Es scheint schon ein seltsamer Zufall zu sein, wenn einem gerade in den Zeiträumen der Beschäftigung mit einer bestimmten Thematik ein Buch „über den Weg läuft“, das Antworten – so vorläufig sie auch sein mögen – auf einige der zentralen Fragen dieser Gedanken anzustoßen vermag. Es ist mir nicht nur einmal passiert, nun geschah es wieder; und es scheint, als wären diese zufälligen Ereignisse Ausschnitte eines einzigen größeren Bildes, das sich im Gesamten nicht wirklich erkennen und überblicken lässt, weil man noch viel zu nah davor steht.

Sind das wirklich blinde Zufälle? Oder steckt da irgendetwas dahinter, über das sich kaum mehr als spekulieren lässt?

Eine solche Frage, bezogen auf Evolution und Gott, beschäftigte auch Charles Darwin, den „Vater der Evolutionslehre“, der seinen einzigen Studienabschluss in Theologie gemacht hatte. Und auch Darwin, als er gegen Lebensende sich wieder stärker der Gottesfrage zuwandte, „lief ein Buch über den Weg“, das ihn offenbar sehr bewegte: „The Creed of Science“ [Das Glaubensbekenntnis der Wissenschaft] von William Graham. Um diese Begebenheit (aber längst nicht nur darum) geht es in dem neuen Buch von Michael Blume:

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M. Blume: Evolution und Gottesfrage

Michael Blume: Evolution und Gottesfrage
Charles Darwin als Theologe
Herder Spektrum Bd.6582, 2013, 175 S.
Verlag: Herder, Freiburg
ISBN: 9783451065828
9,99 € (D)

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Es war vor allem der Briefwechsel zwischen Darwin und Graham, in dem es um das Verhältnis von Wissenschaft, Evolution, Religion und Gott geht, und der in Michael Blumes Buch nun erstmals ins Deutsche übersetzt zu lesen ist, sowie die weiteren Ausführungen M. Blumes zu Graham und seinem „The Creed of Science“, die mir – wie Eingangs erwähnt – einen Anstoß gaben.

Von Anfang an war klar, dass ich über Michael Blumes Buch „Evolution und Gottesfrage“ in diesem Blog schreiben würde. Dieses Buch zu lesen, hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich empfinde es nicht nur als spannend geschrieben; es vermittelt auch, über die Darstellung seines Kerns – Charles Darwin als Theologe – hinaus, Informationen und Betrachtungen weiterer Themen, wie zu Geschichte und heutigem Erkenntnisstand der Evolutionsforschung zur Religion, oder zum Sozialdarwinismus, dessen späterer Verdrängung und oft unzureichender Aufarbeitung, zu Darwins eigenen Überlegungen zur Evolution von Religion, usw. Als für mich besonders erlebte ich beim Lesen, durch Michael Blumes Auswahl an biografischen Einschnitten und Zitaten, ein wenig den Menschen Charles Darwin näher kennenlernen zu dürfen, das, was ihn in seinem Inneren bewegte, über seine Mitleidsfähigkeit gegenüber Tieren, seine Ablehnung von Heilsexklusivismus, über sein Zweifeln und Suchen.

Zudem zeigt sich Michael Blumes Buch in erfreulicher Weise ungewöhnlich darin, dass er die interdisziplinäre Vernetzung über das Internet, die „Bürgerwissenschaftler“, Blogger und Kommentatoren würdigt. So ist das Buch sogar „Allen konstruktiven Bloggerinnen und Bloggern, Kommentatorinnen und Kommentatoren“ gewidmet.

Die rasch sich entwickelnden Diskussionen um das Buch und sein Thema überraschten mich ein wenig; aber sie freuen mich auch, zeigen sie doch, dass Michael Blume da möglicherweise „einen Nerv getroffen hat“. Links dazu befinden sich am Ende dieses Artikels.

Und noch etwas überraschte mich. Einige der Gedanken, die ich für mich dilettantisch (und sicher oft stümperhaft) über Jahre hinweg meinte entwickelt zu haben, oder die sich, vermeintlich neu, anderenortes lesen ließen, fand ich nun in diesem Buch wieder, skizziert von einigen klugen Köpfen bereits vor fast eineinhalb Jahrhunderten, auf breiter Basis bis heute kaum wahrgenommen, reflektiert und diskutiert.

In diesen Bereich fiel auch Grahams Emergentismus, der mich (zunächst noch intuitiv) einen Brückenschlag erkennen ließ zum integral-holarchischem Modell, wie es Ken Wilber in Eros, Kosmos, Logos entwickelte (und das er – angefangen bei Plotin – als nicht erdacht, sondern in den Grundzügen bereits von Einigen vor ihm [aus der mystischen Schau] abgeleitet verstanden wissen möchte). Bei aller in mir im Laufe der Jahre entstandenen Kritik an diesem Weltbild, fesselt es mich noch immer – oder besser: wieder neu -, und meine eigene Kritik beginnt, auch in Folge Michael Blumes „Evolution und Gottesfrage“, langsam zu bröckeln. Diese Verknüpfung war sicherlich nicht Michael Blumes Intention; nein, sie ist subjektiv. Und damit kehre ich zurück zum Anfang dieser Rezension.

Also: über Michael Blumes neues Buch wollte ich hier schreiben. Doch selten fiel es mir so schwer, einen Beginn zu finden und einen „roten Faden zu spinnen“. Denn es war klar, dass ich nicht mit einem „objektiven Anstrich“ rezensieren wollte, sondern von Anfang an ausdrücklich subjektiv. In „Seelengrund“ geht es ja, nicht nur, aber doch vorwiegend, um Mystik. Und (meine) Mystik, bzw. das aus ihr erwachsende „Weltbild“ war es, welche/s durch einige Punkte dieses Buches angesprochen wurde. Das mag nicht gleich verständlich sein, wenn man das Buch kennt. Doch das, was mich – wie Eingangs erwähnt – schon eine Weile gedanklich beschäftigt, ist die „Evolution Gottes“ (was ja nicht per se die gleiche Themenstellung ist wie „Evolution und Gottesfrage“). Diese lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten: kulturell, religionshistorisch, gesellschaftlich, evolutionsbiologisch, psychologisch, neurologisch, theologisch, usw., und zentriert sich dann individuell-persönlich für mich in der mystischen Perspektive, wie vielleicht schon der vorangegangene Artikel erahnen ließ. Zwar ist es viel zu früh, mich an dieser Stelle dazu zu äußern. Der Anstoß, den mir M. Blumes Buch „Evolution und Gottesfrage“ insoweit gab, führt mich möglicherweise in einen sehr lange dauernden Prozess. Dennoch spielt dieses Buch auch auf andere Weise mit hinein, wenn ich (bejahend) an die Zeilen Newbergs und Waldmans denke, die ich in Die pluralistische Zukunft Gottes zitierte:

„Was auch immer Gott oder das Universum sein mag, wir bekommen nur einen kleinen Ausschnitt davon zu sehen. (…) Vielleicht können wir auf ähnliche Art und Weise ein vollkommeneres Gottesverständnis erlangen, indem wir all unsere Beschreibungen der menschlichen Natur, der Realität, der Spiritualität und des Universums zusammentragen.“

[Andrew Newberg u. Mark Robert Waldman, Der Fingerabdruck Gottes – Wie religiöse und spirituelle Erfahrungen unser Gehirn verändern, Verlag Goldmann, München 2012, S. 173]

Wenn ich mich richtig erinnere, sieht Michael Blume die Arbeiten Newbergs skeptisch, und möglicherweise würde Michael Blume meine Verbindungen hier weit von sich weisen, aber zum einen ist es nicht er, der diese Verbindungen herstellt, und zum anderen ist es nunmal das, was sich auf der Hintergrundebene meines bescheidenen Denkens abspielt: Eine ständige Tendenz, solche Beschreibungen zusammenzutragen und (auf meine Weise) zu verbinden. Und auch M. Blume gehört eben zu jenen, die ihren Teil dazu beitragen, Beschreibungen zu finden und weiter zu entwicklen (und manchmal auch seinerseits mit anderen Beschreibungen zu verbinden). Ich gestehe an dieser Stelle, den Wissenschaftlern sehr dankbar für ihre Arbeit zu sein.

Doch das vorangegangene Zitat passt auch zu dem, was Wilber (in „Eros, Kosmos, Logos“) meint, wenn er (sinngemäß) sagt, dass es auf der Betrachtungsebene einer „Gesamtschau“ nicht darum gehen kann, alle existierenden Theorien zu begutachten und dann zu entscheiden, welche davon richtig und welche falsch sei, sondern darum zu erklären, in welchem Kontext die Gesamtheit dieser Ideen richtig sein könne. Und diese Frage nach dem Kontext ist gleichzeitig die Frage nach der Struktur des Kosmos, der ein Aufkommen so vieler grundverschiedener Disziplinen überhaupt ermöglicht.

In gewissem Sinne war genau diese letzte Frage auch jene von Darwin und Graham, wenn sie sich – bei aller notwendigen Trennung in fachspezifischer, wissenschaftlicher Betrachtung – nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Theologen erwiesen.

Und so möchte ich diese Empfehlung, Michael Blumes neues, und in mehrfacher Hinsicht brückenschlagendes Buch „Evolution und Gottesfrage – Charles Darwin als Theologe“ zu lesen, beschließen zunächst mit einem dazu passenden Zitat von William Graham aus diesem Buch, welches – so für sich stehend – auch von einem modernen Mystiker stammen könnte, und einem anschließenden Zitat von Michael Blume.

„Dies ist die Konzeption, die das Ultimative Prinzip des Universums als ein tieferes, weiteres, größeres Etwas als die uns bekannte Materie oder das uns bekannte Bewusstsein erfasst; das Etwas, aus dem Materie und Gedanken nur spezielle Formen, Erscheinungen, Ausprägungen sind. Es sind die einzigen, die wir tatsächlich kennen können. Und dies nur mit ihren eigenen Mitteln, die aber dennoch weit davon entfernt sind, die transzendente Natur der Einen Ewigen Substanz und Macht am Grunde jener Dinge ausschöpfen zu können, die wir kennen, wie auch der unzählbaren anderen möglichen Selbstpräsentationen, von denen wir nichts wissen können.“

[William Graham, zitiert nach: M. Blume, Evolution und Gottesfrage, S. 144]

“ Ja, Wissenschaft – in ihren empirischen Ausprägungen wie auch in Philosophien und Theologien – ist mühsam und vermag uns, wie Darwin zu Recht bemerkte, lehrte und lebte, nicht von allen Zweifeln und drängenden Fragen zu befreien. Aber sie verbietet uns auch das Vertrauen, Hoffen und Glauben nicht, (…). Wir alle mögen dazu tendieren, unsere jeweilige wissenschaftliche oder religiöse Praxis bewusst und unbewusst weltanschaulich absolut zu setzen, gegen Fragen und Zweifeln abzusichern und damit weit hinter dem Niveau zu bleiben, das sich bereits vor mehr als einem Jahrhundert entfaltete. Aber wir können – wie es schon der Geistliche Bertrand Chartres († 1124) im 12. Jahrhundert formulierte – auch immer wieder auf die Schultern der Riesen vor unserer Zeit steigen, um von dort weiter in die Ferne zu sehen. Ob wir Atheisten, Agnostiker oder auch evolutionäre Theisten sind, die vertrauende Hoffnung, dass es Neues, Wichtiges, Wegweisendes zu entdecken gibt, darf uns verbinden und anspornen.“

[Michael Blume, Evolution und Gottesfrage, S. 158]

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links:

„Charles Darwin als Theologe…“ (bei Natur des Glaubens)

Charles Darwin: War nie Atheist (bei Natur des Glaubens)

„Besser als der Darwinismus. Ein Blick auf Charles Darwin als Theologen“ (Herder Korrespondenz 01/2013, S. 33 – 37)

„Neue Annäherung an Darwin – Michael Blumes Buch“ (bei Hintergründe von Hermann Aichele)

„Wie (mich) Facebook gewann…“ (bei Natur des Glaubens)

„Darwin, Evolution und Gottesfrage: Wider die seltsamen Allianzen“ (bei diesseits.de)

„Evolution und Gottesfrage“ (im Science-Shop)

„Evolution und Gottesfrage“ (bei amazon.de)

„Evolution und Gottesfrage“  (beim Herder Verlag)

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