Lange habe ich Bernds Artikel „Mystik der offenen Augen“ und die Kommentare dazu auf mich wirken lassen…

Ein Mystiker kann ein Arsch [1] sein oder ein Heiliger.

Mystik kann ein Impuls sein für den, der noch nicht wirklich unterwegs war, und ein Schwungrad für den, der bereits unterwegs ist – egal, ob in die Gemeinschaft, oder in sich selbst, oder sowohl als auch. Was das für das Leben und die Lebensführung bedeutet, hängt u.a. davon ab, ob der Impuls oder der Schwung aufgenommen wird, in welchem Kontext die Mystik eingebettet ist, und welchen Weg der Mystik der Einzelne geht. Der eine wird seine Arme der Welt öffnen, der andere umarmt sich selbst.

Es ist nicht die Mystik per se, die der Welt einen Menschen neu gebiert. Ein Nichtschwimmer wird nicht dadurch zum Schwimmer, dass er in einen Ozean plumpst.

M.a.W.: Auch Mystiker sind Individuen [2].

So mancher, der nichts mit Religion, Glaube oder Spiritualität am Hut hat, aber etwas für andere oder die Welt tut, in der Friedensbewegung, bei Greenpeace, einer örtlichen Tafel, der Welthungerhilfe, im Tierschutzverein, oder allein durch seine auf Rücksicht ausgerichtete Lebensführung und ein gelegentliches Handeln auf konkrete Veranlassung, zeigt für mich mehr von dem, was in der Seele über die Seele hinausweist, als so mancher Religionsangehörige oder Spirituelle, wenn dieser nichts tut, außer fromm oder weise zu sein. Was ich im zugewandten Tun, im „Guten“ eines Jeden zu sehen vermeine, ist auch ohne Begriffe aus Religion und Spiritualität das Gleiche wie „die guten Taten vor Gott“. (Und nebenbei: Wie oft mag gutes Handeln gläubiger Menschen aus einem Kosten-/Nutzendenken in einem religiösen „Straf- und Belohnungssystem“ kommen – von Himmel und Hölle bis Karma und Samsara -, statt aus aufrechtem Herzen?).

Was die spirituelle Seite anbelangt: Die Mystik der offenen Augen und die Mystik der geschlossenen Augen sind auch für mich kein Entweder-Oder. Sie sind für mich in ihrem Kern wesensgleich, ein bewusstes oder unbewusstes Verstehen der Verbundenheit von Allem mit Allem, des Eins-Seins (in Gott). Und wo die Mystik der geschlossenen Augen nicht auch in eine Mystik der offenen Augen führt oder mit ihr einhergeht (ohne Voraussetzung dafür sein zu müssen), da ist – für mich [3] – etwas unvollständig im spirituellen Menschsein.

Danke, Bernd und den Kommentatorinnen, für den Gedankenanstoß.

[1] Pardon.
[2] Was jetzt nicht zu jedem mystischen Kontext passt…
[3] Auch wenn ich selbst praktisch wohl mehr der Arsch [1] bin als ein Heiliger.

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