Fürchte dich nicht,
Maria;
denn du hast
bei Gott
Gnade gefunden.

Lukas 1, 30

52 Tote durch terroristische Anschläge, 97 Verkehrstote, 41 Tote durch Kriminalität, 63 Tote durch Kriege oder kriegsähnliche Handlungen, weltweit.* Die Bilanz eines einzigen Tages dieser Vorweihnachtszeit. Opfer menschlichen Wahnsinns.

Inmitten einer anthropogenen Umweltzerstörung gigantischen Ausmaßes, inmitten einer menschverursachten globalen Klimaveränderung, die bereits heute vielen Menschen und Tieren ihren Lebensraum nimmt, inmitten einer unvorstellbar großen Zahl hungernder und durstender Menschen weltweit, inmitten eines noch immer riesigen Arsenals an Atomwaffen und gefährlicher Konflikte in dieser Welt, inmitten von immer größeren „Tierfabriken“, in denen Leben nichts gilt außer Profit, inmitten von gesellschaftsfähig gewordenem Egoismus, von Hass, Gier und zunehmender Korruption,

inmitten all dieses Irrsinns haben wir heutzutage wohl ganz anderes zu fürchten als den Engel Gottes.

Doch es gibt sie, diese Menschen, die wie verlorene Lämmer zwischen hungrigen Wölfen sind, oder, um den Wölfen nicht unrecht zu tun: die wie Engel unter Menschen sind. Denn Menschen sind so, und sie waren es schon immer. Die Menschen sind nicht schlechter geworden, nur die Mittel anders, und die Folgen entsprechend schlimmer.

Ja, es gibt sie, diese Menschen, die etwas anders machen, weil sie um ihr Tun wissen und ihr Herz weiten. Menschen, die helfen, Menschen, die verzichten, Menschen, die Pazifisten sind, Menschen, die der geschundenen Kreatur beiseite stehen, Menschen, die weinen über all das Leid in der Welt. Es sind wenige, aber es gab sie schon immer, es gibt sie, und es wird sie weiterhin geben. Sie mögen zwar Fehler machen wie alle anderen auch, aber sie werden nicht kalt in der Eiseskälte der Kriegswelten, nicht hart in der Härte der Finanzmärkte, nicht gleichgültig in der zynischen Gültigkeit der Verachtung der Mitgeschöpflichkeit. Sie bleiben barmherzig in der Unbarmherzigkeit, liebevoll in der Lieblosigkeit und aufrichtig bei aller Verlogenheit in der Welt.

Furchtlos sind sie sicherlich nicht immer. Und oft haben sie auch allen Grund zur Furcht. Doch beginnt ihre Furcht zu schwinden, wenn sie erst wissen, dass sie Gnade gefunden haben bei Gott. Kraft des Glaubens.

Über solche Menschen sprach der Nazarener in seiner unvergleichlichen Bergpredigt. Und er war selbst so ein Mensch; er war ein furchtloser Mensch, der sich seiner Gotteskindschaft bewusst blieb bis in den Tod. Sein Geburtstag wird demnächst von einigen Menschen in der ganzen Welt gefeiert.

Angekündigt wurde die Geburt dieses Menschen jedoch nicht der ganzen Welt, sondern nur einer unscheinbaren, einfachen, jungen Frau, die kaum jemand kannte: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.

Vielleicht tragen wir wirklich manchmal die Furcht in uns, vor dem, was Gott uns als Botschaft schickt. Und das ist nicht das, was da draußen in dem Wahnsinn der Welt vor sich geht. Sondern das, was diesem Wahnsinn entgegensteht, worin wir unscheinbar und einfach, jungfräulich sind. Die Gotteskindschaft soll in uns geboren werden und leben in der Welt, gegen alle Widerstände des alltäglichen Irrsinns.

Da ist es nur gut, wenn uns ein Engel sagt: Fürchte dich nicht. Gleich, ob es ein wirklicher oder ein geglaubter Engel ist, ein Zeichen oder ein lebendiges Symbol, ein vorübergehender oder ein ständiger Engel, ein Engel unter Menschen oder ein engelsgleicher Moment eines Menschen ist: Wichtig ist, was er uns sagt, und wie er uns beim Namen nennt. So, dass wir uns darauf einlassen können, auf die Gnade der Geburt Gottes in uns.

*fiktive, aber nicht unrealistische Zahlen

Advertisements