„Denn einzig den Liebenden verdichtet sich in der Gegenwart des anderen so sehr alle Bedeutung des Lebens und aller Wert der Welt, daß sie schon hier auf Erden vermeinen, in seiner Nähe dem Himmel nahe zu sein; einzig den Liebenden erscheint die Anwesenheit des anderen wie die Barke der Sonne am Gestade der Ewigkeit zur Überfahrt in die nie verlöschende Welt des Lichts; und einzig die Liebenden werden sich fühlen, wie wenn über den Jaru-Feldern des Himmels an den Ufern des überirdischen Nils die Sonne im Singen der Sphären sich zu einem unvergänglichen Morgen erhöbe ohne Mühsal und Plage. (…) Für einen jeden Menschen, der liebt, erscheint der andere wie das kostbarste Kunstwerk des Himmels, wie das vornehmste Abbild des Göttlichen, wie ein Sakrament, dessen leibhaftige Erfahrung alle Seligkeit des Paradieses verheißt und vorwegnimmt. (…)

Immer sind wahrhaft religiöse Lieder Liebeslieder, und immer auch sind wahre Liebeslieder an die Macht der Liebe im Hintergrund alles Geschaffenen gerichtet. Unser Herz besitzt offenbar nur diese eine Kraft, die durch das Tal der Bedürftigkeit in der Gestalt eines einzelnen menschlichen Gegenübers sich in das Meer der Unendlichkeit verströmen will, und jede Unterdrückung der Liebe, so fromm und moralisch, so rein und heilig, so sittsam und sittig sie sich auch gerieren mag, ist immer auch eine Form der Gottesverleumdung und Gottesverleugnung. (…) Alle Schönheit des Himmels, alle Güte der Welt, aller Segen des Göttlichen versammelt sich in dem Menschen, den wir am meisten lieben. (…) Allein in der zauberischen Magie der Liebe fließen einem Menschen Kräfte zu, durch die die ganze Welt sich wandelt. Immer wird daher in der Gestalt eines Menschen der Liebe etwas vom Wesen des Göttlichen sichtbar (…).“

Eugen Drewermann: Dein Name ist wie der Geschmack des Lebens, Herder Spektrum, Freiburg 1986/1992, S. 74 ff.

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