„Manchmal stelle ich mir Religion als Medizin für den menschlichen Geist vor. Die Wirksamkeit eines Arzneimittels können wir – unabhängig von seiner Verwendung und Eignung für einen bestimmten Menschen in einer bestimmten Situation – nicht grundsätzlich bestimmen. Es läßt sich auch nicht behaupten, eine Medizin sei besonders gut, weil sie diese oder jene Wirkstoffe enthalte. Wenn man den Patienten und die Wirkung auf diesen Patienten nicht einbezieht, dann macht solch eine Aussage kaum einen Sinn. Und deshalb kann man eigentlich nur sagen, daß diese Arznei für diesen Patienten mit dieser Erkrankung optimal ist. Ähnlich verhält es sich mit Religionen: man kann sagen, daß diese Religion für diesen speziellen Menschen optimal ist, aber es nützt gar nichts, wenn man auf der metaphysischen Ebene beweisen will, daß eine Religion besser als eine andere sein soll. Entscheidend ist nur, wie effektiv sie im Einzelfall ist.“

Dalai Lama: Das Buch der Menschlichkeit – Eine neue Ethik für unsere Zeit
Lübbe Verlagsgruppe, Bergisch Gladbach 2000, S. 243f.

 

Sollte Entsprechendes nicht auch für die Esoterik gelten dürfen?

Natürlich gibt es in esoterischen Strömungen allerlei Unfug und Gefährlichkeiten. Aber dies gibt es in anderen Religionen auch – genau so wie in nicht-religiösen Weltanschauungen und Ideologien. Und nicht immer rechtfertigt das Ziel auch den Weg; aber auch das ist nicht eine spezifische Schwierigkeit der Esoterik. Was in der Seele über die Seele hinausweist, lässt sich durch viele Wege finden. Vielleicht wäre es gut, unsere Kriterien für Ein- und Ausgrenzungen hin und wieder gründlich zu prüfen.

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