Foto: Stefan K. 2011Manchmal musst du in deinem Leben an einen bestimmten Punkt deiner Geschichte zurückkehren, um weiterzukommen. Wenn alles einigermaßen gut läuft, wandert so das Lesezeichen in dem Buch deines Lebens immer weiter nach hinten.

Doch das gelingt nicht jedem und nicht immer. Für manche Menschen verbleibt das Lesezeichen immer an der selben Stelle. Ihr Lebensbuch wird älter und älter, doch die Geschichte darin stockt jedesmal an diesem einen Punkt. Es geht nicht weiter, und es beginnen keine neuen Geschichten. Nicht selten bleibt das Buch irgendwann ganz geschlossen und wartet nur noch auf den endgültigen Verfall.

Haben diese Menschen ihr Leben vertan? Haben sie ihre Chancen verspielt? Haben sie versagt und sind gescheitert?

Es entspricht unserem Zeitgeist, das zu bejahen. Man ist heute leistungsstark, erfolgsorientiert und selbstverständlich stets seines eigenen Glückes Schmied. Doch meist werden hier nur Menschen mit leichtfertigen Ratschlägen und manchmal Vorwürfen laut, die zwar auch ihre Krisen kennen, jedoch nie wirklich am Boden gekrochen sind. Menschen, die nie völlig zerbrochen wurden.

Ich glaube, dass niemand ein Recht hat, auf diese Frage eine Antwort zu geben.

Manche Menschen haben das Glück, dass in einem solchen Fall ihr Buch gleichzeitig ein spirituelles Buch ist. Die Stelle, an der das Lesezeichen in ihrem Buch des Lebens steckt und an der sie nicht weiterkommen, kann dann eine ganz andere Bedeutung für sie bekommen. Und selbst wenn das nicht so ist, so ist doch möglicherweise etwas ganz anders. Vielleicht markiert ihr Lesezeichen ja sogar jene Stelle, an der Alpha und Omega auf einer einzigen Seite, in einem Satz, in nur einem Wort zusammenfallen.

Wenn es dir so geht, dann wirst du zwar vielleicht nie erfahren, wie die Geschichte im Buch deines Lebens hätte weitergehen können, jedoch brauchst du dann nur kurz die Augen zu schließen; ein einziger Atemzug, und die Rückkoppelung ist da. Du hast deine Religio gefunden.

Lasse davon nicht ab. Höre nicht auf jene, die dir sagen, du sollst das Lesezeichen herausnehmen und an anderer Stelle lesen. Höre erst recht nicht auf jene, die unruhig hin und her blättern und dir dabei verkaufen wollen, so sei das nun mal, die Suche würde nie enden.

Wenn für dich dein Atem zum Lesezeichen wird, wenn ein kurzes Schließen der Augen genügt, um genau jene Seite deines spirituellen Lebensbuches aufzuschlagen, an der dein Seelengrund das Absolute berührt, dann lege das Buch zur Seite. Du brauchst es nicht mehr. Denn was darin steht, ist nun in dir. In der Unruhe deiner Zerbrochenheit schenkt dir in jedem dieser Atemzüge Gott seinen Frieden.

Auch mit dem Buch deines Lebens könntest du das versuchen. Du könntest es zur Seite legen. Denn die Stelle, die dein Lesezeichen unverrückbar markiert, kennst du ohnehin bereits in- und auswendig. Überlasse es dem Wind, eine andere Seite aufzuschlagen, und wenn er mag, sogar das Lesezeichen hinfort zu wehen.

Und sollte es nicht so kommen, dann atme. Atme einfach.

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