Zu einer Position wie im vorangegangenen Artikel erahnbar darf natürlich auch eine Gegenposition nicht fehlen:

„Nirgends wird die Katastrophe, die monologische Wissenschaft zu nehmen und zu versuchen, sie zu einem vollständigen „Neuen Paradigma“ zu machen, offensichtlicher als bei den Schriftstellern und Theoretikern, die sich mit „Neuer Physik und Mystik“ befassen. Es sind ihrer zu viele, um sie hier aufzählen zu können. Wenn Reduktionisten eine spirituelle Erfahrung machen (etwas, was in Physik-Büchern meist nicht vorkommt), wirkt diese gewöhnlich als Ansporn, Philosophie zu verbrechen, und das Ergebnis ist nichts für Leute mit schwachen Nerven.
Ganz gleich, wie löblich die Absichten auch sein mögen, die meisten dieser Theorien – die das Thema ausspinnen, die „Neue Physik“ (Quanten- und Relativitäts-) unterstütze/suggeriere/beweise eine mystisch-einheitliche Weltsicht – sind verunstaltet durch den Versuch, einfach das monologische Flachland-Paradigma in dialogische und translogische Bereiche auszuweiten (eine Ausdehnung des Flachland-Ansatzes nach dem Motto „Das Essen bleibt schlecht, nur die Portionen werden größer“).
Meist nehmen sie bestimmte mathematische Formalismen (…) und interpretieren sie sehr großzügig (…), und dann verheiraten sie diese sehr ungenaue und großzügige Interpretation mit ihrer oft ebenso freien Interpretation der mystischen Spiritualität. Dabei kommt dann etwas heraus wie: Die neue Physik unterstützt oder beweist sogar eine mystische Weltsicht. (Physik und Mystik werden zu Geschwisterkindern erklärt, obwohl wir alle wissen, was geschieht, wenn Cousin und Cousine heiraten).

(…)

Formalismen, die die niedrigsten, seichtesten, unbewußtesten, am wenigsten in die Tiefe gehenden Holons beschreiben, die es nur gibt, „auszuweiten zu einem Paradigma“, das dialogischen, intersubjekitven, kulturellen Austausch umfassen soll, der auf gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Erkenntnis beruht: das ist mehr als ein Quantensprung, es ist ein Glaubenssprung, der ins Guinnes Buch der Rekorde gehört.
Quanten-Formalismen können nicht einmal die Grundlagen der Biologie und der Autopoiese erklären und schon gar nicht Ökonomie, Psychologie, Literatur, Poesie, Moral und Ethik, um nur einige wesentliche Bereiche zu nennen. Aber Physiker sind so daran gewöhnt, zu denken, daß „das Grundlegendste“ gleichzeitig „das Bedeutendste“ bedeutet, daß sie glauben, alle höheren Ebenen von Wissen seien in den oberflächlichsten Holons begründet. Sonst halten sie sie für gar nicht begründet. Daher die fortwährende Neigung, die Physik (wie phantasievoll interpretiert auch immer) auf alle beliebigen Bereiche direkt „auszuweiten“.

(…)

Diese Ausweitung der Hegemonie des Monologischen und des aggressiven, sogar gewalttätigen Reduktionismus leidet an beiden Enden der Reduktion (und überall dazwischen). Nicht nur wird automatisch angenommen, daß die Realität in ihren wesentlichsten Aspekten um jene Holons kreist, die in Wirklichkeit am wenigsten bedeutend sind. Auch die Mystik selbst – es gibt mindestens vier äußerst verschiedene Arten von Mystik (…) – wird homogenisiert zu einer Art Einheitsbrei oder dynamischen Geflecht oder Quanten-Vakuum (…), und die beiden homogenisierten Konglomerate („Quanten“ und Pseudo-„Mystik“) werden zusammengemanscht und als etwas präsentiert, was alle möglichen Aspekte abdeckt.
Abgesehen davon, daß dabei beide Enden des Spektrums der Existenz (Physis und Theos) verzerrt werden, wird alles dazwischen ausgeweidet.

(…)

(…) Je weiter man sich bei der Suche nach Bedeutsamkeit ins Seichte begibt, desto egozentrischer wird das korrespondierende Wertesystem , denn Egozentrik ist immer der jeweils seichteste Punkt im menschlichen Holon. Da jede Tiefe/Höhe fehlt, findet man nur das eigene Innere, das die ganze Realität überblickt, und plötzlich beginnt alles sich direkt auf dich zu beziehen, und die verbale Magie der egozentrischen Assoziation beginnt einem richtig tiefgründig zu erscheinen und im tiefsten erstrebenswert.

(…)

(…) Ohne ein Paradigma der gegenseitigen dialogischen Anerkennung und Fürsorge gibt es keinen Weg, irgend jemanden aus dem göttlichen Egoismus zu lösen und in weltzentrisches Mitgefühl zu ziehen und von dort in die Über-Seele, das heißt die Welt-Seele, auf den Weg zum Mysterium der Tiefe überhaupt. So beobachten wir statt dessen ein Leben, dessen Skripte von göttlichen Egos für göttliche Egos über göttliche Egos geschrieben wird, und das soll dann die Basis eines glorreichen Neuen Paradigmas sein.“

Ken Wilber: Eros, Kosmos, Logos, Fischer, Frankfurt am Main 2001, S. 779-782

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