Gedanken am Rande ließen mich heute Werner Heisenbergs Buch „Der Teil und das Ganze“ aus meinem Bücherregal ziehen. Beim Blättern stieß ich auf die Dialoge in Kapitel 7: „Erste Gespräche über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion (1927)“. Einen Ausschnitt daraus möchte ich im Folgenden wiedergeben.

[Niels Bohr:] »Trotzdem: Über Religion kann man wohl nicht so reden. Mir geht es zwar so wie Dirac, daß mir die Vorstellung eines persönlichen Gottes fremd ist. Aber man muß sich doch vor allem darüber klar sein, daß in der Religion die Sprache in einer ganz anderen Weise gebraucht wird als in der Wissenschaft. Die Sprache der Religion ist mit der Sprache der Dichtung näher verwandt als mit der Sprache der Wissenschaft. Man ist zwar zunächst geneigt zu denken, in der Wissenschaft handele es sich um Informationen über objektive Sachverhalte, in der Dichtung um das Erwecken subjektiver Gefühle. In der Religion ist objektive Wahrheit gemeint, also sollte sie den Wahrheitskriterien der Wissenschaft unterworfen sein. Aber mir scheint die ganze Einteilung in die objektive und die subjektive Seite der Welt hier viel zu gewaltsam. Wenn in den Religionen aller Zeiten in Bildern und Gleichnissen und Paradoxien gesprochen wird, so kann das kaum etwas anderes bedeuten, als daß es eben keine anderen Möglichkeiten gibt, die Wirklichkeit, die hier gemeint ist, zu ergreifen. Aber es heißt nicht, daß sie keine echte Wirklichkeit sei. Mit der Zerlegung dieser Wirklichkeit in eine objektive und eine subjektive Seite wird man nicht viel anfangen können.
Daher empfinde ich es als eine Befreiung unseres Denkens, daß wir aus der Entwicklung der Physik in den letzten Jahrzehnten gelernt haben, wie problematisch die Begriffe ›objektiv‹ und ›subjektiv‹ sind. (…) Insofern enthält in der heutigen Naturwissenschaft jeder physikalische Sachverhalt objektive und subjektive Züge. Die objektive Welt der Naturwissenschaft des vorigen Jahrhunderts war, wie wir jetzt wissen, ein idealer Grenzbegriff, aber nicht die Wirklichkeit. Es wird zwar bei jeder Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit auch in Zukunft notwendig sein, die objektive und die subjektive Seite zu unterscheiden, einen Schnitt zwischen beiden Seiten zu machen. Aber die Lage des Schnittes kann von der Betrachtungsweise abhängen, sie kann bis zu einem gewissen Grad willkürlich gewählt werden. Daher scheint es mir auch durchaus begreiflich, daß über den Inhalt der Religion nicht in einer objektivierenden Sprache gesprochen werden kann. Die Tatsache, daß verschiedene Religionen diesen Inhalt in sehr verschiedenen geistigen Formen zu gestalten suchen, bedeutet dann keinen Einwand gegen den wirklichen Kern der Religion. Vielleicht wird man diese verschiedenen Formen als komplementäre Beschreibungsweisen auffassen sollen, die sich zwar gegenseitig ausschließen, die aber erst in ihrer Gesamtheit einen Eindruck von dem Reichtum vermitteln, der von der Beziehung der Menschen zu dem großen Zusammenhang ausgeht.«

[Werner Heisenberg:] »Wenn du die Sprache der Religion so ausdrücklich unterscheidest von der Sprache der Wissenschaft und der Sprache der Kunst«, setzte ich das Gespräch fort, »was bedeuten dann die oft so apodiktisch ausgesprochenen Sätze wie ›es gibt einen lebendigen Gott‹, oder »es gibt eine unsterbliche Seele‹? Was heißt das Wort ›es gibt‹ in dieser Sprache? Wir wissen ja, daß sich die Kritik der Wissenschaft, auch Diracs Kritik, gerade gegen solche Formulierungen richtet. Würdest du, um zunächst nur die erkenntnistheoretische Seite des Problems zu betrachten, folgenden Vergleich zulassen:
In der Mathematik rechnen wir bekanntlich mit der imaginären Einheit, mit der Quadratwurzel aus -1 , geschrieben √-1, für die wir den Buchstaben i einführen. Wir wissen, daß es diese Zahl i unter den natürlichen Zahlen nicht gibt. Trotzdem beruhen wichtige Zweige der Mathematik, zum Beispiel die ganze analytische Funktionentheorie auf der Einführung dieser imaginären Einheit, das heißt darauf, daß es √-1 nachträglich doch gibt. Würdest du wohl zustimmen, wenn ich sage, der Satz ›es gibt √-1‹ bedeutet nichts anderes als ›es gibt wichtige mathematische Zusammenhänge, die man am einfachsten durch die Einführung des Begriffs √-1 darstellen kann‹. Die Zusammenhänge bestehen aber auch ohne diese Einführung. Daher kann man diese Art von Mathematik ja auch sehr gut in Naturwissenschaft und Technik praktisch anwenden. Entscheidend ist zum Beispiel in der Funktionentheorie die Existenz wichtiger mathematischer Gesetzmäßigkeiten, die sich auf Paare von kontinuierlich veränderlichen Variablen beziehen. Diese Zusammenhänge werden leichter verständlich, wenn man den abstrakten Begriff √-1 bildet, obwohl er zum Verständnis nicht grundsätzlich nötig ist und obwohl es zu ihm unter den natürlichen Zahlen kein Korrelat gibt. Ein ähnlich abstrakter Begriff ist der des Unendlichen, der in der modernen Mathematik ja auch eine bedeutende Rolle spielt, obwohl ihm nichts entspricht und obwohl man sich durch seine Einführung in große Schwierigkeiten stürzt. Man begibt sich also in der Mathematik immer wieder auf eine höhere Abstraktionsstufe und gewinnt dafür das einheitliche Verständnis größerer Bereiche. Könnte man, um auf unsere Ausgangsfrage zurückzukommen, das Wort ›es gibt‹ in der Religion auch als ein Aufsteigen zu einer höheren Abstraktionsstufe auffassen? Dieses Aufsteigen soll es uns leichter machen, die Zusammenhänge der Welt zu verstehen, mehr nicht. Die Zusammenhänge aber sind immer wirklich, gleichgültig mit welchen geistigen Formen wir sie zu ergreifen suchen.«

Werner Heisenberg, Der Teil und das Ganze – Gespräche im Umkreis der Atomphysik, dtv, München, 10. Auflage 1987, S. 107-110

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