BEWUSSTSEIN Wer eine mystische Erfahrung gemacht hat, und dann zum erstenmal – z.B. in der Meditation – oder gleichzeitig in der mystischen Erfahrung „auf seinen Verstand hinuntergeschaut“ hat, meint nicht selten nun alles verstanden zu haben, den gesamten Kósmos zu durchblicken. Das ist verständlich. Einerseits hat die mystische Erfahrung einen überaus „blendenden“ Effekt, und andererseits wird das „Übersteigen“ der allgemein für menschliches Verstehen der Welt als ulitmative Erkenntnisbefähigung gewerteten Rationalität als außerordentlich bedeutsam erlebt. Natürlich drängt dieses umwerfende, alles bisherige Verstehen gleichsam mit einem Schlag fortwischende Erleben eines „High-Level-Bewusstseins“ auch nach Außen. Es wird nicht lange dauern, und man wird nicht mehr verstehen, warum nicht Jede und Jeder auf dieser Welt den dieses Erlebte formulierenden Gedanken folgen kann oder möchte.

Vielleicht wäre es dann gut, rechtzeitig zu einer Offenheit zurück zu kehren. Eine Offenheit, die zum einen die Stellung des Menschen in Zeit und Raum, in Universum und Evolution zu relativieren vermag, und die zum anderen das weitere Erfahren ermöglicht, dass es verschiedene Arten mystischer Erfahrung gibt (was oft übersehen wird), die es subtil zu unterscheiden lernen gilt. Und eine Offenheit, die wieder das Zuhören lehrt…

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird es vielleicht schon aufgefallen sein, dass das in diesem Blog ein zentrales und in verschiedenen Facetten immer wiederkehrendes Thema ist: Die Relativierung des religiösen, spirituellen, theologischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen Anspruches, Gott und die Welt verbindlich erklären zu können. Ja, man kann einen Glauben haben, der Orientierung für das Leben in dieser Welt gibt. Man darf fest daran glauben, dass in des Menschen Seele etwas über seine Seele hinausweist,  und versuchen, dieses „Etwas“ im Leben und durch sein Leben zu manifestieren. Nicht als tröstliche Restmenge. Nein, das sind wesentliche Bedeutungen menschlichen Daseins.  Aber wenn die Mystik etwas über Wirklichkeit zu lehren vermag, dann ist es nicht Erkenntnis über den Kósmos, sondern Erkenntnis über menschlich wahrnehmbaren Kósmos, und das ist Erkenntnis über sich selbst. Diese Erkenntnis sagt im Grunde immer wieder Eines: Alles Wissen und aller Glaube lässt sich stets nur gebrauchen auf der Bildoberfläche, auf der Leinwand der Kognition, die da eingespannt ist auf dem Keilrahmen des Gehirns, begrenzt durch den barocken Rahmen menschlichen Geistes. Und derer Bilder hängen nunmal eine Vielzahl in der Galerie des Lebens in diesem Universum. Mystik ist nicht ein Blick hinter die objektive Realität des Kósmos, sondern hinter die Wirklichkeit menschlichen Geistes.

Eine der wichtigsten Befähigungen des Menschen ist das Staunen. Sie denken, das sei ein seltsames Ende für diesen Artikel? Nun, ich denke, das ist ein guter Abschluss.

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