Wenn Religionen und Glaubensformen Ökumene versuchen, friedliche Koexistenz und Begegnung in Toleranz und Respekt, wie oft mag es dann geschehen, dass die Glaubenden insgeheim dennoch denken, sie hätten trotz Anerkenntnis der Anderen Recht, und jene nicht? Wird es nicht häufig so sein, dass jeder von ihnen – zumindest ein klein wenig – meint, er sei im Besitz der Wahrheit, doch jene nicht, oder nicht so ganz und wirklich wie man selbst? Und wird es nicht selten vorkommen, dass Einige sich darauf berufen, Wahrheit vermittelnde Erfahrungen gemacht zu haben, ein Wissen zu besitzen, während der Glaube dieser oder jener nur ein kulturell gewachsenes und ererbtes Konstrukt sei? 

Es gibt verschiedene Ansätze, hierzu eine vermittelnde Position einzunehmen.

  1. Manche gehen von grundlegenden Wahrheiten aus, auf denen die einzelnen Religionen und Glaubensformen (zu denen auch die Aussagen der Mystik rechnen, vgl. z.B. hier) aufbauen.
  2. Andere versuchen zu erkennen, in welchem größeren Kontext, in welcher höheren Wahrheit die Gesamtheit der religiösen, spirituellen und philosophischen Glaubensformen, Ideen, Auslegungen und Theorien richtig oder wahr sein könne.
  3. Es gibt auch die Offenheit des Glaubens in der Bewusstheit relativen Nichtwissens angesichts der Evolution (auch des Geistes) oder der Unergründlichkeit Gottes, welche die so viel größeren, und vermeintliche Sicherheit aufbrechenden Dimensionen anerkennt (vgl. z.B. hier).
  4. Die Jains vertreten die Perspektive der mannigfaltigen Aspekte (Anekantavada), nach der die Welt eine vielfältige und sich stets wandelnde Realität mit unendlich vielen Gesichtspunkten ist, abhängig von Zeit, Ort, Wesen und Zustand des Betrachters und des Betrachteten. Dies führt in das Konzept der Relativität (syadvada), wonach die Wahrheit relativ zu den verschiedenen Gesichtspunkten ist. Der Wahrheitsgehalt einer Perspektive ist fraglich im Hinblick auf eine andere Perspektive. Die absolute Wahrheit kann durch keine Perspektive erfasst werden. Sie ist die Summe aller verschiedenen Gesichtspunkte, die den Kosmos bilden.

Wie aber vertragen sich nun diese Perspektiven? Sind nicht auch sie wiederum beanspruchend? Ja, geht es im Glauben, im Glauben an Wahrheiten überhaupt um „Recht haben“ (wie bereits hier angemerkt wurde)?

Vielleicht liegt die vereinende Anwort in einer Wahrheit ganz eigener und besonderer Art, die heutzutage manchmal ein wenig aus der Mode gekommen scheint: In der Wahrheit der Demut.

Die Demut ist eine wortlose Haltung, die nicht zur Aufgabe der eigenen Wahrheit auffordert, und dennoch auch den Anderen und seine Wahrheit annehmen kann, ohne abzugleichen und abzuwerten. Auch wenn sie Nachdenken und Diskussion zulässt, so ist sie selbst doch nicht auf Analyse und Konzeptionalisierung angelegt, weder hinsichtlich der eigenen Wahrheit, noch der des Anderen, oder der Beziehungen der Wahrheiten.

Demut ist nicht anmaßend, nicht überheblich und nicht gewalttätig. Nach, neben, mit oder in der Liebe ist Demut wohl die stärkste Kraft des Friedens. Äußerlich wie innerlich.

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