„Es gibt keinen Baum!“ riefen einige Äste. „Aber wir glauben, dass es ihn doch gibt!“ riefen einige andere. „Ihr müsst nur werden wie der Stamm,“ sprachen sanft, aber sehr bestimmt, einige ältere Zweige, „aufrecht und stark. Dann werdet ihr den Baum erkennen und in seine Herrlichkeit aufgenommen.“ „Aber dafür sind wir alle zu schwach,“ entgegnete ein halb verdörrter Ast, „in die Höhe wollen wir streben, doch die Schwerkraft zieht uns wieder nach unten, und so wachsen wir schließlich entlang des Horizontes. Nie werden wir wie der Stamm!“ „Alles Unsinn,“ meldeten sich da ein paar z-förmig gewachsene Äste, „wir sind alle nur Illusion!“ „Was interessiert mich der Baum,“ mischte sich ein mächtiger Ast ein, „ich will nur mehr Licht und noch mehr Platz für mich!“. „Ja, seht das Licht!“ riefen da erregt die Zweige aus der Höhe, „Hosianna! Sehet das Licht! Preiset den Baum!“ Aus dem Schatten fauchte ein Ast nach oben: „Demnächst glaubt ihr auch noch an Wurzeln, obwohl noch nie jemand von uns welche gesehen hat!“

„Der Baum und ich sind eins,“ flüsterte schließlich ein kleines, mystisch veranlagtes Zweiglein, „ungetrennt und eins. Wir Zweige, der Stamm, das Licht und die unermessliche Weite der Wiese, also alles was es gibt – all das ist der Baum. Ich bin der Baum.“ (Woraufhin einige sehr baumergebene und fromme Äste das Zweiglein streng maßregelten.)

„Hört nicht auf diese Stimmen“ raunten sich derweil die Wurzeln zu, „das sind Halluzinationen. Es gibt keinen Baum, keinen Stamm, kein Licht und keine Wiese. Nur uns und die dunkle, feste Erde gibt es. Nur das ist real!“

Über den jahrelangen Streit war ein Tannenzapfen zu Boden gefallen. Aus seinem Samen war nebenan ein kleines Bäumchen gewachsen. „Seht doch!“ riefen da die dem Bäumchen zugewandten Zweige, „Es gibt den Baum tatsächlich!“ „Das bildet ihr euch nur ein,“ antworteten die auf der anderen Seite wachsenden Äste, „wir sehen keinen Baum.“ Und wieder andere meinten, das sei nicht der wahre Baum. Denn an den wahren Baum könne man nur glauben.

Eines Tages tauchte am Horizont ein Mann auf (was einige Äste für ein Wunder hielten, andere für die Erfüllung einer bislang unbekannten Prophezeiung), fällte den Baum und verbrannte alle Zweige und Äste, den Stamm, und schließlich auch die Wurzeln, um sich zu wärmen. Denn es war kalt.

(Einige Zeit später kam eine Frau vorbei, und fragte: „Ich bin auf der Suche nach dem Baum. Wo kann ich ihn finden?“ Und der schnauzbärtige Mann antwortete: „Baum ist tot.“)


Das nebenan wachsende Bäumchen jedoch war unversehrt geblieben und wuchs über die Jahre zu einem großen, stattlichen Baum heran. Seine Früchte fielen auf die Asche des verbrannten Baumes und wurden zu neuen Bäumen, die wiederum Samen trugen und weitere Bäume vervorbrachten. So entstand im Laufe der Zeit ein Wald.

Eines Tages fragte darin ein Baum seinen Nachbarn: „Glaubst du eigentlich, dass es den Wald wirklich gibt?“ „Keiner von uns Bäumen hat ihn je gesehen.“ antwortete ihm jener. „Nein. Es gibt den Wald nicht.“

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