Heute mal keine hehren Worte oder pseudokluge Gedanken des hier Schreibenden…

Eigentlich wollte ich heute einen Blogartikel über den religiösen Meidungsakt schreiben. Oft wird darüber leicht „von oben herab“ gesprochen, besonders, wenn die Sprache auf strenge Religionsgemeinschaften wie die Amish oder Jehovas Zeugen kommt. Und oft wird dabei vergessen, dass z.B. auch die katholische Kirche den Meidungsakt kennt (Exkommunikation), oder dass schon im Neuen Testament der Bibel zum Meidungsakt aufgerufen wurde (2. Thessalonicher 3, 6 u. 14-15, Römer 16, 17, Titus 3, 10, u.a.). Aber auch außerhalb des Religiösen ist der Meidungsakt in verschiedenen Abstufungen und Alltagsbereichen immer wieder dort zu finden, wo gruppendynamische Prozesse eine Rolle spielen.

Doch dann klingelte es an der Haustüre. Ich öffnete, und schaute in die leuchtenden Gesichter zweier junger Männer. Sie fragten, ob sie mit mir über die Bibel sprechen könnten. „Zeugen Jehovas?“ fragte ich zurück, und sie bejahten. Nach früheren Erfahrungen mit stundenlangen Gesprächen verneinte ich freundlich.

Der Blick in die strahlenden Gesichter dieser beiden jungen Männer beeindruckte mich. Aber neu war diese Erfahrung für mich nicht. In der Stadt, in der ich wohne, traf ich einige Male einen älteren Herrn, der ebenfalls Zeuge Jehovas ist. Auch ihm antwortete ich bei unserer ersten Begegnung, dass ich nicht über die Bibel bzw. seinen Glauben sprechen möchte. Und dann sprachen wir über anderes, immer wieder auch über Gott, ohne dass in irgendeiner Weise ein missionarischer Unterton aufkam. Ich weiß noch, wie ich damals überrascht war, als er mir – auf meinen Hund blickend – erzählte, dass er daran glaubte, dass auch die Tiere nach ihrem Tode bei Gott leben würden. Nicht nur deswegen mochte ich diesen älteren Herrn, der mich immer freundlich lächelnd grüßte, wenn wir uns sahen.

Und ich kenne eine junge Frau, die bei Jehovas Zeugen ist, die in diesem Glauben aufgewachsen war. Sie ist sehr intelligent, aufgeschlossen, immer höflich und bescheiden. Einmal hat sie mich sehr beeindruckt, als sie eine Gewissensentscheidung in ihrem Leben erwähnte; und ich habe sie nie schlecht über andere reden gehört. Ihren Glauben hat sie übrigens nie von sich aus erwähnt. Fast täglich haben wir beruflich miteinander zu tun, und es ist stets eine angenehme Begegnung.

Der Meidungsakt sollte in meinem eigentlich geplanten Blogartikel nur Ausgangspunkt sein. Wesentlich sollte es um Abgrenzung und Entgrenzung gehen. Und nun war es wieder einmal ein einfaches Lächeln, das Lächeln von zwei Menschen einer sich abgrenzenden Religionsgemeinschaft, das mehr über Entgrenzung aussagte, als ich hier hätte schreiben können.

Advertisements