Es gibt Menschen, die eine grundlegend fröhliche und leichte Lebenshaltung selbst dann bewahren, wenn sie von Schicksalsschlägen nicht verschont bleiben und dabei einer hinreichenden Sensibilität nicht entbehren. Doch Religion und Spiritualität ist hierfür nicht ihre Basis, und sie wollen damit auch nichts zu tun haben.
 Mich beschleicht immer wieder ein ungutes Gefühl, wenn einige Anhänger einer Religion oder eines spirituellen Konzeptes – manchmal als selbsternannte Virtuosen der Weisheit – ihre Mission als eine ultimative Heils- und Glücksgarantie verkaufen und dabei das Ereichen des Zieles nicht selten (nur) an die aufgebrachte Leistung* anbinden, so dass manch einer, bei dem sich Heil und Glück trotz des Verfolgens dieser Wege einfach nicht einstellen wollen, in spirituelle Minderwertigkeitskomplexe oder religiöse Selbstbewusstlosigkeit verfallen mag.
 Doch dieser „Misserfolg“ liegt in der Regel weder an der jeweiligen Religion oder an dem spirituellen Konzept und den ihnen eigenen Wegen, noch an einem „Versagen“ in der Bewältigung der darin gestellten Anforderungen.
 Menschen sind unterschiedlich in ihrer Veranlagung, ihrer Prägung, in ihrer Biografie und in ihren Mitteln. Das sind die Landschaften, in denen sich ihre Religiosität und Spiritualität bewegt: Die kargen Wüsten, die arktischen Weiten, die hohen Bergketten, oder auch die üppig reichen Ebenen. Religion und Spiritualität beginnen nicht davor, sondern sind die Muskeln des Körpers, der sie dort hindurch trägt, und der Motor des Fahrzeugs, das sie dort ein wenig schützt und weiter bringt.

 Wer einen tiefen Schmerz in seiner Seele trägt, und ihn einfach nicht los wird, der glaube nicht, dass er spirituell etwas falsch mache. Oder wie der Christ sagen würde: Umarme das Kreuz, das dir gegeben wurde.

Eines Tages sagte eine Auster zu einer zweiten Auster neben ihr: »Ich trage einen großen Schmerz in mir. Er ist schwer und rund, und ich bin in Not.«
 Und die andere Auster antwortete selbstgefällig und überheblich: »Dem Himmel und dem Meer sei Dank, ich trage keinen Schmerz in mir. Ich bin wohlauf und unversehrt, von innen wie von außen.«
 Im selben Moment kam eine Krabbe vorbei, hörte die beiden Austern und sagte zu der, die von innen wie von außen wohlauf und unversehrt war: »Ja, du bist wohlauf und unversehrt. Aber der Schmerz, den deine Nachbarin erduldet, ist eine Perle von berauschender Schönheit.«

Khalil Gibran: Die Perle, aus: Der Wanderer; Anaconda Verlag, Köln 2010, S. 186

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*Leistung kann dabei auch ‚Passive Leistung‘ meinen. So gibt es ja durchaus z.B. auch spirituelle Konzepte, die auf der ‚Leistung‘ basieren, lediglich erkennen zu lernen, dass eben nichts zu tun sei.

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