Es erging mir wie manch Anderem, als Seelengrund vor wenigen Tagen den Versatile Blogger Award verliehen bekam. Ich musste erst einmal forschen, was dieser mystische Award bedeutet. Und da dieses Erkenntnisstreben offenbar ein Stück weit zur Tradition dieses Preises dazugehört, möchte ich diese Tradition an dieser Stelle nicht brechen.

Gerne nehme ich den Award an in dem Sinne, wie ebenfalls manch Andere: als Kompliment. Vielen Dank, lieber Tom!

Eine gerade im Entstehen begriffene Tradition dieses Awards ist das Ändern seiner Spielregeln. Evolution geschieht eben stets und überall, in Religionen, in der Spiritualität, bei Bienen und bei Awards. Weder möchte ich die Evolution bremsen noch diese neue Tradition des Versatile Blogger Awards brechen, und ändere so die Spielregeln der beiden mit dem Award verknüpften Pflichten ebenfalls. Der Award-Eingeweihte wird die Änderungen in wortloser Stille erkennen, auch ohne Erleuchtung an dieser Stelle. Der noch Unwissende mag sich vertrauensvoll in die Hände eines erfahrenen Gurus begeben oder in die Fülle der Schriften unser aller Suchmaschinen versenken.

Das mit dem Award erteilte Lob macht mich verlegen. Verlegenheit – das ist Ausdruck einer bestimmten Grundemotion, die sich längerfristig psychologisch und spirituell (da sind nicht unwesentliche Schnittmengen) negativ wie positiv entwickeln lässt. Dabei kann es um den Umgang mit den eigenen Fehlern gehen, aber auch um Bescheidenheit, um Selbstwertgefühl oder um Schamgefühl. Und um Verlegenheit geht es auch in den beiden Mysterien der ersten Pflicht des Awards, die ich nun in zwei Geschichten aus meiner Kindheit offenbare, angeknüpft an das Siebte Gebot (nach katholischer Zählung) und die österliche Freude.

Du sollst nicht stehlen

Es war immer etwas ganz besonderes, wenn wir in die Innenstadt von Aachen fuhren. Schon die Fahrt mit dem Bus war für mich, als mein Alter noch einstellig zählte, ein seltenes und aufregendes Abenteuer. All diese vielen Leute und Lichter, Geräusche und Düfte, das rege Treiben in allen Straßen – es war gleichsam faszinierend wie ängstigend. Nach meiner Erinnerung, welche in diesem Punkt allerdings trügen wird, habe ich wohl stundenlang kein Wort gesprochen, nur mit großen Augen gestaunt, und immer war Winter.

An jenem Tag, an dem es wieder so weit war, und der sich unauslöschlich in meine Seele brennen sollte, mussten meine Geschwister und ich in der Sockenabteilung von C&A auf die Mutter warten, die irgendetwas in der Umkleidekabine anprobierte. Damals gab es einen Sockenhersteller, der an das Markenschild, welches immer so laufmaschenprovokant mit den Socken vernäht ist, als Markenzeichen kleine schwarze Plastikpudel in einer Größe von etwa einem Zentimeter mit einem Bändchen befestigte. Die Käufer dieser Socken schnitten natürlich zu Hause diese Pudel zusammen mit dem Markenschild (und einem Stückchen Socke) ab und warfen sie dann weg. Aber das wusste ich damals nicht. Für mich waren das furchtbar glückliche Menschen, die sich solche Pudel mit Socken dran kaufen konnten. Manche Leute hatten sogar zwei davon (wenn sie dadurch auch zwei Socken zu viel besaßen). Was konnte es schöneres auf der Welt geben, als sich Eigner eines solchen Plastikpudels zu nennen? Wie gerne besäße auch ich einen … Dass es einen Satz gab wie „Mama, kaufst du mir das?“ hatte man uns Kindern damals noch verschwiegen.

Dann geschah es. Ja, meine Chance nahte: Dort lag ein Pudel auf dem Warentisch, noch mit seinem Bändchen dran, aber es hatte die störenden Socken verloren! Ganz unbemerkt von der Welt lag er dort und winselte nach mir! Heimlich geriet meine Hand immer näher an das kleine Plastikpudelchen, bis selbiges, glücklich über sein neues Herrchen, fast schon von ganz alleine in mein feuchtes Kinderhändchen sprang.

Doch das Glück war allein auf des Plastikhündchens Seite. Es wollte sich einfach keine Freude in mir einstellen, weder in diesem Moment damals, noch auf der Heimfahrt mit dem Doppeldeckerbus, noch später. Niemandem konnte ich meinen Schatz zeigen. Er war gestohlen! Ich war nun ein Dieb! Gefängnis und Folter drohten! Doch das war bei weitem nicht das schlimmste. Das allerschrecklichste an diesem Geschehnis war mein schlechtes Gewissen, das sich einstellte, sobald sich die Hand um das Markenzeichenplastikpudelchen geschlossen hatte. Und das ist bis heute geblieben.

Das Pudelchen übrigens blieb viele Jahre in der Legokiste verborgen, bis es irgendwann seinen Geschwistern auf die Mülldeponie folgte. Doch auch das geschah von einem schlechten Gewissen seines einstigen Herrchens begleitet …

Fröhliche Ostern

Wie es sich für einen katholischen Bub gehört, war auch ich als Kind Ministrant. Für alle Protestanten und sonstigen Heiden sei dieser Begriff erläutert: Er wird abgeleitet von Minis (lat. die Winzigen) und trantstsendents (was in einem Spritualitätsblog nicht erläutert zu werden braucht). Ein Ministrant ist ein priesterlicher Hilfsarbeiter. Damals, als wir im Geiste des alles übersetzenden Zweiten Vatikanischen Konzils aufwuchsen, wurden Ministranten als Messdiener bezeichnet.

Da saß ich also in der altehrwürdigen Pfarrkirche St. Sebastian, zusammen mit zehn oder fünfzehn anderen Messdienern gleichen Alters, alle sortiert nach Körpergröße, in rot-weißen Gewändern aufgereiht hinter dem Altar im osternächtlichen Hochamt, vis-à-vis der vollversammelten Gemeinde. In unseren Händen hielten wir schlanke, brennende Osterkerzen, deren heiliges Licht unsere Augen zum Funkeln brachten. Und wie das nun mal so ist bei einem feierlichen katholischen Hochamt, dauerte die Messe unwenig länger als sonst. Langsam begann das Wachs der Kerzen in unseren warmen Kinderhänden weich zu werden…

Irgendeinem aus der Messdienerreihe mangelte es offenbar an Ehrfurcht, oder auch gerade nicht, denn vorsichtig bog er seine weichgewordene Kerze zu einer himmlischen Kurve. Nach und nach breitete sich ein Grinsen bei uns aus, das die Gemeinde als österliche Freude der Knaben zu deuten vermochte, wenn auch hier und da begleitet von einem unterdrückten Kichern… Wenig später hatten wir Messdiener alle den neuen Osterbrauch der christlich-kreativ-krummen Kerzen vollzogen und strahlten in das Halbdunkel des spätgotischen Baus mit seinem romanischen Turm und dem barocken Interieur.

“Lumen Christi! Deo gratias!“ Irgendetwas zog unsere Blicke Richtung Jürgen (Name von der Redaktion geändert). Wie auch immer ihm das gelungen war – vielleicht war es auch ein österliches Wunder: Voller Ehrfurcht bestaunten wir seine Kerze… Sie wies in ihrer Mitte einen Knoten auf! Da war es ganz aus mit unserer feierlichen Ernsthaftigkeit.

„Christ ist ersta-han-den von der Marter a-ha-lle; des soll’n wir alle fro-ho
sein, …“ Vielleicht hatte uns der donnernd-strahlende Klang der alten Orgel zum Gemeindegesang in diesem Moment gerettet. Denn später in der Sakristei hatte der Dechant, der während der Messe uns mit dem Rücken zugewandt am Altar stand, kein Sterbenswörtchen darüber verloren. Aber wer weiß, vielleicht hat der österliche Sieg über den Tod ja auch das Toternste überwunden…

Aus zwei mach drei – ohnehin ist alles eins

Wie so oft bei Seelengrund, soll auch hier das Häretische nicht fehlen: Den beiden Award-Regeln füge ich eine dritte hinzu, und löse künftige Awardisten von der heiligen Verpflichtung zur Weiterreichung und Einlösung des alten Bundes. Fortan soll jeder den Versatile Blogger Award dem verleihen, der sich dessen würdig erweist, und annehmen dürfen als Gewinner des Versatile Blogger Awards ohne Pflicht zur Erfüllung der Pflichten.

Gehet hin in Freiheit, ehret einander, freut euch des Lobens und des Lobes.

Die erneute Verleihung des Versatile Blogger Award

Und in diesem Sinne stifte ich den neuen Bund mit der Verleihung des Versatile Blogger Award nun meinerseits. Viele Blogs könnte ich dazu benennen (wie z.B. auch den von Tom). Doch dualistisch heute beschränke ich mich auf zwei.

Da ist zum einen Klanggebet. Giannina ist nun wirklich vielseitig, tiefschichtig und stets lesenswert, oft ein Gedankenanstoß und immer eine Bereicherung. Vielen Dank, liebe Giannina!

Und zum zweiten wird es erneut häretisch. Denn nicht ein Blog erhält den Award, sondern ein Blogger. Das liegt daran, dass dieser Blogger seine Blogs nie lange führt, stets irgendwann löscht und einen neuen beginnt (daher findet sich auch keine dauerhafte Verlinkung mehr hier). Das gehört zu seiner Vielseitigkeit, die ich anhand seiner Äußerungen auch in seinem menschlich-Inneren vermute. Ich habe Zettel’s Traum gelesen (wenn auch nur teilweise), Kafkas Gesamtwerk, und ich mag Mussorgskis Musik. Vielleicht daher ist es Kurt. Danke auch an dich, lieber Kurt.

Mit einem erneuten Dank an Tom schließe ich an dieser Stelle. Auch wenn das Editorial einen permanenten Hinweis darauf enthält, möchte ich noch anmerken, dass ich mich hier und anderswo nun für eine Weile kaum oder gar nicht melden kann.

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