist. Nochmal: Es bedarf keiner intellektuellen Höchstleistungen, um zu verstehen, dass jeder Einzelne von uns verantwortlich ist. Das „strukturell Schlechte“ lässt sich langfristig und dauerhaft nur durch Veränderung des Einzelnen beseitigen (wenn auch vermutlich nie vollständig).

Veränderung des Einzelnen – im spirituellen Sprachgebrauch spricht man meist von Transformation, in manchen christlichen Perspektiven von Bekehrung, Umkehr, Metanoia. Das ist das, was eine erwachsene, reife Spiritualität und/oder Religion anstrebt. Es geht nicht (nur) darum, selbst Frieden und Ruhe zu finden, oder „den Lohn im Paradies“ zu erhalten. Wer auf dieser Stufe stehen geblieben ist, die allein das zum Endzweck hat, ist über die religiöse Früherziehung nicht hinaus gekommen. Er lässt sich ködern mit Belohnungen. Korruption nennt man das im Staatswesen. Das ist religiöse Prostitution.

Eine reife Spiritualität, sei sie nun religiös oder areligiös, weist über uns selbst hinaus, weckt kognitive Dissonanzen in uns, versetzt uns in Unruhe, rüttelt uns wach – erweckt uns. Und sie gibt gleichzeitig die Richtung der Lösung solcher Dissonanzen vor.

Der Mann aus Nazareth, um ihn nur beispielhaft zu nennen, wollte genau das erreichen. Ihm ging es nicht darum, uns zu lehren, wie wir göttlich werden, denn das sind wir bereits („ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist“ – Eph 4,6), sondern wie wir wahrhaft menschlich werden.

„Und er forderte den Gelähmten auf:
Steh auf, nimm deine Trage und geh!“ (Lk 5,24)

Doch, ich kann, du kannst die ganze Welt retten. Wenn es mir oder dir dabei darum ginge, es selbst auch zu erleben, dann schreit nur wieder mein oder dein Ego nach Ruhe. Unsere Motivation wäre genau so kurzsichtig, eng und kleinkariert wie im Gedanken, wir könnten nichts verändern. Nein, ich werde, du wirst es nicht mehr selbst erleben. Es kann tausende von Jahren dauern, oder noch länger. Wir müssen lernen, weit, tief und groß zu denken. Über uns selbst hinaus – transzendent. Schau nur, wie langsam sich das Bewusstsein durchsetzt, dass Sklaverei, Rassismus, Sexismus und Speziesismus grausames Unrecht sind. Aber es waren immer nur Einzelne, die aufstanden und sich auflehnten – gegen den trägen Strom, und es noch immer müssen, weil es noch lange nicht auf der ganzen Welt selbstverständlich ist. Doch in vielen Punkten hat eine Veränderung begonnen. Menschenwürde, Freiheit, Gleichbehandlung und Tierschutz sind mittlerweile in unserer Verfassung verankert – auch wenn vieles davon in den Köpfen Vieler noch nicht angekommen ist, nicht mal bei denen, die in unserem Auftrag und stellvertretend für uns dies in die Verfassung einschrieben und darauf aufbauend die Gesetze machen. Die positiven Veränderungen: Wir verdanken sie denen, die vor uns über ihren eigenen Schatten gesprungen sind, und schulden sie jenen, die nach uns kommen.

Veränderung des Ganzen durch Veränderung meiner und deiner selbst ist schwer. Vor allem für mich und dich. Es bedarf dazu auch einer gewissen Bereitschaft zu leiden. Denn das wird geschehen. Aber sag nicht, der Einzelne könne nichts bewirken. Sag das nie wieder. Genau du bist es, der die Welt retten wird.

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