In ihrem Bestreben nach Individualität unterscheiden sich die allermeisten Menschen nicht – sie sind sich darin gleich, und somit alles andere als individuell.

Was die Menschen meist unter Individualität verstehen, ist der Versuch einer äußeren Abgrenzung gegenüber der “Mehrheit der Anderen“; eine Abgrenzung, die so viele suchen (imitatio), doch die immer nur sehr beschränkt gelingt, resp. gelingen kann, und fast immer eine bestenfalls variierte Kopie anderer vermeintlicher Individualität ist. (Nicht selten liegt dabei übrigens das Individualitätsbestreben auch im Bereich des Sich-Verhaltens, insbesondere im meist groß geschriebenen Kapitel sogenannter „Selbstverwirklichung“, welche oft kaum mehr ist als ein Egotrip auf Kosten anderer.)

Eine „innere Individualität“ hingegen stellt sich dar als ein echtes Bewusstsein um die eigene Identität. Sie zeigt sich vor allem dort erkennbar, wo Menschen gelernt haben, für sich selbst, für ihr Denken und Handeln, für ihre Einsichten und Ansichten, für ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, in selbst-reflektiver Weise umfänglich Verantwortung zu übernehmen. Denn darin unterscheiden sich solche Menschen tatsächlich von „der Masse“, die das – bei allem möglichen (doch vergeblichen) Protest einiger Leser an dieser Stelle – nicht nur nicht vollzieht, sondern zumeist sogar vermeidet. Und hier wird eben bei näherer Betrachtung so manche „graue Maus“ als ein wirklich individueller Mensch erkennbar, während manch ein „Paradiesvogel“ letztlich durchschaubar wird als ein verkleideter Mitläufer.

Was nun den sich affirmativ intellektuell betätigenden Mystiker betrifft, so wird dieser begreifen, dass es nicht seine Individualität ist, die seine Einzigartigkeit als Mensch ausmacht, sondern seine Identität, welche paradoxerweise gestiftet zu werden scheint in einem Moment der Auslöschung seiner Selbstheit.

Identität bedeutet relativ eben die Übereinstimmung getrennter Dinge, und gleichzeitig dasselbe.

Wer seine Identität entdeckt hat, strebt nicht länger nach Individualität.