Das Kreuz leitet sich im Christentum zwar von der Kreuzigung des Nazareners ab, jedoch hat es als Symbol weitergehende Bedeutungen. Zuvorderst ist dabei zu nennen, dass der vertikale Balken die Beziehung und Verbindung zwischen Gott und dem Menschen symbolisiert, während der horizontale Balken für die Beziehung und Verbindung zwischen den Menschen, bzw. zwischen dem Menschen und der Schöpfung steht.

k2Viele Menschen leben – um mit dieser Symbolik weiterzusprechen – nur den horizontalen Balken. Sie haben keine Beziehung zu Gott, spüren keine Verbindung mit dem Göttlichen. Es bedarf auch keiner Beziehung zu Gott, keines Glaubens und keiner Religion, um aus der Verbindung mit anderen und Anderem Gutes zu tun.

k0Wieder andere pflegen eine intensive Beziehung zu Gott, ohne sich groß um eine Beziehung zu anderen und Anderem zu kümmern. Sie leben vorwiegend den vertikalen Balken. Das mag unterschiedliche Gründe haben, und es dürfte sich empfehlen, hierüber nicht vorschnell zu urteilen.

k4Dann gibt es Menschen, die sowohl eine Beziehung zu Gott haben, als auch eine (weitergehende) Beziehung zu Mitmensch und Umwelt. Es kommt aber vor, vielleicht gar nicht so selten, dass diese beiden Beziehungen nicht wirklich miteinander verbunden sind; selbst dann, wenn man gedanklich vermeint, das eine nähre das andere.

k3Für vielleicht die meisten gottesgläubigen Menschen gehören beide Beziehungen zusammen. Erst die Verbindung zwischen der Beziehung zu Gott und der Beziehung zur Schöpfung macht das ganze Kreuz, das ganze Symbol, das ganzheitliche religiöse Leben aus. Der vertikale Balken trägt den horizontalen Balken.

k5Für den Mystiker ist genau der Schnittpunkt der beiden Balken das eigentlich Maßgebliche, der zentrale Punkt, die Kreuzesmitte, wo sich Gott und Schöpfung tatsächlich vereinen. Diesen Punkt will er erreichen, in diesem Punkt will er verweilen, von diesem Punkt aus will er leben.

Doch auch Mystiker sind Menschen (und Kinder ihrer Zeit und Kultur). Sie fallen allzu leicht wieder aus der Kreuzesmitte heraus, um sich mal mehr, mal weniger auf dem einen oder anderen Balken zu bewegen, oder auch immer wieder mal ganz abzurutschen und abzufallen, so wie alle anderen Menschen auch, die versuchen, „dem Kreuz zu folgen“, sei es nun explizit im Christentum, oder (mit anderer Symbolik) in einer anderen Religion oder Spiritualität. Viele christliche Mystiker der vergangenen zweitausend Jahre haben ihre Schattenseiten, was allzu oft und allzu gerne übersehen wird. Von Augustinus (354-430) mit seiner Erbsündenlehre über Bernhard von Clairvaux (1090-1153) mit seinen Kreuzzugsaufrufen bis zu Dorothy Day (1897-1980) mit ihrem grenzenlosen inneren Leiden.

Die Mystik bietet nicht nur das Erleben kosmischer Einheit, die „Schau der Schönheit Gottes“, ein leichtes Leben in Licht, Glück, Einklang und Liebe. Die Mystik, ja aufgrund ihrer Intensität gerade die Mystik, hat ein hohes Potential für Verblendung und Leiden. Wer allzu lange in helles Licht blickt, kann nicht mehr richtig sehen. Wer im Feuer steht, verbrennt.

Auf vielen mystischen Wegen ist der Mensch bestrebt, seine Liebesfähigkeiten und sein Mitgefühl immer weiter zu verfeinern. Und auch ohne dieses Bestreben scheint es so zu sein, dass die mystische Erfahrung von ganz alleine ein höheres Maß an Liebe hervorbringt, wenn das auch nicht immer so sein mag, und nicht für immer andauern mag. Das wird gerne ausschließlich positiv geträumt. Die Welt ist voll von hübscher Poesie über Liebe und Mitgefühl. Viele Mystiker wissen aber, dass die Öffnung zu Liebe und Mitgefühl auch in höchstem Maße schmerzhaft sein kann.

Das beginnt schon damit, dass der Mystiker eben ganz Mensch ist, also genauso Fehler begeht wie jeder andere auch (das gilt übrigens auch für „Heilige“). Und weil er sieht, was er damit anrichtet, leidet er; oft vielleicht mehr als andere, weil er ja eigentlich „liebend von sich lassen“ will (was nicht Selbstverleugnung meint). Ein offenes Herz blutet eben leichter, weil es ungeschützt ist.

Und dann gibt es die Situationen – z.B. in einem Konflikt -, wo ein Mensch auf dem Weg der Mystik zwar bemerkt, dass seine Liebe tatsächlich nicht an Bedingungen geknüpft ist, er also eine erste Stufe bedingungsloser Liebe tatsächlich erreicht hat, er aber gleichzeitig sein (menschliches) Bedürfnis wahrnimmt, selbst auch seiner Liebe entsprechend behandelt zu werden. Dies ist ein besonders heikler Schritt auf dem Weg. Denn erfährt er diese Behandlung einmal nicht, und hat seine „Werkzeuge“ damit umzugehen noch nicht weit genug entwickelt, fühlt er seine Liebe zutiefst verletzt – auch wenn die Unverletztheit eben keine Bedingung für seine Liebe ist*. Die Wucht dieses Schmerzes kann dazu führen, dass der Wunsch aufkeimt, den Weg umgehend zu verlassen, um den Schmerz los zu werden und nicht wieder zu erfahren. (Aber vermutlich kann ein Mystiker seinen Weg gar nicht mehr verlassen.)

Schließlich gibt es das Leiden im Mit-leiden. Der horizontale Balken des Kreuzes wird nicht abgeworfen. Der Blick auf das Leid außerhalb unserer selbst, ob nebenan oder am anderen Ende der Welt, in Krieg, Armut und Hunger, in sozialen Missständen und Ställen, zieht das Leiden in uns, je mehr, desto mehr wir zu lieben fähig sind. Und gerade in der Kreuzesmitte lieben wir nicht nur Gott und uns selbst, sondern auch jene, die links und rechts von uns sind. In diesem Punkt, der im Menschen selbst – und nur dort – zu finden ist, ist alles vereint, auch das Leid der Schöpfung mit mir.

Der Schmerz der Liebe ist möglicherweise der schwerste Kampf eines Menschen auf dem Weg der (insbesondere christlichen) Mystik mit sich selbst. Der Tanz in der Kreuzesmitte ist zu einem schwindeligem Taumeln geworden. Liebe ist ein gefährliches Wagnis.

Natürlich geht es vielen Menschen, die nicht den Weg der Mystik gehen, genauso. Aber möglicherweise nehmen mystische Menschen zum einen den Schmerz anders, und vielleicht heftiger wahr, und zum anderen kommen sie nicht so leicht da wieder heraus. Beides weil sie ihr Herz bewusst geöffnet haben, und bewusst auch im Schmerz offen halten. Für die Wunden der Liebe gibt es in der Mystik kein Pflaster.

Man mag sich auf seinem spirituellen Weg fragen, ob man unverwundbar werden will (wie es auf seine Weise der Buddhismus anbietet), oder ob man lernen kann, den Schmerz auszuhalten oder gar zu umfangen (wie es oft im Christentum angeboten wird), oder ob man in den Rückzug vor der Welt flieht (was es in fast allen Religionen gibt), oder ob die Wunden der Liebe sich auch durch Liebe heilen lassen. Der Verfasser dieser Zeilen empfiehlt nichts, verwirft nichts, weiß nichts. Er hat nur ergebnislos etwas nachgedacht.

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*Selbst der Nazarener hat am Kreuz gerufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (z.B. Markus 15,34)