Erste Skizze

In der letzten Zeit war bedingt durch Zeitmangel, Stress und Erschöpfung mein spirituelles Erleben so weit weg wie selten zuvor. Zuletzt ging es mir körperlich und psychisch ziemlich schlecht. Meine Spiritualität zu pflegen war schlichtweg längst nicht mehr möglich. Dennoch überfiel mich vor einer Woche wieder eine „große“ mystische Erfahrung* – unerwartet, ungesucht, ungefragt. Das war bei mir in den meisten Fällen so. Als ich vor ca. 25 Jahren die erste „große“ mystische Erfahrung hatte, wusste ich noch nicht mal, was Mystik überhaupt ist.

Noch klarer als bisher ist mir nun, dass ich nicht meine Spiritualität pflegen muss, um mystische Erfahrungen zu haben (was allerdings nicht für jedermann gelten mag, und nicht als „Anleitung“ verstanden werden soll), sondern um das Bewusstsein, das mir aus den mystischen Erfahrungen erwächst, wach zu halten, und das Leben besser zu bewältigen.

Evolutionspsychologisch sind Mystik und Spiritualität womöglich nur Bewältigungsstrategien. Ob sie darüber hinaus auch „mehr“ sind, das ist – wie bereits mehrfach betont – eine Glaubensfrage.

Zweite Skizze

Die mystische Erfahrung der vergangenen Woche war anderer Art als sonst, und für mich neu. Während der Dauer des „Schauens“ – etwa ein bis zwei Stunden – war die einzige damit verbundene Empfindung die einer massiven Überforderung. „Warum lässt du mich nicht zufrieden damit, Gott?“ fragten meine Gedanken. Nun, ich sah keine schrecklichen Bilder oder so etwas. Es war im Grunde etwas, was asiatische Traditionen lehren, und was eigentlich befreien und beruhigen sollte. Doch auch, wenn mir diese Gedanken darüber nicht fremd waren, überforderte mich die „Schau“ dessen.

Irgendwie umwerfend sind mystische Erfahrungen wohl immer. Aber das war für mich eine neue Erkenntnis: dass sie nicht immer angenehm sind, sondern (zunächst) auch unangenehm überfordern können.

Dritte Skizze

Das Gefühl der Überforderung war nach zwei Tagen bewältigt und ich hatte etwas verstanden. Dabei geht es nicht um ein Verstehen des „Geschauten“ selbst (dies sprach für sich), sondern gewissermaßen um eine Korrektur meiner gedanklichen Sichtweise.

Zwar hatte ich schon einmal darauf hingewiesen, dass es Unterschiede in den mystischen Erfahrungen gibt, aber nun ist mir deutlich klarer, dass nicht primär ihre Verwandtschaft und Ähnlichkeit in einem jeweiligen kulturellen oder religiösen Glaubenskontext beleuchtet wird, sondern ihre Unterschiede auch unterschiedliche „Erkenntnisse“ und Lehren hervorzubringen geeignet sind (allerdings vermutlich wiederum nicht unabhängig von kulturellen Kontexten), und erst sekundär die Interpretation weiterer Erfahrungen in diesen „Erkenntnissen“ und Lehren erfolgt.

Eine Anmerkung zum Schluss

Mit der dritten Skizze habe ich nun weniger als früher damit Probleme, mystische Erfahrungen auch kategorial zu betrachten (und die Erfahrung der letzten Woche ordne ich am ehesten dem Zen zu). Aber die unterschiedlichen mystischen Erfahrungen widerstreiten nicht – auch nicht in den Kontexten, die sie hervorbringen. Sie sind Bausteine. Auch, wenn noch niemand heutzutage in der Lage ist – vielleicht niemals jemand sein wird -, das gesamte Gebäude zu erkennen, welches sie bilden. So frei bin ich, das zu behaupten.

*Man möge mich immer kleiner werdendes Menschlein bitte nicht falsch verstehen: „groß“ meint hier keine Gewichtung – daher die Anführungszeichen (vgl. a. den Artikel Die „kleine Mystik“ – eine subtile Differenz ). Eine gute Pizza ist genauso wichtig wie eine mystische Erfahrung.

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