Auch wenn es schon etwa zweieinhalb Jahrzehnte her ist, erinnere ich mich noch sehr gut daran. Einmal im Monat kam ein Pater zu uns in die Diaspora, um als Gast die Messe zu lesen. Er war ein bereits älterer Herr mit schneeweißem Haar, der immer seine Gitarre dabei hatte; so, als hätte er etwas gegen Orgelmusik.

In jener Messe erzählte er von seiner Bekannten in der Großstadt. Sie war eine ehemalige Prostituierte, die ihr Leben der Hilfe und dem Beistand für andere Prostituierte gewidmet hatte. Dabei ging es nicht darum, ob sie aus einem Glauben heraus wirkte, sondern allein um ihr Tun. Von ihr zu berichten war ihm so wichtig, dass er anschließend – um den Zeitrahmen nach der längeren „Predigt“ noch einigermaßen einzuhalten – einige Messrituale wegfallen ließ, und andere mit kurzen, halb eigenen Worten zelebrierte.

Unumwunden nannte der römisch-katholische Pater mit einer Festigkeit, die keinen Zweifel zuließ, diese ehemalige Prostituierte eine Heilige.

Wer weiß, vielleicht war es ja jene Messe, in der ich das erste Mal wirklich begriff, dass Gott sich auch, und nicht selten gerade dort zeigt, wo man ihn gar nicht in der Rede führt, wo er gar keine Rolle zu spielen scheint. Dort, wo Menschen einfach zupacken, um Leben so zu ermöglich, wie es sein soll. Dort, wo Menschen tatkräftig helfen, wo sie Not lindern, wo sie Kraft und Vertrauen schenken.

Das, was in der Seele über die Seele hinausweist, hängt nicht davon ab, dass man es in einen spirituellen oder religiösen Kontext bettet. Es muss keine Rolle spielen, wie man ein Für einander da sein erklärt, ob die Wissenschaften es nun in evolutionsbiologischen Altruismus-Konzepten unterbringen, oder ob Gläubige es mit dem Wirken Gottes begründen. Das alles hat seine Berechtigung und seine Wichtigkeit. Seine wesentliche Bedeutung aber hat es dadurch, dass es existent ist.

Wir sind keine abgeschotteten Entitäten, die allenfalls mal in latent egositischer Motivation anderen Lebewesen oder der Welt etwas Gutes tun. Liebe existiert. Im nüchternen und von Emotionalität befreiten Begriff der Kooperation scheint sie – bei allen Widrigkeiten – den ganzen Kosmos zu durchwirken, vom Urknall an, vom ersten Zusammenschluss und – wirken der ersten und kleinsten Teilchen bis zu den uns bekannten komplexesten Organismen mit Geistbefähigung. „Gott ist die Liebe“ sagen manchmal die Christen. Das, wonach die Naturwissenschaften innerhalb ihres Betrachtungssystems suchen, die TOE, die Theory Of Everything, hat die Mystik auf ihre Weise längst gefunden. Aber das geht über die physikalische Welt hinaus, die ihr auch „nur eine Erscheinung des einen Ganzen“ ist. Das Moment der Seele ist darin so etwas wie ein Bild, ein Bild des Unsagbaren, in dem erkannt ist, wie die oder der Einzelne mit allem verwoben ist.

Religiöser oder spiritueller Glaube bedeutet weniger ein „Glauben dass“, sondern vor allem ein „Glauben an“. Glauben bedeutet wesentlich Vertrauen. Ein Vertrauen darauf, dass ich in diesem unvorstellbaren Kosmos meinen gewollten und unverzichtbaren Platz habe, untrennbar verwoben mit dem großen, einen Ganzen. Ein Vertrauen darauf, dass „in diesem großen Rahmen“ das alles seine Richtigkeit hat: Das, was mir geschenkt wird, das, was ich erdulden muss, mein Dasein und mein Ende. Aber auch ein Vertrauen darauf, dass das Drängen menschlicher Seelen nach einem Für einander da sein und Gutes zu tun einen Hintergrund hat. Und selbst wenn dieser Glaube, dieses Vertrauen fehlt, ist oft im Tun der Menschen immer noch etwas zu erkennen, was über sie selbst hinausreicht, was in ihren Seelen über ihre Seelen hinausweist. Diese Transzendenz kann man Wirken Gottes nennen. Man muss es aber nicht. Denn so oder so: Es existiert.

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