Als in uralten Tagen das erste Beben der Sprache meine Lippen erreichte, stieg ich den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Herr ich bin Dein Sklave. Dein verborgener Wille ist mein Gesetz, und ich will Dir ewig gehorchen.“
Aber Gott antwortete nicht und zog wie ein mächtiger Sturm vorüber.

Foto: Stefan Kraus 2010

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Schöpfer, ich bin Deine Schöpfung. Aus Lehm hast Du mich geschaffen, und Dir verdanke ich alles, was ich bin.“
Aber Gott antwortete nicht, sondern zog vorüber wie tausend rasende Schwingen.

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Vater, ich bin Dein Sohn. Aus Erbarmen und Liebe hast Du mir das Leben geschenkt,
und durch Liebe und Ehrfurcht werde ich Dein Königreich erben.“
Aber Gott antwortete nicht und zog wie der Nebel vorüber, der die fernen Hügel verhüllt.

Und tausend Jahre später stieg ich noch einmal den Heiligen Berg hinauf und sprach zu Gott: „Mein Gott, mein Ziel und meine Erfüllung. Ich bin Dein Gestern, und Du bist mein Morgen. Ich bin Deine Wurzel im Erdreich, und Du bist meine Blüte im Himmel, und gemeinsam wachsen wir dem Antlitz der Sonne entgegen.“
Daraufhin neigte sich Gott zu mir herab und flüsterte süße Worte in mein Ohr, und wie das Meer einen Bach, der zu ihm herabfließt, umfängt, so umfing er auch mich.
Und als ich in die Täler und Ebenen hinabstieg, war Gott auch dort.

aus: Khalil Gibran, Der Narr, Gott; Anaconda Verlag, Köln 2010, S. 109 f

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