Engel (bzw. engelsähnliche Wesen) kommen in vielen Kulturen und Religionen der ganzen Welt vor, und erfreuen sich seit einiger Zeit – insbesondere in Deutschland – einer Art Renaissance. An vielen Autorückspiegeln hängen kleine Schutzengelchen, und das  „Channeling“ erfreut sich großer Beliebtheit.

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen und Arten, an Engel zu glauben. Für die einen sind es verstorbene Angehörige, die sie begleiten und beschützen, für die anderen sind es Zwischenwesen, usw.

Dabei ergeben sich manche Sonderbarkeiten, wie das „Mathematische Paradoxon“: Einer Umfrage zufolge glaubt in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung an Schutzengel, aber nur etwa ein Drittel, dass es Engel überhaupt gibt (Gehirn & Geist, 4/2005); oder wie das „Evolutionsbiologische Problem“ (siehe hier).

Eine mich besonders ansprechende Weise an Engel zu glauben, ist für mich die der Poesie, und die der Tiefenpsychologie, wie sie z.B. bei Drewermann zu finden ist:

„Einzig im Raum einer solchen „sakramentalen“ Weltsicht vermag ein Vertrauen zu wachsen, in dem ein Engel uns erscheinen kann. Die Frage ist ja nicht, „woher“ der Engel Gabriel literaturhistorisch zur Jungfrau Maria kam, die Frage ist, wie überhaupt ein Engel Worte zu uns sagen kann, die auf den Feldern unseres Lebens Wunder wachsen lassen. Alles, was der Seele eines Menschen Flügel verleiht, alles, was ihn durchströmt mit dem Licht des Himmels, schafft eine Sphäre, in der Engel zu uns reden. Doch eben diese Welt im Innenraum der Seele ist es, von der die Mythen wesentlich sprechen, und man versteht, daß wir so lange nicht an derartige Chiffren glauben können, als uns der Mythos noch als etwas „Heidnisches“, (in Christus womöglich) „Überwundenes“ zu gelten hat. In Wahrheit ist die Erscheinung des Engels eine Möglichkeit, die in jedem Menschen liegt, und stets sind es solche Phasen des Lebens in der Stille von „Nazareth“, sind es die Zeiten, in denen wir uns selber nicht mehr entlaufen und vermeiden können, da der Engel Gottes uns gesandt wird.
Gleichwohl zählt eine solche Erfahrung inmitten der Stille zu den aufwühlendsten Erlebnissen, deren wir fähig sind. In der berühmten ersten Duineser Elegie sagt Rainer Maria Rilke wohl sehr richtig von dem „Schönen“, es sei „nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“ In der Tat ergeht es uns so gerade angesichts der Schönheit unseres „Engels“. Tiefenpsychologisch wird man in der Vision des Engelsbildes gewiß ein Abbild unseres eigenen Wesens erblicken dürfen, eine Verkörperung der Gestalt, in der wir selber uns begegnen auf dem Wege der Reifung und Vollendung, und immer wird der erste Anblick dessen, wozu wir eigentlich berufen sind, wie etwas Vernichtendes in die Dämmerung unseres Lebens treten; denn selten wagen wir, an die Größe und Würde unseres eigentlichen Seins wirklich zu glauben, und es trifft uns stets wie etwas Unfaßliches, wie etwas alle Fassung Sprengendes, wenn der Schleier vor unseren Augen zerreißt und wir in unendlichem Abstand und zugleich in unausweichlicher Nähe zu uns selbst dem Urbild unserer eigentlichen Berufung gegenübertreten. Stets wird das Wort eines „Engels“ daher lauten müssen wie bei der Anrede in Nazareth: „Fürchte Dich nicht, Miriam“ (Lk 2, 30).“

Eugen Drewermann: Dein Name ist wie der Geschmack des Lebens, Herder Spektrum, Freiburg 1986/1992, S. 48f.

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