Wenn du dich entschieden hast, liebevoll sein zu wollen, dann genügt es nicht, es nur zu wollen, um es zu sein. Du wirst üben müssen.

Wenn du dich entschieden hast, mitfühlend sein zu wollen, dann reicht es nicht aus, sich nur dafür zu entscheiden, um es schon zu sein. Du wirst üben müssen.

Es ist wie beim Erlernen eines Musikinstrumentes. Anfangs ist es sehr mühsam, mit dem Kopf und ganzer Aufmerksamkeit etwas Gedachtes, die Noten, Stück für Stück in eine Tonfolge umzusetzen. Doch je mehr du übst, um so besser und leichter geht es. Und irgendwann spielen deine Finger schon von ganz alleine Melodien und Akkorde, während dein Verstand noch gar nicht realisiert hat, welche Noten auf dem Papier dein Blick gerade gestreift hat.

Was nützt es einem Klavierschüler, für ein Klavierkonzert von Rachmaninow zu entflammen und daran zu scheitern, weil er noch nicht mal eine Etüde von Czerny bewältigen kann?

Doch ob es eine leichte Etüde oder eine große Sonate ist: Wahre Musik wird es erst, wenn „die Seele mitgeht“. So gut eine Tat auch sein mag: Sie wird erst dann eine echte Tat der Liebe, wenn sie durch Liebe bewirkt wird; sie wird erst dann eine echte Tat des Mitgefühls, wenn sie aus Mitgefühl geschieht. Es geht nicht darum, jemandem oder sich selbst etwas vorzumachen (und andere Gefühle und Emotionen zu übertünchen, zu verdrängen oder zu unterdrücken). Sicher, schon das Wollen und Tun ist etwas sehr Kostbares. Doch es geht hier ja um den, der mehr wollte als das Wollen und Tun, es geht um das Werden eines So sein.

Wie aber übt man? Die religiöse und spirituelle Welt ist voll von Ansprüchen, man dürfe und müsse nur Dieses oder Jenes. Würde man allen nachkommen wollen, steckte man in einem multiplen Dilemma. Aber: Diese Welt ist damit gleichzeitig auch voll von Wegen und Möglichkeiten.

Es wird gut sein, zunächst einmal zu verstehen, wie dieser spirituelle Lern- und Übungsprozess überhaupt funktioniert. Insbesondere der Buddhismus hat hierzu in seiner „kontemplativen Wissenschaft“ eine lange Tradition aufzuweisen, und mit diesem reichen Wissensschatz hat sich mittlerweile auch die Hirnforschung beschäftigt.* Mit dem Wissen über die Funktionsweise wird man sich so manchen Umweg ersparen können; oder um im Bild der Musik zu bleiben: Der richtige Fingersatz führt sehr viel effektiver in eine brauchbare Motorik.

Auch ist es wichtig, den für sich geeigneten Weg, „sein Instrument“ zu finden. Das muss nicht immer das sein, was einem am besten gefällt. Vielleicht mag man das Klavier am liebsten, hat aber mehr Talent für die Gitarre. Vielleicht schwärmt man für den Sufismus, bewegt sich aber am Ende viel souveräner in christlicher Kontemplation. Vielleicht ist man fasziniert vom Zazen, tut sich aber leichter mit einer dynamischen Meditation. Man sollte sich nicht scheuen, zu experimentieren und individuelle Anteile zuzulassen. Wenn jemand sagt, nur der Lotussitz sei für die Meditation das Wahre, so kann man es ausprobieren. Vielleicht stimmt es für den einen, und für den anderen nicht. Andrés Segovia lässt sich nicht mit Jimi Hendrix vergleichen; waren aber nicht beide große Gitarristen?

Über eines aber muss man sich im Klaren sein: Während beim Erlernen eines Musikinstrumentes die Motivation durch die erzielten Erfolge lebendig erhalten wird, so führen Liebe und Mitgefühl immer wieder auch in schmerzliche Erfahrungen. Ein andauerndes Hochgefühl des Glücks durch die Öffnung des Herzens, wie es uns die spirituelle Medienlandschaft manchmal zu suggerieren scheint, ist eine Illusion. Und während der Musiker für seinen Erfolg Applaus erhält, wird ein liebender Mensch so manches mal abfällig als „Weichling“ belächelt, sein Mit-Leiden als eine dumme, selbstschädliche Haltung angesehen.

Doch niemand soll an seiner Liebe und seinem Mitgefühl zerbrechen. Damit die schmerzlichen Erfahrungen nicht die Motivation abtöten, nicht zu Steinen einer Mauer um das Herz werden, damit das Spüren der Schmerzen Anderer nicht zu einem Gefängnis der eigenen Seele wird, braucht es Fähigkeiten eigener Art, die nichts mit Kälte, Verdrängung und Vergessen zu tun haben, die sich aber ebenfalls erlernen und einüben lassen. Hierzu braucht es Geduld. Weniger die Geduld des Ertragens, sondern vielmehr die Geduld des Erkennens, des Verstehens, des Erlernens, und – wiederum – des Übens.

Ausgangspunkt für diesen Artikel war eine Beobachtung, die immer wieder mal bei spirituell suchenden Menschen zu machen ist. Sie liegt in dem Auseinanderklaffen eines Anspruches einer stets „licht- und liebevollen“ Haltung in sich selbst und der eigenen menschlichen Realität emotionaler Reagibilität, aus welchem nicht selten eine Unzufriedenheit mit sich selbst, eine Enttäuschung hinsichtlich der „eigenen Schwäche“ resultiert. Mit diesem Thema lässt sich auf verschiedene Arten umgehen. Nicht jeder wird sich dafür entscheiden, stets liebevoll und mitfühlend sein zu wollen (und über das Für und Wider ließe sich viel diskutieren, doch das ist ein anderes Thema). Angesprochen werden sollten hier jene, die dieses wollen. Es gibt, das weiß man heute, unterschiedliche genetische Veranlagungen zur Liebesfähigkeit und zum Mitgefühl. Aber, auch das weiß man heute, sie lassen sich trainieren. Wunsch und Wille genügen eben nicht. Spiritualität ist – zumindest in diesen Punkten – auch ein gutes Stück Arbeit. Ob man dazu bereit ist, entscheiden am Ende vermutlich die Dissonanzen, die auch ein spiritueller Mensch in sich trägt, die er hinzunehmen bereit ist, oder eben nicht.

Eines noch zum Abschluss, weil mir das Ganze so furchtbar lehrerhaft erscheint: Nach wie vor bin ich nur ein kleines, dummes Menschlein, das keine Lehre hat, sondern nur ein paar Ansichten und Gedanken. Man mag davon mitnehmen, was man gebrauchen kann, oder alles verwerfen.

*Eine überschaubare – und für ein prinzipielles Verständnis vielleicht völlig ausreichende – Einführung dazu bietet z.B. das sehr empfehlenswerte Buch „Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog.“ des Hirnforschers Wolf Singer und des ehemaligen Molekularbiologen und langjährigen buddhistischen Mönchs Matthieu Ricard, erschienen im Suhrkamp Verlag, edition unseld 4, Frankfurt am Main, 2008.

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