„Unsere Ergebnisse erhärten die Vorstellung, dass das menschliche Gehirn so angelegt ist, dass wir gelegentlich mystische Erfahrungen machen können. Wir vermuten jedoch, dass man durch intensiveres Meditieren oder Beten die Wahrscheinlichkeit steigern kann, einen mystischen oder transzendenten Zustand zu erleben.

In der Praxis behalten die meisten Menschen mehrere Gottesbilder bei, aber die Vorstellung von Gott entwickelt sich genauso wie die Persönlichkeit eines jeden Menschen. Ich würde vermuten, dass die unterschiedlichen Persönlichkeiten Gottes – autoritär, kritisch, distanziert, gütig und mystisch – mit der neurologischen Evolution und Entwicklung des Gehirns zusammenhängen.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte, die Vorstellungen von autoritären Göttern sind mit den ältesten, primitiven Strukturen des Gehirns verbunden. Demgegenüber erleben wir einen gütigen oder mystischen Gott über die entwicklungsgeschichtlich zuletzt hinzugekommenen Hirnregionen, also die Strukturen, die bei jedem Menschen anscheinend einzigartig sind. Dieser entwicklungsbasierte Ansatz entspricht übrigens ungefähr der kulturellen Evolution der religiösen Tradition in aller Welt. (…) In den Gehirnen unserer Vorfahren ist irgendetwas vorgefallen, das uns die Kraft gegeben hat, diesen autoritären Gott zu zähmen. (…)

Es ist einfach, sich die Vorstellung eines gütigen Gottes zu eigen zu machen, aber es ist deutlich schwieriger, mystische Eigenschaften zu erfahren. Unsere Umfrage zu spirituellen Erfahrungen hat gezeigt, dass sich Erlebnisse des Einsseins, in denen Gott zu einem faktisch unbeschreiblichen Gefühl verwandelt wird, spontan ereignen. Dies ist auch bei erfahrenen Meditierenden der Fall. Nahezu alle, die höhere Bewusstseinsebenen erfahren, fühlen sich friedlicher und entspannter, aber nur wenige erleben stark veränderte Bewusstseinszustände, die eine rapide Veränderung der spirituellen Glaubensüberzeugungen herbeiführen. Offensichtlich wird unsere Fähigkeit, mystische Bewusstseinszustände zu erleben, davon beeinflusst, wann und wie lange wir meditieren, aber es gibt der Meinung vieler östlicher Lehrer nach keine Garantie für die Erfahrung einer Erleuchtung. (…)

Anhänger der verschiedensten religiösen Traditionen haben es zwar geschafft, einen mystischen Geisteszustand zu erreichen, doch sie scheinen sich in einem Punkt einig zu sein: Der Geist wird Gott nie vollkommen verstehen können. Die Erfahrung ist zu mächtig, zu eindrucksvoll und zu tief greifend, als dass sie mit Bildern oder Worten beschrieben werden könnte. Gott wird zur Totalität des Lebens und zu einer Kraft, die vollkommen und unbestreitbar real ist. Dieser Gott lässt sich aber mit den Lehrsätzen der traditionellen Glaubensrichtungen nicht so einfach fassen.“

aus: Andrew Newberg u. Mark Robert Waldman, Der Fingerabdruck Gottes – Wie religiöse und spirituelle Erfahrungen unser Gehirn verändern, Verlag Goldmann, München 2012, S. 157 f., 170 f.

Diese kleinen Auszüge aus dem Buch „Der Fingerabdruck Gottes“ der Neurowissenschaftler Newberg und Waldman seien vorweggeschickt, um – möglicherweise noch immer zu kurz – das folgende Zitat aus dem gleichen Buch ein wenig verständlicher zu machen, um das es mir eigentlich geht:

Der Gott der Zukunft müsste viele Funktionen gleichzeitig ausüben und die Grenzen der zahlreichen Interpretationen von historischen religiösen Schriften überschreiten können. (…) Was auch immer Gott oder das Universum sein mag, wir bekommen nur einen kleinen Ausschnitt davon zu sehen. (…) Vielleicht können wir auf ähnliche Art und Weise ein vollkommeneres Gottesverständnis erlangen, indem wir all unsere Beschreibungen der menschlichen Natur, der Realität, der Spiritualität und des Universums zusammentragen.
Der Gegner eines pluralistischen Gottes wäre eine Widerspiegelung von Selbstsucht, Angst, Beklommenheit, Wut und Rassismus – mit anderen Worten: all der Qualitäten, die sich in einer »Wir gegen sie«-Mentalität manifestieren. Aber Sie können die Amygdala, den neuronalen Fundamentalisten des menschlichen Gehirns, nicht einfach herausreißen. Sie müssen stattdessen lernen, sie mit Bildung, Kontemplation und Liebe zu bändigen, und genau darauf sind der frontale Kortex und der anteriore cinguläre Kortex ausgelegt. Sie können sich eine bessere Zukunft vorstellen und die Welt manipulieren, sodass diese Träume wahr werden. Und solange es unbeantwortete Fragen über uns selbst, das Universum oder den Sinn des Lebens gibt, wird das menschliche Gehirn immer wieder neue spirituelle Rahmenbedingungen schaffen, um eine unfassbar komplexe Welt zu verstehen.

a.a.O. S. 173 f.

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