„Noch weiter führt die Frage, ob die Schizophrenie überhaupt als eine Krankheit im traditionellen Sinne zu verstehen ist. Nicht nur in antipsychiatrischen Kreisen ist in dieser Richtung überlegt worden. Auch Huhn hat gefordert, „… daß man sich von der hypothetischen Vorstellung lösen muß, daß eine ,Krankheit Schizophrenie‘ zu untersuchen sei.“ (vlg. Huth 1988, S. 203). Er fügt hinzu, daß es in den letzten Jahren mehr und mehr gelungen sei, „… die ,Krankheit Schizophrenie‘ als das persönliche und zwischenmenschliche Drama eines schizophren reagierenden Menschen zu begreifen.“ Wenn außerdem, wie Jaspers unter Bezugnahme auf Weizsäcker einräumt, „… Krankheit oft die Revision einer ganzen Lebensepoche bedeutet“ (zit. n. Jaspers 1959, S. 659), dann kommt die Schizophrenie als eine „infirmatis salubris [heilsame Krankheit]“ (vgl. Maschler 1994, S. 36) in Betracht.“

„Es ist zu vermuten, daß hier, im Augenblick der „Auslenkung“ des Selbst (vgl. Janzarik 1966, S. 89) und der Berührung mit jener „anderen“ Welt die Voraussetzung für spätere religiöse Identifikationen geschaffen wird. (…) Gleichwohl verbieten auch an dieser Stelle die nahen Analogien zu ähnlichen Erlebnissen im eksatisch-mystischen Bereich eine sichere pathologische Zuordnung. Entsprechend hat Janzarik darauf hingewiesen, daß „amentielle oder katatoniforme [sinngem.: Zustände erheblicher geistiger und körperlicher Desorganisation] Initialsyndrome“ sich nicht verläßlich einordnen lassen (vgl. Janzarik, ebd.). Der Beobachtungsquerschnitt zeigt größtenteils Phänomene, die nicht nur in der traditionellen Mystik, sondern gleichfalls in aktuellen religiösen Bewegungen von Bedeutung sind. (…)“

Kunz bezeichnet das „primäre Wahngeschehen“ als „Einbruch und Beginn“ einer radikal anderen, vom alltäglichen In-der-Welt-sein fundamental verschiedenen Daseinsweise. Lenz spricht davon, daß sich „inmitten des schizophrenen Seins“ das Numinose bloßlegt (vgl. Lenz 1981, S. 180).“

„Die Berichte zahlreicher Patienten umkreisen jenes überwältigende Erlebnis, daß „Gott in die Welt kommt.“ (Wetzel, zit. n. Jaspers 1959, S. 248).

„In oft engem Zusammenhang mit den geschilderten Lichterlebnissen steht das Bewußtsein des Erleuchtet-seins (vgl. Lenz 1973, S. 356). Die Fülle der Zeugnisse, deren gemeinsamer Nenner auf der Erfahrung beruht, daß sich – oft mit einem Schlage – alle Rätsel des Lebens und des Weltzusammenhangs gelöst hätten, ist unübersehbar. Hatte sich die präpsychotische Welt zunehmend rätselhaft – undurchdringlich gestaltet, so ist es nun ein „seliger Zustand des Schauens“, der das Erleben dominiert (…). Diese Enträtselung kann mit Bychowski als Erlösung verstanden werden (vgl. Bychowski 1923, S. 149), durch die der präpsychotische Spannungszustand behoben wird zugunsten einer alle Wirklichkeitsaspekte umfassenden Einheits- bzw. Zentralschau (vgl. Bychowski 1923, S. 11). (…) Bychowski hat die Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung betont, die eine solche Erkenntnis ermögliche (vgl. Bychowski 1923, S. 140). (…) In der Zweiheit von Schöpfer und Geschöpf findet Leben statt – in der Einheit Erfüllung und Sein.“ (Klahn, S. 84).“

„Wer es so erlebt, für den gibt es keine Zufälle mehr, sondern alles, was ist, und alles was geschieht, ist in wunderbar-geheimnisvoller, teils Schwindel erregender Weise aufeinander bezogen. Hierfür finden Patienten Formulierungen wie „Ich bin alles“, „Gott ist alles“, „Gott ist in allen/allem“ oder „ich bin in allem/allen“ – Die psychotische Wahrnehmung gewährt einen Blick durch das Vordergründige hindurch auf den Grund, das „Eigentliche“, den „eigentlichen“ Zusammenhang der Dinge. Ein Patient berichtet, er habe in solchen Zeiten auf den „Seelengrund“ schauen können. „Erleuchtet“ wird jenseits der unmittelbaren Wahrnehmung das Wesen der Dinge und des Seins.“

„Nicht selten sprechen Patienten von Bewußtseinserweiterung. Mit Janzarik ist hier von einer „impressiven Entzügelung der Wahrnehmung“, von „Reizoffenheit“, von „Überflutetwerden von Eindrücken“ zu sprechen (vgl. Janzarik 1959, S. 88; 1968, S. 43). In einer bis dahin ungekannten Intensität stürmen die Eindrücke auf den Empfänger ein, der diese in elektrisierter Wachheit aufnimmt und verarbeitet. Die Welt, die Menschen und nicht zuletzt das eigene Selbst offenbaren sich mit großer Eindringlichkeit in ihrem „wahren“ Sein.“
Der Schizophrene sieht anders und Anderes. „Was folgte, war zunächst eine paradiesisch schöne Zeit der Befreiung und ungeheuer intensiver Sinneswahrnehmungen. Ich hatte die wunderbarsten Erlebnisse, er war, als wäre ich schon in der Welt der Seligen; in der vierten Dimension…“ (Pawlowna in: Brückenschlag 1991, S. 76). Oft sind es die Eindrücke der umgebenden Natur, die mit einer außergewöhnlichen Empfindsamkeit zur Kenntnis genommen werden. So erklärt mir ein Patient die Zellstruktur eines herbstlichen Blattes in aller Ausführlichkeit und gelangt zu der Erkenntnis, daß jede Zelle Gott anbete bzw. selber ein Gebet sei. Ein anderer Patient lebt wochenlang allein im Wald. Er ist überzeugt, in völligem Einklang mit der Natur zu sein, und achtet peinlich darauf, daß durch seine Bewegungen nichts Lebendes zu Schaden kommt.“

„Die Aufhebung der Zeit scheint ein wesentliches Merkmal jeder mystisch-ekstatischen, aber auch der schizophrenen Erfahrung zu sein. (…) Was sich vorbereitet, ist ein „zeitloses, aber auch zielloses, a-rationales Geschehen.“ (Lenz 1976, S. 32). (…) Das spröde Etikett „einer tiefgreifenden Störung des Raum-Zeiterlebens“ (vgl. Minkowski, zit. n. Huth 1988, S. 313) kann weder dem expansiven Charakter des Erlebens noch dessen mystischer Qualität gerecht werden.“

„Als „seligen Zustand des Schauens“ bezeichnet Weitbrecht die eigenartige Verschmelzung von Gefühl und Erkenntnis in der Ekstase (vgl. Weitbrecht 1948, S. 113). Nicht mehr einzelne Akte des Erkennens bestimmen das Erleben, sondern ein zeitlos-präsentisches Aufgehobensein im numinosen Ereignis.“

„Daß im initialen Stadium der Schizophrenie das Ich des Menschen teils sich wandelt, teils ganz zu verlöschen scheint, ist eine häufig beschriebene Erfahrung. „Es kann sein, daß das persönliche Ich … und der Betreffende eins wird mit Gott oder der Transzendenz oder dem Unaussprechlichen …“ Auch hier gilt, daß das Zeiterleben zurücktritt hinter eine mystisch-präsentische Erfahrung. Wo das Ich eingeschmolzen wird in eine überlegene Wirklichkeit, dort gibt es kein Vorher und Nachher, kein Oben und Unten. Im Hinblick auf diese mystische Erfahrung hat Lenz von einer „einbettenden, überpersönlichen Atmosphäre“ gesprochen, „… in der der spürbare eigene Leib eingeschmolzen ist, der Geist allein waltet.“ (Lenz 1981, S. 187).
Es war vor allem Weitbrecht, der auf Analogien zwischen den psychotischen Phänomenen und den Zeugnissen mystischer Erfahrung hingewiesen hat (vgl. Weitbrecht 1968, S. 116). Die Grenze zwischen Irdischem und Himmlischen, zwischen Gott und Mensch, ist aufgehoben. (…) Das individuelle Ich erübrigt sich in dem Maße, in dem es aufgenommen und veredelt wird von einem Größeren. (…)
„Nach Buber wohnt der Mensch nicht in seinem Ich, sondern er ist dort Mensch, wo die Zweiheit von Ich und Kosmos – oder wenn man will: Gott – aufzuhören beginnt, also dort, wo das Partizipieren an einem großen anderen erlebt wird.“ Dieses Votum bildet bereits eine kritische Stellungnahme gegen die in der Psychiatrie verbreitete Pathologisierung entsprechender Erfahrungen.
Maßgeblich ist der eigentümliche synthetische Impuls, der in der mystischen und in der schizophrenen Erfahrung zur Geltung kommt. Jenseits der Frage nach dem morbus realisiert sich in ihr die Aufhebung von Gegensätzen und die Überwindung unüberwindlich erscheinender Grenzen. Die Einebnung der Ich-Du-Polarität hat bereits Storch als charakteristisch angesehen. Den überschwänglichen Ausruf einer Schizophrenen „Ich und Du, ist das nicht dasselbe?“ versteht er als den Grundgedanken aller mystischen Ekstasen, als die „ekstatische Identitätsformel“ (vgl. Storch 1922, S. 64). Mit dieser Entselbstung geht der Eintritt in eine überlegene neue Welt einher (vlg. Heiler 1923, S. 316f.).
Der „Aufschwung ins Überirdische, Metaphysische“ (vgl. Schmitz 1980, S. 427) ist oft mit der Vorbereitung einer neuen Identität verbunden. Wo sich das „alte“ Ich in einer größeren Einheit findet, wandelt, auflöst, dort kann es sich auch – nicht selten im Sinne einer Aufwertung – neu gewinnen.“

Ausschnitte aus dem Buch „Sein wie Gott – Aspekte des Religiösen im schizophrenen Erleben und Denken“ von Ronald Mundhenk, erschienen im Paranus Verlag, Neumünster 1999/2002.

Ich hätte noch weiter zitieren mögen, z.B. aus den Kapiteln zum Numinosen, zu Berufung und Heiligung, zu Bekehrung und Transpersonalität, …, in Anbetracht dessen, was bereits anhand der hier wiedergegebenen Ausschnitte erkennbar werden könnte. Doch es soll genügen. Das letzte Kapitel dieses Buches trägt übrigens die Überschrift „Bruder Wahnsinn“. Nun, ein derart gottverwobenes Erleben ist vermutlich Vielen ein Wahnsinn („durchgeknallt“ schrieb Kurt hier kürzlich, und löste womöglich damit diesen Artikel aus). Doch wenn ich mich so umschaue in der Welt, denke ich manchmal, dass der wahre Wahnsinn nicht im morbus zu finden ist, sondern in der Normalität unserer Schlachtfelder und Schlachthäuser, in unserem „gesunden“ ökonomischen Denken und Handeln zu Lasten der armen Länder und Menschen, zu Lasten der Natur, auf unseren Straßen und in unseren Ställen, in der ganzen herzlosen Sachlichkeit unserer getriebenen Lebenswelt. Und ja, manchmal auch in unseren Religionen.

Gott geschieht im Kopf. Aber die Welt eben auch.

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