„Da erzählt eine alte islamische Legende, in den Tempel sei eines Tages ein einfacher Hirte gekommen und habe laut mit Gott geschimpft. »Du«, hat er gesagt, »hörst meine Gebete nicht, obwohl ich dir mein bestes Schaf geopfert habe. Bist du schwerhörig, Gott? Schläfst du grade, wo ich leide?« Diese Rede hört Mose und fuhr den Hirten bitter an, was ihm einfalle, mit dem Allmächtigen derart zu reden, und jagte ihn aus dem Tempel. Doch kaum geschehen, redete der Mund Gottes zu Moses und sprach: »Dieser Hirte hat zu mir gesprochen aus der Ehrlichkeit seines Herzens und so gut er es vermochte. Er ist mir nahe und lieb und wert. Mach dich auf, Mose, Erschaffer von sechshundert Gesetzen, und hole mir den Hirten wieder!«“

Zitiert nach: Eugen Drewermann, Zwischen Staub und Sternen, Patmos Verlag Düsseldorf 1991, S. 116

Das Bemerkenswerte an dieser Legende ist der fast beiläufige Hinweis auf die Herkunft der vielen (religiösen) Gesetzesregelungen. Diese eben stammen nach dieser islamischen (!) Legende nicht von Gott, sondern von dem Menschen Mose, dem Propheten (!), der bei all den vielen Gesetzen den Kern des Verhältnisses des Menschen zu Gott aus den Augen verloren hat und deswegen von Gott selbst gemaßregelt wird.

P.S.: Noch etwas ließe sich – nicht ohne Zusammenhang mit dem zuvor Gesagten – aus der Legende herauslesen: Auf die Opferung des Schafes hat Gott offenbar nicht reagiert; auf die direkte Ansprache des Hirten hingegen schon.

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