Zufällig fand ich heute eine Geschichte wieder, welche ich vor vielen Jahren schrieb. Für die nächsten Tage hinterlasse ich sie hier als kleines Intermezzo.

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Die Fabel vom Esel namens Schmitz

“Verschmitzdibitz!” schrie der Esel seinen Herrn an. “Ich will deine Last nicht länger tragen!”

“Aber Herr Schmitz, es ist deine Bestimmung, meine Last zu tragen! Und gebe ich dir nicht immer Speis und Trank dafür?”

“Speis und Trank? Verschmitzdibitznochmal! Kaum nahrhaften Hafer und Wasser meinst du wohl! Ich hungere! Ich habe keine Kraft mehr! Zu schwer ist mir deine Last geworden! Sie erdrückt mich, erstickt mich! Ich leide!”

Der alte Mann mochte Herrn Schmitz. Ja, er liebte ihn geradezu. Und da er es nicht ertragen konnte, Herrn Schmitz leiden zu sehen, nahm er die Last von ihm herunter und schulterte sie sich selbst auf.

“Wie gut ich mich jetzt fühle! So frei, so leicht, so unbeschwert!” frohlockte Herr Schmitz. Der alte Mann aber schwieg. Schwer drückte ihn die Last. Gebeugt schritt er so stundenlang unter sengender Sonne neben dem stolz trabenden Esel einher.

Irgendwann hielt keuchend der alte Mann an, hielt sich die Hand auf sein Herz und stöhnte:

“Ein wenig Ruhe brauche ich nun.”

Dann setzte er sich unter einen großen, alten Baum, der durch die vielen Stürme in diesem Landstrich ganz schief gewachsen war und schlief vor Erschöpfung sogleich ein.

Herr Schmitz in seinem neugewonnenen Über- und Hochmut aber tanzte im Schatten des Baumes einen Foxtrott und rief:

“Hey, du alter schiefer Baum! Du hattest wohl nie den Mut, dich dem entgegen zu stellen, was dich beugt! Sieh mich an: ich habe mich selbst befreit! Nun gehe ich aufrecht durch das Leben!”

“Wäre ich gerade gewachsen,” antwortete da der Baum, “hätten mich die Stürme gebrochen. So aber, geformt durch die Kraft der Winde, vermag alles, was das Leben mir gibt, in die Stärke meiner Äste und in die Schönheit meiner Blüten und Blätter zu fließen. Denn das ist meine Bestimmung.”

“Papperlapapp und verschmitzdibitz! Du hast lediglich kein Rückgrat, bist feige, und gibst ein jämmerliches Bild ab!” quietschte Herr Schmitz und rundete seinen Foxtrott mit einem Vierhufestepptanz ab.

Voller Mitleid blickte der Baum auf den alten Mann unter sich.

“Sieh dir deinen Herrn an.” sagte er zu dem Esel. “Ein alter Mann, der die Last trägt, welche du hättest tragen sollen. Er trägt schwer, damit es dir leicht ist. Er ist gebeugt, damit du aufrecht gehen kannst. Er zahlt den Preis deines Stolzes. Sag mir, Esel, was ist nun deine Bestimmung?”

“Frei zu leben, verschmitzdibitznochmal! Was sonst?”

In diesem Moment trat eine Ameise erst hervor, dann Herrn Schmitz kräftig auf den Vorderhuf, dass dieser “Iaua!” schrie.

“Du dummer Esel, du!” rief sie. “Dein Herr wird sterben, wenn er weiter so schwer tragen muss. Wer wird dich dann versorgen? Wer gibt dir, was du zum Leben brauchst? Wer wird bei dir sein, wenn es dir schlecht geht? Sieh uns Ameisen an! Wir können nur überleben, wenn wir unsere Arbeit machen. Jeder tut, wozu er bestimmt ist. Glaubst du wirklich, du könntest dich deiner Verantwortung im Leben entziehen?”

Der alte Mann war durch das Gezeter der Ameise aufgewacht. Leise sagte er:

“Lass nur. Ich trage die Last gerne, wenn es Herrn Schmitz so besser geht.”

Da bemerkte Herr Schmitz eine Träne im linken Auge des alten Mannes, und es fiel ihm nun auch auf, wie müde sein Herr aussah. Das bedrückte ihn sehr. Er hatte das Gefühl, als läge plötzlich eine große Last auf seinem Eselsherzen.

“Herr, ich will meine Last lieber wieder selber tragen.” sagte er zu dem alten Mann. “Diese Last ist leichter als die Last, die nun auf meinem Herzen liegt. Der Baum und die Ameise haben wohl recht gesprochen: manchmal muss man sich beugen, um dem Leben zu dienen. Was ich tat, diente einem Moment des Glücks. Doch mein größtes Glück ist, zu leben, durch eine Bestimmung, die einem anderen dienlich ist.”