Welche Weltsicht, welchen Blick auf das „um uns herum“ Existente, welches Empfinden haben wir eigentlich aus unserer individuellen Spiritualität gewonnen? Wie versprachlichen wir das, wie bringen wir dies in Einklang mit unserem Denken, und vor allem mit unserem Handeln?

Bekanntermaßen ist eine Orientierung in der Welt und im Leben allein an Empfindungen schlichtweg nicht möglich. Unseren Verstand benötigen wir unumgehbar ebenso. Wenn unsere Spiritualität nach Verwirklichung im Leben drängt, und wir nicht wie Blinde uns nur tastend Schritt für Schritt fortbewegen wollen, dann müssten wir doch eigentlich auch ein einigermaßen schlüssiges rationales Konzept für unsere Haltung, unser Denken und Handeln aufweisen können, welches mit unserer spirituellen Haltung und unserem spirituellen Erleben und Denken Hand in Hand geht. Kurz: Wie bringt man Herz und Verstand insoweit in Einklang?

Dabei kann es nicht nur darum gehen, wie wir im Hinblick auf die vorgenannte Fragestellung mit unserem Nächsten, unserem Partner, Nachbarn oder Kollegen umgehen, sondern auch, wie wir zu unserer Umwelt, zu unseren Mitgeschöpfen, eigentlich zu allem, was uns umgibt, stehen, sei dies nun in konkreter Nähe oder in abstrakter Ferne, resp. ob dies für uns überhaupt eine Rolle spielt. Es geht um eine Philosophie unserer Moral, also um Ethik, vor dem Hintergrund oder auf der Basis unserer Spiritualität, als Pendant, als Durchdringung, als „Rückseite derselben Münze“, oder wie auch immer.

Nochmal: Die Frage ist legitim, ob und wie das, was uns nah oder fern umgibt, für uns überhaupt eine Rolle spielen soll. Denn es entspricht meiner Beobachtung, dass für so manchen Menschen seine Spiritualität in erster Linie ihm selbst gilt, nicht der Transzendenz seiner selbst. Das respektiere ich. Es lässt sich nicht moralinsauer der Zeigefinger erheben, sondern nur darstellen, was einen selbst bewegt. Wenn ich also oben und an späterer Stelle sage „müssten“, dann bedeutet das nicht eine Forderung, kein „wir müssen“, sondern spiegelt allein mein (möglicherweise zu beschränktes) Denken, das in diesem oder jenem Punkt keinen anderen Schluss für mich zuließe, ohne in einen rationalen Bruch zu gelangen. M.a.W.: Ich schreibe hier von mir, von meiner Sicht. Und das stelle ich bewusst voran. Diese Zeilen sind eigentlich nur die Wiedergabe eines Selbstgespräches, das ich seit Jahren führe. Vielleicht kann die ein oder andere Leserin oder der ein oder andere Leser davon etwas für sich mitnehmen, so sie oder er es denn möchte.

Manches wird vielleicht mancher Leserin oder manchem Leser von der Begrifflichkeit her nicht sehr vertraut sein. Um den Lesefluss zu wahren, erkläre ich daher die angeführten Positionen. Das macht den Artikel etwas länger, was ich zu entschuldigen bitte. Ich selbst würde einen derart langen Artikel nicht lesen, was vermutlich Vielen so geht. Das macht mir Mut macht, ihn überhaupt zu veröffentlichen.

Leben auf Kosten anderer

Leben geht immer auf Kosten Anderer und Anderem. Es beginnt mit der Nahrung und endet nicht nur beim Abtöten von Bakterien bei einer Erkrankung. Das Leben auf Kosten Anderer widerspricht meiner eigenen Spiritualität ganz klar. Wie also kann ich damit umgehen? An welchen Kriterien kann ich mein Handeln ausrichten? Ist es die Notwendigkeit? Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, kein leidensfähiges Lebewesen für mich leiden oder töten zu lassen (oder gar selbst zu töten), wenn es nicht wirklich notwendig ist. Aber mein spirituelles Erleben geht darüber hinaus. Aus dem Erleben der Einheit heraus tritt immer wieder die Heiligkeit allen Seins mir gegenüber. Was mache ich dann mit meinen Skrupeln, den Rasen zu mähen, die Hecke zu schneiden oder bei einer Klettertour womöglich ein klein wenig des Berges zu beschädigen? Das zu lösen ist vermutlich unmöglich. Aber es geht für mich darum, auf dem richtigen Weg unterwegs zu sein. Diesen Weg abzustecken komme ich nicht umhin, auch meinen Verstand, so kümmerlich dieser oft auch sein mag, zu gebrauchen.

Versprachlichung

Sprachgebrauch spiegelt immer auch den Stand ethischen Bewusstseins und entsprechend daraus resultierender Handlungsfolgen wider. Wie wir reden, so sind wir. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir reden, so denken wir auch über uns selbst nach.

So verweist der Begriff Umwelt auf die Wahrnehmung der Welt als um den Menschen herum. Die entsprechende ethische Positionierung (Umweltethik) wird folglich anders ausfallen als in der Wahrnehmung der Welt als einem Miteinander des Menschen mit allem, was ihn umgibt. Der Umwelt-Begriff wird in aller Regel in der anthropozentrischen Perspektive gebraucht. Umweltschutz wird betrieben, um Menschen das Überleben oder bestimmte Werte zu sichern, jetzt und für künftige Generationen.

Mitwelt ist ein vom Naturphilosophen Prof. Dr.  Meyer-Abisch eingeführter Begriff, um den Blickwinkel von der stark anthropogen bezogenen und auf den Menschen als im Mittelpunkt stehenden Subjekt hin zu einem auf die Eigenwelt der Natur einbeziehenden Sichtweise aufzuwerten. Hierbei besteht jedoch in gewissem Rahmen – trotz der vom Anthropozentrismus sich fortbewegenden Denkweise –  nach wie vor die trennende Wahrnehmung des Menschen als sich der „Eigenwelt der Natur“  gegenüberstehend – mit entsprechenden Schlussfolgerungen in der dieser Perspektive entspringenden ethischen Überlegungen (Mitweltethik).

Der Mensch lässt sich aber auch als nicht getrennt von Umwelt, Mitwelt oder Natur denken, sondern als Teil von ihr, der mit ihr zusammen in aller Vielfalt ein Ganzes bildet. Im Kontext des einen Ganzen lässt sich der Mensch und sein Handeln auf eine Ethik hin betrachten, die durch holistische Positionen gekennzeichnet ist (Holistische Ethik).

Was also sagt mir meine Spiritualität über das, was „um mich herum“ ist? Ist es wirklich „um mich herum“, oder ist es eher „mit mir“, oder erfahre ich mich als „eins mit der Welt“?

Exkurs: Werthaltungen

Im Wesentlichen gibt es vier ethische Werthaltungen, die zu entsprechenden ethischen Grundpositionen führen:

  1. Instrumenteller Wert
    Etwas wird um etwas anderen willen geachtet.
  2. Inhärenter Wert
    Etwas wird um seiner Gegenwart willen geschätzt.
  3. Intrinsischer Wert
    Etwas ist wertvoll, weil es in sich selbst für gut befunden wird.
  4. Eigenwert
    Etwas wird um seiner selbst willen geachtet.

Es kann dabei durchaus zu Überschneidungen dieser Werthaltungen kommen.

Jeweils zu erkennen, welche Werthaltung in meiner eigenen ethischen Position in den Vordergrund tritt, ist wesentlich für die Bewusstmachung der Gründe meines Denkens und Handelns.

Der Anthropozentrismus

Der Anthropozentrismus ist nicht nur weit verbreitet, sondern stellt im Großen und Ganzen das übliche Weltbild der heutigen Menschheit dar. Dementsprechend sind die meisten ethischen Haltungen mehr oder minder anthropozentrisch basiert.

Mit einfachen Worten gesagt, stellt der Anthropozentrismus den Menschen in den Mittelpunkt der Welt und in das Zentrum ethischer Überlegungen.  Moralische Verpflichtungen bestehen entsprechend prinzipiell nur, zumindest weit vorrangig,  gegenüber Menschen. Das bedeutet jedoch nicht, dass für Anthropozentriker alles Andere bedeutungslos wäre. Natur-, Umwelt- und Tierschutz gelten als Handlungsnormen zur Zweckerfüllung zugunsten des Menschen mit drei Argumenten:

  1. Basic-Needs-Argument: Der Mensch ist auf die Umwelt angewiesen. Um die menschlichen Lebensgrundlagen zu sichern, muss er die Umwelt schützen. Um z.B. gesündere Nahrung zu erhalten, strebt er biologischen Landbau oder artgerechte Tierhaltung an. Damit weist er Natur, Tieren usw. einen instrumentellen Wert zu.
  2.  Ästhetisches Argument: Der Mensch schätzt die Natur um ihrer Gegenwart und Ästhetik wegen. Sie ist einzigartig und als Quelle angenehmer Empfindungen für den Menschen unverzichtbar, eine Art Kulisse für ein gutes Leben. Damit wird ihr ein inhärenter Wert zugewiesen.
  3. Pädagogisches Argument: Ein respektvoller Umgang mit der Natur (oder den Tieren) erzieht den Menschen zu einem besseren Umgang mit anderen Menschen (wiederum also ein instrumenteller Wert).

Dabei wird der Anthropozentrismus allerdings in aller Regel gesetzt, nicht hergeleitet oder begründet, gerade so, als wäre er axiomatischer Natur. M.a.W.: Der Anthropozentrismus entbehrt einer epistemologischen resp. argumentativen Grundlage.

Soweit er überhaupt begründet wird, vertritt – neben ideologischer resp. religiöser Begründung – zumeist die besondere Befähigung des Menschen das Hauptargument für den Anthropozentrismus. Schließlich seien Fähigkeiten wie Denken, Geist, Religiosität, Kunst usw. nur dem Menschen zu eigen, nicht aber den Tieren. Abgesehen davon, dass sich in den Wissenschaften längst die Erkenntnis abzeichnet, dass es sich hierbei lediglich um graduelle, nicht aber prinzipielle Unterschiede handelt (wenn auch sehr deutliche), übersieht diese Argumentation, dass Ethik nicht Gruppierungen gilt, sondern stets Individuen, resp. Individuen in Gruppierungen. Daraus folgt, dass es anthropozentrisch-ethischen Positionierungen mit dem  Anknüpfungspunkt gruppenunterscheidungsrelevanter Befähigungen an argumentativer Stringenz fehlt.

Ein konkretes Beispiel hierfür ist der dauerkomatöse Patient, welcher nicht mehr zum Denken befähigt ist. Ihm gegenüber gestellt wird zum Beispiel ein hoch entwickelter Primat wie ein Schimpanse, der in einem Ausmaß zum Kombinieren und Vorausplanen befähigt ist, dass man dieser Befähigung nicht mehr ohne weiteres die Begrifflichkeit des Denkens absprechen kann. Wäre nun die Denkbefähigung entscheidendes Kriterium für ethische Wertbeimessung, so dürfte man im Zweifelsfalle eher den komatösen Patienten töten als einen Schimpansen – was aber gerade ein Anthropozentriker keinesfalls unterschreiben würde.

Die eigentliche Basis des Anthropozentrismus ist vermutlich eine Mischung aus evolutiv entstandener allgemeiner genetischer Disposition, die zu bestimmten Verhaltenausprägungen führt und mit der Regulierung von Sozialverbänden sowie deren Orientierung und Agieren in der Welt zusammenhängt,  im Verbund mit kulturellen Prägungen.

Der Anthropozentrismus betrachtet den Menschen faktisch oder explizit als „Krone der Schöpfung“. Das entspricht meiner Spiritualität in keinster Weise. Und ich erkenne auch keinen vernünftigen Grund für ihn. Dennoch wurden wir geprägt, so zu denken, der Mensch stehe stets im Mittelpunkt, oder hätte stets Vorrang vor allem anderen. Das gilt auch für mich und gerät sicherlich hier und da unreflektiert in mein Handeln. Es zu hinterfragen und zu ändern liegt bei mir.

Pathozentrismus

Die ethische Grundposition des Pathozentrismus spricht moralisch allen empfindungsfähigen Wesen einen Eigenwert zu, basiert also (wenn auch nur begrenzt) auf der genannten Werthaltung des Eigenwertes. Nach herrschender Meinung steht die pathozentrische Haltung im Gegensatz zum Anthropozentrismus, jedoch findet sie sich tatsächlich auch in der „milden Form“ des Anthropozentrismus, welche nicht mehr ausschließlich dem Menschen ethisch relevanten Wert beimisst, diesem jedoch mit deutlichem Vorrang. In dieser Ausprägung begründet er zum Beispiel Vegetarismus oder den rechtlichen Tierschutz.

Die Kritik an pathozentrischer Ethik argumentiert, der Leidbegriff unterliege zu sehr der Subjektivität, so dass sich aus ihr keine objektive Handlungsanleitung ergeben könne. Hinzu tritt oft eine utilitaristische Sichtweise auf den Pathozentrismus, welche gleichsam mengenmäßig großes Leid weniger Individuen gegen die Freude vieler Individuen aufrechnen zu können meint. Hierbei wird der ethischen Haltung  latent (oder auch explizit) teleologisch eine Art Hedonismus oder Eudämonismus zugrunde gelegt (konsequenterweise müssten sich diese allerdings wiederum dem Vorwurf der Subjektivität stellen), und orientiert sich de facto – schon aufgrund der Argumentation hinsichtlich der Empathien – letztlich wieder am Vorrang des Menschen.

Der Pathozentrismus kommt meiner Spiritualität insofern schon näher, als er wesentlich auf Empathie und  Mitgefühl basiert. Die Heiligkeit einer Landschaft aber zum Beispiel bezieht er in sein Konzept nicht ein (was nicht bedeutet, dass einem Pathozentriker eine Landschaft nicht heilig sein könnte; allein er kann dieses Heiligkeitsempfinden nicht in sein ethischen Konzept auch rational unterbringen).

Biozentrismus

Der Biozentrismus geht über die beschränkte Eigenwertzuordnung des Pathozentrismus hinaus und ordnet allem Lebendigen einen ethischen Eigenwert zu. Unterschieden werden zwei Ausprägungen:

  1. Egalitärer („radikaler“) Biozentrismus: Jede Entität hat den gleichen Eigenwert.
  2. Hierarchischer („schwacher“) Biozentrismus: Die Eigenwerte sind abgestuft, in der Regel danach, wie „hoch“ ein Lebewesen entwickelt ist.

Der Biozentrismus ist dabei die erste Ebene, auf der schlüssig kontraktualistisches Denken seinen Platz finden kann (z.B. „Verträge“ mit Tieren), Fragen der Gerechtigkeit, des Ein- oder Ausschlusses und der Diskriminierung gestellt werden können und werden (Speziesismus-Debatte).

Die Kritik am Biozentrismus wird i.d.R. aus utilitaristischer oder anthtropozentrischer Sicht geführt, der ich so oder so nicht folgen kann.

Klar ist für mich, dass mir der Biozentrismus immer noch nicht ausreicht, um auf rationaler Ebene mit meinem spirituellen Empfinden zu korrelieren.

Physiozentrismus, Ökozentrismus und Holismus

Die ethische Grundposition des Physiozentrismus geht über die Beschränkung moralischer Verpflichtung auf Lebewesen hinaus und berücksichtigt als ethisch relevant alles, was existiert, in der terrestrischen und sogar außerterrestrischen Welt. Sie ist also diejenige Position, die am weitestgehenden moralisch Eigenwert zuschreibt.

Im Physiozentrismus werden zwei Varianten unterschieden:

  1. Individualistischer Ökozentrismus: Alle individuellen Einheiten, einschliesslich der Steine, können moralisch richtig oder falsch behandelt werden.
  2. Holismus: Die ethische Relevanz wird bezogen auf Holons, auf Systeme und gleichzeitig deren sie bildenden Untersysteme und einzelnen Teile  (z.B. Natur – Ökosysteme – Arten – Individuen – usw.), also auf Greifbares und Nicht-Greifbares.

Dabei finden sich in holistischen Theorien und Modellen unter prinzipiell wohl gleichem Grundgedanken oft Unterschiede – auch zur verwandten Philosophie der Ganzheit.

In einer holistischen Ethik können die eingangs genannten vier Werthaltungen (instrumenteller Wert, inhärenter Wert, intrinsischer Wert, Eigenwert) nicht mehr je gesondert vertreten oder verworfen werden, sondern sind gemeinschaftlich „wahr“. Durch die Berücksichtigung von Allem was ist, wird darüber hinaus die Wertigkeit als Grundlage moralischen Bezuges relativiert (oder auf eine „höhere“ Ebene gehoben) durch das Sein an sich.

Wenn in holistischer Ethik alles gleichermaßen ethisch relevant ist, bedeutet das allerdings nicht, dass alles gleich sei.  Der holistischen Ethik geht es nicht nur, aber auch um den Schutz des Ganzen zugunsten des Menschen (denn auch er ist schützenswerter Teil des Ganzen), nicht um eine blinde „Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität“ und nicht um eine vermeintliche übergeordnete Zweckerfüllung, die zwangsläufig nur aus beschränkter menschlicher Sicht angenommen werden kann. Gerade die Vielfalt der Holons im Bewusstsein eines Ganzen drängt in der holistischen Ethik danach, auch die Eigenheiten der Teile zu berücksichtigen, was für den Menschen bedeutet, auch sein ethisches Empfinden und Bewusstsein zu entwickeln und zu schulen, sich von irrationaler Willkür zu lösen und das, was den Menschen (u.a.) ausmacht, die Befähigung zu Vernunft, Intellekt, Systemberücksichtigung, Sozialbewusstsein, differenzierter Emotionen und Glück zu nutzen statt zu übergehen.

Oder um es – noch einfacher – mit der Bedeutung des grundgesetzlichen Gleichheitssatzes auszudrücken: Wesentlich Gleiches darf nicht willkürlich ungleich behandelt werden, und wesentlich Ungleiches darf nicht willkürlich gleich behandelt werden. Unterscheidungskriterium und Maßstab kann dabei nicht allein der Mensch sein, sondern im Bewusstsein der Verbundenheit und Einbettung in einem Ganzen müssen rational und emotional geprüft erfüllbare und umsetzbare Kriterien gefunden werden, die nach Allgemeingültigkeit strebend Basis für menschliches Handeln sein können, muss dabei ein Bewusstsein entwickelt werden, das den Widerspruch zwischen humanem Anspruch und faktischer Realität von Krieg, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit usw. aufzulösen in der Lage ist.

Eine Bedienungsanleitung für den Alltag

Hier bin ich nun also an einem Punkt angelangt, an dem die ethische Positionierung (der holistischen Ethik) meinem spirituellen Empfinden wohl am nächsten kommt (wobei mir natürlich klar ist, dass die genannten ethischen Grundpositionen natürlich eine Schematisierung bedeuten). Aus der mystischen Erfahrung des Einen nehme ich etwas mit, das mich von „Bruder Mond“ und „Schwester Sonne“ reden lässt, so wie einst auch Franz von Assisi und mit ihm so viele andere dies schon taten. Mit dem entsprechenden Nachdenken über meine Moral, also im Beziehen einer ethischen Position, habe ich eine Basis für mein Handeln im Alltag. Bei dem, was ich tue, kann ich mir nun auch verstandesmäßig bewusst machen kann, warum ich es tue, kann es ethisch einordnen, kann bewerten, ob es für mich auch schlüssig ist – spirituell wie rational – und kann Lösungen suchen, so weit es geht. Denn wenn mir klar ist, dass mein Handeln unweigerlich auch meinen Verstand in Anspruch nehmen muss, dann kann ich nur so widersprüchliches Handeln vermeiden. Wenn mir die Mücke heilig ist, wie könnte ich sie dann erschlagen? Wenn mir der Baum heilig ist, wie könnte ich ihn dann fällen? Wenn mir die Beziehungen der Lebensformen heilig sind, wie könnte ich sie dann stören? Dann muss mir aber auch bewusst werden, bewusst sein und bewusst bleiben, dass ich immer wieder etwas tue, was dem widerspricht. Es genügt eine Autofahrt, um unzählige Brüder und Schwestern zu töten, von der Mücke über den Schmetterling, und das ökologische Gleichgewicht zu stören, durch Produktion schädlicher Abgase, durch Inanspruchnahme von Landschaft und Natur für die Straße, usw.

Das ist der erste Schritt, meine Spiritualität auch im Leben umfassend zu verwirklichen: Indem ich mir bewusst mache, was ich tue und wo ich hin will. Und das eben nicht nur in Bezug auf meinen Nächsten, sondern radikal gänzlich. Dabei hilft mir die Teilnahme am ethischen Diskurs, sei es nur im eigenen Kopf oder weitergehend, statt nur von Hürde zu Hürde zu stolpern, denn die Ethik schafft abstrahierend den Rahmen, in dem sich meine konkreten Schritte begutachten lassen.

Probleme der Problemlösung

Eingangs schrieb ich bereits, dass Leben immer auf Kosten von Anderen und Anderem geht. Wie also kann ich eine holistische Ethik mit Leben erfüllen?

Auch die ethischen Positionen betrachte ich insoweit holarchisch. Die holistische Ethik umfasst den Biozentrismus, welcher den Pathozentrismus umfasst, welcher in gewisser Weise seinerseits wiederum auch den Anthropozentrismus umfasst. Das Durchlaufen dieser Positionen spiegelt nicht nur meine eigene Entwicklung wider, sondern hierauf kann ich praktisch aufbauen: Nichts tun, was Menschen schadet. Vom respektvollen Umgang bis zum Pazifismus. Der Pathozentrismus führt mich in ein veganes Leben – Schutz allen empfindungsfähigen Lebens, sei es Tier, sei es Mensch. Der Biozentrismus hemmt mich, meinen Gartenweg von pflanzlichem Leben zu befreien, das allgemeinhin „Unkraut“ genannt wird – Schutz allen Lebens: Pflanze, Mensch, Tier. Der Physiozentrismus lässt mich unnötige Autofahrten vermeiden und bremst meinen Konsum. Und so weiter.

Aber bereits hier beginnen Probleme. Mein Nachbar erwartet, dass ich die Hecke nicht zu hoch werden lasse, so dass er keine Sonne mehr auf seiner Terrasse hat. Und natürlich dienen mir Pflanzen zum essen (Fruganer sind hier weiter als ich). Oft lässt sich hier allein logisch-argumentativ dann nicht mehr entscheiden. An einer Situationsethik kommt wohl auch niemand herum, der sich bewusst ethisch positioniert. Dennoch hilft auch hier der Verstand, sich Lösungen zumindest zu nähern, oder tragbar zu machen.

So schlägt zum Beispiel der Ethiker Paul W. Taylor Prioritätsregeln vor, in denen alle Lebewesen zwar einen gleichen Eigenwert haben, aber unterschiedliche inhärente Werte:

  1. Prinzip der Selbstverteidigung,
  2. Prinzip der Verhältnismäßigkeit,
  3. Prinzip des kleinstmöglichen Schadens,
  4. Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit,
  5. Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Eine andere Möglichkeit: Die alte asiatische Religion des Jainismus, die den bekannten Gedanken der Ahimsa (Gewaltlosigkeit) geprägt hat und deren Ethik vielleicht bereits als eine holistische bezeichnet werden kann, verweist hier aus ihrem spirituellen Kontext heraus in verstandesmäßiger Umsetzung auf die „Sinnzähligkeit“, auf den Grad sensorischer Wahrnehmung, bei gleicher Wertigkeit aller Seelen, die im Kreislauf der Wiedergeburt ihre persönliche Entwicklung durchlaufen. So verfügen Pflanzen nur über den Tastsinn. Es folgen Mikroorganismen und kleine Tiere mit zwei, drei oder vier Sinnen, dann Lebewesen mit fünf Sinnen. Die höchste Entwicklungsstufe der Tiere und Menschen verfügt schließlich auch über Rationalität und Intuition.

Es gibt für mich folglich keinen Grund zur Resignation.

„Aber das ist doch kein Leben mehr…“

Das alles klingt für viele Menschen danach, als würde das Leben wahnsinnig kompliziert, voller Hemmungen, Beschränkungen und Entbehrungen. Nein, so ist es für mich nicht. Meine Lebensqualität und mein Glück hängen nicht davon ab, dass ich Thunfisch esse, das neueste Handy besitze, die Wege „unkrautfrei“ halte oder bei Regen nicht nass werde. Meine Spiritualität macht mich ein gutes Stück unabhängig von Besitzdenken, Bequemlichkeitsstreben und Anpassungszwängen, ohne dass ich deshalb ein einsamer Griesgram würde, der nicht genießen kann. Und das geht sicherlich vielen spirituellen Menschen so. Allerdings gestehe ich, dass ich weit mehr lassen könnte, als es der Fall ist. Oft komme ich mir wie ein Heuchler vor, wenn ich überhaupt so etwas sage, wie in diesem Artikel, denn viel zu schwach bin ich… Es bedeutet auch nicht, bei jeder Kleinigkeit mühsam großes Nachdenken zu beginnen. Der Prozess der Bewusstmachung ist wie Klavierspielenlernen – es entwickelt sich so etwas wie eine „Motorik“.

Schlusswort

Nochmals zur Erinnerung: ich schreibe hier nur meine bescheidene Sicht nieder. Dennoch möchte ich mir zum Schluss so etwas wie ein kleines Plädoyer erlauben.

Jedes ethische System ist – das versteht sich aus sich heraus – von Menschen gemacht und kann auch nur vom Menschen her verstanden werden. Doch auf dieser epistemischen Ebene wird noch keine Bewertung vorgenommen, ob und inwieweit der Mensch höher (oder niedriger) als andere Lebewesen einzustufen ist, wird noch nicht bestimmt, was uns Objekt moralischer Verpflichtung sein soll.

Die Epistemologie ist zwangsläufig auf den Menschen bezogen, weil sie danach fragt, wie wir von etwas wissen können, welche Wahrheitsbegriffe und Kriterien uns als verlässlich gelten können, was Wissen und Gewissheit bedeuten. Übergänge in und Schnittmengen mit ontologischen Betrachtungen, die nach den fundamentalen Strukturen der Realität fragen, mögen sich zwar ergeben, doch diese Grundebene bleibt lediglich letztlich unumgängliche Perspektive. Erst auf einer weiteren Ebene, die sich aufwärtskausal aus der Grundebene ergibt, fließen Bewertungen und damit moralisch relevante Kriterien ein, eröffnet sich das Feld der Ethik, die danach fragt, wie wir handeln sollen – und in Rückkoppelung zur Grundebene gleichzeitig sich bestimmt, warum wir so (oder anders) handeln sollen. Das Potential der so gewonnenen ethischen Position zur bewusstseinsgebundenen Weiterentwicklung  und der Erfolg (oder das Scheitern) der Wechselwirkung mit dem Gesamtsystem wirken schließlich (abwärtskausal) quasi falsifizierend resp. verifizierend oder das Denken umstrukturierend zurück auf die Epistemologie. Selbstverständlich gilt das auch für religiösen Glauben und spirituelle Erfahrung, soweit man heute noch gestattet, hier von Epistemologie und Ontologie zu sprechen.

Die ethische Orientierung des Menschen ergibt sich zwangsläufig aus den Strukturbeziehungen der Gesamtstruktur – welche in der Zeit  evolvierte Grundveranlagungen, Kultur und Ökologie selbstverständlich einbezieht – und wirkt im Handeln des Menschen und den sich daraus ergebenden Folgen zurück auf die Gesamtstruktur, deren Teile und Beziehungen. Ethik epiphänomenal zu betrachten, greift daher zu kurz. Die Befähigung zur Ethik ist eine Emergenz, die epistemologisch den Menschen herausfordert und stets erneut seine Kriterien und Bewertungen hierzu in Beziehung setzen muss. Es bedarf letztlich einer eigendistanzierten Betrachtung, um argumentationstheoretisch die Stringenz ethischer Positionen einzuschätzen, welche schließlich bestimmen, was uns die Objekte moralischer Verpflichtung sein sollen.

Ethik stellt also zwar ein menschliches System dar, von ihm gemacht und von ihm her zu verstehen, aber sie darf nicht ausschließlich auf ihn hin verstanden werden.

Mit einfacheren Worten: Wenn wir also allgemeingültig etwas beurteilen wollen, was gut und was schlecht sei, tun wir gut daran, es sozusagen aus „höherer Warte“ und stets mit dem Blick auf das Ganze zu tun. Das umfasst auch die Vergangenheit und die Zukunft, ebenso die Vergangenheit vor dem Menschen und die Zukunft nach dem Menschen. Dass wir überhaupt Lebewesen sind, die sich ethische Gedanken machen können, ist ein phänomenales Wunder, das nicht zufällig ist, sondern Gründe hat, und das ich würdigen möchte. Der Mensch steht nicht über der Welt, sondern ist aus und in ihr in Raum und Zeit geworden. Nur wenn er sich wirklich so begreift, wird er sein Handeln bewusster wahrnehmen und ethisch reflektieren können. Das ist das Potential und die Chance einer Spiritualität, wie nicht nur ich sie erlebe. Spiritualität leben, ganz und gar, wenn auch nicht als Vollkommenheit, sondern als ein Unterwegssein, das ist etwas, was mich auch ganz und gar fordert, mit Herz und Verstand.

Du bist nicht getrennt von dieser Welt. Sie ist nicht einfach um dich herum, nicht nur oder nicht nur gleichberechtigt neben dir, sondern du bist Teil dieser Welt. Ein Teil, der mit allen anderen Teilen erst das Ganze bilde, das noch viel mehr ist als wir wahrnehmen oder erahnen können. Ohne deinen Bruder oder ohne deine Schwester ist es eine andere Welt. Ohne dich ist es eine andere Welt. Ohne diese Landschaft oder ohne jene Tierart ist es nicht mehr diese Welt. Ohne diesen Stein und ohne dieses Schwein ist es nicht mehr diese Welt. Es ist nicht gleichgültig, was mit einem Teil geschieht. Und das hängt nicht davon ab, ob es dir nun etwas einbringt oder nicht. Auch du bestimmst das Ganze mit wie das Ganze auch dich bestimmt. Was du fühlst, was du denkst, was du tust, reicht über dich hinaus. Du bist ein transzendentes Wesen.

Aber wie gesagt, das ist nur meine Sicht der Dinge.

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