Vor einer Weile las ich ein Buch eines bekannten zeitgenössischen Mystikers. Darin stieß ich – wie bereits öfters in Texten oder Diskussionen zur Mystik – auf die Aussage, dass alles gut so sei, wie es ist, auch das Böse und Schlechte in der Welt, denn auch dies sei Teil des Einen und Ausdruck des Göttlichen. Mein Ärger darüber verflog erst später, als ich zu einem Kapitel gelangte, in dem es um das aus dem Bewusstsein des Einen gespeiste Engagement des Mystikers zugunsten einer besseren, gerechteren, friedlicheren und liebevolleren Welt ging, um den Aufschrei des kontemplativen Menschen im Bewusstsein des Einen angesichts der sozialen, ökonomischen, ökologischen und politischen Missstände in der Welt.

Es müsste sich jedem Leser des Buches die Frage aufdrängen, wieso man sein Leben auf eine Verbesserung der Welt ausrichten solle, wenn doch auch das Böse und Schlechte als Ausdruck des Göttlichen gut sein soll.

Um es mit deutlichen Worten zu sagen: Die Aussage, dass alles gut so sei, wie es ist, auch das Böse und Schlechte in der Welt, ist blanker Unsinn.

Auf der Ebene des unmittelbaren Erfahrens des Eins-Seins ist nicht auch das Böse und Schlechte gut, sondern auf dieser Ebene gibt es gar kein Böses und Schlechtes, gibt es kein Gutes und Nicht-Gutes. Solche Bewertungen, Polarisierungen, Spaltungen, Trennungen existieren einfach nicht auf der Ebene des unmittelbaren Erlebens der Einheit. Nun logisch/kausal aus der mystischen Einheitserfahrung abzuleiten, dass das sonst ja durchaus wahrnehmbare Schlechte und Böse in der Welt als „Teil des Göttlichen“ damit „gut“ sei, ist verantwortungsloser Unfug. Damit presst man die (auch für den Mystiker nach wie vor wahrnehmbare) Dualität in die (für den Mystiker bewusstseinsbildende) Non-Dualität; trägt Logik, Kausalität und Rationalität hinein in die Alogik, Akausalität und Arationalität, setzt Ebenen gleich, die nicht gleich sind.

Man darf das unmittelbare Erleben der Non-Dualität nicht verwechseln mit dem Leben im und aus dem Bewusstsein der Non-Dualität, das sich aus dem unmittelbaren Erleben der Einheit ergibt oder ergeben kann. Die Dualität ist sozusagen (auf „höherer Ebene“) umfangen von der Non-Dualität, aber sie existiert. So wie ‚du‘ und ‚ich‘ als Zwei existieren in der Non-Dualität, im Einen. Wir sind „Zwei Nicht-Zwei“ – das ist wohl die treffendste bekannte Formulierung -, aber wir sind (im Nicht-Zwei) eben zwei. Uns (und die Dualität) hingegen einfach wegzuleugnen, wie es zum Beispiel in der Formulierung der „Illusion des Existenten“ oft zum Ausdruck kommt, ist übrigens genauso barer Unsinn.

Die unterscheidende und damit bewertende Ebene der Dualität ist umfasst von und enthalten in der Non-Dualität, aber diese ihre wesentliche Eigenschaft des Unterschiedenen darf (/kann) ebenso wenig emporgehoben werden auf die nicht-unterscheidende und nicht-bewertende Ebene der Non-Dualität, wie die Eigenschaftlichkeit eines Neurons mit der Eigenschaftlichkeit eines Gehirns gleichgesetzt werden kann.

Und so ist auch das Böse und Schlechte in der Welt weder „gut“ noch eine „Illusion“. Es existiert, in der existenten Dualität, und es ist nicht gut.

 

Das ist der Entwurf eines Artikels, den ich vor einer Weile für diesen Blog notierte. Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte und was ich nicht für möglich gehalten hatte. Stets hatte ich unterschieden zwischen der mystischen Erfahrung des Eins-Seins (welche mir ja einige Male geschenkt wurde) und dem daraus erwachsenden (Alltags-)Bewusstsein. Was ein „nonduales Bewusstsein“ genannt wird: darunter hatte ich also ein Bewusstsein vor dem Hintergrund der Erfahrung der Nondualität, also ein Bewusstsein aus einem innerlich-empirischen „Wissen“ um die Nondualität verstanden. Und mir scheint, dass auch der Autor des o. g. Buches ein ähnliches Verständnis zu haben scheint, benennt er doch wiederholt die Rückkehr des mystisch die Einheit Erfahrenden in das Alltagsbewusstsein.

Was mir also geschah, war der unvermittelte und unerwartete Eintritt in eine tatsächliche Wahrnehmung der Non-Dualität als Alltagsbewusstein. Wenn auch nur für ein paar Stunden.

Das verwirrte mich zutiefst. Meine („spirituell philosophischen“) Gedankengebäude fielen zusammen wie ein Kartenhaus. „Gott fuhr hernieder“ und stürzte meinen babylonischen Turm um (Gen 11,1–9); meine Konzepte lösten sich einfach auf.

Was nun?

Es ist zu groß, um darüber zu sprechen.
Es ist zu groß, um nicht darüber zu sprechen.

Was kann ich überhaupt noch mitteilen? Und wie kann ich noch etwas mitteilen? Meine letzten Artikel waren … Ich weiß gar nicht was. (Sag halt was, irgend was). Mein Nicht-Wissen hat eine neue Dimension erreicht.

Ich bemerke, dass es ganz einfache Fragen sind, die mir einen Schrecken einjagen, sobald sie formuliert sind. Wie zum Beispiel:

Was, wenn Liebe nicht teilbar ist?

Momentan scheint mir alles, was ich in diesem Blog erklärend oder aussagend von mir gegeben habe, wie blanker Unsinn, wie Anmaßung und Hybris.

Auf dem Weg der Mystik bin ich kein Schüler mehr. Man hat mich zurückversetzt in den Status der Einschulung.

Ich weiß nicht mal, warum ich das hier schreibe. Vielleicht muss ich es einfach mal loswerden.

Ich halte einen Vogel in der Hand, der gerade gegen mein Fenster geflogen ist und dabei sein Leben verloren hat. Es schmerzt…

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